Sezession
9. Juni 2016

Geoffroy de Lagasnerie: Die Kunst der Revolte – eine Rezension

Martin Sellner

Die Kunst der RevolteRezension aus Sezession 72 / Juni 2016

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Geoffroy de Lagasnerie gilt als »junger Wilder der französischen Philosophie« (Der Spiegel). Dabei ist der Aktivist gegen Homophobie und Fremdenhaß, eilfertige Denunziant konservativer Kollegen und Warner vor dem »Rechtsruck« in Frankreich alles andere als rebellisch.

De Lagasnerie, 1981 geboren, studierter Soziologe und Philosoph, lehrt an der École Nationale Supérieure d’Arts in Cergy. Schlagzeilen machte er erstmals 2014, als er in der Zeitung Libération einen »mutigen« Aufruf gegen die Teilnahme des als konservativ geltenden Historikers Marcel Gauchets am »Rendez-vous de l’Histoire de Blois« veröffentlichte. Als Konservativer, so der Duktus des Pamphlets, stünde es ihm nicht zu, über das damalige Thema der Konferenz, die »Rebellion«, zu sprechen.

Ähnlich konformistisch wie diese Episode liest sich das Buch Die Kunst der Revolte, das nun im Suhrkamp-Verlag erschienen ist (und damit de Lagasnerie den letzten Nimbus einer Tour gegen das Establishment raubt). In diesem Essay nimmt er auf Edward Snowden, Julien Assange und Bradley/Chelsea Manning Bezug, anhand derer er eine neue Theorie des Politischen entwickeln will. Er sieht in diesen drei Whistleblowern die Vorboten eines neuen politischen Subjekts, das gleichzeitig Träger und Künder eines neuen Nomos sein soll.

Dabei geht es de Lagasnerie weniger um das Wesen des Infokriegs, also den »Leak« zentraler und wichtiger Daten, als um die Art und Weise, wie er vonstatten geht. Er hält drei für ihn wesentliche Aspekte fest (die, typisch für die kontemporäre französische Philosophie, unter einem Wust an »detours« vergraben sind). Die neuen politischen Subjekte treten nicht als konkret lokalisierbare, nationale Gruppe, sondern als globales Phänomen wie das Kollektiv Anonymous auf. Ihre Aktivisten wollen sich in der Regel nicht der Öffentlichkeit stellen und »zu ihren Taten stehen«.

Ebenso versuchen sie sich mit der »Praxis der Flucht« der nationalen Gerichtsbarkeit zu entziehen. Der Autor sieht darin eine Antithese zum klassischen zivilen Ungehorsam der Bürgerrechtsbewegungen. An ihnen und an Theoretikern wie Rawls, Butler und anderen kritisiert er eine grundsätzliche Akzeptanz der »ursprünglichen Enteignung«, der »Eingeschlossenheit« in einer präexistenten Gemeinschaft. Dezidiert meint er damit sowohl den Staat als auch die Familie, und überhaupt jede »kontingente Situation«, in die man abhängig und »verwurzelt« hineingeboren wird. Dies sei, so de Lagasnerie, höchst »undemokratisch«, da man nie danach gefragt wurde.


Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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