Chinas Volksdemokratie

PDF der Druckfassung aus Sezession 60 / Juni 2014

von Peter Kuntze

Der Technologie-Konzern Huawei, die Computer- und Handyfirma Lenovo, der Starpianist Lang Lang, seine Kollegin Yuja Wang, der Filmregisseur Zhang Yimou, die Tennisspielerin Li Na – die Liste der weltweit bekannten chinesischen Unternehmen und die der ebenso berühmten Persönlichkeiten aus Kultur und Sport wird von Jahr zu Jahr länger. Gleichzeitig wird in westlichen, vornehmlich deutschen Medien die sachliche Information über das Geschehen in der Volksrepublik immer dürftiger, die Polemik dafür um so heftiger. Mancher Korrespondent scheint durch besonders einseitige Berichterstattung gar die Ausweisung aus seinem Gastland provozieren zu wollen, um anschließend daheim als Märtyrer der Pressefreiheit posieren zu können.

 Gastbeitrag

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Was ist der Grund für die­sen Kam­pa­gnen- und Des­in­for­ma­ti­ons­jour­na­lis­mus, der 2008 bei den Olym­pi­schen Som­mer­spie­len in Peking einen ers­ten Tief­punkt der Igno­ranz und Infa­mie erreicht hatte?

War­um wird einer Hand­voll west­lich ori­en­tier­ter Dis­si­den­ten und Akti­ons­künst­lern wie Ai Wei­wei eine Publi­zi­tät ein­ge­räumt, als sei­en sie die authen­ti­schen Spre­cher der Volks­mehr­heit, obwohl die meis­ten von ihnen in Chi­na weit­ge­hend unbe­kannt sind? War­um wird stän­dig der bald zu erwar­ten­de Zusam­men­bruch der Wirt­schaft und damit der KP-Herr­schaft an die Wand gemalt, hin­ge­gen die seit drei­ein­halb Jahr­zehn­ten erfolg­rei­che Umset­zung des bis­her umfang­reichs­ten Reform­pro­gramms der Geschich­te kaum gewürdigt?

Dabei hat seit 1978 eine hal­be Mil­li­ar­de Men­schen die Armut über­wun­den; das Durch­schnitts­ein­kom­men der Chi­ne­sen, fast eines Fünf­tels der Welt­be­völ­ke­rung, hat sich in jenem Zeit­raum mehr als ver­zehn­facht. War­um wird die gewiß erschre­cken­de Smog-Ent­wick­lung in Städ­ten wie Peking stets akri­bisch regis­triert, die viel häu­fi­ge­re und viel gefähr­li­che­re Luft­ver­schmut­zung in Delhi, der Haupt­stadt der angeb­lich größ­ten Demo­kra­tie, aber nur ab und an thematisiert?

Um den Grund die­ses Kreuz­zu­ges her­aus­zu­fin­den, bedarf es kei­ner Ver­schwö­rungs­theo­rie: Ange­sichts des wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Nie­der­gangs des Wes­tens und sei­ner Füh­rungs­macht USA ist es die Angst vor dem asia­ti­schen Kon­kur­ren­ten, der sei­nen phä­no­me­na­len Auf­stieg aus eige­ner Kraft und, hor­ri­bi­le dic­tu, ohne Rück­griff auf die geprie­se­nen »west­li­chen Wer­te« geschafft hat, so daß Chi­nas Sys­tem einer »Volks­de­mo­kra­tie« in eini­gen Tei­len der Welt mitt­ler­wei­le als nach­ah­mens­wert gilt.

Wahr­schein­lich sind es die auch andern­orts nur zu oft geplatz­ten Wunsch­träu­me, die eini­ge west­li­che Ver­tre­ter unter­des­sen zu mehr Rea­lis­mus mah­nen lassen.

Zu ihnen gehört Frank-Wal­ter Stein­mei­er. In einem Inter­view, das er anläß­lich der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz am 30. Janu­ar 2014 der Süd­deut­schen Zei­tung gab, resü­mier­te der Außenminister:

Feinder­klä­run­gen wie die ›Ach­se des Bösen‹ haben uns dem Welt­frie­den nicht näher­ge­bracht. Ich befürch­te, ande­re Ver­ein­fa­chun­gen, die Geschich­te, Tra­di­ti­on und Reli­gi­on aus­blen­den, hel­fen auch nicht wei­ter. Wir kön­nen nicht igno­rie­ren, daß es Regio­nen auf der Welt gibt, die sich an ande­ren Prin­zi­pi­en ori­en­tie­ren als denen der west­li­chen Demo­kra­tie. … In einer Welt, in der sich Kul­tu­ren wie Chi­na auf viel­tau­send­jäh­ri­ge Tra­di­tio­nen beru­fen, sind unse­re Vor­stel­lun­gen eben nicht konkurrenzfrei.

Im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung sei der Wett­be­werb der Sys­te­me wie­der rele­vant geworden.

Im letz­ten Punkt irrt Stein­mei­er: Ein »Wett­kampf der Sys­te­me« wie zu Zei­ten des Kal­ten Krie­ges liegt der Volks­re­pu­blik fern. Staats- und Par­tei­chef Xi Jin­ping wird nicht müde, das Ziel der Pekin­ger Füh­rung zu pro­pa­gie­ren: Es ist der »Traum von der Wie­der­ge­burt der gro­ßen chi­ne­si­schen Nati­on«. Schließ­lich war das eins­ti­ge »Reich der Mit­te« über mehr als zwei Jahr­tau­sen­de hin­weg das kul­tu­rell und wirt­schaft­lich mäch­tigs­te Land der Welt.

Vor 150 Jah­ren jedoch begann der Nie­der­gang durch den Zusam­men­prall mit den euro­päi­schen Kolo­ni­al­mäch­ten, mit Japan und den USA; er ende­te erst mit dem Sieg der Bau­ern­ar­mee Mao Tse-tungs und der 1949 von ihm pro­kla­mier­ten Grün­dung der Volks­re­pu­blik. Mit Hil­fe eines sini­sier­ten Mar­xis­mus, der sich auf alt­chi­ne­si­sche Vor­stel­lun­gen von einer har­mo­ni­schen »Gro­ßen Gemein­schaft« (tat­ung) stüt­zen konn­te, ver­such­te Mao gegen inner­par­tei­li­chen Wider­stand das neue Chi­na als eine all­um­fas­sen­de Volks­kom­mu­ne aufzubauen.

Doch das Expe­ri­ment, das Mil­lio­nen Men­schen­le­ben for­der­te, schei­ter­te auf der gan­zen Linie, so daß Deng Xiao­ping nach Maos Tod (1976) das Steu­er her­um­riß und in der KP einen staats­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kurs durch­setz­te. Die­se revo­lu­tio­nä­re Kehrt­wen­de, die zehn Jah­re spä­ter auf­grund der öko­no­mi­schen Mise­re auch in sämt­li­chen Län­dern Ost­eu­ro­pas ein­setz­te, stellt die größ­te ideo­lo­gi­sche und poli­ti­sche Revi­si­on in der Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts dar.

Der 1978 von Deng ein­ge­lei­te­te Pro­zeß der Ent­kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft sowie der Rück­kehr zum Pri­vat­ei­gen­tum, zunächst im Dienst­leis­tungs­sek­tor, spä­ter auch in der Indus­trie, ist eben­falls ein welt­his­to­risch ein­ma­li­ger Vor­gang: Noch nie zuvor hat sich eine regie­ren­de kom­mu­nis­ti­sche Par­tei, mar­xis­tisch gespro­chen, zur Trä­ge­rin der »Kon­ter­re­vo­lu­ti­on« gemacht.

Indem sie eine »sozia­lis­ti­sche Markt­wirt­schaft« zur Grund­la­ge des »Sozia­lis­mus chi­ne­si­scher Prä­gung« pro­kla­mier­te, nahm Chi­nas KP Abschied von rigi­der Plan­wirt­schaft, vom Klas­sen­kampf und von der kom­mu­nis­ti­schen Uto­pie einer auf Gemein­ei­gen­tum basie­ren­den Gesell­schaft der Glei­chen und Frei­en, in der der genos­sen­schaft­li­che Reich­tum »jedem gemäß sei­nen Bedürf­nis­sen« zuteil wer­den soll.

Heu­te gibt es in der Volks­re­pu­blik rund drei Mil­lio­nen Dol­lar-Mil­lio­nä­re, von denen vie­le Mit­glie­der jener Par­tei sind, die ihres­glei­chen wegen des Pri­vat­ei­gen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln einst als »Klas­sen­fein­de« ver­folgt hat­te. Im Jahr 2002 öff­ne­te sich die KP erst­mals offi­zi­ell auch Pri­vat­un­ter­neh­mern; bereits zwei Jah­re spä­ter hiel­ten mehr als zwan­zig Pro­zent von ihnen das rote Mit­glieds­buch in Händen.

Da Chi­nas Kom­mu­nis­ten schon in der Ver­gan­gen­heit kei­ne beson­de­ren welt­re­vo­lu­tio­nä­ren Ambi­tio­nen heg­ten, son­dern die aus Euro­pa impor­tier­te Leh­re des Sozia­lis­mus gleich­sam als Instru­ment zur Wie­der­auf­rich­tung ihrer durch Feu­da­lis­mus und Impe­ria­lis­mus ins Elend gestürz­ten Nati­on betrach­te­ten, hat­te Sta­lin bereits in den 1920er Jah­ren gearg­wöhnt, die fern­öst­li­chen Genos­sen sei­en »wie Radies­chen: außen rot und innen weiß«. Die­se Ein­schät­zung hat sich bewahrheitet.

Die 1921 von Mao gegrün­de­te KP ver­folgt kein mar­xis­ti­sches Pro­jekt mehr, son­dern ein aus­schließ­lich natio­na­les. Durch die Wie­der­be­le­bung kon­fu­zia­ni­scher Wer­te und den Rück­griff auf tra­di­tio­nel­le Vor­stel­lun­gen einer auf Har­mo­nie und Aus­gleich bedach­ten Gesell­schaft ver­sucht sie, an die Glanz­zei­ten des eins­ti­gen »Reichs der Mit­te« anzu­knüp­fen. Pekings Poli­tik, so intel­li­gent und erfolg­reich sie nicht nur auf wirt­schaft­li­chem Gebiet ist, taugt daher nicht als Modell für ande­re Staaten.

Am bes­ten läßt sich das Gesche­hen in der Volks­re­pu­blik als »kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on« bezeich­nen, die ihre Dyna­mik, damit aber auch ihre Begrenzt­heit, durch das spe­zi­fisch Natio­na­le erfährt. Hier­bei han­delt es sich um Wer­te und Ver­hal­tens­mus­ter, die seit Jahr­hun­der­ten den gesam­ten ost­asia­ti­schen Raum prä­gen und zu einem ganz ande­ren Den­ken als im Wes­ten geführt haben.

Als ent­schei­den­de Wert­vor­stel­lun­gen nen­nen Sino­lo­gen wie der Deut­sche Tho­mas Hebe­rer: Kol­lek­tiv- statt Indi­vi­du­al­be­zo­gen­heit; Grup­pen- vor Eigen­in­ter­es­se; hoher Rang per­sön­li­cher Bezie­hun­gen; Har­mo­nie­be­dürf­nis und Kon­sens statt Kon­flikt und Wett­be­werb; poli­tisch hier­ar­chi­sche Struk­tu­ren mit ver­ti­ka­len Ent­schei­dungs­mus­tern; pater­na­lis­ti­sches, fami­li­en­ori­en­tier­tes Ver­hal­ten; Erzie­hung vor Bestra­fung; Vor­rang von Ethik und Moral vor dem Recht; spe­zi­fi­sche Wer­te der Wirt­schafts­ge­sin­nung wie Fleiß, har­te Arbeit, Spar­sam­keit, Selbst­dis­zi­plin, Gehor­sam und Ausdauer.

Das im Ver­gleich zum Wes­ten ande­re Ver­ständ­nis vom Wech­sel­ver­hält­nis zwi­schen Regie­rung und Volk sowie von der Rol­le des Staa­tes hat zu gra­vie­ren­den Unter­schie­den in der poli­ti­schen Kul­tur geführt, denn die ost­asia­ti­schen Vor­stel­lun­gen von Ord­nung, Macht, Auto­ri­tät und Hier­ar­chie begüns­ti­gen eher auto­ri­tä­re als west­lich-demo­kra­ti­sche Strukturen.

Daß es ange­sichts die­ser kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen auch hin­sicht­lich der Men­schen­rech­te stän­dig zu Kon­tro­ver­sen zwi­schen Chi­na und dem Wes­ten kommt, ist somit nicht ver­wun­der­lich. Die ursprüng­li­che Vor­stel­lung von Men­schen­rech­ten ent­stammt euro­päi­scher Denk­tra­di­ti­on und soll pri­mär das Indi­vi­du­um vor der Will­kür des Staa­tes schützen.

Die so ver­stan­de­nen Rech­te wur­den erst­mals 1948 durch die »All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te« von den Ver­ein­ten Natio­nen abge­si­chert. Damals jedoch exis­tier­ten weder die Volks­re­pu­blik Chi­na noch die meis­ten Staa­ten der Drit­ten Welt, die erst viel spä­ter die Unab­hän­gig­keit und damit die Vor­aus­set­zung für die Rea­li­sie­rung der viel­be­schwo­re­nen Rech­te von ihren west­li­chen Kolo­ni­al­her­ren erlangten.

1966 einig­te sich die UNO auf zwei Ver­trags­tex­te, mit denen die Men­schen­rech­te ent­schei­dend erwei­tert, kodi­fi­ziert und ver­pflich­tend gere­gelt wer­den soll­ten. Sie tra­ten 1976 in Kraft und sind inzwi­schen von fast allen Mit­glieds­staa­ten, auch von Chi­na, rati­fi­ziert wor­den. Wäh­rend der ers­te Pakt die poli­ti­schen und bür­ger­li­chen Indi­vi­du­al­rech­te fest­legt, wer­den im zwei­ten Ver­trag Kol­lek­tiv­rech­te in den Berei­chen Wirt­schaft, Sozia­les und Kul­tur ver­an­kert – so das Recht auf Arbeit und sozia­le Sicher­heit, auf Gesund­heit, den Schutz der Fami­lie und auf Bildung.

Chi­nas Regie­rung kann daher für sich in Anspruch neh­men, für ein Volk, das 1949 noch zu acht­zig Pro­zent aus Analpha­be­ten bestand und Hun­ger litt, die ele­men­ta­ren Men­schen­rech­te erfüllt zu haben, ohne die ein Leben in Wür­de über­haupt nicht vor­stell­bar ist. Aus die­sen Leis­tun­gen bezieht die KP, die die Volks­re­pu­blik im Bür­ger­krieg gegen die Mili­tär­dik­ta­tur Tschiang Kai-sheks erkämpft, sie 1949 gegrün­det und bis heu­te zur zweit­stärks­ten Wirt­schafts­macht der Welt ent­wi­ckelt hat, ihre von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung bis­lang unbe­strit­te­ne Herrschaftslegitimation.

Seit Maos Tod und der Absa­ge an Klas­sen­kampf und ideo­lo­gi­sche Uto­pien bün­delt die KP als Volks­par­tei die viel­fäl­ti­gen Inter­es­sen und kon­zen­triert sich auf das von allen erstreb­te Ziel: die Wie­der­her­stel­lung der Macht des alten »Reichs der Mit­te« und sei­ner glo­ba­len Ausstrahlung.

Der staats­recht­li­che Auf­bau der Volks­re­pu­blik ähnelt jenem der eins­ti­gen Ost­block­län­der; auch das Voka­bu­lar hat sich kaum ver­än­dert, obwohl die Ziel­set­zung nichts mehr mit den welt­re­vo­lu­tio­nä­ren Ideen von Marx, Engels und Lenin zu tun hat. Gemäß der Ver­fas­sung ist Chi­na ein »sozia­lis­ti­scher Staat unter der demo­kra­ti­schen Dik­ta­tur des Vol­kes, der von der Arbei­ter­klas­se geführt wird und auf dem Bünd­nis der Arbei­ter und Bau­ern beruht«.

Ein­zi­ge Regie­rungs­par­tei ist die KP als »Füh­re­rin des chi­ne­si­schen Vol­kes«. Ihr höchs­tes Macht­gre­mi­um, der Stän­di­ge Aus­schuß des Polit­bü­ros, umfaßt zur Zeit sie­ben Mit­glie­der; an der Spit­ze ste­hen Staats- und Par­tei­chef Xi Jin­ping, der auch Ober­be­fehls­ha­ber der Armee ist, sowie Pre­mier­mi­nis­ter Li Keqiang. Ein­mal jähr­lich tritt das for­mal obers­te Organ der Staats­macht, der Natio­na­le Volks­kon­greß (Par­la­ment), zusam­men. Acht »demo­kra­ti­sche Par­tei­en« – dar­un­ter Ver­tre­ter der im Bür­ger­krieg besieg­ten Kuomintang – sind unter Füh­rung der KP in der Poli­ti­schen Kon­sul­ta­tiv­kon­fe­renz zusam­men­ge­schlos­sen und haben eine bera­ten­de Funktion.

Als Exe­ku­ti­ve fun­giert der Staats­rat (Regie­rung). Des­sen Mit­glie­der sind gleich­zei­tig füh­ren­de Par­tei­ka­der, denn alle rele­van­ten Ent­schei­dun­gen wer­den von der KP getrof­fen. Die Reform­pro­gram­me, mit deren Hil­fe Chi­nas Renais­sance erreicht wer­den soll, haben jedoch nicht eng­stir­ni­ge Ideo­lo­gen geschrie­ben, son­dern her­vor­ra­gen­de, teils im Wes­ten aus­ge­bil­de­te Exper­ten, die bes­tens mit den Stär­ken und Schwä­chen der Volks­re­pu­blik und des Aus­lands ver­traut sind.

Die­se Tech­no­kra­ten sit­zen an den Schalt­stel­len sowohl im Staats­rat als auch in den nach­ge­ord­ne­ten Behör­den. Einer ihrer typi­schen Ver­tre­ter ist der jetzt 50jährige Ma Jun; er pro­mo­vier­te an der George­town-Uni­ver­si­tät in Washing­ton, arbei­te­te sowohl beim Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) als auch bei der Welt­bank und war fünf­zehn Jah­re lang Chef­öko­nom der Deut­schen Bank in der Volks­re­pu­blik. 2014 wur­de er von Pre­mier­mi­nis­ter Li Keqiang auf den neu­ge­schaf­fe­nen Pos­ten eines Chef­öko­no­men der chi­ne­si­schen Zen­tral­bank berufen.

Pekings Vor­ge­hens­wei­se bei dem gewal­ti­gen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zeß hat der deutsch-ame­ri­ka­ni­sche Inves­tor Nico­las Berg­gru­en als vor­bild­haft gerühmt: »In den letz­ten Jahr­zehn­ten hat Chi­na gewal­ti­ge Erfol­ge erzielt. Der Grund dafür ist, daß es sich durch fort­ge­setz­te Refor­men jeder wech­seln­den Lage angepaßt hat«.

Das Geheim­nis besteht dar­in, bedeu­ten­de Vor­ha­ben nach der Metho­de Ver­such und Irr­tum erst im klei­nen Rah­men zu erpro­ben, ehe sie lan­des­weit umge­setzt wer­den. »Nach den Stei­nen tas­tend den Fluß über­que­ren« nann­te Deng Xiao­ping die­se Metho­de. So ließ er im Zuge sei­ner Reform- und Öff­nungs­po­li­tik in Süd­chi­na zunächst Son­der­wirt­schafts­zo­nen ein­rich­ten, in denen aus­län­di­sche Inves­to­ren unter Vor­zugs­be­din­gun­gen nach markt­wirt­schaft­li­chen Regeln mit chi­ne­si­schen Arbeits­kräf­ten pro­du­zie­ren durf­ten. Als sich das Expe­ri­ment als über­aus erfolg­reich erwies, wur­de es auf wei­te­re Lan­des­tei­le übertragen.

Auch Ma Jun wird sich bei sei­ner Arbeit in der Zen­tral­bank auf eine ähn­li­che Stra­te­gie stüt­zen kön­nen: Im Sep­tem­ber 2013 wur­de in Schang­hai eine Frei­han­dels­zo­ne ein­ge­rich­tet, um die Libe­ra­li­sie­rung der Finanz­märk­te zu erpro­ben. Die Lan­des­wäh­rung Ren­min­bi soll dort voll kon­ver­ti­bel sein, und aus­län­di­sche Fir­men, die in der Zone regis­triert sind, dür­fen Fir­men­an­tei­le in Form von Akti­en ver­kau­fen. Schließ­lich ist es Pekings lang­fris­ti­ges Ziel, den Ren­min­bi zu einer der wich­tigs­ten Welt­re­ser­ve­wäh­run­gen zu machen, um eines Tages den US-Dol­lar abzulösen.

Umwelt­ver­schmut­zung, Kor­rup­ti­on, auch in den eige­nen Rei­hen, man­geln­de Rechts­staat­lich­keit – die Pro­ble­me, vor denen Pekings Füh­rung steht, sind gewal­tig. Wie könn­te es auch anders sein in einem Land, das inner­halb von nur sechs Jahr­zehn­ten aus einem feu­da­lis­ti­schen Mit­tel­al­ter ins Inter­net-Zeit­al­ter kata­pul­tiert wor­den ist?

Noch vor drei Jahr­zehn­ten leb­ten acht­zig Pro­zent der Chi­ne­sen auf dem Land. Mitt­ler­wei­le hat eine rapi­de Urba­ni­sie­rung ein­ge­setzt. Gab es im Jahr 2000 in der Volks­re­pu­blik 3,7 Mil­lio­nen Dör­fer, so waren es zehn Jah­re spä­ter nur noch 2,6 Mil­lio­nen – ein Schwund von 300 Dör­fern pro Tag. Daß der­ar­ti­ge Pro­zes­se nicht ohne Ver­wer­fun­gen, mensch­li­che Tra­gö­di­en und viel­fäl­ti­ge Pro­tes­te abge­hen, ist bedau­erns­wert, aber unvermeidlich.

»Demo­kra­tie«, so mein­te US-Prä­si­dent Abra­ham Lin­coln ein­mal, »ist die Regie­rung des Vol­kes durch das Volk und für das Volk.« Die Para­do­xie, die in die­ser gern auch in Schul­bü­chern zitier­ten Sen­tenz steckt, hat Niklas Luh­mann ans Licht gebracht: »Demo­kra­tie heißt, daß das Volk sel­ber herrscht. Und über wen? Über das Volk natürlich.«

Daß die in Chi­na prak­ti­zier­te »Volks­de­mo­kra­tie« nicht west­li­chen Vor­stel­lun­gen ent­spricht, sagt daher nichts dar­über aus, ob sie den Inter­es­sen des chi­ne­si­schen Vol­kes gerecht wird – das aber und nur das kann der Maß­stab sein, an dem jene Herr­schafts­form gemes­sen wer­den sollte.

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