Sezession
1. Dezember 2017

Jochen Metzger: Und doch ist es Heimat

Ellen Kositza

aus Sezession 73 / August 2016

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Jochen Metzger schildert in seinem Romandebüt Und doch ist es Heimat die Geschehnisse der letzten Kriegstage und der Folgemonate im badischen Dorf Sandheim. Der geradezu mittelalterlich provinziell anmutende Ort ist in die Hände der Franzosen gefallen. In 58 Kapiteln werden unterschiedliche – stets auktoriale – Perspektiven eingenommen:

Mal die der frommen Marie, dann die ihrer androgynen, in jeder Hinsicht hemdsärmeligen Schwester Liese, mal die von Hans, dem ungeschickten Lateiner, der Lehrer werden will, und die von Hermann, der eigentlich noch ein Knabe ist. Nun, was erzählen sie? Etwa, wie Hermann, dessen Onkel Schuhmacher ist – und Leder ist knapp in dieser Zeit –, sich nächtens heimlich auf den Acker begibt, wo die toten Soldaten notdürftig verscharrt sind und ihrer eigentlichen Beerdigung harren. An den herausragenden Fußspitzen sind die Stellen zu erkennen. Hermann entledigt die Toten ihrer Schuhe.

Blut und Leichenwasser sind Richtung Kopf gelaufen statt in die Füße! Glück muß man haben!, denkt Hermann. (…) In Hermann regt sich etwas. Finderstolz und Erntestimmung. (…) Sein Onkel wird stolz auf ihn sein. Und bald gibt’s für ein paar Leute in Sandheim wieder neue Schuhe.

Von Erntestimmung kann hingegen für die Sandheimer Frauen keine Rede sein. Die Massenvergewaltigungen durch marokkanische Soldaten in französischem Dienst hat man »Maroquinaden« genannt – ein, zumal literarisch, völlig unbeleuchtetes Terrain. Metzger tut sein Bestes, um keiner Schwarzmalerei bezichtigt werden zu können. Die Sicht von Ahmad, einem guten Nordafrikaner, wird nicht ausgelassen. Ahmad wird fallen, kurz vor Sandheim.

Seine Kampfgefährten nehmen den Ort ein, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Sie penetrieren einen Hort der Unschuld, auch Frauen wie »die Marie« und »die Liese«, die bislang keinen Mann, geschweige denn einen »schwarzen«, »ganz« gesehen haben. Sie tun es mit äußerster Brutalität, es sind Gangbangs avant la lettre. Glücklich jene jungen Frauen, denen man ausgetüftelte Verstecke verschaffen konnte. Jene, in deren Häusern Offiziere einquartiert waren. Und jene ganz jungen, die sich per Schere und Verkleidung von Antonia zu Anton, von Hanna zu Hannes verwandeln konnten.

Marie will hernach tapfer bleiben, und wie tapfer! Sie trägt nun Kopftuch und »die Sachen der verstorbenen Tante. Die Kleider einer Toten«. Eine Zeitlang hilft ihr der Glaube; die Leute im protestantischen Sandheim sind sehr fromm. »Dafür hat der Herr sie [Marie] auserwählt: die Last der anderen zu tragen.« Schwer beladen ist der Wagen, der eines Tages Marie und ihre Schicksalsgefährtinnen ins Krankenhaus nach Bruchsal fährt.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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