Gewalt muß sein!

aus Sezession 73 / August 2016

Mit großen Erwartungen liest man dieses Buch. Slavoj Žižek ist dafür verantwortlich. In seinem Vorwort bezeichnet der interessanteste zeitgenössische Denker der radikalen Linken Sophie Wahnichs Freiheit oder Tod als eines der raren Werke, auf das man regelrecht gewartet habe, so bedeutend sei es. Das bereits 2003 in Frankreich erschienene Buch treffe den Kern heutiger ethisch-politischer Problematik, obwohl (oder weil?) es eine Abhandlung über die Gewaltfrage in Zeiten der Französischen Revolution darstellt.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Das Kern­an­lie­gen der fran­zö­si­schen His­to­ri­ke­rin ist es dabei, revo­lu­tio­nä­re poli­ti­sche Emo­tio­nen ver­ständ­lich zu machen und zu zei­gen, daß die Gewalt, die Frank­reich 1789 und 1793/94 traf, man­gels gang­ba­rer poli­ti­scher Alter­na­ti­ven fol­ge­rich­tig war.

Wahnich will die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on in ihrer Gesamt­heit reha­bi­li­tie­ren, und sie meint damit die inte­gra­le Revo­lu­ti­ons­ge­schich­te, kei­nen ent­kof­fe­inier­ten Kaf­fee, also: kei­ne Schei­dung von begrü­ßens­wer­ten heh­ren Idea­len (Men­schen- und Bür­ger­rechts­er­klä­rung, Abschaf­fung der Feu­dal­zu­stän­de) einer­seits und abzu­leh­nen­der Grün­dungs­ge­walt (»La ter­reur«) ande­rer­seits, son­dern die Affir­ma­ti­on einer his­to­ri­schen Zäsur mit all ihren ver­stö­ren­den Frei­set­zun­gen zer­stö­re­ri­scher Gewalt auch wäh­rend der Schre­ckens­herr­schaft (Sep­tem­ber 1793 bis Juli 1794).

Ihre Argu­men­ta­ti­on ver­läuft über­wie­gend in klas­si­schen Bah­nen: Ein umwäl­zen­der gesell­schaft­li­cher Pro­zeß rufe die kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Kräf­te auf den Plan, die­se wür­den den gesam­ten Akt der Revo­lu­ti­on gefähr­den, so daß das Schwert die ein­zi­ge nach­hal­ti­ge Opti­on bleibt, den Bestand der Revo­lu­ti­on und das begon­ne­ne, eman­zi­pa­to­ri­sche Auf­bau­werk der Repu­blik zu bewah­ren. Inter­es­san­ter ist Wahnichs Ver­weis auf die Kern­an­lie­gen der Revo­lu­tio­nä­re, denn sie ver­mit­telt die Revo­lu­ti­ons­ge­schich­te als (stark idea­li­sier­te) Volks­ge­schich­te; dem­entspre­chend resul­tiert bei ihr die Gewalt des sich erhe­ben­den Vol­kes aus den Klas­sen­ant­ago­nis­men des vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Frankreich.

Wahnich lehnt dabei die gän­gi­ge Vor­stel­lung der Revo­lu­tio­nä­re als Ansamm­lung fana­ti­scher Ega­li­ta­ris­ten ab, viel­mehr habe es gegol­ten, in einem Akt der strik­ten Dis­zi­pli­nie­rung der Gesell­schaft »die Arbeit dem Müßig­gang ent­ge­gen­zu­hal­ten, die Tugend dem Las­ter«, und der Arbeit an sich wie­der Wert zu geben gegen­über der arbeits­ver­höh­nen­den Deka­denz der Feu­dal­her­ren. Für die­se Argu­men­ta­ti­on zieht sie Robes­pierre her­an, der die »Gleich­heit aller Güter« für eine »Schi­mä­re« hielt: »Es gilt viel eher, die Armut ehr­bar zu machen, als den Über­fluß zu ver­bie­ten«, so der jako­bi­ni­sche Scharfmacher.

Ange­sichts die­ses Aspekts, den Wahnich aus­führ­lich dar­legt, wird ver­ständ­li­cher, wie­so so unter­schied­li­che Den­ker der poli­ti­schen Rech­ten des 20. Jahr­hun­derts – dar­un­ter der Natio­nal­bol­sche­wist Ernst Nie­kisch und der Euro­fa­schist Mau­rice Bar­dè­che – Gefal­len am ple­be­ji­schen, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes spar­ta­ni­schen Geist der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on fan­den. Deren in Auf­sät­zen und Büchern publi­zier­te Sym­pa­thien für die sozia­le Dimen­si­on von 1789ff. sind heu­te kaum noch präsent.

Es ist dies auch der Grund, wes­halb sich die Lek­tü­re der Wahnich-Schrift als Ergän­zung der Stan­dard­li­te­ra­tur zur Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on lohnt: Jen­seits der in der Rech­ten übli­chen pau­scha­len Revo­lu­ti­ons­ver­dam­mung im Zei­chen der Gegen­re­vo­lu­tio­nä­re à la Joseph de Maist­re bie­tet Wahnich gewis­ser­ma­ßen einen Blick von unten auf die blu­ti­gen Ereig­nis­se von damals. Die­se – wie­der: im Wort­sin­ne – popu­lis­ti­sche Sicht auf die Din­ge gefällt natür­lich Žižek, der schon län­ger recht ein­sam einen neu­en, for­schen Blick auf die Gewalt­fra­ge als Grün­dungs­mo­tor einer Revo­lu­ti­on fordert.

Weni­ger erhel­lend ist indes das Nach­wort Wahnichs, das unter dem Ein­druck der Ter­ror­an­schlä­ge in Frank­reich vom Janu­ar und Novem­ber 2015 ent­stand. Sie ver­zet­telt sich hier­bei in ste­reo­ty­per, links­re­pu­bli­ka­ni­scher Phra­seo­lo­gie: Die Auf­klä­rung müs­se gegen jed­we­de Extre­me ver­tei­digt wer­den, der Erhalt der moder­nen Gesell­schaft erfor­de­re täg­li­che Anstren­gung aller, die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on und ihre Idea­le dürf­ten nicht ver­ab­schie­det werden.

Sophie Wahnich ist His­to­ri­ke­rin und For­schungs­di­rek­to­rin am renom­mier­ten Cent­re natio­nal de la recher­che sci­en­ti­fi­que in Paris. Ihre Stär­ke ist die par­tei­ische »gro­ße Erzäh­lung« der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, gewiß kei­ne Gegenwartsanalyse.

+ Sophie Wahnich: Frei­heit oder Tod. Über Ter­ror und Ter­ro­ris­mus, Ber­lin 2016. 222 S., 15 € – hier ein­se­hen und bestellen!

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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