Sezession
10. Juni 2014

Demokratie in Deutschland – ein doppeltes Spiel

Gastbeitrag

PDF der Druckausgabe aus Sezession 60 / Juni 2014

von Stefan Scheil

Wenn in Deutschland von Demokratie die Rede ist, dann hat das oft einen Unterton, als würde von einem Importartikel gesprochen. Diesen Unterton artikuliert man in der Regel positiv, da Demokratie inzwischen mehrheitlich als Nebenprodukt einer 1945 stattgefundenen Befreiung gedeutet wird. In deutlich geringerer Zahl findet aber auch weiterhin die alte Deutung Resonanz, nach der die Demokratie in der gegenwärtigen Form eine aufgezwungene Sache und untrennbar mit den Niederlagen der Weltkriegsära verbunden sei.

Bei genauerem Hinsehen trifft beides nicht zu. Demokratische Strukturen hat es in Deutschland immer gegeben, und: Was in der Bundesrepublik heute als »Konsens der Demokratie« gilt, enthält seinerseits etliche absolut undemokratische Elemente. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es einen doppelten Demokratiebegriff.

Da sind zum einen die Formalien der Demokratie, Wahlen zum Beispiel oder die Gewaltenteilung. Erstere haben hierzulande eine lange Tradition. Wer sich an einer weiteren deutschen Nationalgeschichte versuchen sollte, der könnte sie sogar gut und gerne um das Thema Wahlen herum aufbauen: »Deutschland, das Land der Wahl«. Das wäre zwar ein ambitioniertes Projekt, aber so manches spräche dafür.

Nach guter alter Sitte wurde, wenn denn nötig, in Germanien dann und wann von der Allgemeinheit ein König per Akklamation auf den Schild gehoben. Adel und das Ansehen der Herkunft spielten bei der Auswahl der Person zwar eine wesentliche Rolle, aber ein unmittelbares Nachfolgerecht hat sich nie formal etablieren können. Seit Arminius' Zeiten wurde als Herrscher gewählt, wer geeignet war.

So wurde denn auch das Reich, das sich später zum »Reich Deutscher Nation« auswachsen sollte, vor mehr als tausend Jahren als Wahlkönigtum etabliert. Sicher, hier schrumpfte die Zahl der Wahlberechtigen mit dem Aufkommen von Feudalismus und römischem Recht bald auf das überschaubare Gremium der sieben Kurfürsten zusammen. Aber eine unmittelbare Erbfolge, wie im europäischen Ausland sonst meist die Regel, gab es auch hier nicht.

Wenn in Deutschland »der König ist tot« gerufen wurde, dann folgte nicht automatisch »es lebe der König«, sondern ein Interregnum, es sei denn, ein Jüngerer war zu Lebzeiten des Alten bereits gewählt worden.

Das hatte Folgen, über die schon ungezählte Historiker berichtet und spekuliert haben. Keine starke Zentralgewalt konnte sich entwickeln. Statt dessen gab es vor jeder Wahl immer wieder Geschenke des »Kandidaten« an das Wahlgremium, also eine Schwächung des Königstitels und damit einen Bedeutungsverlust des Gesamtstaats gegenüber den Teilstaaten.

Auf der anderen Seite erfreuten sich unter diesen Bedingungen die damals berühmten »Teutschen Freiheiten« ihrer Existenz, die in den anderen, zunehmend zentralisierten europäischen Monarchien undenkbar gewesen wären. Ein deutscher Monarch hatte zudem gute Aussichten, eines natürlichen Todes zu sterben, statt vergiftet oder in Palastrevolten samt seiner Verwandtschaft niedergemacht zu werden, wie es etwa bei der christlich-oströmischen Kaiserkonkurrenz beinah die Regel war.


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