Sezession
1. Dezember 2017

Gewalt muß sein!

Benedikt Kaiser

aus Sezession 73 / August 2016

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Mit großen Erwartungen liest man dieses Buch. Slavoj Žižek ist dafür verantwortlich. In seinem Vorwort bezeichnet der interessanteste zeitgenössische Denker der radikalen Linken Sophie Wahnichs Freiheit oder Tod als eines der raren Werke, auf das man regelrecht gewartet habe, so bedeutend sei es. Das bereits 2003 in Frankreich erschienene Buch treffe den Kern heutiger ethisch-politischer Problematik, obwohl (oder weil?) es eine Abhandlung über die Gewaltfrage in Zeiten der Französischen Revolution darstellt.

Das Kernanliegen der französischen Historikerin ist es dabei, revolutionäre politische Emotionen verständlich zu machen und zu zeigen, daß die Gewalt, die Frankreich 1789 und 1793/94 traf, mangels gangbarer politischer Alternativen folgerichtig war.

Wahnich will die Französische Revolution in ihrer Gesamtheit rehabilitieren, und sie meint damit die integrale Revolutionsgeschichte, keinen entkoffeinierten Kaffee, also: keine Scheidung von begrüßenswerten hehren Idealen (Menschen- und Bürgerrechtserklärung, Abschaffung der Feudalzustände) einerseits und abzulehnender Gründungsgewalt (»La terreur«) andererseits, sondern die Affirmation einer historischen Zäsur mit all ihren verstörenden Freisetzungen zerstörerischer Gewalt auch während der Schreckensherrschaft (September 1793 bis Juli 1794).

Ihre Argumentation verläuft überwiegend in klassischen Bahnen: Ein umwälzender gesellschaftlicher Prozeß rufe die konterrevolutionären Kräfte auf den Plan, diese würden den gesamten Akt der Revolution gefährden, so daß das Schwert die einzige nachhaltige Option bleibt, den Bestand der Revolution und das begonnene, emanzipatorische Aufbauwerk der Republik zu bewahren. Interessanter ist Wahnichs Verweis auf die Kernanliegen der Revolutionäre, denn sie vermittelt die Revolutionsgeschichte als (stark idealisierte) Volksgeschichte; dementsprechend resultiert bei ihr die Gewalt des sich erhebenden Volkes aus den Klassenantagonismen des vorrevolutionären Frankreich.

Wahnich lehnt dabei die gängige Vorstellung der Revolutionäre als Ansammlung fanatischer Egalitaristen ab, vielmehr habe es gegolten, in einem Akt der strikten Disziplinierung der Gesellschaft »die Arbeit dem Müßiggang entgegenzuhalten, die Tugend dem Laster«, und der Arbeit an sich wieder Wert zu geben gegenüber der arbeitsverhöhnenden Dekadenz der Feudalherren. Für diese Argumentation zieht sie Robespierre heran, der die »Gleichheit aller Güter« für eine »Schimäre« hielt: »Es gilt viel eher, die Armut ehrbar zu machen, als den Überfluß zu verbieten«, so der jakobinische Scharfmacher.

Angesichts dieses Aspekts, den Wahnich ausführlich darlegt, wird verständlicher, wieso so unterschiedliche Denker der politischen Rechten des 20. Jahrhunderts – darunter der Nationalbolschewist Ernst Niekisch und der Eurofaschist Maurice Bardèche – Gefallen am plebejischen, im wahrsten Sinne des Wortes spartanischen Geist der Französischen Revolution fanden. Deren in Aufsätzen und Büchern publizierte Sympathien für die soziale Dimension von 1789ff. sind heute kaum noch präsent.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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