Sezession
22. Juni 2014

Das Unwörterbuch (Buchstaben A und B)

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 60 / Juni 2014

von Manfred Kleine-Hartlage

Der Publizist und erfolgreiche Buchautor Manfred Kleine-Hartlage arbeitet seit einiger Zeit an einem Lexikon der Unwörter. Der Arbeitstitel könnte auch lauten: »Der Jargon der Demokratie von A bis Z« oder »Herrschaftsbegriffe für Demokraten«. Sezession druckt an dieser Stelle die um einige Begriffe gekürzten ersten beiden Buchstaben ab – bei deren Lektüre wuchs in der Redaktion der Hunger nach mehr. Kleine-Hartlages Projekt ist »alternativlos«, und weil wir die »Ängste der Menschen ernst nehmen«, basteln wir an einem »breiten Bündnis«, das die »Aufarbeitung« des Manuskripts vorantreiben und zu einer »Bereicherung« für alle »mündigen Bürger« machen wird. Nächstens mehr.

Ängste der Menschen ernst nehmen

Die Liste der mal mehr, mal weniger verrückten technokratischen Großprojekte, die von deutschen Politikern für ⇒alternativlos gehalten werden, ist lang und betrifft alle nur erdenklichen Bereiche: Sie reicht von Stuttgart 21 bis zum Euro, von der Datenschnüffelei bis zur Masseneinwanderung. Wann immer ein solches Projekt auf die öffentliche Kritik seitens derer stößt, die seine Folgen auszubaden haben, findet sich zuverlässig ein Politiker, der versichert, man müsse oder werde »die Ängste der Menschen ernst nehmen«.

Indem er von ihren »Ängsten« spricht, sagt er zugleich, daß er sich nicht mit ihren Warnungen, Interessen und Argumenten auseinanderzusetzen gedenke, deren Nichtexistenz oder Gegenstandslosigkeit er somit en passant als Selbstverständlichkeit unterstellt. Bevor noch irgendeine Debatte geführt werden kann, hat er bereits als deren Prämisse festgezurrt, daß er selbst recht hat und die Bürger nicht.

Da ist es folgerichtig, daß er diese Bürger nicht »Bürger« nennt, sondern »Menschen«, ihnen also keinen politischen, sondern bloß einen biologischen Status zuerkennt. Und folgerichtig ist auch, daß er ihnen nicht zugestehen kann, »Furcht« oder »Sorge« zu empfinden, weil Furcht und Sorge sich nach landläufigem Verständnis auf etwas Konkretes beziehen: Vor Schlangen hat man Furcht, vor Gespenstern Angst.

Nachdem unser Politiker in dieser Weise als Ursache der Mißstimmung die Gefühle »der Menschen« (und nicht etwa seine eigene Politik) dingfest gemacht hat, geht er – um auch wirklich jedes Mißverständnis auszuschließen – auf Nummer sicher und erklärt deren Furcht nicht nur zur »Angst«, sondern zu »Ängsten«, damit niemand über deren diffusen, irrationalen und therapiebedürftigen Charakter im unklaren gelassen wird.

Er erklärt also die Bürger zu Kindern, insofern sie wohl Menschen-, aber keine Bürgerrechte haben, sich vor Gespenstern ängstigen, deswegen der psychotherapeutischen Betreuung bedürfen, in jedem Falle aber zu einem begründeten politischen Urteil nicht in der Lage sind. So legt er in nur zwei Worten gegenüber seinen Mitbürgern und Wählern eine Verachtung an den Tag, die kaum anders erklärbar ist als dadurch, daß er selbst seinen eigenen Charakter am besten kennt und daher naturgemäß jeden verachten muß, der ihn trotzdem wählt. Und so ist es wiederum folgerichtig, nicht etwa die verachteten Bürger »ernst zu nehmen«, sondern lediglich deren »Ängste« – und auch die nur in dem Sinne, in dem man auch eine faulende Bananenschale »ernst nimmt«, auf der man nicht ausrutschen möchte.

Man könnte dies menschenverachtend nennen, wenn dieser Ausdruck nicht zu den bereits anderweitig besetzten Unwörtern gehörte.


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