Sezession
24. Juni 2014

Vor dem Bücherschrank (V): Pirinçci und Jünger, Céline und Pound

Martin Lichtmesz

PDF der Druckfassung aus Sezession 60 / Juni 2014

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

»Abwürgen! Abwürgen! Abwürgen!« schrie der »Mann im Ohr« der ZDF-Moderatorin zu. Es hatte keine fünf Minuten gedauert, bis die Regie des »Mittagsmagazins« angesichts Akif Pirinçcis Auftritt in Panik geriet und das Interview mit dem Autor des Bestsellers Deutschland von Sinnen vorzeitig abbrach. Aus der Netz-Mediathek war es anschließend zeitweise ganz verschwunden, bis es in einer gekürzten Fassung veröffentlicht wurde. Dies sei kein Akt der »Zensur«, beteuerte das ZDF gegenüber der Wochenzeitung Junge Freiheit.

Vielmehr seien rechtliche Bedenken ausschlaggebend gewesen, etwa angesichts von Aussagen wie »Die Kindersexpartei, die Grünen haben das Land kaputtgemacht«.

Kurz darauf strich das »Frühstücksfernsehen« von SAT1 ein bereits aufgezeichnetes Gespräch mit Pirinçci aus dem Programm. In der Folge zogen weitere Sender den Schwanz ein. Am 23. April berichtete Pirinçci auf seiner Facebook-Seite: »Nach sage und schreibe drei Vorgesprächen, die summa summarum zweieinhalb Stunden gedauert haben, hat mich heute die Redaktion des SWR-Talks ›Das Nachtcafé‹ wieder ausgeladen. So wie vorher ›Günther Jauch‹ und ›3nach9‹ in den letzten Wochen.«

An seinem Hang zur deftigen Sprache könne das wohl kaum gelegen haben, denn »bei Charlotte Roche hat man Schlimmeres über sich ergehen lassen«. Der Grund müsse woanders liegen: »Wenn der die Grünen als eine Kindersexpartei bezeichnet, dann meint der das auch so. Noch schlimmer, das kommt beim Zuschauer auch so an! Und überhaupt redet er haargenau so, wie er die Dinge in seinem Buch auch dargestellt hat, und nimmt überhaupt keine Rücksicht auf die Talk-Etikette.«

Das ängstliche Verhalten der Sender ist in der Tat aufschlußreich. Als Schmutzsprache gelten heute weniger ausgemachte Unflätigkeiten, sondern vielmehr alles, was Kritik am »Kult um Schwule, Einwanderer und Frauen« formuliert oder auch nur von Deutschland in einem emphatischen Tonfall spricht.

Will man heute wahrhaft schocken und den Bundeshühnerstall aufscheuchen, braucht man bloß unironisch »dirty words« wie diese zu schreiben: »Deutschland, o du goldenes Elysium! Du kraftvoller Stier! Du bist die Macht, die ganz Europa trägt! Du bist das schönste aller schönen Länder!«

Allein diese Overtüre zu der Punkrockoper Deutschland von Sinnen muß vielen der tonangebenden Meinungsmacher wie ein surrealer Witz erschienen sein. Bei Pirinçci haben sie es mit einem weitaus zäheren Brocken als mit Sarrazin zu tun. Er hatte bereits im Vorfeld signalisiert, daß es ihm völlig gleichgültig ist, ob er als »Nazi oder Klobürste« beschimpft werde.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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