Sezession
1. Juni 2014

Positionen und Begriffe im Ukraine-Konflikt

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 60 / Juni 2014

von Michael Paulwitz

Ein Gespenst geht um in den liberalen Redaktionsstuben: Die »Rückkehr der Geopolitik«. Und mit ihr sei die »Angst« zurück, kommentierte jüngst die Süddeutsche. Die Welt könnte doch so schön sein, wenn Institutionen, Verträge und Werte, der Umgang mit Globalisierung und Digitalisierung mehr zählte im Umgang zwischen Staaten als Geographie.

Der Irrtum ist gleich ein mehrfacher. Die Geopolitik ist nicht zurückgekehrt, sie war nie weg. Auch »der Westen« hat sie in all den Jahren seit dem Ende des Kalten Krieges betrieben. »Institutionen, Verträge und Werte« sind Mittel zum Zweck der Staatenpolitik, nicht Selbstzweck.

Mag sein, daß der ein oder andere Vasall das noch nicht gemerkt hat: die transatlantische Vormacht hatte und hat bei der Verfolgung ihrer geostrategischen Interessen die Geographie immer fest im Blick. Schließlich – dies der dritte Irrtum der wackeren liberalen Kommentatoren – geht es in der Geopolitik nicht primär um Landgewinne und Grenzverschiebungen, sondern um Sicherheit, Vormacht und die Ordnung und Beherrschung von Räumen.

Was die Ukraine betrifft, hat Zbigniew Brzezinski in seinem 1997 erschienen Buch The Grand Chessboard. American Primacy and Its Geostratetic Imperatives die geostrategischen Prämissen der US-Politik festgehalten: »Die Ukraine, ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett, ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre bloße Existenz als unabhängiger Staat zur Umwandlung Rußlands beiträgt. Ohne die Ukraine ist Rußland kein eurasisches Reich mehr.«

Amerika müsse den »geopolitischen Pluralismus im postsowjetischen Raum stärken« und damit die Umwandlung Rußlands in ein locker konföderiertes, »dezentralisiertes politisches System auf marktwirtschaftlicher Basis« befördern, in dem »das kreative Potential des russischen Volkes wie der riesigen Bodenschätze des Landes besser zur Entfaltung« käme und das »weniger anfällig für imperialistische Propaganda« wäre. Ein Rußland kurzum, das sich reibungslos in ein US-dominiertes, auf Handel und ökonomische Durchdringung gegründetes Weltsystem einfügen würde.

Auch das ist Imperialismus, ein moderner, weil ökonomischer, wie Carl Schmitt schon 1932 festgehalten hat. Die Regierungs- und Richtungswechsel der Ukraine in den vergangenen zehn Jahren sind Teil dieses größeren geopolitischen Schachspiels. Der 2004 mit US-Hilfe über die »Orangene Revolution« als Präsident installierte Viktor Juschtschenko war ausersehen, die Ukraine in die NATO zu führen. Das scheiterte am törichten Vorpreschen seines grusinischen Pendants Michail Saakaschwili, der, durch eine vergleichbare inszenierte »Rosen-Revolution« ins Amt gebracht, ausersehen war, Gleiches für die Kaukasusrepublik Georgien zu leisten.

Durch die entgegen früheren Zusagen seit Ende der Neunziger betriebene Ostausdehnung der Nato auf die einstigen osteuropäischen Vasallenstaaten der Sowjetunion und die drei baltischen Republiken grenzt der amerikanische Einflußbereich direkt an Weißrußland, die Ukraine und den Kaukasus. Der Beitritt dieser Staaten zur EU 2004 und 2007 verfestigte diesen Einfluß. Wenige Wochen vor der – damit obsolet gewordenen – Entscheidung der NATO-Minister über eine Aufnahme der Ukraine und Georgiens brach Saakaschwili im Vertrauen auf amerikanische Rückendeckung einen Krieg um die separatistischen Regionen Südossetien und Abchasien vom Zaun brach, in dem Rußland mit einem schnellen und massiven Militärschlag seine Einflußsphäre verteidigte.

Der Georgien-Krieg war ein entscheidender Wendepunkt im geopolitischen Spiel auf dem »Großen Schachbrett«. Rußland hatte sich mit dem Anspruch zurückgemeldet, seine politische Existenz als »Reich« fortzusetzen, das einen bestimmten Großraum mit seiner politischen Idee durchdringt und Interventionen raumfremder Mächte grundsätzlich ausschließt und – wenn erforderlich – abwehrt.

Carl Schmitt, der die Begriffe Reich, Großraum und Interventionsverbot vor einem Dreivierteljahrhundert ins Völkerrecht eingeführt wird, bezeichnet ihren Zusammenhang als grundlegend. Wenn US-Präsident Obama Rußland als »Regionalmacht« bezeichnet und ihm damit den Reichs-Charakter auf Augenhöhe mit den USA abspricht, ist das keine Ungeschicklichkeit, sondern eine existentielle Kampfansage.


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