German History X

Ein paar Ergänzungen zu Götz Kubitscheks Eintrag über das Buch "Bauchschmerzen" von Wolfgang Gottschalk. Gelesen habe ich es selbst noch nicht, und kann darum über Inhalt und Intentionen des Autors nur spekulieren. Der Verlag selbst bietet folgenden Klappentext an:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Absto­ßend und zugleich fes­selnd: Ein rechts­ra­di­ka­ler Mör­der erzählt dem Gefäng­nis­pfar­rer sei­ne Geschich­te. Dabei hält er der Gesell­schaft einen Spie­gel vor. Der Leser, der sich zunächst auf die nach­voll­zieh­ba­ren Erfah­run­gen und das hohe Refle­xi­ons­ni­veau des Mör­ders ein­lässt, gelangt schließ­lich zu dem Punkt, an dem er vor sich selbst erschrickt.

Über den Autor erfah­ren wir:

Wolf­gang Gott­schalk ist Leh­rer für Geschich­te und Poli­tik an einem Gym­na­si­um in Nord­deutsch­land. Er ist Initia­tor zahl­rei­cher Jugend­pro­jek­te für Inte­gra­ti­on und gegen Fremdenfeindlichkeit.

Zunächst ein­mal muß ich, die typi­sche Leser­schaft vor Augen, bei der Vor­stel­lung herz­lich lachen, die Lek­tü­re von JF und Sezes­si­on könn­te jeman­den zum psy­cho­pa­thi­schen Mas­sen­mör­der machen. Das ist frei­lich nicht unori­gi­nell und eine inter­es­san­te Wahl von Gott­schalk, daß der Täter sich eher durch neu­rech­te Lek­tü­re scharf­macht als durch Land­ser-Plat­ten. Wor­auf will er aber hinaus?

Ich stel­le mir ein­mal vor, jemand schrie­be einen Roman, in dem ein jun­ger,  nach außen­hin inte­grier­ter Deutsch­tür­ke aus einer rela­tiv assi­mi­lier­ten Fami­lie eine Iden­ti­täts­kri­se erlei­det und, nach­dem er von Skin­heads gepie­sackt wird, der Mil­lî Görüs bei­tritt, ein biß­chen zuviel Hür­ri­y­et, Ste­phan Braun und Blick nach rechts liest, und schließ­lich bewaff­net ins schnell­ro­da­i­sche Tal der Wöl­fe fährt, um dort ram­bo­mä­ßig auf­zu­räu­men. Ohne Zwei­fel wür­de man einen sol­chen Ver­such sofort als frag­wür­di­ge Hetz­li­te­ra­tur einstufen.

Gott­schalk scheint jeden­falls auf­grund sei­ner Inte­gra­ti­ons­ar­beit durch­aus zu wis­sen, daß wesent­li­che Punk­te der kon­ser­va­ti­ven Kri­tik am Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus zutref­fen: daß die “Frem­den­feind­lich­keit” bei­der­sei­tig ist, daß es Gewalt und Ras­sis­mus gegen Deut­sche gibt, daß die deut­sche Iden­ti­tätschwä­che wehr­los macht.  Din­ge, die immer­hin schon in dem her­vor­ra­gen­den TV-Film “Wut” (2006) von Züli Ala­dag über­ra­schend dras­tisch the­ma­ti­siert wurden.

Erin­nert füh­le ich mich auch an den Film “Ame­ri­can Histo­ry X” mit Edward Nor­ton aus dem Jahr 1999. Die­ser pro­vo­zier­te hier­zu­lan­de zum Teil gereiz­te Kri­ti­ken, weil er den Weg des jun­gen Prot­ago­nis­ten in die Neo­na­zi­sze­ne als Reak­ti­on auf schwar­ze Banden­ge­walt zeig­te und auch nicht davor zurück­schreck­te, das Attrak­ti­ve die­ses Milieus effekt­voll in Sze­ne zu set­zen. “Zuerst ver­kauft er (der Regis­seur Tony Kaye)  Nazi-Gewalt als herr­lich heroi­schen Kraft­sport, dann ver­kauft er die Läu­te­rung des Neo­na­zis als päd­ago­gisch wert­vol­len Abschluß sei­ner Wan­der­jah­re,” schrieb damals Vol­ker Gun­ske im Ber­li­ner tip. Man kann den am Ende doch sehr ins poli­tisch-kor­rek­te abbie­gen­den Film auch anders sehen: die Beweg­grün­de des Hel­den wer­den des­we­gen so plau­si­bel gemacht, um nach­her umso deut­li­cher zu demons­trie­ren “wohin das führt”.

Womög­lich hat­te Wolf­gang Gott­schalk ähn­li­che Inten­tio­nen, wenn sein Prot­ago­nist “der Gesell­schaft einen Spie­gel vor­hält”, und der Leser  “schließ­lich zu dem Punkt” gelan­gen soll, “an dem er vor sich selbst erschrickt.” Ist es denn Gott­schalk so ergan­gen, daß er “vor sich selbst erschro­cken” ist, als er so man­chen Sezes­si­on-Arti­kel über den “Vor­bür­ger­krieg” womög­lich mit Zustim­mung gele­sen hat? Dann wäre “Bauch­schmer­zen” viel­leicht auch so etwas wie ein Abwehr­ma­nö­ver in eige­ner Sache, eine Gewis­sens­ver­si­che­rung, und auch etwas geziel­te Dif­fa­mie­rung, um am Ende den Deckel wie­der auf Topf zu pres­sen. Der Mas­sen­mord wäre dann ein Schreck- um Bann­bild, um logi­sche Schluß­fol­ge­run­gen wie­der weg­zu­wi­schen, um die “nach­voll­zieh­ba­ren” Gedan­ken­gän­ge im Nach­hin­ein als unethisch erschei­nen zu lassen.

Indes­sen zeigt sich immer wie­der, daß sich künst­le­ri­sche Ambi­va­lenz gemäß ihrer Natur nicht wider­spruchs­frei auf­lö­sen läßt. Ein ande­rer Film mit Edward Nor­ton aus dem­sel­ben Jahr, “Fight Club” sprach mit sei­ner radi­ka­len Kon­sum­kri­tik und sei­nem Zivi­li­sa­ti­ons­ekel einer gan­zen Genera­ti­on aus der See­le, nur um in einer plötz­li­chen Kehrt­wen­dung den Prot­ago­nis­ten als schi­zo­iden Psy­cho­ti­ker vor­zu­füh­ren. Mit die­sem Hand­lungs­dreh war die mes­sa­ge von “Fight Club” jedoch kei­nes­wegs erle­digt, und der Strei­fen wur­de eben­so zum Kult­film wie “Ame­ri­can Histo­ry X”.

Ein gewis­ser meta­pho­ri­scher­Rea­lis­mus steckt frei­lich in Gott­schalks Kon­zep­ti­on: extre­me Zustän­de rufen extre­me Reak­tio­nen her­vor, und jeder Psy­cho­pa­thie liegt eine mas­si­ve Stö­rung der eige­nen Iden­ti­tät zugrun­de. Iden­ti­tät ist nichts weni­ger als eine Fra­ge auf Leben und Tod. Nun soll man aber acht­ge­ben, nicht wie­der die Baro­me­ter mit dem Sturm zu verwechseln.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (23)

A. E. Neumann

9. Juni 2009 23:30

Es wundert niemanden, daß derart viele Linke ein unheilbar gutes Gewissen besitzen. Die Verantwortung wurde anonymisiert oder zum Staat oder der Gesellschaft delegiert. Stets sind die Anderen schuld.
Analogie liefert der aktuelle Bezug. Die achso gefährlichen Killerspiele, die vermeintlich den entscheidenden Impuls für Amokläufer lieferten - den Gedanken zur Tat werden ließen.
Das Beispiel ist ja ganz nett. Und gewiß mag es den Einen oder Anderen, der sich mit solchen Gedanken trägt, geben. Sezession und JF als entscheidenden Impulsgeber zu betrachten ist aber mehr als überzogen (oder sind auf der Rechten die Argumente schlicht die treffenderen und der Entschluß zur Tat nachvollziehbarer; da steckt eine Menge Ironie drin). Wäre nur aufregender Stoff für eine gute Story vonnöten gewesen, so hätte man doch durchaus in der Linken Szene wildern können. Schließlich passiert dort ganz konkret mit Brandsatzwurf und Chemiegranatenangriff wirklich Handfestes auf das man Bezug nehmen könnte. Ach ich vergaß: Da handelt es sich ja um Polizisten ("Und natürlich kann geschossen werden", in alter Tradition und mit klammheimlicher bis ostentativer Freude) und nicht um Türken.

Rudolf

9. Juni 2009 23:32

Als ich den Artikel von GK gelesen hatte, war ich zunächst sehr überrascht:
Warum wird der Autor eines solchen Buches nicht förmlich gelyncht?
Nun mit diesen Zusatzinformationen wird klar, warum.
Nachdem ich nach dem Buch gegoogelt hatte, stieß ich auf einen Kommentar eines Lesers zum Buch.
Dieser hat aus linker Sicht just dies beschrieben, was Lichtmesz hier vermutet:
Zunächst soll der Leser sich mit dem Täter und seinem rechten Gedankengut identifizieren, um sich später umso heftiger und umso grundlegender von Junge Freiheit, sezession und Co zu distanzieren.
Meine Erwartung an das Buch, so ich es den lesen würde, ist, ein etwas intelligenteres Lehrstück gegen (ebenfalls etwas intelligentere) "Rechte" vorzufinden.
Kaufen werde ich mir das Buch aber nicht, da ich von Integrations-engagierten Lehrern bis auf Weiteres genug habe.

A. E. Neumann

9. Juni 2009 23:59

Die Scheinheiligkeit und das Messen mit zweierlei Maß ist für mich inzwischen der Indikator für den typischen Linken geworden. Da drängt sich mir der Fall des "Lebkuchenmesserattentäters" vom 13. Dezember auf. Um den Polizisten Patrick G. den es in Berlin-Charlottenburg weit härter getroffen hat, scherten sich weit weniger Leute. Problematisch war natürlich: Es handelte sich beim Täter nicht um einen imaginierten Rechten, sondern um einen realexistierenden Türken.
Der Mensch als Masse scheint nur durch Schmerz zu lernen. Da scheint es schon wahrscheinlicher, das deutsche Kiezbewohner, die "dort" nicht rauskamen, amoklaufen. Andererseits gibt es natürlich eine ausgeprägte linke Szene, der ganz offen zum Umsturz aufgerufen wird. Diese Szene ist viel ausgeprägter und organisierter. Vielleicht ist man sie einfach gewohnt. Sie gelten wohl daher als zuverlässig dilettantisch und man traut ihnen große Gewaltverbrechen nicht zu. Man hat sich wohl offenbar Gespinste aufgebaut mit denen die Phantasie durchgeht. In der Phantasie ist schließlich Alles möglich. Da platzen sogar die Kofferbomben. Bei "Bauchschmerzen" wird dem Anschein nach mit dem Phantom vom brandgefährlichen Rechten, welches durch die veröffentlichte Meinung über Jahre hin künstlich aufgebaut wurde, gespielt; auch weil es anscheinend eine Herzenssache des Autors ist.
Da wünsche ich doch den Linken unter den Lesern, die an diese Zerrbilder glauben, viel Spaß beim gruseln und Allen eine gute Nacht!

Toni Roidl

10. Juni 2009 09:34

Sezession und JF in so einen Handlungsrahmen einzubauen, ist schon eine grobe Geschmacklosigkeit und ein mieses Foul. Trotzdem kann man nur hoffen, dass möglichst viele Schüler mit diesem Buch malträtiert werden, denn das macht Sez und JF nur bekannter und interessanter. Und viele werden staunen, dass man beim Lesen gar nicht zum Killer wird.

Götz Kubitschek

10. Juni 2009 09:39

Kleine Ergänzung: Ich halte den Namen des Verfassers für ein geschickt gewähltes Pseudonym. Es gibt einen Wolfgang Gottschalk, der in einem Knast-Projekt tätig ist, aber er ist weder Abonnent, noch Kunde. Auf die Anfrage nach seiner Autorschaft hat er bisher nicht geantwortet.
Und ein zweites: Lichtmesz' These vom German History X wird durch die Ähnlichkeit des Täters auf dem Buchcover mit dem auf dem Filmbild bestätigt.

Martin

10. Juni 2009 11:17

Ich hab das genannte Buch auch noch nicht gelesen.

Wie zuvor schon genannt, ist die Methode, den Rezipienten "bei der Hand" zu nehmen, ihn durch einen Weg gehen zu lassen, bei dem er vielfach seine Zustimmung erteilen wird, um ihn dann am Ende angesichts eines abscheulichen Vorfalls/Verbrechens (der/was hier bereits am Anfang genannt wird, was aber nichts an der Methode ändert) zum Nachdenken (oder besser: zum Ablehnen) über seine zuvor gegebenen Zustimmungen zu bringen, nichts Neues - und genial ist es auch nicht, da es einfach auf der uns deutschen nur zu gut bekannten Methode der Denunziation von Ideen, Meinungen und Weltanschauungen nach dem jedem Kind geläufigen Spruch "Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe" basiert. Also ob jedes schlimme Ende immer "zwanggsläufig" aus den Anfängen herrührt - aber das wäre eine andere Diskussion ...

Als weitere Beispiele für dieses Vorgehen fallen mir noch die Filme "Mann beißt Hund" (nur genial in Originalsprache - die deutsche Synchronisation ist, wie so oft, absolut ungelungen) und "Muxmäuschenstill" ein.

Da so etwas aber auch durchaus sehr unterhaltsam sein kann (alle genannten Filme, auch der History X Film, sind dies aus meiner Sicht), werde ich mir dieses Buch wohl zulegen ... schlechter als das "rechte Aufklärungsbuch über die linken" "Das bleiche Herz der Revolution", bei welchem man angesichts des pentranten Nöl-Tons schon hart im Nehmen sein muss, kanns kaum sein ...

Harry

10. Juni 2009 11:59

Die Wertung des Autors oder der Filmemacher sieht man m.E. nicht an dem Ergebnis (also z.B. an einem Mord an 5 Menschen) der Auseinandersetzung einer Figur mit einem Thema. Sondern in der Entwicklung, die dahin geführt hat. Ist die Figur ein oder gar der einzige Sympathieträger? Werden seine Beweggründe glaubhaft dargestellt? Ist eine Gewalttat die Folge der Beeinflussung durch Ideen oder Folge der Reaktion des Systems auf ebendiese? Sind die Opfer "unschuldig" oder trifft es "die Richtigen"?

Beispielhaft ist hier die Figur des Mauritz aus Tellkamps "Eisvogel" zu nennen. Man versteht, was ihn antreibt (u.a. der Mord von Linksextremisten an seinen Eltern). Auch seine Taten sind verständlich, seine Mittel zumindest nicht grob unverhältnismäßig. In der U-Bahn-Szene zeigt er, dass er kein Nazi ist, sondern ein Faschist, der es ernst meint - und man mag ihn gerade deshalb.

Erkennbar ist das gleiche Muster der Wertung durch die Schöpfer bei den meisten der bundesrepublikanischen RAF-Filme (etwa Hauffs "Stammheim", Schlöndorffs Peinlichkeiten und natürlich Eichingers Machwerk) - hier wurde versucht, Heldenikonen und Martyrer zu schaffen, Kämpfer gegen das repressive faschistoide System... Bauchschmerzen bekommt man hier vor allem, weil Kriminelle, die TATSÄCHLICH gemordet haben, und die auch nicht die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt haben, heroisiert werden.

Anders bei American X. Hier sind Ethik und Moral erkennbar nicht bei den extremistischen Gewalttätern (auch nicht bei den Farbigen). Trotzdem entfaltet der Film, genau wie "Romper Stomper", aufgrund seiner kraftvollen Inszenierung und wegen seine Ästhetik eine nicht beabsichtigte Wirkung (wer kennt nicht dieses wunderbare schwarz-weiß-rote Filmplakat, auf dem Edward Norton seine rechte Hand auf sein auf die Brust tätowiertes Hakenkreuz legt). Es fällt leicht, die Ratio durch den Rausch der Bilder und durch den Heroismus der Tat zu verdrängen (zumindest für junge Männer).

Es ist eben auch die Eigengesetzlichkeit gerade von Filmen (aber auch von handlungsorientierten Büchern), welche bestimmte Muster erforderlich machen. Die Inszenierung soll ja dramatisch und ansprechend sein, es soll ja etwas "passieren"... und gleichzeitig dialektisch der Inhalt / die Botschaft vermittelt werden.

Finchers und Palahniuks "Fight Club" lösen dies dergestalt, indem sie dem Zuschauer die Entscheidung überlassen, welchen Ausweg es aus der Dekadenz gibt. Die Entscheidung zwischen einem anarchischen (verkörpert durch Brad Pitt und zeitweise durch Edward Norton) und einem konservativen (verkörpert im Schlussbild durch das Paar Edward Norton und -schmacht- HB Carter) Weg; die - sehr gelungen! - in einer tatsächlichen Person vereint (eben Edward Norton) als alternative Lebensentwürfe bestehen. Und die bereits in dem völlig orientierungslosen und gelangweilten Edward Norton zu Beginn des Films schlummern.

Das Werk hinterläßt sehr subversive Fragen, gerade durch die Auflösung. Muss das inhaltsleere materialistische Konsumsystem des Westens erst in seinen Grundfesten - hier: das Finanzsystem - erschüttert werden, bevor man wieder Dinge aufbauen kann, deren Erhaltung sich lohnt? Führt also nur ein anarchischer Pfad aus dem modernen Urwald hinaus und dann womöglich zu einer besseren (konservativen) Zukunft? Ist es also nicht mehr möglich, den Urwald selbst zu kultivieren?

Solche Fragen hinterlassen bei mir sehr nachhaltige Bauchschmerzen und die Gewissheit, dass die Erkenntnis noch fern ist.

Zum Ausgangspunkt: Wo Gottschalks "Bauchschmerzen" einzuordnen sind - ob als geschicktes Marketing mit einem heißen Thema, als ernsthafte Analyse, als linke Selbstreflexion - kann nur nach der Lektüre beurteilt werden. Dazu reizt mich persönlich das Buch aber zu wenig. Mal sehen, ob es in einem Jahr noch jemand interessiert.

Interessant finde ich es nur insofern, dass JF und Sezession Thema einer - wenn ich an Götz Kubitscheks Ausführungen denke - offenkundig konstruktiven Reflexion werden (wenn auch mit Gewalttaten als Zugabe). Aber immerhin.

Martin Lichtmesz

10. Juni 2009 13:05

Fiktionale Werke (Filme und Romane) die auf Ambivalenzen setzen, bleiben in der Regel nachhaltiger hängen als simple Lehrstücke oder Pamphlete. Sie haben mehr Widerhaken. Eindeutigkeit ist unverfänglicher. Es ist gerade die Vieldeutigkeit von "Fight Club", die seinen dauerhaften Appeal ausmacht.

Auch bei "American History X" erinnert man sich kaum jemand an die "pädagogischen" Szenen, aber jeder, an Nortons Verhaftung auf der Straße mit dem nackten, durchtrainierten Oberkörper, den Basketballkampf gegen die Schwarzen etc.

Dr. Harald Hirschmann

10. Juni 2009 15:23

Keiner hat das Buch gelesen ?!!!
Ich hoffe nur, dass ihr - alle ducheinander - wisst, wovon ihr redet.

Harki

10. Juni 2009 15:29

Keiner hat das Buch gelesen ?!!!
Ich hoffe nur, dass ihr – alle ducheinander – wisst, wovon ihr redet.

Hu, auf Amazon hat's einer gelesen und rezensiert. Und zwar offensichtlich der Autor selbst -- oder einer, der ihm schaden will. ;-)

Dr. Harald Hirschmann

10. Juni 2009 15:30

Lasst den Doktor weg, wenn er euch stört. Davon wird die Diskusion nicht ernsthafter.

Frau P.

10. Juni 2009 15:38

Wollen wir doch mal vom Buch absehen, da nicht gelesen, und zum Thema desselben etwas einwerfen:

Wundert die These hier jemanden? Mich nicht.

Ich finde sie auch überhaupt nicht frei erfunden oder haltlos. Nach der Beschreibung des Buches zu urteilen, wird es zwar sehr überspitzt dargestellt, aber das Phänomen von fehlgeleitetem Aufgreifen von Gedankengut ist Tatsache.

An anderer Stelle wurde Röhls Bedeutung für linke Radikale erwähnt. Welcher Zacken bricht einem denn aus der Krone, zuzugeben daß es solche Typen auch rechts gibt?

Immerhin haben wir es auch mit einer Zeit zu tun, in der a.) mieses Verhalten sich aufgrund viel zu später Sanktionierung gut auswachsen kann, es b.) sehr viele gefährlich perspektivlose junge Menschen gibt deren Belange von der Politik vom Tisch gefegt werden und die c.) unübersichtlichere Verhältnisse bietet als je zuvor.

Wer nun versucht, in dieser Zeit Benennung, Einordnung und vielleicht auch Lösungen zu leisten, muß zwangsläufig auf einem verhältnismäßig hohen Niveau denken und begrifflich sauber arbeiten können. Und was dann bei jungen Menschen mit viel Energie, wenig Bildung und mangelhafter Persönlichkeitsbildung davon hängen bleibt, kann man sich denken. Die Differenzierung jedenfalls kaum.

Es scheint mir überhaupt eine gewisse Lebenslüge aller Flügel zu sein, man habe mit "sowas" nichts zu tun. Man wird immer ein gewisses Publikumspotential in jenen Gruppen vorfinden, die am dringendsten nach Antworten suchen, die am hungrigsten sind, endlich gehört zu werden. Oder um im Jargon zu bleiben: GERADE die, die unbedingt wollen daß die Welt eben DOCH aufgeht, sind im Troß mit dabei.

Und wenn der Troß plündern geht, sollte der Stab wissen daß das auch auf ihn zurück fällt.

Martin Lichtmesz

10. Juni 2009 16:03

Ich bin auf diesen Skandalroman aufmerksam geworden, als ich gelesen habe, dass der Autor sowohl von Rechtsradikalen als auch von Linksradikalen wegen seines Buches bedroht wird.

Klingt in der Tat schwer nach Propaganda! ^^

Harki

10. Juni 2009 16:11

Klingt in der Tat schwer nach Propaganda! ^^

Hähä, allerdings.

Zum Thema "gefakte Amazon-Rezensionen" hier ein Link, ist schon ein paar Monate alt. Der Witz ist eben: Es gibt in der Tat auch von der Konkurrenz gefakte Jubelrezensionen, von denen der Leser denken soll: "Ahhh, das war der Verlag selbst! Wie plump und doof!" Nur war's dann eben gar nicht der Verlag, sondern ein anderer; und plump war's auch nicht, der Leser, der das denkt, ist eben drauf reingefallen.

Ich glaube aber nicht, daß das hier so subtil zu deuten ist, und würde einfach sagen: ziemlich platte Eigenwerbung.

Rudolf

10. Juni 2009 16:44

Ich glaube aber nicht, daß das hier so subtil zu deuten ist, und würde einfach sagen: ziemlich platte Eigenwerbung.

Ebenfalls für Eigenwerbung spricht das Datum:
Das Buch ist am 14. Mai bei dem Verlag erschienen, am 17.5. erscheint bereits die huldvolle Rezension eines Lesers, der außer dieser keine Rezensionen verfasst hat.

Timotheus

10. Juni 2009 17:15

Ist ja auch ein stimmiges Bild, wie die Skinhead-Fraktion mit ner Kiste Sternburg auf dem Marktplatz herumlungert, Passanten anpöbelt, Störkraft aus dem Ghettoblaster ertönt und man eben ganz selbstverständlich sowas wie Sezession oder JF liest. Das ist die Realität, willkommen hier!

Martin

10. Juni 2009 17:52

Das Buch Herrn Kubitschek zu senden, der es hier "bloggt", was mit dazu führt, dass so Leute wie ich es kaufen werden (Das Buch hört sich nach ner guten Story an - mal sehn, ob es literarisch gut geschrieben ist, den leider wird so manch gute Buch-Idee ziemlich mies umgesetzt ...), erfüllt doch auch seinen Werbezweck, oder ?

Und bei 9,90 € landet sowas bei mir im Altpapier, wenns nichts taugt ...

Corvusacerbus

10. Juni 2009 18:41

Sezession und JF sollten es nicht auf die leichte Schulter nehmen, daß es eine neue Quelle gibt, nämlich den Roman Bauschmerzen, der im Kampf gegen Rechts instrumentalisiert werden kann und werden wird, nach dem Muster: "Noch ist es Fiktion, aber der Schoß ist fruchtbar und irgendwann kricht es auch tatsächlich daraus hervor...". Dieser Kampf gegen Rechts wird immer mehr zu einer Art innenpolitischem Kulturkampf nach meinem Eindruck, der sich in unzähligen Maßnahmen und Projekten gesellschaftlich durchsetzt, wodurch das Antideutsche mehr und mehr zum Normalfall in der Mitte der Gesellschaft wird und nicht mehr das Element eines sektiererischen Teils der Antifa-Linken ist. Man denke an die geplante Umbenennung einer Straße in Berlin als Ausdruck des kulturellen Kampfes gegen den weißen Imperialismus, die Idee von Frau Zypries, im Grundgesetz das deutsche Volk als Souverän zu eliminieren, die Diskussionen der Jusos (das sind die Zypries' von morgen!), Fahne, Volk und Vaterland als prinzipiell verdächtig zu ächten und aus der Öffentlichkeit zu drängen (wird Theo Zwanziger, nachdem MV das Singen der Hymne durch die Nationalspieler durchgesetzt hat, das Singen erst unter Verdacht stellen und dann verbieten?) und und und. Es ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, wenn Sezession und JF - bei allen in den letzten Monaten erkennbaren Differenzen, hier sitzen sie immer noch in einem Boot, oder? - unter Druck gesetzt werden. Dabei ist besagten Buch ästhetisch sicher eher ein Anlaß für achselzuckende Gelassenheit - das Buch versendet sich, da bin ich sicher - aber politisch ist es als Vorzeichen ernst zu nehmen, daß Gefahr im Verzug ist: Man will Euch was ans Zeug flicken in Schnellroda, das ist mein Eindruck!

Corvusacerbus

10. Juni 2009 18:48

Übrigens, ich mißbrauche hier mal die Kommentarfunktion für einen guten Zweck: Da im Moment Habermas, der Erfinder des Wahrheitskriteriums Diskurs, in allen Gazetten und Foren hoch und runter rezensiert und gelobt wird, und Kubitschek selbstkritisch in seinem Anschreiben mit der Druck-Sezession angemerkt hat, man habe ihn zu gut wegkommen lassen in der vorigen Ausgabe, hier ein Hinweis auf den Radioessay "Des Kaisers neue Kleider - Keine Hommage" von Sibylle Tönnis im DLF am vergangen Sonntag, 09.30 Uhr. Das Manuskript kann man sich bestellen beim DLF und das kann ich nur jedem empfehlen zu tun, dem dieser Großguru auch seit Jahren und Jahrzehnten auf den Geist geht mit seinen immerwährenden Wichtigtuereien und Selbstbezügen. Tönnies nimmt ihn gekonnt auseinander - der Titel des Essays ist Programm!!! - ohne Respekt vor Fürstenthronen. Das war ein Radioerlebnis am Sonntagvormittag, liebe Leute (der DLF ist überhaupt eine gute Adresse für rechts-kritische Menschen. nicht nur wenn Jürgen Liminski moderiert).

Hamburger Michel

11. Juni 2009 07:40

@Corvusacerbus:

Besten Dank für den den Habermashinweis! Das Manuskript muß aber nicht umständlich bestellt werden, da der Essay mittlerweile online zu lesen und auch zu hören ist:

https://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/977693/

Lohnt absolut!

Tiberius

11. Juni 2009 15:17

@Convusacerbus

Alle Achtung einer der zutreffendsten Kommentare die ich hier gelesen habe.

Ich möchte wetten, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist bis sich Sezession und JF als publizistisches Äquivalent des Killerspiels wiederfinden.

Quo vadis, Wahrnehmungselite ?

Turm König

7. Juli 2009 22:47

"Wenn in unserer Gesellschaft jeder, der mit seinem gesunden Menschenverstand die linken Lügen und Ideologien durchschaut... Wenn jeder, der etwas sagt, gleich zum gefährlichen Rechtsextremisten erklärt wird - dann muss sich auch niemand wundern, wenn hin und wieder tatsächlich einer dazu wird", sagt der Mörder bzw. selbernannte Märtyrer auf Seite 205 des Buches.

Meint Ihr, daß gerade der letzte Aussagesatz die Hauptbotschaft des Autors sein könnte? Ist der "Initiator zahlreicher Jugendprojekte für Integration und gegen Fremdenfeindlichkeit" womöglich ein Mitkämpfer für mehr Gedanken-, Meinungs- und Gesinnungsfreiheit in der gegenwärtigen BRD?
Wenn dem so wäre, dann müßte man seine Verweise auf Carl Schmitt, Ernst Jünger, Armin Mohler [u. a.] oder auf die JUNGE FREIHEIT und das Institut für Staatspolitk völlig anders interpretieren - nämlich als Ansporn für potenzielle (links-)liberale und 'unpolitsche' Leser, sich mit großen rechten Denkern fernab der herrschenden Hauptstromlinie zu beschäftigen und anhand ihrer Theorien neue Antworten auf heutige Fragen zu finden.
Oder bin ich zu gutgläubig?

Faschist

7. Februar 2012 15:25

Auch wenn dieses Thema nun schon lange, lange erledigt ist, so wurde das wesentlich nicht gesagt. Deshalb mach ich das jetzt:

1. Das Buch ist sehr gut. Unbedingt Lesen. Ich meine, es ist kein Nietzsche o.a., aber es ist gut.

2. Das Buch hat nie im Leben so ein verkackter Linker geschrieben. Never ever. Der Nazi hat durchgehend argumetatives Oberwasser, der Gefängnispfarrer kann nur hilflos Platitüden stammeln.

3. Das Buch ist als Augenöffner IDEAL! Gerade weil es von einem linken Pädagogen verbrochen wurde. ;)
Da ist Nazishield unten.

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