Sezession
19. Juni 2014

Die direkte Demokratie in der Schweiz

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 60 / Juni 2014

von Volker Mohr

Oswald Spengler spricht davon, daß es eine große Lyrik nur am Anfang und am Ende einer Kultur gebe. Dabei spannt er den Bogen von der Karolingerzeit, in der sich die junge Seele des Abendlandes zu einem kühnen Flügelschlag ins Unendliche erhebe, bis zur Romantik, in der die gequälte, zerfahrene, künstliche Seele aus der Überhelle des selbstgewissen Geistes zurück in die Magie des unendlichen Raumes sinke, um in der Vergangenheit, im Mythos, ihre Erlösung zu suchen. Selbstredend trifft diese Feststellung nicht nur auf die Lyrik zu, sondern auf die Kultur schlechthin, die immer an den Mythos gebunden ist.

Eine Welt ohne Mythos ist daher eine kulturlose Welt; in ihr herrschen die Titanen, ein materialistisches Geschlecht, das das Werden und Wachsen nicht kennt. Titanisch ist der Logos, das Richtige, während der Mythos das Wahre verkörpert. Und so ebnet die Französische Revolution, die als Wendepunkt angesehen werden kann, dem Titanischen endgültig den Weg.

Der aus dem Logos hervorgehende Intellekt bestimmt fortan jegliches Geschehen, während das Schöpferische, das auf dem Mythos basiert, zu schwinden beginnt. Exemplarisch wird diese Entwicklung in Adelbert von Chamissos Erzählung Peter Schlemihls wundersame Geschichte dargelegt. Der Held verkauft darin seinen Schatten und irrt letztlich, genauso wie der moderne Mensch, rastlos auf der Erde umher.

Der kulturelle Zerfall, der nach der Französischen Revolution einsetzt, öffnet der Technik Tür und Tor, während alles Gewachsene und damit auch der Mensch selber ihr Maß verlieren. In dieser Zeit, in der die Dinge allenthalben auf den Kopf gestellt werden, beginnt sich eine politische Form zu etablieren, die letztlich zur heiligen Kuh stilisiert wird: die Demokratie.

Die Schweiz, wie sie sich heute darstellt, geht auf das Jahr 1848 zurück. Aus einem lockeren Staatenbund wurde damals ein Bundesstaat. Die entsprechende Verfassung war stark von jener der Vereinigten Staaten und vom Gedankengut der Französischen Revolution beeinflußt.

Die demokratische Gesinnung der Eidgenossen reicht jedoch weit zurück; sie findet ihren überlieferten Ursprung im späten 13. Jahrhundert in einem Bundesbrief, in dem ein Verteidigungsabkommen zwischen den drei Urkantonen Uri, Schwyz und Unterwalden festgehalten ist. Wichtiger jedoch als der Brief ist der Mythos, der sich um das dokumentierte Unabhängigkeitsstreben rankt.

Wilhelm Tell heißt der Held, der sich gegen die Obrigkeit auflehnt, jedoch nicht um eine Ideologie durchzusetzen, sondern um sich von den ausländischen Vögten zu befreien. Bekannt geworden und ins Bewußtsein der Bevölkerung getreten ist die Legende jedoch erst durch Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell aus dem Jahr 1804.

Und noch heute basiert das schweizerische Zusammengehörigkeitsgefühl zu einem guten Teil auf diesem Mythos, an den jeweils am 1. August – dem Nationalfeiertag der Schweiz – mit Höhenfeuern und Ansprachen in den Gemeinden erinnert wird.


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