Sezession
2. Dezember 2013

Jean Raspail: »Unsere Zivilisation verschwindet«

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

Was fühlen Sie angesichts der aktuellen Lage?

Raspail: Wissen Sie, ich habe keine Lust, mich zu der großen Runde der Intellektuellen zu gesellen, die ihre Zeit damit verbringen, über Einwanderung zu diskutieren. Ich habe den Eindruck, daß diese Debatten zu nichts führen. Das Volk weiß im Grunde längst intuitiv Bescheid: daß das Frankreich, das unsere Ahnen in Jahrhunderten formten, im Begriff steht, zu verschwinden. Und daß wir das Publikum in der Galerie damit unterhalten, daß wir ununterbrochen über Einwanderung reden, ohne jemals die letzte Wahrheit zu sagen.

Eine Wahrheit, die noch dazu unsagbar ist, wie schon mein Freund Jean Cau bemerkte, denn wer es wagt, sie auszusprechen, wird auf der Stelle gejagt, verdammt und ausgeschlossen. Richard Millet kam ihr nahe, und Sie sehen ja, was mit ihm passiert ist!

Werden die Franzosen also über die Schwere des Problems getäuscht?

Raspail: Ja. Das fängt schon bei den verantwortlichen Politikern an! Offiziell »läuft alles wunderbar, Frau Gräfin«. Aber hinter verschlossenen Türen geben sie es zu: »Ja, Sie haben recht: es gibt ein echtes Problem.« Ich besitze zu diesem Thema mehrere aufschlußreiche Briefe von linken Politikern, auch einigen rechten, denen ich Das Heerlager der Heiligen zugeschickt habe. »Aber Sie müssen verstehen: wir können das nicht laut sagen …« Diese Leute sprechen mit gespaltener Zunge, haben ein gespaltenes Gewissen. Ich weiß nicht, wie sie das fertigbringen. Ich glaube, daß hier die Quelle der geistigen Verwirrung liegt: das Volk weiß, daß viele Dinge vor ihm geheimgehalten werden. Dutzende Millionen Menschen glauben heute nicht mehr an das offizielle Gerede über Einwanderung. Kein einziger von ihnen glaubt ernsthaft, daß all dies eine »Chance« für Frankreich sei. Denn sie haben ja die alltägliche Wirklichkeit vor Augen. Nun brodeln all diese Ideen in ihren Köpfen, und sie finden keine Ausdrucksmöglichkeit.

Sie glauben nicht daran, daß die in Frankreich aufgenommenen Ausländer assimiliert werden können?

Raspail: Nein. Das Integrationsmodell funktioniert nicht. Selbst wenn noch mehr illegale Einwanderer abgeschoben werden, und wir es schaffen sollten, die Ausländer etwas erfolgreicher zu integrieren, als das jetzt der Fall ist, wird ihre Zahl nicht aufhören zu wachsen, und damit wird sich nichts an dem grundlegenden Problem ändern: die fortschreitende Invasion Frankreichs und Europas durch Massen aus der Dritten Welt. Ich bin kein Prophet, aber die Instabilität dieser Länder ist deutlich zu erkennen. Dort herrscht eine unerträgliche Armut, die pausenlos zunimmt, und einem obszönen Reichtum gegenübersteht. Diese Leute dort können sich nicht bei ihren Regierungen beschweren, sie erwarten nichts von ihnen. Stattdessen wenden sie sich an uns, und landen mit immer zahlreicheren Booten in Europa, heute in Lampedusa, morgen anderswo. Es gibt nichts, das sie abschrecken könnte. Und dank der demographischen Dynamik wird es in Frankreich in den 2050er Jahren ebensoviele junge Stammfranzosen geben wie junge Ausländer.

Viele werden in Frankreich heimisch werden.

Raspail: Das bedeutet nicht, daß sie zu Franzosen werden. Ich sage nicht, daß sie schlechte Menschen seien, aber eine »Einbürgerung auf dem Papier« bedeutet keine Einbürgerung im Herzen. Ich kann in ihnen keine Landsleute sehen. Wir müssen die Gesetze drastisch verschärfen, aus einer Notlage heraus.


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