Sezession
27. Juni 2014

Chinas Volksdemokratie

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 60 / Juni 2014

von Peter Kuntze

Der Technologie-Konzern Huawei, die Computer- und Handyfirma Lenovo, der Starpianist Lang Lang, seine Kollegin Yuja Wang, der Filmregisseur Zhang Yimou, die Tennisspielerin Li Na – die Liste der weltweit bekannten chinesischen Unternehmen und die der ebenso berühmten Persönlichkeiten aus Kultur und Sport wird von Jahr zu Jahr länger. Gleichzeitig wird in westlichen, vornehmlich deutschen Medien die sachliche Information über das Geschehen in der Volksrepublik immer dürftiger, die Polemik dafür um so heftiger. Mancher Korrespondent scheint durch besonders einseitige Berichterstattung gar die Ausweisung aus seinem Gastland provozieren zu wollen, um anschließend daheim als Märtyrer der Pressefreiheit posieren zu können.

Was ist der Grund für diesen Kampagnen- und Desinformationsjournalismus, der 2008 bei den Olympischen Sommerspielen in Peking einen ersten Tiefpunkt der Ignoranz und Infamie erreicht hatte?

Warum wird einer Handvoll westlich orientierter Dissidenten und Aktionskünstlern wie Ai Weiwei eine Publizität eingeräumt, als seien sie die authentischen Sprecher der Volksmehrheit, obwohl die meisten von ihnen in China weitgehend unbekannt sind? Warum wird ständig der bald zu erwartende Zusammenbruch der Wirtschaft und damit der KP-Herrschaft an die Wand gemalt, hingegen die seit dreieinhalb Jahrzehnten erfolgreiche Umsetzung des bisher umfangreichsten Reformprogramms der Geschichte kaum gewürdigt?

Dabei hat seit 1978 eine halbe Milliarde Menschen die Armut überwunden; das Durchschnittseinkommen der Chinesen, fast eines Fünftels der Weltbevölkerung, hat sich in jenem Zeitraum mehr als verzehnfacht. Warum wird die gewiß erschreckende Smog-Entwicklung in Städten wie Peking stets akribisch registriert, die viel häufigere und viel gefährlichere Luftverschmutzung in Delhi, der Hauptstadt der angeblich größten Demokratie, aber nur ab und an thematisiert?

Um den Grund dieses Kreuzzuges herauszufinden, bedarf es keiner Verschwörungstheorie: Angesichts des wirtschaftlichen und politischen Niedergangs des Westens und seiner Führungsmacht USA ist es die Angst vor dem asiatischen Konkurrenten, der seinen phänomenalen Aufstieg aus eigener Kraft und, horribile dictu, ohne Rückgriff auf die gepriesenen »westlichen Werte« geschafft hat, so daß Chinas System einer »Volksdemokratie« in einigen Teilen der Welt mittlerweile als nachahmenswert gilt.

Wahrscheinlich sind es die auch andernorts nur zu oft geplatzten Wunschträume, die einige westliche Vertreter unterdessen zu mehr Realismus mahnen lassen.

Zu ihnen gehört Frank-Walter Steinmeier. In einem Interview, das er anläßlich der Münchner Sicherheitskonferenz am 30. Januar 2014 der Süddeutschen Zeitung gab, resümierte der Außenminister:

Feinderklärungen wie die ›Achse des Bösen‹ haben uns dem Weltfrieden nicht nähergebracht. Ich befürchte, andere Vereinfachungen, die Geschichte, Tradition und Religion ausblenden, helfen auch nicht weiter. Wir können nicht ignorieren, daß es Regionen auf der Welt gibt, die sich an anderen Prinzipien orientieren als denen der westlichen Demokratie. ... In einer Welt, in der sich Kulturen wie China auf vieltausendjährige Traditionen berufen, sind unsere Vorstellungen eben nicht konkurrenzfrei.

Im Zuge der Globalisierung sei der Wettbewerb der Systeme wieder relevant geworden.


 Gastbeitrag

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