Sezession
9. Juni 2009

German History X

Martin Lichtmesz / 23 Kommentare

americanhistoryEin paar Ergänzungen zu Götz Kubitscheks Eintrag über das Buch "Bauchschmerzen" von Wolfgang Gottschalk. Gelesen habe ich es selbst noch nicht, und kann darum über Inhalt und Intentionen des Autors nur spekulieren. Der Verlag selbst bietet folgenden Klappentext an:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Abstoßend und zugleich fesselnd: Ein rechtsradikaler Mörder erzählt dem Gefängnispfarrer seine Geschichte. Dabei hält er der Gesellschaft einen Spiegel vor. Der Leser, der sich zunächst auf die nachvollziehbaren Erfahrungen und das hohe Reflexionsniveau des Mörders einlässt, gelangt schließlich zu dem Punkt, an dem er vor sich selbst erschrickt.

Über den Autor erfahren wir:

Wolfgang Gottschalk ist Lehrer für Geschichte und Politik an einem Gymnasium in Norddeutschland. Er ist Initiator zahlreicher Jugendprojekte für Integration und gegen Fremdenfeindlichkeit.

Zunächst einmal muß ich, die typische Leserschaft vor Augen, bei der Vorstellung herzlich lachen, die Lektüre von JF und Sezession könnte jemanden zum psychopathischen Massenmörder machen. Das ist freilich nicht unoriginell und eine interessante Wahl von Gottschalk, daß der Täter sich eher durch neurechte Lektüre scharfmacht als durch Landser-Platten. Worauf will er aber hinaus?

Ich stelle mir einmal vor, jemand schriebe einen Roman, in dem ein junger,  nach außenhin integrierter Deutschtürke aus einer relativ assimilierten Familie eine Identitätskrise erleidet und, nachdem er von Skinheads gepiesackt wird, der Millî Görüs beitritt, ein bißchen zuviel Hürriyet, Stephan Braun und Blick nach rechts liest, und schließlich bewaffnet ins schnellrodaische Tal der Wölfe fährt, um dort rambomäßig aufzuräumen. Ohne Zweifel würde man einen solchen Versuch sofort als fragwürdige Hetzliteratur einstufen.

Gottschalk scheint jedenfalls aufgrund seiner Integrationsarbeit durchaus zu wissen, daß wesentliche Punkte der konservativen Kritik am Multikulturalismus zutreffen: daß die "Fremdenfeindlichkeit" beiderseitig ist, daß es Gewalt und Rassismus gegen Deutsche gibt, daß die deutsche Identitätschwäche wehrlos macht.  Dinge, die immerhin schon in dem hervorragenden TV-Film "Wut" (2006) von Züli Aladag überraschend drastisch thematisiert wurden.

Erinnert fühle ich mich auch an den Film "American History X" mit Edward Norton aus dem Jahr 1999. Dieser provozierte hierzulande zum Teil gereizte Kritiken, weil er den Weg des jungen Protagonisten in die Neonaziszene als Reaktion auf schwarze Bandengewalt zeigte und auch nicht davor zurückschreckte, das Attraktive dieses Milieus effektvoll in Szene zu setzen. "Zuerst verkauft er (der Regisseur Tony Kaye)  Nazi-Gewalt als herrlich heroischen Kraftsport, dann verkauft er die Läuterung des Neonazis als pädagogisch wertvollen Abschluß seiner Wanderjahre," schrieb damals Volker Gunske im Berliner tip. Man kann den am Ende doch sehr ins politisch-korrekte abbiegenden Film auch anders sehen: die Beweggründe des Helden werden deswegen so plausibel gemacht, um nachher umso deutlicher zu demonstrieren "wohin das führt".

Womöglich hatte Wolfgang Gottschalk ähnliche Intentionen, wenn sein Protagonist "der Gesellschaft einen Spiegel vorhält", und der Leser  "schließlich zu dem Punkt" gelangen soll, "an dem er vor sich selbst erschrickt." Ist es denn Gottschalk so ergangen, daß er "vor sich selbst erschrocken" ist, als er so manchen Sezession-Artikel über den "Vorbürgerkrieg" womöglich mit Zustimmung gelesen hat? Dann wäre "Bauchschmerzen" vielleicht auch so etwas wie ein Abwehrmanöver in eigener Sache, eine Gewissensversicherung, und auch etwas gezielte Diffamierung, um am Ende den Deckel wieder auf Topf zu pressen. Der Massenmord wäre dann ein Schreck- um Bannbild, um logische Schlußfolgerungen wieder wegzuwischen, um die "nachvollziehbaren" Gedankengänge im Nachhinein als unethisch erscheinen zu lassen.

Indessen zeigt sich immer wieder, daß sich künstlerische Ambivalenz gemäß ihrer Natur nicht widerspruchsfrei auflösen läßt. Ein anderer Film mit Edward Norton aus demselben Jahr, "Fight Club" sprach mit seiner radikalen Konsumkritik und seinem Zivilisationsekel einer ganzen Generation aus der Seele, nur um in einer plötzlichen Kehrtwendung den Protagonisten als schizoiden Psychotiker vorzuführen. Mit diesem Handlungsdreh war die message von "Fight Club" jedoch keineswegs erledigt, und der Streifen wurde ebenso zum Kultfilm wie "American History X".

Ein gewisser metaphorischerRealismus steckt freilich in Gottschalks Konzeption: extreme Zustände rufen extreme Reaktionen hervor, und jeder Psychopathie liegt eine massive Störung der eigenen Identität zugrunde. Identität ist nichts weniger als eine Frage auf Leben und Tod. Nun soll man aber achtgeben, nicht wieder die Barometer mit dem Sturm zu verwechseln.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (23)

A. E. Neumann
9. Juni 2009 23:30

Es wundert niemanden, daß derart viele Linke ein unheilbar gutes Gewissen besitzen. Die Verantwortung wurde anonymisiert oder zum Staat oder der Gesellschaft delegiert. Stets sind die Anderen schuld.
Analogie liefert der aktuelle Bezug. Die achso gefährlichen Killerspiele, die vermeintlich den entscheidenden Impuls für Amokläufer lieferten - den Gedanken zur Tat werden ließen.
Das Beispiel ist ja ganz nett. Und gewiß mag es den Einen oder Anderen, der sich mit solchen Gedanken trägt, geben. Sezession und JF als entscheidenden Impulsgeber zu betrachten ist aber mehr als überzogen (oder sind auf der Rechten die Argumente schlicht die treffenderen und der Entschluß zur Tat nachvollziehbarer; da steckt eine Menge Ironie drin). Wäre nur aufregender Stoff für eine gute Story vonnöten gewesen, so hätte man doch durchaus in der Linken Szene wildern können. Schließlich passiert dort ganz konkret mit Brandsatzwurf und Chemiegranatenangriff wirklich Handfestes auf das man Bezug nehmen könnte. Ach ich vergaß: Da handelt es sich ja um Polizisten ("Und natürlich kann geschossen werden", in alter Tradition und mit klammheimlicher bis ostentativer Freude) und nicht um Türken.

Rudolf
9. Juni 2009 23:32

Als ich den Artikel von GK gelesen hatte, war ich zunächst sehr überrascht:
Warum wird der Autor eines solchen Buches nicht förmlich gelyncht?
Nun mit diesen Zusatzinformationen wird klar, warum.
Nachdem ich nach dem Buch gegoogelt hatte, stieß ich auf einen Kommentar eines Lesers zum Buch.
Dieser hat aus linker Sicht just dies beschrieben, was Lichtmesz hier vermutet:
Zunächst soll der Leser sich mit dem Täter und seinem rechten Gedankengut identifizieren, um sich später umso heftiger und umso grundlegender von Junge Freiheit, sezession und Co zu distanzieren.
Meine Erwartung an das Buch, so ich es den lesen würde, ist, ein etwas intelligenteres Lehrstück gegen (ebenfalls etwas intelligentere) "Rechte" vorzufinden.
Kaufen werde ich mir das Buch aber nicht, da ich von Integrations-engagierten Lehrern bis auf Weiteres genug habe.

A. E. Neumann
9. Juni 2009 23:59

Die Scheinheiligkeit und das Messen mit zweierlei Maß ist für mich inzwischen der Indikator für den typischen Linken geworden. Da drängt sich mir der Fall des "Lebkuchenmesserattentäters" vom 13. Dezember auf. Um den Polizisten Patrick G. den es in Berlin-Charlottenburg weit härter getroffen hat, scherten sich weit weniger Leute. Problematisch war natürlich: Es handelte sich beim Täter nicht um einen imaginierten Rechten, sondern um einen realexistierenden Türken.
Der Mensch als Masse scheint nur durch Schmerz zu lernen. Da scheint es schon wahrscheinlicher, das deutsche Kiezbewohner, die "dort" nicht rauskamen, amoklaufen. Andererseits gibt es natürlich eine ausgeprägte linke Szene, der ganz offen zum Umsturz aufgerufen wird. Diese Szene ist viel ausgeprägter und organisierter. Vielleicht ist man sie einfach gewohnt. Sie gelten wohl daher als zuverlässig dilettantisch und man traut ihnen große Gewaltverbrechen nicht zu. Man hat sich wohl offenbar Gespinste aufgebaut mit denen die Phantasie durchgeht. In der Phantasie ist schließlich Alles möglich. Da platzen sogar die Kofferbomben. Bei "Bauchschmerzen" wird dem Anschein nach mit dem Phantom vom brandgefährlichen Rechten, welches durch die veröffentlichte Meinung über Jahre hin künstlich aufgebaut wurde, gespielt; auch weil es anscheinend eine Herzenssache des Autors ist.
Da wünsche ich doch den Linken unter den Lesern, die an diese Zerrbilder glauben, viel Spaß beim gruseln und Allen eine gute Nacht!

Toni Roidl
10. Juni 2009 09:34

Sezession und JF in so einen Handlungsrahmen einzubauen, ist schon eine grobe Geschmacklosigkeit und ein mieses Foul. Trotzdem kann man nur hoffen, dass möglichst viele Schüler mit diesem Buch malträtiert werden, denn das macht Sez und JF nur bekannter und interessanter. Und viele werden staunen, dass man beim Lesen gar nicht zum Killer wird.

Götz Kubitschek
10. Juni 2009 09:39

Kleine Ergänzung: Ich halte den Namen des Verfassers für ein geschickt gewähltes Pseudonym. Es gibt einen Wolfgang Gottschalk, der in einem Knast-Projekt tätig ist, aber er ist weder Abonnent, noch Kunde. Auf die Anfrage nach seiner Autorschaft hat er bisher nicht geantwortet.
Und ein zweites: Lichtmesz' These vom German History X wird durch die Ähnlichkeit des Täters auf dem Buchcover mit dem auf dem Filmbild bestätigt.

Martin
10. Juni 2009 11:17

Ich hab das genannte Buch auch noch nicht gelesen.

Wie zuvor schon genannt, ist die Methode, den Rezipienten "bei der Hand" zu nehmen, ihn durch einen Weg gehen zu lassen, bei dem er vielfach seine Zustimmung erteilen wird, um ihn dann am Ende angesichts eines abscheulichen Vorfalls/Verbrechens (der/was hier bereits am Anfang genannt wird, was aber nichts an der Methode ändert) zum Nachdenken (oder besser: zum Ablehnen) über seine zuvor gegebenen Zustimmungen zu bringen, nichts Neues - und genial ist es auch nicht, da es einfach auf der uns deutschen nur zu gut bekannten Methode der Denunziation von Ideen, Meinungen und Weltanschauungen nach dem jedem Kind geläufigen Spruch "Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe" basiert. Also ob jedes schlimme Ende immer "zwanggsläufig" aus den Anfängen herrührt - aber das wäre eine andere Diskussion ...

Als weitere Beispiele für dieses Vorgehen fallen mir noch die Filme "Mann beißt Hund" (nur genial in Originalsprache - die deutsche Synchronisation ist, wie so oft, absolut ungelungen) und "Muxmäuschenstill" ein.

Da so etwas aber auch durchaus sehr unterhaltsam sein kann (alle genannten Filme, auch der History X Film, sind dies aus meiner Sicht), werde ich mir dieses Buch wohl zulegen ... schlechter als das "rechte Aufklärungsbuch über die linken" "Das bleiche Herz der Revolution", bei welchem man angesichts des pentranten Nöl-Tons schon hart im Nehmen sein muss, kanns kaum sein ...

Harry
10. Juni 2009 11:59

Die Wertung des Autors oder der Filmemacher sieht man m.E. nicht an dem Ergebnis (also z.B. an einem Mord an 5 Menschen) der Auseinandersetzung einer Figur mit einem Thema. Sondern in der Entwicklung, die dahin geführt hat. Ist die Figur ein oder gar der einzige Sympathieträger? Werden seine Beweggründe glaubhaft dargestellt? Ist eine Gewalttat die Folge der Beeinflussung durch Ideen oder Folge der Reaktion des Systems auf ebendiese? Sind die Opfer "unschuldig" oder trifft es "die Richtigen"?

Beispielhaft ist hier die Figur des Mauritz aus Tellkamps "Eisvogel" zu nennen. Man versteht, was ihn antreibt (u.a. der Mord von Linksextremisten an seinen Eltern). Auch seine Taten sind verständlich, seine Mittel zumindest nicht grob unverhältnismäßig. In der U-Bahn-Szene zeigt er, dass er kein Nazi ist, sondern ein Faschist, der es ernst meint - und man mag ihn gerade deshalb.

Erkennbar ist das gleiche Muster der Wertung durch die Schöpfer bei den meisten der bundesrepublikanischen RAF-Filme (etwa Hauffs "Stammheim", Schlöndorffs Peinlichkeiten und natürlich Eichingers Machwerk) - hier wurde versucht, Heldenikonen und Martyrer zu schaffen, Kämpfer gegen das repressive faschistoide System... Bauchschmerzen bekommt man hier vor allem, weil Kriminelle, die TATSÄCHLICH gemordet haben, und die auch nicht die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt haben, heroisiert werden.

Anders bei American X. Hier sind Ethik und Moral erkennbar nicht bei den extremistischen Gewalttätern (auch nicht bei den Farbigen). Trotzdem entfaltet der Film, genau wie "Romper Stomper", aufgrund seiner kraftvollen Inszenierung und wegen seine Ästhetik eine nicht beabsichtigte Wirkung (wer kennt nicht dieses wunderbare schwarz-weiß-rote Filmplakat, auf dem Edward Norton seine rechte Hand auf sein auf die Brust tätowiertes Hakenkreuz legt). Es fällt leicht, die Ratio durch den Rausch der Bilder und durch den Heroismus der Tat zu verdrängen (zumindest für junge Männer).

Es ist eben auch die Eigengesetzlichkeit gerade von Filmen (aber auch von handlungsorientierten Büchern), welche bestimmte Muster erforderlich machen. Die Inszenierung soll ja dramatisch und ansprechend sein, es soll ja etwas "passieren"... und gleichzeitig dialektisch der Inhalt / die Botschaft vermittelt werden.

Finchers und Palahniuks "Fight Club" lösen dies dergestalt, indem sie dem Zuschauer die Entscheidung überlassen, welchen Ausweg es aus der Dekadenz gibt. Die Entscheidung zwischen einem anarchischen (verkörpert durch Brad Pitt und zeitweise durch Edward Norton) und einem konservativen (verkörpert im Schlussbild durch das Paar Edward Norton und -schmacht- HB Carter) Weg; die - sehr gelungen! - in einer tatsächlichen Person vereint (eben Edward Norton) als alternative Lebensentwürfe bestehen. Und die bereits in dem völlig orientierungslosen und gelangweilten Edward Norton zu Beginn des Films schlummern.

Das Werk hinterläßt sehr subversive Fragen, gerade durch die Auflösung. Muss das inhaltsleere materialistische Konsumsystem des Westens erst in seinen Grundfesten - hier: das Finanzsystem - erschüttert werden, bevor man wieder Dinge aufbauen kann, deren Erhaltung sich lohnt? Führt also nur ein anarchischer Pfad aus dem modernen Urwald hinaus und dann womöglich zu einer besseren (konservativen) Zukunft? Ist es also nicht mehr möglich, den Urwald selbst zu kultivieren?

Solche Fragen hinterlassen bei mir sehr nachhaltige Bauchschmerzen und die Gewissheit, dass die Erkenntnis noch fern ist.

Zum Ausgangspunkt: Wo Gottschalks "Bauchschmerzen" einzuordnen sind - ob als geschicktes Marketing mit einem heißen Thema, als ernsthafte Analyse, als linke Selbstreflexion - kann nur nach der Lektüre beurteilt werden. Dazu reizt mich persönlich das Buch aber zu wenig. Mal sehen, ob es in einem Jahr noch jemand interessiert.

Interessant finde ich es nur insofern, dass JF und Sezession Thema einer - wenn ich an Götz Kubitscheks Ausführungen denke - offenkundig konstruktiven Reflexion werden (wenn auch mit Gewalttaten als Zugabe). Aber immerhin.

Martin Lichtmesz
10. Juni 2009 13:05

Fiktionale Werke (Filme und Romane) die auf Ambivalenzen setzen, bleiben in der Regel nachhaltiger hängen als simple Lehrstücke oder Pamphlete. Sie haben mehr Widerhaken. Eindeutigkeit ist unverfänglicher. Es ist gerade die Vieldeutigkeit von "Fight Club", die seinen dauerhaften Appeal ausmacht.

Auch bei "American History X" erinnert man sich kaum jemand an die "pädagogischen" Szenen, aber jeder, an Nortons Verhaftung auf der Straße mit dem nackten, durchtrainierten Oberkörper, den Basketballkampf gegen die Schwarzen etc.

Dr. Harald Hirschmann
10. Juni 2009 15:23

Keiner hat das Buch gelesen ?!!!
Ich hoffe nur, dass ihr - alle ducheinander - wisst, wovon ihr redet.

Harki
10. Juni 2009 15:29

Keiner hat das Buch gelesen ?!!!
Ich hoffe nur, dass ihr – alle ducheinander – wisst, wovon ihr redet.

Hu, auf Amazon hat's einer gelesen und rezensiert. Und zwar offensichtlich der Autor selbst -- oder einer, der ihm schaden will. ;-)

Dr. Harald Hirschmann
10. Juni 2009 15:30

Lasst den Doktor weg, wenn er euch stört. Davon wird die Diskusion nicht ernsthafter.

Frau P.
10. Juni 2009 15:38

Wollen wir doch mal vom Buch absehen, da nicht gelesen, und zum Thema desselben etwas einwerfen:

Wundert die These hier jemanden? Mich nicht.

Ich finde sie auch überhaupt nicht frei erfunden oder haltlos. Nach der Beschreibung des Buches zu urteilen, wird es zwar sehr überspitzt dargestellt, aber das Phänomen von fehlgeleitetem Aufgreifen von Gedankengut ist Tatsache.

An anderer Stelle wurde Röhls Bedeutung für linke Radikale erwähnt. Welcher Zacken bricht einem denn aus der Krone, zuzugeben daß es solche Typen auch rechts gibt?

Immerhin haben wir es auch mit einer Zeit zu tun, in der a.) mieses Verhalten sich aufgrund viel zu später Sanktionierung gut auswachsen kann, es b.) sehr viele gefährlich perspektivlose junge Menschen gibt deren Belange von der Politik vom Tisch gefegt werden und die c.) unübersichtlichere Verhältnisse bietet als je zuvor.

Wer nun versucht, in dieser Zeit Benennung, Einordnung und vielleicht auch Lösungen zu leisten, muß zwangsläufig auf einem verhältnismäßig hohen Niveau denken und begrifflich sauber arbeiten können. Und was dann bei jungen Menschen mit viel Energie, wenig Bildung und mangelhafter Persönlichkeitsbildung davon hängen bleibt, kann man sich denken. Die Differenzierung jedenfalls kaum.

Es scheint mir überhaupt eine gewisse Lebenslüge aller Flügel zu sein, man habe mit "sowas" nichts zu tun. Man wird immer ein gewisses Publikumspotential in jenen Gruppen vorfinden, die am dringendsten nach Antworten suchen, die am hungrigsten sind, endlich gehört zu werden. Oder um im Jargon zu bleiben: GERADE die, die unbedingt wollen daß die Welt eben DOCH aufgeht, sind im Troß mit dabei.

Und wenn der Troß plündern geht, sollte der Stab wissen daß das auch auf ihn zurück fällt.

Martin Lichtmesz
10. Juni 2009 16:03

Ich bin auf diesen Skandalroman aufmerksam geworden, als ich gelesen habe, dass der Autor sowohl von Rechtsradikalen als auch von Linksradikalen wegen seines Buches bedroht wird.

Klingt in der Tat schwer nach Propaganda! ^^

Harki
10. Juni 2009 16:11

Klingt in der Tat schwer nach Propaganda! ^^

Hähä, allerdings.

Zum Thema "gefakte Amazon-Rezensionen" hier ein Link, ist schon ein paar Monate alt. Der Witz ist eben: Es gibt in der Tat auch von der Konkurrenz gefakte Jubelrezensionen, von denen der Leser denken soll: "Ahhh, das war der Verlag selbst! Wie plump und doof!" Nur war's dann eben gar nicht der Verlag, sondern ein anderer; und plump war's auch nicht, der Leser, der das denkt, ist eben drauf reingefallen.

Ich glaube aber nicht, daß das hier so subtil zu deuten ist, und würde einfach sagen: ziemlich platte Eigenwerbung.

Rudolf
10. Juni 2009 16:44

Ich glaube aber nicht, daß das hier so subtil zu deuten ist, und würde einfach sagen: ziemlich platte Eigenwerbung.

Ebenfalls für Eigenwerbung spricht das Datum:
Das Buch ist am 14. Mai bei dem Verlag erschienen, am 17.5. erscheint bereits die huldvolle Rezension eines Lesers, der außer dieser keine Rezensionen verfasst hat.

Timotheus
10. Juni 2009 17:15

Ist ja auch ein stimmiges Bild, wie die Skinhead-Fraktion mit ner Kiste Sternburg auf dem Marktplatz herumlungert, Passanten anpöbelt, Störkraft aus dem Ghettoblaster ertönt und man eben ganz selbstverständlich sowas wie Sezession oder JF liest. Das ist die Realität, willkommen hier!

Martin
10. Juni 2009 17:52

Das Buch Herrn Kubitschek zu senden, der es hier "bloggt", was mit dazu führt, dass so Leute wie ich es kaufen werden (Das Buch hört sich nach ner guten Story an - mal sehn, ob es literarisch gut geschrieben ist, den leider wird so manch gute Buch-Idee ziemlich mies umgesetzt ...), erfüllt doch auch seinen Werbezweck, oder ?

Und bei 9,90 € landet sowas bei mir im Altpapier, wenns nichts taugt ...

Corvusacerbus
10. Juni 2009 18:41

Sezession und JF sollten es nicht auf die leichte Schulter nehmen, daß es eine neue Quelle gibt, nämlich den Roman Bauschmerzen, der im Kampf gegen Rechts instrumentalisiert werden kann und werden wird, nach dem Muster: "Noch ist es Fiktion, aber der Schoß ist fruchtbar und irgendwann kricht es auch tatsächlich daraus hervor...". Dieser Kampf gegen Rechts wird immer mehr zu einer Art innenpolitischem Kulturkampf nach meinem Eindruck, der sich in unzähligen Maßnahmen und Projekten gesellschaftlich durchsetzt, wodurch das Antideutsche mehr und mehr zum Normalfall in der Mitte der Gesellschaft wird und nicht mehr das Element eines sektiererischen Teils der Antifa-Linken ist. Man denke an die geplante Umbenennung einer Straße in Berlin als Ausdruck des kulturellen Kampfes gegen den weißen Imperialismus, die Idee von Frau Zypries, im Grundgesetz das deutsche Volk als Souverän zu eliminieren, die Diskussionen der Jusos (das sind die Zypries' von morgen!), Fahne, Volk und Vaterland als prinzipiell verdächtig zu ächten und aus der Öffentlichkeit zu drängen (wird Theo Zwanziger, nachdem MV das Singen der Hymne durch die Nationalspieler durchgesetzt hat, das Singen erst unter Verdacht stellen und dann verbieten?) und und und. Es ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, wenn Sezession und JF - bei allen in den letzten Monaten erkennbaren Differenzen, hier sitzen sie immer noch in einem Boot, oder? - unter Druck gesetzt werden. Dabei ist besagten Buch ästhetisch sicher eher ein Anlaß für achselzuckende Gelassenheit - das Buch versendet sich, da bin ich sicher - aber politisch ist es als Vorzeichen ernst zu nehmen, daß Gefahr im Verzug ist: Man will Euch was ans Zeug flicken in Schnellroda, das ist mein Eindruck!

Corvusacerbus
10. Juni 2009 18:48

Übrigens, ich mißbrauche hier mal die Kommentarfunktion für einen guten Zweck: Da im Moment Habermas, der Erfinder des Wahrheitskriteriums Diskurs, in allen Gazetten und Foren hoch und runter rezensiert und gelobt wird, und Kubitschek selbstkritisch in seinem Anschreiben mit der Druck-Sezession angemerkt hat, man habe ihn zu gut wegkommen lassen in der vorigen Ausgabe, hier ein Hinweis auf den Radioessay "Des Kaisers neue Kleider - Keine Hommage" von Sibylle Tönnis im DLF am vergangen Sonntag, 09.30 Uhr. Das Manuskript kann man sich bestellen beim DLF und das kann ich nur jedem empfehlen zu tun, dem dieser Großguru auch seit Jahren und Jahrzehnten auf den Geist geht mit seinen immerwährenden Wichtigtuereien und Selbstbezügen. Tönnies nimmt ihn gekonnt auseinander - der Titel des Essays ist Programm!!! - ohne Respekt vor Fürstenthronen. Das war ein Radioerlebnis am Sonntagvormittag, liebe Leute (der DLF ist überhaupt eine gute Adresse für rechts-kritische Menschen. nicht nur wenn Jürgen Liminski moderiert).

Hamburger Michel
11. Juni 2009 07:40

@Corvusacerbus:

Besten Dank für den den Habermashinweis! Das Manuskript muß aber nicht umständlich bestellt werden, da der Essay mittlerweile online zu lesen und auch zu hören ist:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/977693/

Lohnt absolut!

Tiberius
11. Juni 2009 15:17

@Convusacerbus

Alle Achtung einer der zutreffendsten Kommentare die ich hier gelesen habe.

Ich möchte wetten, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist bis sich Sezession und JF als publizistisches Äquivalent des Killerspiels wiederfinden.

Quo vadis, Wahrnehmungselite ?

Turm König
7. Juli 2009 22:47

"Wenn in unserer Gesellschaft jeder, der mit seinem gesunden Menschenverstand die linken Lügen und Ideologien durchschaut... Wenn jeder, der etwas sagt, gleich zum gefährlichen Rechtsextremisten erklärt wird - dann muss sich auch niemand wundern, wenn hin und wieder tatsächlich einer dazu wird", sagt der Mörder bzw. selbernannte Märtyrer auf Seite 205 des Buches.

Meint Ihr, daß gerade der letzte Aussagesatz die Hauptbotschaft des Autors sein könnte? Ist der "Initiator zahlreicher Jugendprojekte für Integration und gegen Fremdenfeindlichkeit" womöglich ein Mitkämpfer für mehr Gedanken-, Meinungs- und Gesinnungsfreiheit in der gegenwärtigen BRD?
Wenn dem so wäre, dann müßte man seine Verweise auf Carl Schmitt, Ernst Jünger, Armin Mohler [u. a.] oder auf die JUNGE FREIHEIT und das Institut für Staatspolitk völlig anders interpretieren - nämlich als Ansporn für potenzielle (links-)liberale und 'unpolitsche' Leser, sich mit großen rechten Denkern fernab der herrschenden Hauptstromlinie zu beschäftigen und anhand ihrer Theorien neue Antworten auf heutige Fragen zu finden.
Oder bin ich zu gutgläubig?

Faschist
7. Februar 2012 15:25

Auch wenn dieses Thema nun schon lange, lange erledigt ist, so wurde das wesentlich nicht gesagt. Deshalb mach ich das jetzt:

1. Das Buch ist sehr gut. Unbedingt Lesen. Ich meine, es ist kein Nietzsche o.a., aber es ist gut.

2. Das Buch hat nie im Leben so ein verkackter Linker geschrieben. Never ever. Der Nazi hat durchgehend argumetatives Oberwasser, der Gefängnispfarrer kann nur hilflos Platitüden stammeln.

3. Das Buch ist als Augenöffner IDEAL! Gerade weil es von einem linken Pädagogen verbrochen wurde. ;)
Da ist Nazishield unten.

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