Sezession
25. Juni 2014

Pirinçci? Wir tun, was wir für richtig halten!

Götz Kubitschek

PDF der Druckfassung aus Sezession 60 / Juni 2014

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

SEZESSION: Sind Sie überrascht vom Erfolg des Buchs Deutschland von Sinnen, das bei Manuscriptum erschienen ist, Herr Lombard? Welche Zutaten machten und machen diesen Pirinçci-Cocktail so süffig?

Lombard: Überrascht – ja und nein. Ein gewisser Erfolg war vorhersehbar, aber unsere realistische Erwartung wurde deutlich übertroffen. Als kurz nach dem Erscheinen jemand ein Selfie mit dem von der Post gelieferten Buch postete (»Ich hab das Ding!«), da wurde mir klar, wie scharf die Leute darauf sind. Und die Zutaten? Pirinçci hat ein simples Rezept benutzt, er hat Elemente der Popliteratur mit libertären, naturrechtlichen oder schlicht vernünftigen Positionen verbunden, vernünftig im Sinne des gesunden Menschenverstandes: Ein Mann ist ein Mann, eine Frau ist eine Frau, und jeder (oder die Familie) sorgt für sich selbst. Beim Schreiben ist das Einfache aber bekanntlich das Schwerste. Und diese Einfachheit hat natürlich auch ihren Preis, was die analytische Tiefenschärfe angeht. Dafür hat das Buch anarchische Züge, ironische Brechungen und schlagfertige Zwiegespräche, es gibt lustige, sentimentale, zornige und melancholische Passagen in lebhaftem Wechsel, ein richtiger Schmöker eben.

SEZESSION: Sie haben die fäkalen und die genitalen Passagen vergessen. Pirinçcis Buch bleibt nicht zuletzt wegen dieser Stellen in Erinnerung, und man lehnt Pirinçcis Deutschland instinktiv in Teilen ab: diese Mischung aus Aufstiegschance, neureicher Frechheit, libertärem Egoismus und Machotum, die recht wenig mit dem zu tun hat, was unsereins unter Deutschland versteht. Warum verlegt man derlei?

Lombard: Nichts gegen Aufstiegschancen! Ansonsten gibt es diese Spitzen, ja, aber sie ziehen sich keineswegs durch das ganze Buch. Generell kann man ein Manuskript nur ablehnen oder annehmen. Auch ein intensives Lektorat kann und soll den Stil des Autors nicht umkrempeln. Die erhoffte Wirkung ist eingetreten, und was mein Ton als Autor nicht wäre, gehört nun einmal zu Pirinçcis Temperament. Man muß diesen Ton nicht mögen, um zu sehen, daß er eine Art Stellvertreterfunktion erfüllt hat: Die Presse nahm die Gelegenheit dankbar wahr, den Inhalten auszuweichen und umso heftiger auf die Form draufzuhauen. Ohne diese Möglichkeit hätte sie vielleicht geschwiegen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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