4. Juni 2009

Obamas Auschwitz

Martin Lichtmesz

obamaIch kann Barack Obama nicht ausstehen. Ich finde ihn weder "gutaussehend", wie manche sagen, noch "sympathisch", noch glaubwürdig. Die pseudomessianische Verklärung, die er bisher zum Teil erfahren hat, ist abstoßend und dumm, ein Produkt aus kluger PR, Post-Bush-Traumata und wohl auch des in den USA weit verbreiteten und vom medialen Mainstream geschürten "White guilt"-Komplexes.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wenn schon ein Farbiger, dann hätte ich es lieber gesehen, daß ein echter Nachfahre afroamerikanischer Sklaven Präsident wird. Und wenn das nicht geht, dann wenigstens Harry Belafonte, aber der ist leider zu alt.

Nun hat sich Obama fast schon im Stile von Bush jr. blamiert, als er in einer Rede erzählte, er hätte einen Onkel gehabt, der bei der Befreiung von Auschwitz dabeigewesen sei. Spiegel online zitiert:

"Ich hatte einen Onkel, der einer derjenigen (…) unter den ersten amerikanischen Truppen war, die in Auschwitz eindrangen und die Konzentrationslager befreit haben, und die Geschichte in unserer Familie geht, dass er, als er heimkehrte, einfach nur auf den Speicher ging und das Haus für sechs Monate nicht verließ", sagte Obama, die linke Hand lässig in der Hosentasche.

Niemandem im Publikum fiel auf, daß die Story so nicht stimmen konnte.

Erstens wurde Auschwitz natürlich nicht von den Amerikanern befreit, sondern von der Roten Armee. Und zweitens war Obamas Mutter ein Einzelkind, während der Bruder seines Vaters lange nach dem Krieg geboren wurde - in Kenia. Oder, wie die republikanische Parteispitze genüsslich resümierte: "Oops."

Der wahre Kern der Geschichte ist, daß ein Onkel von Obamas weißer Mutter zu der Einheit gehörte, die Ohrdruff, ein Nebenlager von Buchenwald, befreite. Mir scheint Obamas Fauxpas vor allem eine halb-bewußte, nimbus-pushende Aufschneiderei zu sein, die letzten Endes auf dem Boden der amerikanischen "Holocaust-Education" gewachsen ist, die die Ikonographie des "Holocaust" verwaltet, editiert, montiert, propagiert und ihr einen spezifischen geschichtlichen Sinn gibt.

Der historische Vorgang führt dadurch längst ein Eigenleben als "Double" (frei nach Clément Rosset) und als politisch-kultureller Mythos. Der "Holocaust"-Film etwa, der in den letzten Jahren wieder boomt in Hollywood, hat sich, wie früher Western und Musicals, zu einem eigenen Genre entwickelt, in dem inzwischen nicht einmal mehr der Anspruch auf historische Authentizität erhoben wird. Quentin Tarantinos Inglourious Basterds, der sogar den Ausgang des 2. Weltkriegs umschreibt, mag in dieser Hinsicht eine neue Dimension der Genrefizierung einleiten. (Dieses Phänomen der frei erfundenen "Wahrheit" - Beispiele Binjamin Wilkomirski, Misha Defonseca, Herman Rosenblat - wird übrigens auch in der IfS-Studie Meine Ehre heißt Reue thematisiert.)

Ein Bekannter aus den USA beschrieb mir die Lage neulich anläßlich des Buches

"Human Smoke" (Menschenrauch) von Nicholson Baker:

One thing that's hard to get across to those who live in other countries is that most Americans are just terribly incurious about European history, so the bounds of discourse are easily set by the agenda-driven few. And for those few people, the Holocaust is central. To the extent that there is a taboo against questioning German war guilt, it is subsidiary to preserving the Holocaust narrative as received. To give you a sense of it, there are Holocaust memorials in virtually every major American city and no one thinks this is in any way weird.

Die Szene, die Obama beschrieben hat, ist in diesem Kontext nichts anderes als ein weiteres klassisches Genreversatzstück, das man aus zahllosen Filmen kennt. Wenn man sich den Onkel nun auch noch als Schwarzen vorstellt, wäre sie perfekt. Auschwitz wird dabei an die Stelle von Buchenwald gesetzt, denn "Auschwitz" hat eine viel weiter reichende Konnotation, Resonanz und Symbolkraft.

Obama inszeniert sich selbst, mal unterschwellig, mal penetrant, als Symbolfigur von geschichtlichen Dimensionen, als wäre mit ihm (und das vielleicht nicht einmal zu Unrecht) nicht nur ein "change", sondern gar ein New Age angebrochen. Seine Bezugnahme auf den Gründungsmythos der westlichen Weltordnung nach 1945 hat einen Hauch von protologischer Legitimisierung. Überspitzt: die Evangelisten versuchten Jesus von Nazareths Stammbaum von David abzuleiten, Julius Caesar führte seine Linie auf Aeneas und die Göttin Venus zurück.

Das Bild paßt zu einem der teleologischen Subtexte im Selbstverständnis des Westens:  Seit der Drache der Intoleranz und des Rassenhasses glorreich erschlagen wurde, steuert in dieser "großen Erzählung" die Welt auf eine immer größere Liberalisierung zu, schreitet voran ins Paradies der Menschenrechte, der Gleichheit und der allumfassenden Demokratie, und das Auftreten Obamas ist in den Augen seiner Anhänger ein Meilenstein dieser Geschichte. Fehlt nur noch, daß demnächst ungewöhnliche astrologische Konstellationen an seinem Geburtstag entdeckt werden.

Obamas Heiligenschein scheint mir indessen allmählich Risse zu bekommen, was sich unter anderem darin zeigt, daß sich zunehmend auch prominente linke und liberale Cartoonisten lustig über ihn machen.

Nachtrag: Ich wurde eben auf ein Interview mit einem USA-Beauftragten der Bundesregierung, Karsten Voigt (SPD) hingewiesen, das meine Ausführungen nochmal aufs Schönste bestätigt. Anläßlich Obamas geplantem Buchenwald-Besuch äußert Voigt:

Indem er selbst an diesen Ort reist, macht Obama deutlich, wie Amerika und auch seine eigene Familie gegen das Böse und für die Freiheit gekämpft haben.

Gegen "das Böse" und für "die Freiheit", spoken like a true American! Bin mal gespannt, was Obama in Dresden zu sagen hat.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.