Sezession
19. Juni 2016

Pierre Drieu la Rochelle: Die Komödie von Charleroi – eine Rezension

Benedikt Kaiser / 3 Kommentare

Die Komoedie von Charleroi von Pierre Drieu la Rochelle

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Rezension aus Sezession 72 / Juni 2016

Der französische Schriftsteller und 2012 in die renommierte Bibliothèque de la Pléiade aufgenommene Pierre Drieu la Rochelle (1893–1945) überfordert bis heute viele schablonenorientierte Kritiker. Bourgeois und Antibourgeois, Nationalist und Internationalist, Antiklerikaler und Katholik, schließlich: Faschist und kurz vor seinem Suizid Stalin-Apologet.

Drieu war derweil kein Verwirrter, und auch die Sprunghaftigkeit, die Thomas Laux in seinem leider etwas allzu zeitgeistigen Nachwort zum vorliegenden Band von Weltkriegserzählungen konstatiert, gilt nur auf den ersten Blick. Drieu versuchte, Gegensätze zu vereinen, weltanschauliche Widersprüche dialektisch aufzuheben, politische Theorie fern der alten Pfade zu formulieren. In seiner politischen Hochphase zwischen 1934 und 1945 gibt es jenseits krisenbedingter Schwankungen Kontinuitätslinien, die auch im besagten Nachwort hätten extrahiert werden können. Es ist die Trias aus Europa, Sozialismus und Autoritarismus, die den roten Faden darstellt.

Europa: als eine zu schaffende Eidgenossenschaft und als Gegenbild zum chauvinistischen Nationalismus jener Tage; Sozialismus: als Synthese aus einem nichtimperialistischen Faschismus und einem nichtmarxistischen Sozialismus (»Socialisme fasciste«); Autoritarismus: als die Bewunderung für den starken Staat, konkret für Mussolini, aber zumindest zeitweilig auch für Hitler und Stalin. Grundlage dieser drei Pfeiler des Drieuschen Weltbildes war ein ganz und gar antibürgerlicher Esprit, der die Feindschaft zur Bourgeoisie als Ausbeuter- und Müßiggänger-Klasse (der er gewissermaßen selbst angehörte) ebenso beinhaltete wie ein feines Sensorium für soziale Antagonismen innerhalb der französischen Nation als Ganzem, aber auch innerhalb einzelner Milieus, etwa in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Hier setzt die 1934 publizierte Textsammlung Komödie von Charleroi an, die nun erstmals in deutscher Sprache vorliegt und fürwahr exzellent von Andrea Spingler und Eva Moldenhauer übersetzt wurde.

Die titelgebende und an Umfang reichste Erzählung ist eine Verarbeitung des Fronterlebnisses eigener Art. Hier Kriegsbegeisterung und Frontromantik, wie etwa Martin van Creveld meinte, herauslesen zu können, fällt schwer. Auch eine Antikriegsagitation im Stile linker Pazifisten ist Drieus Sache nicht. Mit der ihm eigenen, durchaus zynischen und nonchalanten Art zu schreiben nähert sich der Autor seinem Gegenstand, dem Schlachtfeld von Charleroi. Dort, im wallonischen Teil Belgiens, hatte sein Alter ego den Stellungskrieg gegen die Deutschen mitgemacht. Nun, Jahre später, besucht er als Sekretarius einer großbürgerlichen Pariser Dame die Frontverläufe und Soldatengräber. Hier liegt der Sohn der Pariserin begraben, der gemeinsam mit ihm an diesem Frontabschnitt kämpfte, und der in ihren Augen als Held für die Grande Nation gefallen ist.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (3)

Harald de Azania
20. Juni 2016 10:21

Vivere militare est! (Seneca)

HdeA

So ein leicht spinnerter PDlR hat im kleinen finger der linken hand mehr Kultur und geist als die ganze BoBo-Klasse zusammengenommen.

BoBo's= Hippies mit Geld....

Solution
20. Juni 2016 20:10

Das mit dem "Stalin-Apologet"resultiert wohl eher aus dem Hass gegen die kurzsichtigen Westalliierten und die hinter ihnen stehenden Mächte angesichts des Unterganges des 3. Reiches.

Das Buch ist wirklich zu empfehlen. Gut, daß hier ein verfemter und vergessener Schriftsteller wieder zu Ehren kommt.

Winston Smith 78699
21. Juni 2016 23:10

Das ist bestimmt ein tolles Buch. Leider stellt die zur Debatte gestellte Rezension keine für mich erkennbare Frage. Geht es anderen auch so?

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