Tillmann Bendikowski: Der deutsche Glaubenskrieg

aus Sezession 73 / August 2016

von Monika Leiser

Pünktlich zum 500jährigen Jubiläum der Reformation 2017 erscheint das Buch des Journalisten und Historikers Tillmann Bendikowski. Umschlaggestaltung und Titel werden dem Inhalt allerdings nicht gerecht. Denn es geht dem Autor nicht um Geschichte im Sinne einer historischen Erinnerung, sondern er betrachtet das Geschehen der Reformation als Deutungsmuster für 500 Jahre deutsche Geschichte, die er als Geschichte eines permanenten Glaubenskrieges entfaltet und analysiert.

 Gastbeitrag

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Die Refor­ma­ti­on hat­te nicht zur gro­ßen Reform der einen gemein­sa­men christ­li­chen Kir­che geführt, son­dern zur Kir­chen­spal­tung und damit auch unge­wollt zu einer poli­ti­schen Spal­tung. Das Rin­gen der Kon­fes­sio­nen um den »wah­ren Glau­ben« an den »rich­ti­gen Gott« führ­te zu Reli­gi­ons­krie­gen und Religionsfrieden.

Aber auch, als mit dem West­fä­li­schen Frie­den die Tei­lung der Gläu­bi­gen zur Grund­tat­sa­che deut­schen Lebens gewor­den war, fort­an die Nati­on­wer­dung der kon­fes­sio­nel­len Zer­ris­sen­heit über­ge­ord­net wur­de und es mit dem Zeit­al­ter der Auf­klä­rung zu neu­en Leit­ideen hin­sicht­lich der Koexis­tenz ver­schie­de­ner Kon­fes­sio­nen kam, waren die Glau­bens­krie­ge nicht been­det. Sie tauch­ten in neu­em Gewand auf.

Mit der Säku­la­ri­sie­rung ver­lie­ßen tra­di­tio­nel­le kirch­li­che Erlö­sungs- und Wert­vor­stel­lun­gen den kirch­li­chen Rah­men und leb­ten in modi­fi­zier­ter Form in neu­en Grup­pen wei­ter. Ben­di­kow­ski nennt die­se neu­en Bewe­gun­gen »Beglü­ckungs­ge­mein­schaf­ten«. Dazu zählt er unter ande­ren lebens­re­for­me­ri­sche Grup­pen, Anthro­po­so­phie, Nietz­sche­kult, natio­na­lis­ti­sche und sozia­lis­ti­sche Bewe­gun­gen. Die meis­ten die­ser Beglü­ckungs­ge­mein­schaf­ten sieht Ben­di­kow­ski von der Sehn­sucht getrie­ben, die »Viel­zahl der Reli­gio­nen« durch eine neue, mög­lichst ein­heit­li­che »Reli­gio­si­tät« zu ersetzen.

Den Wunsch nach Über­win­dung welt­an­schau­li­cher Gegen­sät­ze sieht der Autor immer auch als »eine Erin­ne­rungs­kon­struk­ti­on, die auf die Refor­ma­ti­on und die jahr­hun­der­te­al­te deut­sche Glau­bens­spal­tung zurück­ver­weist«. Gleich­zei­tig soll­ten die neu­en Beglü­ckungs­an­sät­ze die alten Glau­bens­kämp­fe ver­ges­sen machen. Eini­ge mach­ten sich des­halb die For­de­rung nach Tole­ranz und die Ableh­nung dog­ma­ti­scher Abso­lut­heits­an­sprü­che zu eigen – para­do­xer­wei­se oft selbst mit dem Anspruch auf den »wah­ren« Glauben.

Im 19. und 20. Jahr­hun­dert erstreck­te sich das reli­giö­se Den­ken und Füh­len immer inten­si­ver auf das poli­ti­sche Leben. Die Idee der Nati­on nahm heils­ge­schicht­li­che Züge an, gleich­zei­tig eta­blier­te sich der Sozia­lis­mus als wei­te­res poli­ti­sches Glau­bens­an­ge­bot. Es folg­ten die Wege in den Natio­nal­so­zia­lis­mus und in den Kom­mu­nis­mus. »Jahr­hun­der­te nach der Refor­ma­ti­on waren Fra­gen der rei­nen Leh­re und der abso­lu­ten Wahr­heit wie­der aktu­ell, die poli­ti­schen Reli­gio­nen führ­ten den deut­schen Glau­bens­krieg auf ihrem Feld und unter neu­en Vor­zei­chen fort.«

Die Nach­kriegs­ge­schich­te spal­te­te noch ein­mal das Land auch in reli­giö­ser Hin­sicht. Es kam zum ers­ten athe­is­ti­schen Staat auf deut­schem Boden. Über 25 Jah­re nach der Wen­de scheint die ersehn­te Ein­heit der Deut­schen ent­fern­ter denn je. Neue Anbie­ter tre­ten auf dem reli­giö­sen Markt auf. Die christ­li­chen Kir­chen ver­lie­ren an Bedeu­tung, mehr als ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung Deutsch­lands ist nicht mehr an die christ­li­chen Kon­fes­sio­nen gebundenen.

Gleich­zei­tig macht der Islam sei­ne Ansprü­che mit Nach­druck gel­tend. Er tritt nicht auf wie eine frem­de Reli­gi­on, die nicht zu Deutsch­land gehört, son­dern bean­sprucht, als »Kon­fes­si­on« mit den christ­li­chen Bekennt­nis­sen recht­lich gleich­ge­stellt zu wer­den. Ange­sichts die­ser Her­aus­for­de­rung nimmt die bereits aus der Auf­klä­rung bekann­te Idee der »Duld­sam­keit in Reli­gi­ons­din­gen« der­weil Züge einer pseu­do­re­li­giö­sen Tole­ranz­re­li­gi­on an.

Die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Poli­tik und Reli­gi­on ist wie­der ein zen­tra­ler Gegen­stand der öffent­li­chen Debat­te. Aber­mals stellt sich die Fra­ge nach einem über­ge­ord­ne­ten Prin­zip: Wel­ches Wer­te­sys­tem (»Leit­kul­tur«) eint in Zukunft eine reli­gi­ös und zuneh­mend poli­tisch zer­ris­se­ne Nati­on? Till­mann Ben­di­kow­sky bleibt skep­tisch. Der letz­te Satz sei­nes Buches lau­tet: »Ist der Dämon des Glau­bens­kriegs wirk­lich tot? Womög­lich schläft er nur.«

Till­mann Ben­di­kow­ski erzählt die his­to­ri­schen Ereig­nis­se ab der Refor­ma­ti­on span­nend und detail­reich und erklärt neben­bei kurz und ver­ständ­lich theo­lo­gi­sche Fach­be­grif­fe. Wer als »über­for­der­ter« Schü­ler 500 Jah­re deut­sche Reli­gi­ons­ge­schich­te auf den Punkt brin­gen muß, dem gelingt das mit die­ser Schrift auf anre­gen­de Weise. 

Was die­ses Buch aber unbe­dingt lesens­wert macht: Die Ent­fal­tung der Refor­ma­ti­on als Erin­ne­rungs­kon­struk­ti­on ver­le­ben­digt eine erstarr­te deut­sche Geschich­te. Wenn ver­gan­ge­ne Ereig­nis­se über­zeu­gen­de Erklä­rungs­mus­ter für gegen­wär­ti­ge Ereig­nis­se lie­fern (und das Buch erstaunt mit ver­blüf­fen­den Par­al­le­len und Ähn­lich­kei­ten zu heu­ti­gen reli­gi­ons­po­li­ti­schen und welt­an­schau­li­chen Fra­gen), dann erhält der Satz von Wil­helm von Hum­boldt recht eigent­lich sei­ne Bedeu­tung: »Nur wer die Ver­gan­gen­heit kennt, hat eine Zukunft«.

+ Till­mann Ben­di­kow­ski: Der deut­sche Glau­bens­krieg. Mar­tin Luther, der Papst und die Fol­gen, Mün­chen 2016. 379 S., 24,99 €.

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