Obamas Auschwitz

Ich kann Barack Obama nicht ausstehen. Ich finde ihn weder "gutaussehend", wie manche sagen, noch "sympathisch", noch glaubwürdig. Die pseudomessianische Verklärung, die er bisher zum Teil erfahren hat, ist abstoßend und dumm, ein Produkt aus kluger PR, Post-Bush-Traumata und wohl auch des in den USA weit verbreiteten und vom medialen Mainstream geschürten "White guilt"-Komplexes.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wenn schon ein Far­bi­ger, dann hät­te ich es lie­ber gese­hen, daß ein ech­ter Nach­fah­re afro­ame­ri­ka­ni­scher Skla­ven Prä­si­dent wird. Und wenn das nicht geht, dann wenigs­tens Har­ry Bela­fon­te, aber der ist lei­der zu alt.

Nun hat sich Oba­ma fast schon im Sti­le von Bush jr. bla­miert, als er in einer Rede erzähl­te, er hät­te einen Onkel gehabt, der bei der Befrei­ung von Ausch­witz dabei­ge­we­sen sei. Spie­gel online zitiert:

“Ich hat­te einen Onkel, der einer der­je­ni­gen (…) unter den ers­ten ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen war, die in Ausch­witz ein­dran­gen und die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger befreit haben, und die Geschich­te in unse­rer Fami­lie geht, dass er, als er heim­kehr­te, ein­fach nur auf den Spei­cher ging und das Haus für sechs Mona­te nicht ver­ließ”, sag­te Oba­ma, die lin­ke Hand läs­sig in der Hosentasche.

Nie­man­dem im Publi­kum fiel auf, daß die Sto­ry so nicht stim­men konnte.

Ers­tens wur­de Ausch­witz natür­lich nicht von den Ame­ri­ka­nern befreit, son­dern von der Roten Armee. Und zwei­tens war Oba­mas Mut­ter ein Ein­zel­kind, wäh­rend der Bru­der sei­nes Vaters lan­ge nach dem Krieg gebo­ren wur­de – in Kenia. Oder, wie die repu­bli­ka­ni­sche Par­tei­spit­ze genüss­lich resü­mier­te: “Oops.”

Der wah­re Kern der Geschich­te ist, daß ein Onkel von Oba­mas wei­ßer Mut­ter zu der Ein­heit gehör­te, die Ohr­d­ruff, ein Neben­la­ger von Buchen­wald, befrei­te. Mir scheint Oba­mas Faux­pas vor allem eine halb-bewuß­te, nim­bus-pushen­de Auf­schnei­de­rei zu sein, die letz­ten Endes auf dem Boden der ame­ri­ka­ni­schen “Holo­caust-Edu­ca­ti­on” gewach­sen ist, die die Iko­no­gra­phie des “Holo­caust” ver­wal­tet, edi­tiert, mon­tiert, pro­pa­giert und ihr einen spe­zi­fi­schen geschicht­li­chen Sinn gibt.

Der his­to­ri­sche Vor­gang führt dadurch längst ein Eigen­le­ben als “Dou­ble” (frei nach Clé­ment Ros­set) und als poli­tisch-kul­tu­rel­ler Mythos. Der “Holocaust”-Film etwa, der in den letz­ten Jah­ren wie­der boomt in Hol­ly­wood, hat sich, wie frü­her Wes­tern und Musi­cals, zu einem eige­nen Gen­re ent­wi­ckelt, in dem inzwi­schen nicht ein­mal mehr der Anspruch auf his­to­ri­sche Authen­ti­zi­tät erho­ben wird. Quen­tin Taran­ti­nos Ing­lou­rious Bas­ter­ds, der sogar den Aus­gang des 2. Welt­kriegs umschreibt, mag in die­ser Hin­sicht eine neue Dimen­si­on der Gen­re­fi­zie­rung ein­lei­ten. (Die­ses Phä­no­men der frei erfun­de­nen “Wahr­heit” – Bei­spie­le Bin­ja­min Wil­ko­mir­ski, Misha Defon­se­ca, Her­man Rosen­blat – wird übri­gens auch in der IfS-Stu­die Mei­ne Ehre heißt Reue thematisiert.)

Ein Bekann­ter aus den USA beschrieb mir die Lage neu­lich anläß­lich des Buches

“Human Smo­ke” (Men­schen­rauch) von Nichol­son Baker:

One thing that’s hard to get across to tho­se who live in other coun­tries is that most Ame­ri­cans are just ter­ri­b­ly incu­rious about Euro­pean histo­ry, so the bounds of dis­cour­se are easi­ly set by the agen­da-dri­ven few. And for tho­se few peop­le, the Holo­caust is cen­tral. To the extent that the­re is a taboo against ques­tio­ning Ger­man war guilt, it is sub­si­dia­ry to pre­ser­ving the Holo­caust nar­ra­ti­ve as recei­ved. To give you a sen­se of it, the­re are Holo­caust memo­ri­als in vir­tual­ly every major Ame­ri­can city and no one thinks this is in any way weird.

Die Sze­ne, die Oba­ma beschrie­ben hat, ist in die­sem Kon­text nichts ande­res als ein wei­te­res klas­si­sches Gen­re­ver­satz­stück, das man aus zahl­lo­sen Fil­men kennt. Wenn man sich den Onkel nun auch noch als Schwar­zen vor­stellt, wäre sie per­fekt. Ausch­witz wird dabei an die Stel­le von Buchen­wald gesetzt, denn “Ausch­witz” hat eine viel wei­ter rei­chen­de Kon­no­ta­ti­on, Reso­nanz und Symbolkraft.

Oba­ma insze­niert sich selbst, mal unter­schwel­lig, mal pene­trant, als Sym­bol­fi­gur von geschicht­li­chen Dimen­sio­nen, als wäre mit ihm (und das viel­leicht nicht ein­mal zu Unrecht) nicht nur ein “chan­ge”, son­dern gar ein New Age ange­bro­chen. Sei­ne Bezug­nah­me auf den Grün­dungs­my­thos der west­li­chen Welt­ord­nung nach 1945 hat einen Hauch von pro­to­lo­gi­scher Legi­ti­mi­sie­rung. Über­spitzt: die Evan­ge­lis­ten ver­such­ten Jesus von Naza­reths Stamm­baum von David abzu­lei­ten, Juli­us Cae­sar führ­te sei­ne Linie auf Aene­as und die Göt­tin Venus zurück.

Das Bild paßt zu einem der teleo­lo­gi­schen Sub­tex­te im Selbst­ver­ständ­nis des Wes­tens:  Seit der Dra­che der Into­le­ranz und des Ras­sen­has­ses glor­reich erschla­gen wur­de, steu­ert in die­ser “gro­ßen Erzäh­lung” die Welt auf eine immer grö­ße­re Libe­ra­li­sie­rung zu, schrei­tet vor­an ins Para­dies der Men­schen­rech­te, der Gleich­heit und der all­um­fas­sen­den Demo­kra­tie, und das Auf­tre­ten Oba­mas ist in den Augen sei­ner Anhän­ger ein Mei­len­stein die­ser Geschich­te. Fehlt nur noch, daß dem­nächst unge­wöhn­li­che astro­lo­gi­sche Kon­stel­la­tio­nen an sei­nem Geburts­tag ent­deckt werden.

Oba­mas Hei­li­gen­schein scheint mir indes­sen all­mäh­lich Ris­se zu bekom­men, was sich unter ande­rem dar­in zeigt, daß sich zuneh­mend auch pro­mi­nen­te lin­ke und libe­ra­le Car­too­nis­ten lus­tig über ihn machen.

Nach­trag: Ich wur­de eben auf ein Inter­view mit einem USA-Beauf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung, Kars­ten Voigt (SPD) hin­ge­wie­sen, das mei­ne Aus­füh­run­gen noch­mal aufs Schöns­te bestä­tigt. Anläß­lich Oba­mas geplan­tem Buchen­wald-Besuch äußert Voigt:

Indem er selbst an die­sen Ort reist, macht Oba­ma deut­lich, wie Ame­ri­ka und auch sei­ne eige­ne Fami­lie gegen das Böse und für die Frei­heit gekämpft haben.

Gegen “das Böse” und für “die Frei­heit”, spo­ken like a true Ame­ri­can! Bin mal gespannt, was Oba­ma in Dres­den zu sagen hat.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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