8. Juni 2009

Obamas Buchenwald

Martin Lichtmesz

roseSind das nicht ergreifende Bilder? Der Präsident der USA und die deutsche Kanzlerin schreiten Seite an Seite, in trauerschwarzen Anzügen und mit getragenen Mienen durch das menschenleere Gelände des Konzentrationslagers Buchenwald. Schweigend passieren sie den Tisch mit den zwei Schrumpfköpfen, den Lampenschirmen aus tatöwierter Menschenhaut und einem Aschenbecher aus Menschenknochen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Begleitet werden sie von zwei würdigen alten Herren, einstigen Insassen des Lagers. Einer nach dem anderen legt jeweils eine fahlgelbe Rose vor einer Gedenktafel nieder und verharrt hernach still, wie ins Gebet versunken. Die Kameraaugen von Presse und Fernsehen halten jeden Moment fest, übertragen live: fertig ist die Ikone.

Ein Ahne des Präsidenten war bei der Roten Armee und hat einst diesen Ort des Schreckens mit eigenen Augen erblickt; darob wurde er seines Lebens nicht mehr froh. Schon betrachten die "Überlebenden" den Präsidenten beinah als ihren "Enkelsohn", wie Volker Knigge, der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, dem amerikanischen Sender CNN gegenüber erklärte. Man sieht, wie ergriffen der Präsident ist, und wie schwer er dieses Erbe und die Veranwortung nun auch auf seinen Schultern lasten fühlt.  Dieser Ort verpflichtet ihn, wie schon seine Ahnen für eine bessere demokratische Welt zu kämpfen, in der Rassismus und Intoleranz keinen Platz mehr haben.

Als er geendet hat, ergreift, angeblich ungeplant, einer der beiden alten Herren das Wort; dieser alte Herr mit dem bitteren Gesicht, dem traurigen Blick und der wehenden grauen Haarmähne ist nicht irgendein alter Herr, nicht irgendein stinknormaler "Überlebender".

Nein, dieser alte Herr hat einen Nobelpreis gewonnen, und steht an der hierarchischen Spitze des internationalen Opferadels des "Holocaust", von dem er profunde Dinge zu erzählen weiß, etwa daß er "in die Finsternis führt", "alle Antworten verweigert", "außerhalb, wenn nicht jenseits der Geschichte liegt", "sich dem Wissen wie der Beschreibung widersetzt", "nicht erklärt oder bildlich vorgestellt werden kann", eine "Zerstörung der Geschichte" sei und "das tiefste Ereignis, das tiefste Mysterium, das niemals verstanden, das niemals dargestellt werden kann".

Wer allerdings wie der alte Herr, Elie Wiesel sein Name, durch eine solch unvergleichliche Höllenfahrt gegangen ist, ist einer höheren Priesterschaft würdig.  Norman Finkelstein weiß zu berichten, daß Elie Wiesel für ein Standardhonorar von 25000 Dollar bereit ist, das Unausprechliche in Worte zu fassen, etwa in die Erkenntnis,  daß das "Geheimnis" der "Wahrheit" von Auschwitz "im Schweigen liegt".

Vor laufender Kamera erklärt dieser Mann, den der Präsident seinen "Freund" nennt, daß er "große Hoffnung" in Barack Obama setze, damit eine "new moral vision of history" Wirklichkeit werde, was die Zeit übersetzt mit: "Obama werde gebraucht, damit sich Geschehnisse wie zur NS-Zeit nicht wiederholen könnten." Der offizielle Segen ist ausgesprochen, der Holocaust-Papst hat den Kaiser gekrönt, die Mission ist weitergereicht.

Hat man noch etwas anderes gesehen? Etwa wie jener liberale Blogger, der Elie Wiesel für einen "großen Mann" und Obama für einen Narziß hält:

So etwas habe ich noch nicht erlebt. (...)
Obama wandte seine Aufmerksamkeit ausschließlich Wiesel zu. Merkel würdigte er keines Blickes. Ihre Versuche, sich am Gespräch zu beteiligen, scheiterten offensichtlich.  (...)
Nicht anders war es, als man später in einer Gruppe zusammenstand. Obama unterhielt sich mit den anderen. Merkel stand außerhalb, wie ein dummes Schulmädchen. Manchmal kehrte ihr der Präsident im Wortsinn den Rücken zu. Merkel versuchte mehrfach, sich ins Gespräch einzuschalten. Die Reaktion Obamas war exakt null. Keine Antwort, noch nicht einmal eine mimische.

So habe ich Angela Merkel auch gesehen, und mit den üblichen aus Mitleid und Verachtung gemischten Gefühlen. Vermutlich hatte Deutschland nie ein hündischeres, würdeloseres Regierungsoberhaupt als Merkel. Ihre Physiognomie spricht Bände. Die eigentümliche Mischung aus knetweicher, tantenhafter Einfalt, beflissen-bösartigem Konformismus und keuchendem Nationalmasochismus macht sie zum fleischgewordenen Avatar des bundesdeutschen "Schuldstolzes".

Obamas Arroganz gegenüber der unterworfenen Sühnedeutschen, die er und Elie Wiesel vierundsechzig Jahre nach dem amerikanischen Sieg gleichsam an einer unsichtbaren Leine hinter sich hertrotteln lassen und als Büßerfigur vorführen, ist nur allzu verständlich. Sie ist der perfekt abgerichtete, rückgratlose deutsche Vasall, in den Worten Obamas ein "valued ally".

Merkels betroffenheitszerfurchtes Gesicht, das sie bei Elie Wiesels schmalziger, gemeinplatzgesättigter Rede aufsetzt, ist beinah noch weniger erträglich, als diese selbst. Es ist jämmerlich mitanzusehen, wie sie vor diesem routinierten, eitlen und mächtigen Schnulzen- und Heiligendarsteller in die Knie sinkt. (Wer an Wiesels tatsächlicher Rolle im "Shoa Business" noch zweifelt, schlage bei Norman Finkelstein, Peter Novick und Tova Reich nach.)

Obama, Merkel, Wiesel: alle drei sind sie Schauspieler in einem offensichtlich vom Gast - und nicht vom Gastgeber! - effektvoll inszenierten, politischen Ritual, und Merkel ist darunter wohl die am wenigsten routinierte, gutgläubigste, die wohl gar nicht mehr weiß, ob sie heuchelt oder aufrichtig ist, frei nach Adorno: "Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben."

Um das Schmierentheater komplett zu machen, führte der Sprecher des ZDF den Auftritt Wiesels mit den Worten ein:

Man hat der Kanzlerin angesehen, wieviel Mühe man sich geben muß, um die richtigen Worte und den richtigen Ton zu finden, wenn man gerade in den Abgrund geschaut hat und das Grauen versteht, das Menschen Menschen bereitet haben. Wie muß das erst für jemanden sein, der sich das Furchbare von damals nicht vorstellen muß, weil er es selbst erlebt hat. Wie Elie Wiesel, der aus seiner Erinnerung ein Leben für den Frieden gemacht hat und zu einer Stimme des Gewissens wurde, vor allem für Amerika.

Nun: Wer glaubt denn im Ernst noch an eine solche Kitschrhetorik? Heuchelei, Manipulation, Lüge, Kulissenschieberei haben ein unerträgliches Ausmaß erreicht.  Es ist Zeit, des Kaisers neue Kleider zu benennen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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