Sezession
5. Dezember 2013

Die Enteignung des Denkens

Gastbeitrag

PDF der Druckausgabe aus Sezession 57 / Dezember 2013

von Thor v. Waldstein

Die Rundumwohlfühlgesellschaft, in der wir leben, setzt ihre Bürger nur allzu gerne der Illusion aus, sie seien, die regelmäßige Nutzung der allgegenwärtigen elektronisch-digitalen Geräte unterstellt, glänzend über den äußeren Rahmen ihres Daseins im Bilde. Gleichwohl macht man immer häufiger die Beobachtung, daß kaum noch ein Gespräch mit einem solcherart vollinformierten Zeitgenossen Ertrag verspricht. Statt überzeugend-fundierten, womöglich sogar originellen Ansichten begegnet man allenthalben demselben medial nacherinnerten »Talk«-Sermon, denselben Sprechblasen, den immergleichen Platitüden.

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Diese entspringen nicht dem Denken eines freien Menschen, sondern dem Bestreben eines außengesteuerten Individuums, die Erwartungen eines von ihm aktuell als Mehrheitsmeinung wahrgenommenen Neusprechs möglichst genau zu erfüllen und alles zu vermeiden, was dem Eindruck Vorschub leisten könnte, man wolle sich der Konsensdressur entziehen und den massenpsychologisch zusammengezimmerten Machtanspruch der öffentlichen Meinung in Zweifel ziehen. Dabei muß das treffende Gleichnis von Michael Klonovsky, moderne Gesellschaften glichen Schafherden, die von Journalisten umbellt würden, um die Beobachtung erweitert werden, daß viele Schafe selbst ohne solches Gebell zu ahnen scheinen, welchen Teil der Weide man besser nicht betritt. Dieses Phänomen ist ganz intelligenzunabhängig und läßt sich soziologisch auf keine bestimmte Schicht der Bevölkerung begrenzen.

Ganz im Gegenteil: »In einer Zeit, die in der Angst vor dem Denken lebt« (Martin Heidegger), hat es häufig den Anschein, als ob mit Zunahme der von »Vater Staat« ausgereichten akademischen Formalbildung und der stärkeren Prägung durch ein wissenschaftliches Umfeld die Gleichschaltungstendenzen auf allen geistigen Gebieten zunehmen. Von der Anpassungssucht an die Dogmen unserer Zeit befallen ist also keineswegs nur Lieschen Müller, sondern gerade auch – Dr. Lieschen Müller.

In einem Lande wie Deutschland, das einst als »Volk der Denker« galt und dessen wichtigste zukunftsträchtige Ressource das geistige Leistungsvermögen seiner Bürger, die Fähigkeit zur »schöpferischen Zerstörung« (Joseph Schumpeter), ist, muß ein solcher Zerfall geistiger Selbstbestimmung besonders erschrecken; daß es in anderen Ländern ähnlich oder gar noch schlimmer aussehen mag, kann daher wenig trösten. Welche Ursachen kann man für diese immer mehr um sich greifende Enteignung des Denkens benennen und welches sind deren konkrete Erscheinungsformen, insbesondere unter Berücksichtigung der fortschreitenden Digitalisierung unseres Lebens?

Seit der Entfremdung des Menschen von der Natur und der mit der wachsenden Industrialisierung verbundenen Verstädterung gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine Entwicklung ein, die heute noch als nicht abgeschlossen erscheint: die Heraufkunft des Massenmenschen und dessen Eigenart, nach und nach krakenartig alle Kulturgüter, alle seelischen Bestände und jegliche Art geistiger Wahrnehmungstechnik in den Bann kreis seiner nivellierenden Denkschablonen zu ziehen. Nichts scheint dem Individuum im Zeitalter der Masse wichtiger, als dem zu entsprechen, was die anderen zu denken und zu fühlen scheinen.

Wie Baumwipfel im Sturm werden die Ansichten und das soziale Prestige, das mit dem Äußern solcher Ansichten verbunden ist, von Mächten hin und her gewogen, denen der atomisierte Einzelmensch zu folgen gut beraten ist, will er nicht in der Isolation enden. Je gleichförmiger die Individuen diesem massenpsychologisch äußerst effizienten Windkanal und der stimulierenden Wirkung ständig wechselnder Leidenschaften ausgesetzt werden, desto stärker wächst die Vergötterung der Zahl und der Glaube daran, die Wahrheit und das Wissen um den rechten Weg sei stets bei den vielen.

Die Ermittlung dessen, was viele und was nur wenige zu denken scheinen, überläßt man der Demoskopie (von griech.: demos = Volk + skopos = Aufseher), einer der wichtigsten Herrschaftstechniken des 20. Jahrhunderts. Wie die Spartaner im antiken Griechenland das Orakel von Delphi befragten und dessen Weissagungen für bare Münze nahmen, so blickt der moderne Massenmensch auf die vermeintlich aussagefähigen und vertrauenswürdigen Ergebnisse demoskopischer Umfragen. Dieses Abhängigkeitsverhältnis, in das sich der einzelne – unter Aufgabe eigener geistiger Selbstbestimmung – durch seinen blinden Glauben an die Mehrheit begeben hat, macht deutlich, warum der Kampf um die öffentliche Meinung auch heute noch das Herzstück politischer Auseinandersetzungen darstellt.

In der Nachfolge des Klassikers zu diesem Thema, dem fulminantprophetischen Werk von Alexis de Tocqueville Über die Demokratie in Amerika (1835/1840), haben kluge Autoren den Prozeß dieser geistigen Fremdbestimmung im 20. Jahrhundert bis in die feinsten Verästelungen beschrieben. Gustave Le Bon beobachtete in seinem Werk Psychologie der Massen (1895) als die Hauptmerkmale des einzelnen in der Masse: »Schwinden der bewußten Persönlichkeit, Vorherrschaft des unbewußten Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung und Übertragung in der gleichen Richtung, Neigung zur unverzüglichen Verwirklichung der eingeflößten Ideen. Der Einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat.«

Eines der wesentlichen Charakteristika des Massenmenschen sei seine Leichtgläubigkeit und sein völliger Mangel an kritischem Geist. Seine Handlungen stünden »viel öfter unter dem Einfluß des Rückenmarks als unter dem des Gehirns«. In seinem Buch, von dem – nicht zufällig – Adolf Hitler fasziniert war und das als Blaupause nationalsozialistischer Massenbeherrschung gelesen werden kann, spricht Le Bon von den »Kollektivhalluzinationen« einer Masse, die in Bildern denke und dadurch zu einem »Spielball aller äußeren Reize« werde. José Ortega y Gasset prangerte in seinem Aufstand der Massen (1929) die Herrschaft der »gewöhnlichen Seele« an, die »sich über ihre Gewöhnlichkeit klar ist, aber die Unverfrorenheit besitzt, für das Recht der Gewöhnlichkeit einzutreten und es überall durchzusetzen.« Der Massenmensch, der selbständig nicht denken könne und noch nicht einmal wisse, was selbständiges Denken sei, sei der »Triumphator des Jahrhunderts«, dessen Erfolge freilich erst durch die Fahnenflucht der Eliten erklärbar würden.

David Riesman schichtete in seinem Werk Die einsame Masse (1950) den heutigen, spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts alles beherrschenden »außengeleiteten Mensch« ab von dem früheren, von einem eigenen Ethos bestimmten »innengeleiteten Menschen«, der etwa vom 16. bis zum 19. Jahrhundert lebte, und dem von Mythen, Bräuchen und (Natur-)Religionen geleiteten »traditionellen Menschen«, wie er in Europa vor der Renaissance lebte und heute noch bei Naturvölkern in abgelegenen Urwäldern gefunden werden kann. Jener moderne »außengeleitete Mensch« werde von Kindesbeinen an dazu erzogen, »zwar weniger auf offen zutage tretende Autorität, dafür aber umso mehr auf die feineren und nichtsdestoweniger einengenden zwischenmenschlichen Erwartungen zu reagieren.«

Hendrik de Man definierte in Vermassung und Kulturverfall (1951) die Masse als »Quantität ohne Qualität. Sie ist im Hegelschen Sinne nicht Subjekt, sondern Objekt: Auch wenn sie glaubt zu schieben, wird sie noch geschoben.« Die Massen seien »technologisch aus der Mechanisierung, ökonomisch aus der Standardisierung, soziologisch aus der Anhäufung und politisch aus der Demokratie« entstanden. Nicht umsonst werde der »Infantilismus der Massenseele« von laufend wechselnden Moden bedient.

Arnold Gehlen schließlich hat in seinem Werk Die Seele im technischen Zeitalter (1957) die Vermessenheit jener »Fachmenschen ohne Geist« und »Genußmenschen ohne Herz« (Max Weber), wie sie auch im 21. Jahrhundert auf Schritt und Tritt zu beobachten ist, präzise beschrieben: »eine von der Industrie umgeschaffene, durchtechnisierte Außenwelt, in der sich Millionen von ichbetonten, selbstbewußten und auf Anreicherung ihres Erlebens bedachten Menschen bewegen und für die das folgenlose, verpflichtungslose Lebendigwerden an irgendwelchen ganz beliebigen Reizen und Eindrücken kein Problem enthält, nichts fragwürdiges ist: Modus der Selbstverständlichkeit.«

Beobachtet man den heutigen durchdigitalisierten Zeitgenossen, wird man feststellen müssen, daß sich jener ort- und ziellose Erlebnishunger ebenso noch gesteigert hat wie die bisweilen schier unglaubliche Ichverpanzerung solcher Individuen. Mitunter hat es den Eindruck, als ob in dieser Spaßgesellschaft nichts hinderlicher sein könnte als selbständiges Denken.

Die »Animierten sine anima« (Botho Strauß), die das Verschwinden der Ruhe aus ihrem Leben nicht beklagen, sondern aus Furcht vor Langeweile begrüßen, werden so stark von den Einsen und den Nullen und dem von ihnen ausgelösten Schnellfeuer-Aufmerksamkeitswechsel angezogen und gefesselt, daß die Frage, inwieweit der Nutzer das Gesehene überhaupt noch geistig zu reflektieren in der Lage sei, beinahe schon drollig-antiquiert erscheint. Die Geistverlassenheit, die Gedankenflüchtigkeit, der Verlust von Muße und Urteilskraft – das ist die Signatur eines Zeitalters, das noch wie keines zuvor unduldsam ist gegen den, der es wagen sollte, dem unschöpferischen mainstream beim »Absondern seiner Fertigteil-Sprache« (Botho Strauß) Widerpart zu bieten.

Konnte man es früher als Kompliment auffassen, als »Zeitablehnungsgenie« (Heine über Goethe) bezeichnet zu werden, so muß man sich heute zweimal überlegen, ob es tunlich ist, sich mit der »Beliebigkeitsbarbarei« (Frank Lisson) anzulegen und dieser zu offenbaren, daß man zu all ihren Anmaßungen stichhaltige obiter dicta bereit hält, die das Kartenhaus der Vergnügungsregenten schnell zum Einsturz bringen könnten. Durch die Fortschritte der modernen Computer- und Kommunikationstechnik, die weltweite Vernetzung und die explosionsartige Verbreitung der omnipräsenten Ohr-, Augen- und Fingerfesseln (Handy, Laptop, Notebook, I-Phone, I-Pad, I-Pod und sonstige ichzentrierende Zeitvernichtungsinstrumente) ist dieser Prozeß der Auflösung eigenständigen Denkens in den vergangenen 15 Jahren in erstaunlicher Weise forciert worden.

Das gilt gerade für die »Generation Google«, also die Alterskohorten der seit Anfang der 1990er Jahre sozialisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mit dem elektronischen Schnuller aufgewachsen ist. In diesem Umfeld hat »Googeln«, »Twittern«, »eMail-checken« oder Warten auf »neue Nachrichten« fast so einen Kultstatus wie der Klampfenklang der Wandervogelgeneration 100 Jahre zuvor. Durch diese nicht selten suchtartige Abhängigkeit von der elektronischen Apparatur droht eine Situation, bei der es zur Enteignung des Denkens schon gar nicht mehr kommen kann, weil zuvor eine Aneignung dessen, was denken heißt, nie stattgefunden hat.

Denken ist nämlich gerade nicht Konsumieren von Informationen, das passiv-rezeptive Reagieren auf das, was eine Maschine vorgibt. Denken besteht nicht in einem elektronischen Zusammensuchen dessen, was Algorithmenzufälle auf den Bildschirm zaubern. Und mit Denken hat es auch nichts zu tun, sich durch Klicken auf Hyperlinks, auf »gefällt-mir«-Knöpfe, durch Internetsurfen oder anderweitiges Herumgezappe die Konzentration (zer)stören zu lassen. Dabei sind es gerade die von der wachsenden Rechnerpotenz befeuerte Geschwindigkeit der elektronischen Abläufe und die von ihr ausgelöste, nachgerade orgiastische Informationsflut, die einem wirklichen Verstehen, einem echten Aneignen geistiger Inhalte entgegensteht.

Denn das Geheimnis des Denkens und des geistig Schöpferischen ist die Versenkung in die Materie, ist die ungeteilte Hingabe an einen Stoff. Und eine solche konzentrative Kraft wächst nur dem zu, der sich ein sinnliches Verhältnis zur Stille bewahrt hat. Das Netz ist demgegenüber in erster Linie ein grundbeschleunigtes Medium für rasantes Vergessen: Statt im entschleunigten Studierzimmer mit Papier und Bleistift zu lesen oder sich bei einem Waldspaziergang geistig zu beleben, ist der moderne homo electronicus gefangen von dem sekündlichen Wechsel von Bildern und Buchstaben, die aber nicht haften bleiben können, weil ein Raster fehlt, in das diese Informationen eingeordnet werden könnten.

Damit verbunden ist ein regelrechter Fetisch der Oberflächlichkeit, der diejenigen, die von ihm gefangen sind, aber nicht daran hindert, sich den Verstehensillusionen unserer Zeit hinzugeben. Dieser fortschreitende Prozeß geistiger Fremdbestimmung kennzeichnet das »Ausschließungsverhältnis von Informiertheit und Weisheit« (Reinhard Falter), das zum Schicksal der »Info-Dementen« (Botho Strauß) zu werden droht. Stefan George hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Blick auf die USA von einer »Verameisung der Erde« gewarnt, und manches spricht dafür, daß dieser Siegeszug des amerikanisierten Einheitsmenschen in dem Bescheidwisserathleten neuerer digitaler Prägung seine würdige Fortsetzung erhält.

Dieser herandräuende, powerpointberieselte und photopostende Multitaskingtyp, dessen Ahnungslosigkeit nur noch von seiner Blauäugigkeit überboten wird, kann sich häufig noch nicht einmal vorstellen, wieviel Fleiß und Zeit man benötigt, um sich jenes faktengesättigte Wissen anzueignen, auf dessen Grundlage man überhaupt erst imstande ist, sich eine eigene, von dem Illusionstheater der Medien freie Meinung zu verschaffen.

Noch weniger hat der mit Computermainstreamflüssigbrei aufgezogene Zeitgenosse eine Ahnung davon, wieviel Mut und Opfer man einzusetzen bereit sein muß, um eine solche originäre Meinung gegen eine elektronisch im wahrsten Sinne des Wortes »angesagte« communis opinio zu vertreten, die dergleichen nicht nur nicht hören mag, sondern deren Wächter alles dafür tun, eine solche unabhängige Meinung zum Verstummen zu bringen.

Wer sich gegenüber den Segnungen der Computer- und Kommunikationsindustrie kritisch äußert und die wikiverflüssigte »Weisheit der Vielen« (kennzeichnenderweise ein Begriff aus der modernen Bienenforschung – »collective wisdom«) für eine contradictio in adiecto hält, muß sich vorsehen. Nur allzu leicht kommt man in den Geruch des Maschinenstürmers, der nicht begreifen will, daß sich – wie es schicksalsergeben-schön heißt – der Fortschritt nicht aufhalten läßt.

Gegenwind erfährt diese blinde Technikgläubigkeit aber gerade von den neuesten neurologischen Forschungen, die deutlich gemacht haben, wo die digital natives am Ende landen werden, wenn die Kapitulation des Geistes vor der schönen neuen Elektronikwelt vollendet werden sollte. Der Hirnforscher Manfred Spitzer spricht in diesem Zusammenhang von einer »digitalen Demenz« und hält Computer »zum Lernen für genauso dringend nötig wie ein Fahrrad zum Schwimmen oder ein Röntgengerät, um Schuhe auszuprobieren.« Der Autor warnt vor den Verwüstungen, die die elektronische Unterforderung der originären geistigen Anlagen eines Jugendlichen verursacht (Nichtherausbilden von Synapsen).

Wer wie der heutige digitale Ureinwohner an seinem 21. Geburtstag durchschnittlich 250000 E-Mails oder SMS gesendet bzw. empfangen und 10000 Stunden mit seinem Handy verbracht habe und 3500 Stunden in »sozialen« Netzwerken wie z.B. Facebook »unterwegs« gewesen sei, leide nicht nur häufiger unter Schlafstörungen und beschädige seine Traumwelten, er zerstöre vielfach seine Lese- und Konzentrationsfähigkeit und intellektuelle Ausdauer.

Aber auch von geisteswissenschaftlicher Seite gerät die – bei einer wachsenden Zahl struktureller Analphabeten von derzeit 7,5 Mio. in Deutschland – von der Computerindustrie massiv betriebene Digitalisierung aller Lebensbereiche unter Druck: So kennzeichnet der Heidelberger Editionswissenschaftler Roland Reuß die Physiognomie unserer elektronisch-di gitalen Gegenwart als eine »Verklumpung von Digitaltechnologie, Bürokratie, Kontrollbedürfnis und subjektiver Totalverblendung«. Hinter der Eliminierung des Buches und der Liquidierung konzernunabhängiger Verlage erkennt Reuß den »– im genauen Sinn des Wortes – geistesgestörte(n) Ausgriff von Technik-Unternehmen und staatlicher Dienstleistungsbürokratie auf die kulturelle Produktion der Zeit.«

Trotz dieser kritischen Stimmen spricht manches dafür, daß die elektronische Karawane weiterzieht und die Digitalisierung sich ins Unvorstellbare steigern könnte. Das dürfte nicht nur zu einem (weiter) wachsenden Konformitätsdruck und zu einer Ausweitung der heute schon mehr als ausreichend dimensionierten intellektuellen Flachwasserzone führen. Zu erwarten ist auch, daß die Privatheit, nach Ansicht des Facebook-Geschäftemachers Mark Zuckerberg »eine obsolet gewordene soziale Norm«, und die Diskretion durch den herrschenden Transparenzwahn weiter zerstört werden. Die medial inszenierte Intimität und ein unendlich narzisstisches Geschwätz werden dagegen von den geschilderten Entwicklungen ebenso befördert werden wie die sonstigen psychischen Stripteaseveranstaltungen in irgendwelchen TV-Shows oder Internetforen.

Nicht vergessen werden darf schließlich der Machtanspruch des Denunzianten, dessen Erfolgsrezept, die Beschädigung und Zerstörung von Existenzen durch Verbreitung von unbewiesenen Gerüchten und Halbwahrheiten, noch nie so zielführend umgesetzt werden konnte, wie durch aus dem Anonymen heraus geführte Internet- und elektronische Rundbrief-»Aktionen«. Daß all dies der Fähigkeit zu selbständigem Denken und dem Mut zu darauf aufbauendem ungehindertem Äußern einer wahrhaft freien, eigenen Meinung, beides essentielle geistige Vorgänge in einer echten Demokratie, die noch nicht auf das »Papierformat der Freiheit« (Johann Braun) eingedampft wurde, zuträglich ist, steht nicht zu erwarten.

Eine Republik benötigt aber wie das Salz zum Leben die Erörterung der öffentlichen Sache, der res publica. Wird diese res publica »durch die Annahme verdrängt, gesellschaftlicher Sinn erwachse aus dem Gefühlsleben der Individuen« (Richard Sennett), existiert keine Republik mehr, sondern ein granatapfelähnliches Konglomerat von Millionen von Einzelindividuen, die nebeneinander herleben, die vielleicht noch gewisse konsumkontaminierte Lebensstile verbindet (»Generation Golf«, »Generation Harry Potter«, usw.), die aber gerade nicht in der Lage sind, mit einer Stimme für die jeweilige Entität (Familie, Dorf, Volk, Staat) zu sprechen.

In einer solcherart atomisierten, einen Gemeinschaftswillen zu artikulieren unfähigen Masse und mit dem damit einhergehenden »Fall of the Public Man« (Richard Sennett) wird die Manipulation, nach Arnold Gehlen die Kunst, »jemanden zu einem Zweck zu gebrauchen, den er nicht kennt«, einem neuen ungeahnten Frühling entgegensehen, von dem die Propaganda-Nachtgestalten des 20. Jahrhunderts nur träumen konnten.

Wie stets in der Geschichte wird es aber auch freie Geister geben, die sich den Machtanmaßungen der elektronischen Moderne zu entziehen wissen und die in dem Meer der sie umgebenden Leichtgläubigkeit ihren ureigenen Kurs segeln. Vieles spricht dafür, daß der Einfluß solcher unabhängig denkender Köpfe auf die außengesteuerten »Luxusfellachen« (Martin Lichtmesz) zunehmen dürfte.

In einem Spiegel-Interview aus dem Jahre 1982 hatte Ernst Jünger zu diesem Zusammenhang bemerkt:

Es kommt nämlich vor, daß mich junge Leute besuchen, die mich außerordentlich erstaunen und bei mir die Theorie aufkommen lassen, daß trotz und gerade wegen der Vermassung Eliten an Qualität gewinnen. Das ist wie einst in Alexandria, wie in hellenistischen Zeiten.

Eine solcherart bewahrte geistige Unabhängigkeit, Ernst Jünger hatte sie 1951 in der Figur des »Waldgängers«, Botho Strauß hat sie jüngst im Typus des »Außenseiters« personifiziert, muß sich freilich, will sie dem Geschehen in die Speichen greifen, in den häßlichen Debattenkult der Öffentlichkeit einmischen.

Der Rückzug in die Einsamkeit, er mag noch so ästhetisch-gescheit begründet sein, ist eine esoterisch-politikferne Position, die einigen wenigen denkerischen Koryphäen vorbehalten bleiben mag; den übrigen, die nicht gewillt sind, ihr Leben und dasjenige ihrer Nachfahren den Tyrannenallüren des Massenmenschen zu überlassen, wird man die Kärrnerarbeit des »starken langsamen Bohrens von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich«, wie Max Weber 1919 das Wesen politischen Handelns bestimmte, auch im elektronisch-digitalen Zeitalter nicht ersparen können.


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