Sezession
6. Juni 2009

Gilad Atzmon, die offene Gesellschaft und Auschwitz

Martin Lichtmesz

kalter-kaffee1Apropos "Obama und Auschwitz" werde ich auf folgenden Text von Gilad Atzmon aus dem Jahr 2007 hingewiesen. Atzmon ist ein 1963 in Israel geborener und in London lebender Jazzmusiker, der immer wieder durch steile politische Stellungnahmen von sich reden macht. Viele Punkte, die ich in meinem Blogeintrag gestreift habe, werden von ihm bestätigt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Da wäre zum Beispiel das Problem der Verwaltung und der Montage einer historischen Ikonographie, der politischen Sinngebung eines historischen Ereignisses.  Eine "Erzählung" (narrative) wird konstruiert, um eine bestimmte Geschichte zu überliefern, einzelne Fakten auszuwählen, und um eine Deutung anzubieten.

Atzmon nennt als typische Elemente der Auschwitz-Ikonographie die "erschreckenden Zahlen, Mengele und die Selektion, den klinische Massenmord, die Gaskammern, die Züge, die berühmte Arbeit macht frei-Inschrift über dem Tor". Die mediale Präsenz dieser Bilder kann jedoch ebenso gut Aufklärungs- wie Verschleierungszwecken dienen (Übersetzung von mir):

Jede historische Erzählung kann als Nebelwand dienen;  Erzählungen sind sehr wirkungsvoll, wenn es darum geht, kollektive Blindheit zu fördern.  Nicht anders verhält es sich in diesem Sinne mit Auschwitz und der Holocaust-Erzählung.

Folgerichtig kommt Atzmon auf die Rolle zu sprechen, die "Auschwitz" als dunkelschwarzer Hintergrund zu spielen hat, um das US-dominierte, westlich-liberale Sendungsbewußtsein (dieses meint Atzmon auch vorrangig, wenn er vom "Westen" spricht)  umso heller erstrahlen zu lassen:

Mit dem Bild von Auschwitz im Hinterkopf malen unsere westlich-liberalen Denker und Politiker enthusiastisch ein naives Bild unserer sozialen Wirklichkeit, indem sie uns eine simplizistische, binäre Teilung suggerieren. Auf der einen Seite steht die offene Gesellschaft, auf der anderen ihre vielen Feinde.

Und genau hier ist der Subtext von Obamas "Ausrutscher" zu suchen:

Auf unserer Seite zu stehen, bedeutet, daß man daran glaubt, daß wir es waren, die Europa befreit haben, daß wir es waren, die Auschwitz befreit haben, daß wir die Juden gerettet haben, und daß wir immer noch die Idee der Demokratie in die entferntesten Winkel dieses überkochenden Planeten tragen. (...)

Es scheint so, daß Auschwitz für unser rechtschaffenes westliches Selbstbild entscheidend ist.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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