Die direkte Demokratie in der Schweiz

PDF der Druckfassung aus Sezession 60 / Juni 2014

von Volker Mohr

Oswald Spengler spricht davon, daß es eine große Lyrik nur am Anfang und am Ende einer Kultur gebe. Dabei spannt er den Bogen von der Karolingerzeit, in der sich die junge Seele des Abendlandes zu einem kühnen Flügelschlag ins Unendliche erhebe, bis zur Romantik, in der die gequälte, zerfahrene, künstliche Seele aus der Überhelle des selbstgewissen Geistes zurück in die Magie des unendlichen Raumes sinke, um in der Vergangenheit, im Mythos, ihre Erlösung zu suchen. Selbstredend trifft diese Feststellung nicht nur auf die Lyrik zu, sondern auf die Kultur schlechthin, die immer an den Mythos gebunden ist.

 Gastbeitrag

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Eine Welt ohne Mythos ist daher eine kul­tur­lo­se Welt; in ihr herr­schen die Tita­nen, ein mate­ria­lis­ti­sches Geschlecht, das das Wer­den und Wach­sen nicht kennt. Tita­nisch ist der Logos, das Rich­ti­ge, wäh­rend der Mythos das Wah­re ver­kör­pert. Und so ebnet die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, die als Wen­de­punkt ange­se­hen wer­den kann, dem Tita­ni­schen end­gül­tig den Weg.

Der aus dem Logos her­vor­ge­hen­de Intel­lekt bestimmt fort­an jeg­li­ches Gesche­hen, wäh­rend das Schöp­fe­ri­sche, das auf dem Mythos basiert, zu schwin­den beginnt. Exem­pla­risch wird die­se Ent­wick­lung in Adel­bert von Cha­mis­sos Erzäh­lung Peter Schle­mi­hls wun­der­sa­me Geschich­te dar­ge­legt. Der Held ver­kauft dar­in sei­nen Schat­ten und irrt letzt­lich, genau­so wie der moder­ne Mensch, rast­los auf der Erde umher.

Der kul­tu­rel­le Zer­fall, der nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on ein­setzt, öff­net der Tech­nik Tür und Tor, wäh­rend alles Gewach­se­ne und damit auch der Mensch sel­ber ihr Maß ver­lie­ren. In die­ser Zeit, in der die Din­ge allent­hal­ben auf den Kopf gestellt wer­den, beginnt sich eine poli­ti­sche Form zu eta­blie­ren, die letzt­lich zur hei­li­gen Kuh sti­li­siert wird: die Demokratie.

Die Schweiz, wie sie sich heu­te dar­stellt, geht auf das Jahr 1848 zurück. Aus einem locke­ren Staa­ten­bund wur­de damals ein Bun­des­staat. Die ent­spre­chen­de Ver­fas­sung war stark von jener der Ver­ei­nig­ten Staa­ten und vom Gedan­ken­gut der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on beeinflußt.

Die demo­kra­ti­sche Gesin­nung der Eid­ge­nos­sen reicht jedoch weit zurück; sie fin­det ihren über­lie­fer­ten Ursprung im spä­ten 13. Jahr­hun­dert in einem Bun­des­brief, in dem ein Ver­tei­di­gungs­ab­kom­men zwi­schen den drei Urkan­to­nen Uri, Schwyz und Unter­wal­den fest­ge­hal­ten ist. Wich­ti­ger jedoch als der Brief ist der Mythos, der sich um das doku­men­tier­te Unab­hän­gig­keits­stre­ben rankt.

Wil­helm Tell heißt der Held, der sich gegen die Obrig­keit auf­lehnt, jedoch nicht um eine Ideo­lo­gie durch­zu­set­zen, son­dern um sich von den aus­län­di­schen Vög­ten zu befrei­en. Bekannt gewor­den und ins Bewußt­sein der Bevöl­ke­rung getre­ten ist die Legen­de jedoch erst durch Fried­rich Schil­lers Dra­ma Wil­helm Tell aus dem Jahr 1804.

Und noch heu­te basiert das schwei­ze­ri­sche Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl zu einem guten Teil auf die­sem Mythos, an den jeweils am 1. August – dem Natio­nal­fei­er­tag der Schweiz – mit Höhen­feu­ern und Anspra­chen in den Gemein­den erin­nert wird.

Eng mit die­sem Mythos ver­bun­den sind auch die Struk­tu­rie­rung und die poli­ti­sche Kul­tur der Schweiz. Im West­fä­li­schen Frie­den von 1648 erlang­ten die Schwei­zer Kan­to­ne die völ­ker­recht­li­che Sou­ve­rä­ni­tät, und bereits nach der Nie­der­la­ge in der Schlacht von Mari­gna­no im Jahr 1515 beschloß die Eid­ge­nos­sen­schaft, sich künf­tig aus Kon­flik­ten her­aus­zu­hal­ten, und war somit de fac­to neutral.

Die Schweiz ist zwar ein Bun­des­staat, und sie wird von außen auch so wahr­ge­nom­men. Im Grun­de ist sie jedoch ein Staa­ten­bund geblie­ben, des­sen ver­bin­den­de Kräf­te einer gemein­sa­men Idee entspringen.

So gewährt der aus­ge­präg­te Föde­ra­lis­mus den Gemein­den und Kan­to­nen eine weit­rei­chen­de Auto­no­mie, die eine der Vor­aus­set­zun­gen für die direk­te Demo­kra­tie ist. Und auch der Umstand, daß Bern de fac­to, aber nicht de jure die Haupt­stadt der Schweiz ist, stellt einen Hin­weis auf deren kon­fö­de­ra­le Struk­tur dar.

Grund­pfei­ler der direk­ten Demo­kra­tie in der Schweiz sind die Volks­in­itia­ti­ve, das obli­ga­to­ri­sche und fakul­ta­ti­ve Refe­ren­dum sowie eine par­la­men­ta­ri­sche Struk­tur, die, etwa durch Lands­ge­mein­den oder Gemein­de­ver­samm­lun­gen, das Volk direkt an den poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen teil­ha­ben läßt.

Roger Köp­pel, Chef­re­dak­teur und Ver­le­ger des Wochen­ma­ga­zins Die Welt­wo­che, brach­te die­sen Umstand jüngst auf den Punkt, indem er sag­te: »Das Volk ist der Chef.« Auch wenn die­se Aus­sa­ge eher einem Schlag­wort gleich­kommt, muß doch fest­ge­hal­ten wer­den, daß durch die direk­te Demo­kra­tie das Volk zu diver­sen Sach­fra­gen Stel­lung neh­men kann, und gele­gent­lich ent­schei­det es dabei anders, als es Bun­des­rat und Par­la­ment emp­foh­len haben.

Der Schwei­zer gilt als höf­lich und zurück­hal­tend; er liebt die Unab­hän­gig­keit, er ist nicht obrig­keits­gläu­big, und er scheut die Arbeit nicht. Dies kam ins­be­son­de­re bei der Volks­ab­stim­mung im Jahr 1976 über die Ein­füh­rung der 40-Stun­den-Woche zum Aus­druck. Das Begeh­ren wur­de mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit abge­lehnt, und so arbei­ten die Schwei­zer noch heu­te im Durch­schnitt 42,5 Stun­den pro Woche oder mehr.

Auch die 1:12-Initiative, über die 2013 abge­stimmt wur­de – sie ver­lang­te, daß nie­mand in einem Jahr weni­ger ver­die­nen soll­te als der best­be­zahl­te Mana­ger im glei­chen Unter­neh­men in einem Monat – lehn­te man klar ab.

Zu den Volks­ab­stim­mun­gen, bei denen anders ent­schie­den wur­de, als es die Regie­rung emp­fahl, gehört jene aus dem Jahr 1992, bei der die Schweiz über den Bei­tritt zum EWR, also zum Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum, zu befin­den hatte.

Eine Annah­me hät­te der Schweiz die Türen zur Euro­päi­schen Uni­on geöff­net, ein damals logisch erschei­nen­der Schritt, hat­te doch der Bun­des­rat bereits Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der EU auf­ge­nom­men. Doch es kam – und dies zur Über­ra­schung und eben­so zum Ärger vie­ler – anders: Das Schwei­zer Volk lehn­te den Bei­tritt mit 50,3 Pro­zent Nein­stim­men ab.

Hohe Wogen warf auch die Mina­rett­ab­stim­mung im Jahr 2009. Die Initia­ti­ve ver­lang­te ein Ver­bot zur Errich­tung von Mina­ret­ten. Prak­tisch alle Par­tei­en, Ver­bän­de, Insti­tu­tio­nen, sämt­li­che poli­ti­schen Gre­mi­en mit Aus­nah­me der Schwei­ze­ri­schen Volks­par­tei und einer Split­ter­par­tei waren gegen das Volks­be­geh­ren, und noch am Abstim­mungs­sonn­tag sprach ein Mei­nungs­for­schungs­ex­per­te im Fern­se­hen von einer zu erwar­ten­den deut­li­chen Ablehnung.

Aber es kam anders: Eine Mehr­heit der Kan­to­ne und 57,5 Pro­zent der Stimm­be­rech­tig­ten stimm­ten der Initia­ti­ve zu, wodurch der Bau von Mina­ret­ten in der Schweiz nun ver­bo­ten ist.

Jüngs­tes Ver­dikt ist die Zustim­mung zu der von der Schwei­ze­ri­schen Volks­par­tei lan­cier­ten Zuwan­de­rungs­in­itia­ti­ve. Am 9. Febru­ar 2014 votier­te das Schwei­zer Stimm­volk, wie­der­um ent­ge­gen aller Pro­gno­sen, für eine Beschrän­kung der Zuwan­de­rung. Das von lin­ker Sei­te als »Abschot­tungs­in­itia­ti­ve« bezeich­ne­te Begeh­ren ver­lang­te eine Kon­tin­gen­tie­rung der Zuwan­de­rungs­be­wil­li­gun­gen ange­sichts eines maß­los gewor­de­nen Bevölkerungswachstums.

Befür­wor­ter der Initia­ti­ve wur­den vor und beson­ders nach der Abstim­mung oft übel beschimpft und als frem­den­feind­lich abge­stem­pelt. Die Fak­ten jedoch spra­chen für sich: Jähr­lich strö­men 100 000 Men­schen in die Schweiz (umge­rech­net auf Deutsch­land wären dies etwa eine Mil­li­on Zuwanderer).

Dazu kommt, daß es in der Schweiz räum­lich gese­hen eng ist. Das Mit­tel­land, in dem die meis­ten Men­schen ange­sie­delt sind, ist ein ein­zi­ges Agglo­me­ra­ti­ons­ge­biet. Jede Sekun­de wird ein Qua­drat­me­ter Land ver­baut, die Woh­nungs­mie­ten und Land­prei­se stei­gen, der Lohn­druck nimmt zu, gewis­se Stra­ßen sind per­ma­nent ver­stopft, die Züge voll. 24 Pro­zent Aus­län­der leben momen­tan in der Schweiz.

Und so spra­chen sich denn 50,3 Pro­zent der Stimm­be­rech­tig­ten für die Zuwan­de­rungs­be­schrän­kung aus.

Daß das Aus­land, das die direk­te Demo­kra­tie bes­ten­falls theo­re­tisch kennt, man­che Volks­ent­schei­dun­gen nicht nach­voll­zie­hen kann und bis­wei­len auch die Mei­nung ver­tritt, die Schwei­zer Regie­rung kön­ne und müs­se sich gege­be­nen­falls dar­über hin­weg­set­zen, ist bis zu einem gewis­sen Grad nachvollziehbar.

Zudem ist es für Außen­ste­hen­de oft schwie­rig, sich in die schwei­ze­ri­sche Befind­lich­keit ein­zu­füh­len. Und dann sind da Begrif­fe, die man ein­fach zuwe­nig kennt, wie etwa die Volks­mo­ti­on, die Peti­ti­on oder eben das fakul­ta­ti­ve oder das obli­ga­to­ri­sche Refe­ren­dum. Die Reak­tio­nen aus den umlie­gen­den EU-Staa­ten auf den Zuwan­de­rungs­ent­scheid des Schwei­zer Stimm­volks waren ent­spre­chend harsch und oft mit Dro­hun­gen verbunden.

Selbst der deut­sche Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck kri­ti­sier­te bei sei­nem kürz­lich der Schweiz abge­stat­te­ten Staats­be­such den Volks­ent­scheid. Die direk­te Demo­kra­tie ber­ge Gefah­ren, wenn über hoch­kom­ple­xe The­men abge­stimmt wer­de, mein­te er. Im Grun­de ist die­se Aus­sa­ge zwar rich­tig, sie aber gera­de dann zu äußern, wenn ein gefäll­ter Ent­scheid den eige­nen Vor­stel­lun­gen zuwi­der­läuft, ist nicht sehr staatsmännisch.

Neben den Gefah­ren hat das direkt­de­mo­kra­ti­sche Sys­tem aber einen ent­schei­den­den Vor­teil: Das Volk kann in anony­men Abstim­mun­gen eine Mei­nung kund­tun, die im All­tag oft gar nicht mehr aus­ge­spro­chen wer­den darf, und es kann dadurch die Poli­tik korrigieren.

Wer öffent­lich die Zuwan­de­rung begren­zen woll­te oder Mina­ret­te als nicht zur Schweiz gehö­rig bezeich­ne­te, galt bis­wei­len als Nest­be­schmut­zer oder als rechts­po­pu­lis­tisch. Nun weiß er die Mehr­heit hin­ter sich.

Eine wirk­li­che Gefahr für die Demo­kra­tie, ins­be­son­de­re für die direk­te Demo­kra­tie, wie sie in der Schweiz prak­ti­ziert wird, ist hin­ge­gen die Ver­mas­sung oder Ver­zif­fe­rung der Bevöl­ke­rung und damit ver­bun­den die Los­lö­sung von jenem Mythos, der den Wil­len zur Eigen­stän­dig­keit und zur Frei­heit symbolisiert.

Eine Demo­kra­tie steht und fällt mit der Iden­ti­tät, die das ent­spre­chen­de Volk besitzt. Iden­ti­tät wird zu einem guten Teil vom Mythos genährt. In einer ent­zau­ber­ten Welt hat der Mythos jedoch kei­nen Platz mehr. Was ihn ver­drän­gend ersetzt, ist die tech­nisch-natur­wis­sen­schaft­li­che Denk­hal­tung, die das Leben zwangs­läu­fig neutralisiert.

Davon betrof­fen ist im beson­de­ren der moder­ne Mensch. Die­ser Mensch, der in einem unvor­stell­ba­ren Maß gleich­ge­schal­tet und nivel­liert wird, hat bes­ten­falls noch eine Mei­nung, aber kaum mehr ein Urteils­ver­mö­gen. Genau das wäre aber not­wen­dig, um Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und eigen­stän­di­ge Wege zu fin­den und zu gehen.

Wie weit sich die Eid­ge­nos­sen­schaft von ihrem eige­nen Mythos bereits ent­fernt hat, läßt sich an den all­ge­mei­nen Auf­lö­sungs­ten­den­zen, von denen die Schweiz genau­so wie alle ande­ren euro­päi­schen Staa­ten betrof­fen ist, und eben­so in der schlei­chen­den Über­nah­me von EU-Recht ablesen.

Zwar geht es der Schweiz mate­ri­ell bes­ser als den meis­ten ande­ren Län­dern, aber die geis­ti­ge Lan­des­ver­tei­di­gung, die die Nati­on lan­ge vor Unge­mach bewahrt hat, brö­ckelt. Die Neue Welt­ord­nung, wie sie Man­fred Klei­ne-Hart­la­ge tref­fend beschrie­ben hat, und die als die end­gül­ti­ge Macht­er­grei­fung der Tita­nen gedeu­tet wer­den kann, macht auch vor der Schweiz nicht halt.

Gera­de die­se Neue Welt­ord­nung, die man viel­leicht auch als Drit­ten Welt­krieg bezeich­nen könn­te, braucht, um sich ver­wirk­li­chen zu kön­nen, den iden­ti­täts­lo­sen, ent­wur­zel­ten Men­schen. Und die­ser Mensch wird sein Unheil letzt­lich sel­ber wäh­len, einer­lei, ob er in einer reprä­sen­ta­tiv- oder direkt­de­mo­kra­ti­schen Gesell­schaft lebt.

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