Prof. Günter Scholdt: »Die hundertjährige Vergangenheitsbewältigung«

Rund 50 Zuhörer kamen am vergangenen Mittwoch zum 13. Staatspolitischen Salon des IfS in Berlin zusammen, auf dem Prof. Dr. Günter Scholdt seinen Beitrag zur Reihe "Berliner Schriften zur Ideologienkunde" vorstellte. Sein Werk Die große Autorenschlacht. Weimars Literaten streiten über den Ersten Weltkrieg ist dabei historische Studie und zugleich eine zur Literatur der Zwischenkriegszeit.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Nach einer kur­zen Ein­füh­rung durch Insti­tuts­lei­ter Dr. Erik Leh­nert begann Scholdt sei­nen Vor­trag, der jedoch weni­ger eine blo­ße Zusam­men­fas­sung des Buch­in­halts als viel­mehr eine Art “Lek­tü­re­an­lei­tung” darstellte.

Denn die Aus­ein­an­der­set­zung unter den deut­schen Zwi­schen­kriegs­in­tel­lek­tu­el­len um die Bewer­tung des Ers­ten Welt­kriegs, geführt in Roma­nen, Gedich­ten, auf Vor­trags­ver­an­stal­tun­gen und ins­be­son­de­re in Zei­tungs­ar­ti­keln, stell­te nicht weni­ger als eine Art »ers­ten His­to­ri­ker­streit« dar, von dem aus­ge­hend die »see­li­schen Ver­wer­fun­gen« der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung bereits seit einem Jahr­hun­dert über der Geschich­te lägen.

Schrift­stel­ler wirk­ten auf­grund ihrer Ver­brei­tungs­ka­nä­le stets im beson­de­ren Maße als “Volks­his­to­ri­ker”, die sich in der Wei­ma­rer Repu­blik mit auch und gera­de geschichts­po­li­tisch inten­dier­ten, also vor dem Hin­ter­grund der Ver­gan­gen­heit auf eine gegen­wär­ti­ge Wir­kung hin vor­ge­brach­ten, »teils dras­ti­schen Aus­sa­gen zur Zeit« hervortaten.

Anhand zahl­rei­cher schrift­li­cher Zeug­nis­se von Tuchol­sky, Käs­t­ner, Döblin, Jün­ger, Beu­mel­burg und diver­ser Manns beleg­te Scholdt nicht nur die jewei­li­gen poli­ti­schen Absich­ten der Lite­ra­ten, son­dern auch ihre viel­fach bewie­se­ne Fähig­keit zur Wen­de um min­des­tens 180 Grad:

Ins­be­son­de­re Kurt Tuchol­sky und Alfred Döblin taten sich hier­bei her­vor, hat­ten die­se bald laut­star­ken Pazi­fis­ten und Anti­mi­li­ta­ris­ten doch jeweils noch unmit­tel­bar vor Kriegs­en­de Hoff­nun­gen auf einen Sieg­frie­den bekun­det und unbe­ding­ten Kamp­fes­wil­len des deut­schen Hee­res eingefordert.

Gemäß Scholdts dezi­dier­ter Ansicht, daß es – wie in der lite­ra­ri­schen “Neu­en Sach­lich­keit” – »kei­ne Geschich­te, son­dern nur Geschich­ten« gebe, zie­hen in sei­ner Autoren­schlacht über 50 deut­sche Autoren vor­über, die einen umfas­sen­den Ein­blick in das geis­ti­ge Leben der Wei­ma­rer Repu­blik liefern.

Die­ser Über­blick geht, eben­so wie Scholdts Schluß­fol­ge­run­gen, damit weit über den im durch­schnitt­li­chen Schul­un­ter­richt ver­mit­tel­ten Bil­dungs­stand hin­aus, wonach es nur “gute” Pazi­fis­ten à la Remar­que und “böse” Bel­li­zis­ten und Natio­na­lis­ten vom Zuschnitt Ernst Jün­gers gege­ben hät­te. Allein schon, um die­sen ver­que­ren Ein­druck zu kor­ri­gie­ren, lohnt Gün­ter Scholdts Buch die Lektüre.

+ Gün­ter Scholdt: Die gro­ße Autoren­schlacht. Wei­mars Lite­ra­ten strei­ten über den Ers­ten Welt­krieg, Ber­li­ner Schrif­ten zur Ideo­lo­gien­kun­de, Bd. 5, Ber­lin 2015. 284 S., 15.00 € – hier bestel­len!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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