Pierre Drieu la Rochelle: Die Komödie von Charleroi – eine Rezension

Die Komoedie von Charleroi von Pierre Drieu la Rochelle

Rezension aus Sezession 72 / Juni 2016

Der französische Schriftsteller und 2012 in die renommierte Bibliothèque de la Pléiade aufgenommene Pierre Drieu la Rochelle (1893–1945) überfordert bis heute viele schablonenorientierte Kritiker. Bourgeois und Antibourgeois, Nationalist und Internationalist, Antiklerikaler und Katholik, schließlich: Faschist und kurz vor seinem Suizid Stalin-Apologet.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Dri­eu war der­weil kein Ver­wirr­ter, und auch die Sprung­haf­tig­keit, die Tho­mas Laux in sei­nem lei­der etwas all­zu zeit­geis­ti­gen Nach­wort zum vor­lie­gen­den Band von Welt­kriegs­er­zäh­lun­gen kon­sta­tiert, gilt nur auf den ers­ten Blick. Dri­eu ver­such­te, Gegen­sät­ze zu ver­ei­nen, welt­an­schau­li­che Wider­sprü­che dia­lek­tisch auf­zu­he­ben, poli­ti­sche Theo­rie fern der alten Pfa­de zu for­mu­lie­ren. In sei­ner poli­ti­schen Hoch­pha­se zwi­schen 1934 und 1945 gibt es jen­seits kri­sen­be­ding­ter Schwan­kun­gen Kon­ti­nui­täts­li­ni­en, die auch im besag­ten Nach­wort hät­ten extra­hiert wer­den kön­nen. Es ist die Tri­as aus Euro­pa, Sozia­lis­mus und Auto­ri­ta­ris­mus, die den roten Faden darstellt.

Euro­pa: als eine zu schaf­fen­de Eid­ge­nos­sen­schaft und als Gegen­bild zum chau­vi­nis­ti­schen Natio­na­lis­mus jener Tage; Sozia­lis­mus: als Syn­the­se aus einem nicht­im­pe­ria­lis­ti­schen Faschis­mus und einem nicht­mar­xis­ti­schen Sozia­lis­mus (»Socia­lisme fascis­te«); Auto­ri­ta­ris­mus: als die Bewun­de­rung für den star­ken Staat, kon­kret für Mus­so­li­ni, aber zumin­dest zeit­wei­lig auch für Hit­ler und Sta­lin. Grund­la­ge die­ser drei Pfei­ler des Dri­eu­schen Welt­bil­des war ein ganz und gar anti­bür­ger­li­cher Esprit, der die Feind­schaft zur Bour­geoi­sie als Aus­beu­ter- und Müßig­gän­ger-Klas­se (der er gewis­ser­ma­ßen selbst ange­hör­te) eben­so beinhal­te­te wie ein fei­nes Sen­so­ri­um für sozia­le Ant­ago­nis­men inner­halb der fran­zö­si­schen Nati­on als Gan­zem, aber auch inner­halb ein­zel­ner Milieus, etwa in den Schüt­zen­grä­ben des Ers­ten Welt­kriegs. Hier setzt die 1934 publi­zier­te Text­samm­lung Komö­die von Char­le­roi an, die nun erst­mals in deut­scher Spra­che vor­liegt und für­wahr exzel­lent von Andrea Sping­ler und Eva Mol­den­hau­er über­setzt wurde.

Die titel­ge­ben­de und an Umfang reichs­te Erzäh­lung ist eine Ver­ar­bei­tung des Front­er­leb­nis­ses eige­ner Art. Hier Kriegs­be­geis­te­rung und Front­ro­man­tik, wie etwa Mar­tin van Creveld mein­te, her­aus­le­sen zu kön­nen, fällt schwer. Auch eine Anti­kriegs­agi­ta­ti­on im Sti­le lin­ker Pazi­fis­ten ist Dri­eus Sache nicht. Mit der ihm eige­nen, durch­aus zyni­schen und non­cha­lan­ten Art zu schrei­ben nähert sich der Autor sei­nem Gegen­stand, dem Schlacht­feld von Char­le­roi. Dort, im wal­lo­ni­schen Teil Bel­gi­ens, hat­te sein Alter ego den Stel­lungs­krieg gegen die Deut­schen mit­ge­macht. Nun, Jah­re spä­ter, besucht er als Sekre­ta­ri­us einer groß­bür­ger­li­chen Pari­ser Dame die Front­ver­läu­fe und Sol­da­ten­grä­ber. Hier liegt der Sohn der Pari­se­rin begra­ben, der gemein­sam mit ihm an die­sem Front­ab­schnitt kämpf­te, und der in ihren Augen als Held für die Gran­de Nati­on gefal­len ist.

Dri­eu gelingt es nicht nur in die­ser Erzäh­lung, das Absur­de des Ers­ten Welt­kriegs und sei­ner Nach­ge­schich­te im Frank­reich der Zwi­schen­kriegs­zeit zu erfas­sen. Einer­seits, weil er in Rück­blen­den die ganz und gar unspek­ta­ku­lä­re Rea­li­tät des All­tags im indus­tri­el­len Krieg wie­der­gibt: objek­tiv sinn­lo­se Befeh­le, zahl­rei­che Tote und Ver­letz­te ohne Front­ver­schie­bung, Unklar­heit ob Kriegs­ziel und Kriegs­sinn, Auf­schnei­der und Ger­ne­gro­ße sowie schließ­lich: sozia­le Hier­ar­chien, die es Sol­da­ten aus gutem Hau­se erlau­ben, sich von der Front »frei­zu­kau­fen«, wäh­rend ein­fa­che Poi­lus von den Sal­ven der feind­li­chen MGs nie­der­ge­mäht werden.

Ande­rer­seits gibt Dri­eu Ein­bli­cke in die Nach­kriegs­epo­che. Er zeigt bei­spiels­wei­se, wie die Bür­ger von Char­le­roi ehr­furchts­voll vor der hoch­ge­mu­ten Pari­ser Aris­to­kra­tin, die ihren Sohn für die Ver­tei­di­gung Bel­gi­ens gab, in die Knie gehen; er prä­sen­tiert, wie ver­ständ­nis­los und töl­pisch sie sich vor den Toten bei­der Sei­ten ver­hält, weil ihr jedes Ein­füh­lungs­ver­mö­gen in die pro­sai­sche Wirk­lich­keit des Krie­ges als sol­chem abgeht. Die­sen mach­te Dri­eu im übri­gen selbst mit; er wur­de mehr­fach von den Kugeln deut­scher Sol­da­ten ver­wun­det, heg­te aber zu kei­nem Zeit­punkt Groll auf die Kriegsfeinde.

Im Gegen­teil: Schon sein dich­te­ri­sches Debüt Inter­ro­ga­ti­on (1917) wid­me­te er expli­zit den Kämp­fern auf der ande­ren Sei­te der Front, und auch die vor­lie­gen­de Samm­lung von Erzäh­lun­gen atmet kei­ner­lei natio­nal­chau­vi­nis­ti­schen Geist. Zu sehr war Dri­eu als idea­lis­ti­scher Euro­pä­er sei­ner Zeit vor­aus, und zu sehr stell­te er das Gemein­sa­me über das Tren­nen­de, als daß er in die Denk­bah­nen der Action Fran­çai­se, sei­ner tem­po­rä­ren geis­ti­gen Leh­rer Charles Mau­rras und Mau­rice Bar­rès oder ande­rer reak­tio­nä­rer Natio­na­lis­ten zurück­fal­len hät­te kön­nen. Als Autor, des­sen Begeh­ren es war, »lin­ke Poli­tik mit rech­ten Men­schen« zu gestal­ten, steht er indes auch in der bel­le­tris­ti­schen Ver­ar­bei­tung des Ers­ten Welt­kriegs zwi­schen den Stühlen.

Pierre Dri­eu la Rochel­le: Die Komö­die von Char­le­roi. Erzäh­lun­gen, Zürich: Manes­se 2016. 288 S., 24.95 € – hier bestel­len. (Zu einer Aus­wahl der in Sezes­si­on 72 bespro­che­nen Lite­ra­tur geht es hier ent­lang.)

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (3)

Harald de Azania

20. Juni 2016 10:21

Vivere militare est! (Seneca)

HdeA

So ein leicht spinnerter PDlR hat im kleinen finger der linken hand mehr Kultur und geist als die ganze BoBo-Klasse zusammengenommen.

BoBo's= Hippies mit Geld....

Solution

20. Juni 2016 20:10

Das mit dem "Stalin-Apologet"resultiert wohl eher aus dem Hass gegen die kurzsichtigen Westalliierten und die hinter ihnen stehenden Mächte angesichts des Unterganges des 3. Reiches.

Das Buch ist wirklich zu empfehlen. Gut, daß hier ein verfemter und vergessener Schriftsteller wieder zu Ehren kommt.

Winston Smith 78699

21. Juni 2016 23:10

Das ist bestimmt ein tolles Buch. Leider stellt die zur Debatte gestellte Rezension keine für mich erkennbare Frage. Geht es anderen auch so?

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