Sezession
22. Juni 2014

Demokratische Architektur?

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 60 / Juni 2014

von Norbert Borrmann

Offenheit, Transparenz, das Nichthierarchische – mit diesen oder ähnlichen Schlagworten wird eine »demokratische Architektur« belegt, in der sich die Grundwerke einer demokratischen Zivilgesellschaft sichtbar widerspiegeln sollen. In der Praxis bedeutet das nicht zuletzt viel Glas; denn wo viel Glas ist, ist augenscheinlich auch viel Transparenz.

Steht der Bürger etwa vor einem »demokratischen« – also gläsernen – Parlamentsgebäude, so kann er anscheinend bereits von außen verfolgen, was die Parlamentarier im Inneren treiben. Es herrscht Transparenz. Außerdem hat ein »demokratisches Bauwerk« auf jegliche einschüchternde Symbolsprache zu verzichten. Status- und Machtzeichen, Hierarchie, ein klares Oben und Unten sind zu meiden.

Keiner darf sich ausgeschlossen fühlen. Alles soll für alle zugänglich sein, Offenheit ist ein Grundprinzip.

Werden diese Vorgaben umgesetzt, so ergibt sich für das »demokratische Bauen« beinahe zwangsläufig auch eine bestimmte Formensprache, nämlich die der Moderne. Doch ist eine moderne Formensprache tatsächlich eine notwendige Voraussetzung für das Bauen in einer Demokratie? Das kann allein deshalb nicht zutreffen, weil die Demokratie viel älter ist als die Moderne.

Im klassischen Griechenland baute man weder modern noch »demokratisch«, aber dafür entwickelte man sowohl die Grundlagen der Demokratie als auch die der abendländischen Baukunst. Es ist daher durchaus folgerichtig, daß man in den ersten neuzeitlichen Demokratien auf eine klassische Formensprache zurückgriff.

So ist das Kapitol in Washington nicht »transparent«, sondern klassizistisch. Selbstverständlich ist das Bauwerk symmetrisch ausgerichtet, und die Straßen der Planstadt Washington laufen axial auf das Kapitol zu – gleiches gilt für das Weiße Haus.

Es herrscht also eine klare »Hierarchie« in der Architektur und im Stadtgrundriß vor, was nicht zuletzt der Erkenntnis Ausdruck verleiht, daß sich so am einfachsten und überzeugendsten räumliche Wirkungen erzielen lassen.

Auch die französische Revolutionsarchitektur, die im Gefolge von 1789 auf dem Papier entstand, ist klassizistisch, hierarchisch und nicht zuletzt monumental. Aber die Demokratie kann sich genausogut für das »finstere« Mittelalter als architektonisches Vorbild entscheiden, wovon das neugotische House of Parliament in London zeugt.


 Gastbeitrag

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