Sezession
3. Juni 2014

Autorenporträt Max Weber

Erik Lehnert

PDF der Druckfassung aus Sezession 60 / Juni 2014

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Von Karl Jaspers stammt das Urteil, Max Weber sei der »größte Deutsche unseres Zeitalters« gewesen.  Mit Jacob Burckhardt kann man es dabei bewenden lassen, daß »Größe ist, was wir nicht sind«. Die Äußerung von Karl Jaspers ist aber insofern erstaunlich, als es sich bei Weber nicht um einen Politiker, Künstler oder Religionsstifter, sondern um einen Wissenschaftler handelt.

Über die Größe dieser Persönlichkeit müßte der Ertrag seiner Forschungen Auskunft geben. Nun besteht der Auftrag eines wissenschaftlichen Werks nicht darin, Verehrung hervorzurufen, sondern der fruchtbaren Aneignung zu dienen: Mindestens Erkenntnis, wenn möglich sogar Sinn soll es stiften, indem es die Wirklichkeit erschließt.

Auf Max Weber trifft diese Absicht in ganz besonderem Maße zu. Nicht ohne Grund betrauerten die deutschen Nationalökonomen seinen Tod als »den Heimgang eines ihrer Größten«. Weber gilt als Vater der modernen Soziologie, obwohl er von Hause aus Jurist war. Sein Werk ist so vielseitig und umfangreich, daß die Weber-Exegese seit je interdisziplinär stattfindet.

Der vor anderthalb Jahren verstorbene Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis hat jahrzehntelang die Suche nach Max Webers Fragestellung betrieben und dabei etwas zutage gefördert, das eigentlich eine gute Voraussetzung für das Verschwinden eines Wissenschaftlers aus dem Kanon seines Faches wäre: Webers Werk eigne sich nicht zur Schulbildung, weil er »weder eine Methode noch eine leicht zu reproduzierende Fragestellung« anzubieten habe. Und so seien die Anknüpfungen an Weber immer dadurch gekennzeichnet, daß ihm einfach ein Thema als Hauptthema unterstellt werde, an dem sich die rezipierende Wissenschaftlergeneration abarbeite. Ein Beispiel sei etwa das Thema der »gesellschaftlichen Schichtung«, das in den 60er Jahren in Mode kam.

Hennis urteilt zuletzt sogar noch schärfer: Unbildung und Spezialistentum machten es der gegenwärtigen Soziologie unmöglich, ihren Gründungsvater zu verstehen, zumal Weber wirklich ganz und gar in seiner Zeit lebte und in ihr agierte – Weber hatte stets deutlich gemacht, daß sein wissenschaftliches Programm von seinen politischen Vorstellungen nicht zu trennen sei.

Ihm war klar, daß aus dieser Verknüpfung der subjektive Anteil seiner (und ehrlicherweise jeder) Wissenschaftlichkeit rührte, und Hennis hat diese Einsicht in einem Zitat Max Webers gebündelt formuliert gefunden und seinem Buch zu Max Webers Fragestellung (1987) als Motto vorangestellt: »Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt«. Daß dies nicht subjektivistisch ausgelebt werden dürfe, hat Weber in großem Verantwortungsbewußtsein und mit illusionslosem Blick für die Gegebenheiten und Unausweichlichkeiten seiner Zeit vorgeführt.

Diese Herangehensweise Webers läßt sich an seiner Haltung zur »Demokratie« veranschaulichen – ein Thema, das laut Hennis für Weber »nicht zentral« war. Akut wurde es in der Endphase des Ersten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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