Juli Zeh: Unterleuten. Roman – eine Rezension

Rezension aus Sezession 72 / Juni 2016

Ach ja, Juli Zeh. Die einundvierzigjährige Autorin gilt seit langem als »engagiert«, äußert sich gern politisch (im Grunde sozialdemokratisch, fallweise pro »Piraten«, zuletzt zugunsten der merkelschen Flüchtlingspolitik) und ist promovierte Juristin. Ein Portfolio, das nicht eben typisch ist für eine deutsche Erfolgsschriftstellerin.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Dies ist ein Pro­fil eli­tä­ren Mit­tel­ma­ßes, mit gerun­de­ten Kan­ten: gegen Aus­späh­pra­xis, für »huma­ne Wer­te«, so in etwa. Wie schlägt sich das lite­ra­risch nie­der? Erwart­bar? Nein: gar nicht.

Juli Zehs Anspruch, mit Unter­leu­ten einen »gro­ßen Gesell­schafts­ro­man« vor­zu­le­gen – er dürf­te ein­ge­löst wor­den sein. So kön­nen lite­ra­ri­sches und »gesell­schaft­li­ches« Ich ein­an­der fremd­ge­hen! Unter­leu­ten (gra­phisch auf dem Buch­um­schlag: Unter Leu­ten) ist ein Kaff im Bran­den­bur­gi­schen. Alte DDR-Opfer leben hier Zaun an Zaun mit dama­li­gen Nutz­nie­ßern, hin­zu kom­men ein paar zuge­zo­ge­ne Städter.

Auch die Bon­ne­rin Zeh ist in der bran­den­bur­gi­schen Pro­vinz hei­misch gewor­den. Gro­ße Publi­kums­ver­la­ge ver­laut­ba­ren seit lan­gem, daß ein Groß­teil der »unver­langt ein­ge­sand­ten Manu­skrip­te« dem Roman­mus­ter »Land­ei gerät in den Groß­stadt­dschun­gel« fol­gen. Könn­te sein, daß die umge­kehr­te Migra­ti­ons­rich­tung ein höhe­res, weil abge­klär­te­res Refle­xi­ons­ni­veau beinhal­tet. Hier jeden­falls trifft die Ver­mu­tung zu.

Zeh kennt ihre Pap­pen­hei­mer, durch­schaut nicht bloß Land­lust und ‑frust, son­dern hebt die (neo-)ländliche Sze­ne­rie auf die Stu­fe eines fein zise­lier­ten, her­vor­ra­gend beob­ach­te­ten gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Pan­op­ti­kums. Das heißt, nein, etwas fehlt: Es gibt in Unter­leu­ten kei­ne Migran­ten. Eine ande­re Art Ansied­lung steht bedroh­lich (wir schrei­ben 2010) ins Haus: Ein gigan­ti­scher Wind­park soll ent­ste­hen, Befehl von oben, Regie­rung, EU.

Im Kern ist die Par­al­le­le zur oktroy­ier­ten Men­schen­mas­sen­an­sied­lung, wenn auch sicher nicht inten­diert, so doch bestechend: Fast kei­ner will sie, es gibt reich­lich Grün­de, sie abzu­leh­nen. Aber weil klar ist, daß sie kom­men, möch­te doch der eine oder ande­re sei­nen Pro­fit schla­gen aus dem Unabwendbaren.

Juli Zeh lie­fert mit ihren mes­ser­scharf pro­fi­lier­ten Pro­to­ty­pen kei­ne Kli­schee­bil­der, son­dern aus­dif­fe­ren­zier­te Indi­vi­du­al­por­träts. Etwa von Ger­hard Fließ, dem ner­vö­sen Vogel­wart, der zuguns­ten sei­ner viel jün­ge­ren Frau die Uni­kar­rie­re an den Nagel gehängt hat und nun in Unter­leu­ten als gut­mensch­li­cher Bes­ser­wis­ser durch­star­tet, im fata­len Irr­tum, mit elo­quen­ten schrift­li­chen Ein­ga­ben gäbe es ein Durch­kom­men vor Ort.

Pan­tof­fel­hel­den höchst unter­schied­li­cher Cou­leur sind reich­lich gesät in die­sem Roman, doch scheint Zeh hier kei­ner femi­nis­ti­schen Agen­da, son­dern erwor­be­ner Lebens­klug­heit zu fol­gen. Vor allem den Jar­gon ihrer eige­nen Leu­te kennt und beherrscht sie vor­treff­lich; den der stil­len­den Sor­gen­mut­ter, des abge­half­ter­ten Intel­lek­tu­el­len, der selbst­ge­mach­ten, sich dau­er­op­ti­mie­ren­den Power­frau, des effi­zi­en­ten Kar­rie­ris­ten und der läs­si­gen Start-up-Leute.

Wol­fi, mäßig erfolg­rei­cher Thea­ter­schrift­stel­ler, hängt am Finanz­tropf sei­ner Frau Kath­rin, einer Medi­zi­ne­rin; der unge­lieb­te dörf­li­che Haupt­ar­beit­ge­ber Gom­brow­ski mit sei­ner Hund­s­vi­sa­ge ver­sorgt gleich zwei Frau­en; Erz­kom­mu­nist Kron und das Pro­lo-Tier Schal­ler hän­gen abgöt­tisch an ihren Töch­tern; und dann wäre da noch Fre­de­rik, der elas­tisch-urba­ne Nichts­nutz und Com­pu­ter­spiel­ent­wick­ler, der sei­ner pfer­de­n­är­ri­schen Lin­da aufs Land gefolgt ist.

Lin­da Fran­zen nun ist eine beson­ders inter­es­san­te Figur. Sie hat es beson­ders faust­dick hin­ter den Ohren, sie folgt den Wei­sun­gen des Per­sön­lich­keits­trai­ners Man­fred Gortz (tol­ler Trick von Zeh, unbe­dingt goog­len!). Lin­da, als Jung­un­ter­neh­me­rin und erfolg­rei­che Pfer­de­flüs­te­rin, hat ver­stan­den, was es heißt, die eige­ne Per­sön­lich­keit fort­lau­fend zu opti­mie­ren – ganz ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te. Sie ist der weib­li­che Phä­no­typ der Stunde.

Juli Zeh hat eine fei­ne psy­cho­lo­gi­sche Ader und ein siche­res Gefühl für die Zeit­läuf­te. Zum Smar­tie Pilz, dem ange­reis­ten Wind­kraft-Lob­by­is­ten, schreibt Zeh:

Einem wie Pilz ging es nicht mehr ums gute Leben, es ging nicht ein­mal um Geld. Was die­se Genera­ti­on antrieb, war der unbe­ding­te Wunsch alles rich­tig zu machen. Kei­ne Feh­ler zu bege­hen und dadurch unan­greif­bar zu wer­den. Das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem pflanz­te einen Angst­kern in die See­len sei­ner Kin­der, die sich im Lau­fe ihres Lebens mit immer neu­en Schich­ten aus Leis­tungs­be­reit­schaft pan­zer­ten. Her­aus kamen Arbeits­zom­bies, die kei­ne Angst davor hat­ten, von einem Dorf­mob auf­ge­mischt zu werden.

Denn fast alle Dorf­be­woh­ner sind natür­lich gegen Land­schafts­ver­schan­de­lung, krei­sen­de Rotor­blät­ter und Vogel­ster­ben. Aber die Front der Geg­ner brö­ckelt, alte Rech­nun­gen wer­den hervorgezerrt.

Her­aus kommt in sechs Tei­len, je viel­fach unter­glie­dert in Sicht­wei­sen (»Fließ«, »Gom­brow­ski«) ein so mul­ti­per­spek­ti­vi­sches Psy­cho­gramm, ein solch lebens­klu­ges Gesell­schafts­bild, daß man sich am Ende ziem­lich betrübt fragt: Woher die medio­kren Aus­sa­gen einer Juli Zeh in Talk­shows und ähn­li­chen For­ma­ten? Sie wird es schon wissen.

Juli Zeh: Unter­leu­ten. Roman, Mün­chen: Luch­ter­hand 2016. 640 S., 24.99 €. (Zu einer Aus­wahl der in Sezes­si­on 72 bespro­che­nen Lite­ra­tur geht es hier ent­lang.)

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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