Weltverlorenheit – Pathogenese der Misanthropie

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

von Frank Lisson

Obwohl es unter den geistigen und technischen Bedingungen der modernen Zivilisation immer mehr Anlässe gibt, aus der Welt zu fallen, kommt es immer seltener dazu. Die Weltverlorenheit und Weltfremdheit hat paradoxerweise in dem Maße abgenommen, wie die Welt komplexer und unbegreiflicher geworden ist. Indes bleibt die Frage, warum es seit jeher Menschen gibt, die von der Welt Abstand nehmen und den Umgang mit ihren Mitmenschen meiden.

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Das waren stets nicht vie­le, und sie wer­den gern als schrul­li­ge Mie­se­pe­ter ver­lacht oder gar ange­fein­det, weil sie sich der Gesell­schaft mit dem Argu­ment ent­zie­hen, sie sei­en von »ande­rer Art«, was sie dar­an hin­de­re, sich an den mensch­li­chen Gepflo­gen­hei­ten zu betei­li­gen. Sie zie­hen sich aus der Gesell­schaft zurück, weil sie die Dis­kre­panz zwi­schen den Mög­lich­kei­ten des Mensch­seins und der prak­ti­zier­ten Wirk­lich­keit nicht ertra­gen kön­nen. Sie schau­en auf die Welt, machen ihre Erfah­run­gen und ver­glei­chen das Gese­he­ne und Erleb­te mit den Anfor­de­run­gen, die sie an sich selbst und an die Men­schen stellen.

Die­se weni­gen unter­schei­den sich vom Rest der Gesell­schaft dadurch, daß sie über das Absur­de und Man­gel­haf­te nicht ein­fach hin­weg­se­hen kön­nen, son­dern schwer dar­an tra­gen, weil es ihnen an Gleich­gül­tig­keit fehlt.

Sol­che Men­schen hat es zu allen Zei­ten gege­ben – im Alter­tum eben­so wie im Abend­land. Hera­klit ist ein berühm­ter Name, und natür­lich Timon von Athen, dem Shake­speare ein lite­ra­ri­sches Denk­mal setz­te. Der spä­te Petrar­ca gehört zu den Welt­flüch­ti­gen des Mit­tel­al­ters, Moliè­re zeich­ne­te ein genau­es Bild des »Men­schen­fein­des« im 17. Jahr­hun­dert und Ibsen the­ma­ti­sier­te die­ses Phä­no­men in Die Wild­ente und Ein Volks­feind für das spä­te 19. Jahrhundert.

Tat­säch­lich sind Welt­ver­lo­ren­heit, Mis­an­thro­pie und Men­schen­flucht zutiefst »kul­tu­rel­le« Phä­no­me­ne, die im Zustand der »Natur« genau­so­we­nig vor­kom­men wie in der »Zivi­li­sa­ti­on«. Des­halb spielt das The­ma Mis­an­thro­pie heut­zu­ta­ge öffent­lich auch kei­ne Rol­le mehr. In der »Natur« war Men­schen­flucht unmög­lich, weil nur die Grup­pe das Über­le­ben des Ein­zel­nen sicher­te, in der »Zivi­li­sa­ti­on« ist sie es, weil die Mas­sen­ge­sell­schaft kei­ne ech­te Indi­vi­dua­li­tät dul­det und jeden davon abhält, eine sol­che zu entwickeln.

Daher wis­sen die meis­ten Men­schen in der »Zivi­li­sa­ti­on« mit Welt­ver­lo­ren­heit auch gar nichts anzu­fan­gen oder ver­wech­seln sie mit blo­ßem Gesell­schafts­über­druß. Doch han­delt es sich bei der Mis­an­thro­pie stets um das Ergeb­nis einer tie­fen Ent­täu­schung über­höh­ter Erwar­tun­gen an den Men­schen – was sol­che Erwar­tun­gen aber über­haupt erst ein­mal vor­aus­setzt. »Wer mit vier­zig Jah­ren noch kein Mis­an­throp ist, hat die Men­schen nie geliebt«, bemerk­te Nico­las Cham­fort und deu­te­te damit auf den leicht und gern über­se­he­nen Kern des Pro­blems: die Lie­be zum Men­schen ist der eigent­li­che Grund des Lei­dens am Menschen.

»Mensch« meint hier natür­lich die gro­ßen Mög­lich­kei­ten, die im Men­schen schlum­mern. Weil die­se Mög­lich­kei­ten aber nie­mals aus­ge­schöpft wer­den kön­nen, bilan­zier­te Vol­taire: »Da ich nun ein­mal nicht imstan­de war, die Men­schen ver­nünf­ti­ger zu machen, war ich lie­ber fern von ihnen glück­lich.« Doch wäh­rend Vol­taire es bei sol­chen Lip­pen­be­kennt­nis­sen beließ, leb­te sein gro­ßer Geg­ner Rous­se­au tat­säch­lich lan­ge in Abgeschiedenheit.

Der Mis­an­throp kommt ja nicht als Mis­an­throp auf die Welt, son­dern wird es erst im Lau­fe zahl­rei­cher Erfah­run­gen, die jeden sei­ner Ansprü­che an ein höhe­res Men­schen­tum über den Hau­fen wer­fen. Da sucht jemand nach Wahr­heit, muß aber fest­stel­len, daß die meis­ten Men­schen lie­ber selbst­be­trü­ge­risch leben wol­len. Da sehnt sich jemand nach geist­rei­chen, gehalt­vol­len Gesprä­chen unter guten Freun­den, wie sie nur in der Aura lei­ser, melan­cho­li­scher Nach­denk­lich­keit ent­ste­hen kön­nen, muß aber fest­stel­len, daß die Freun­de dazu weder bereit noch geeig­net sind, weil die meis­ten lie­ber belang­los plau­dern möch­ten, um ihre zwei bis drei Mei­nun­gen, ihre Res­sen­ti­ments und Gewohn­hei­ten zu pflegen.

Da bringt jemand Fein­sin­ni­ges her­vor, muß aber fest­stel­len, daß die meis­ten Men­schen gar kei­ne Ohren dafür haben, son­dern lie­ber im Dump­fen und Abge­schmack­ten ihres auf weni­ge The­men redu­zier­ten Welt­bil­des ver­har­ren. – Und so kommt es, daß zu allen Zei­ten die­je­ni­gen, die wider­spre­chend und mit irri­tie­ren­den Beob­ach­tun­gen an die Welt her­an­tre­ten, von die­ser Welt eben gera­de dafür abge­straft wer­den, daß sie es wag­ten, gegen das Gewöhn­li­che bestimm­ter Erwar­tun­gen zu verstoßen.

Daher trifft jeder skep­ti­sche, illu­si­ons­lo­se Phi­lo­soph auf die natür­lichs­ten Vor­be­hal­te. Man könn­te dies das Sokra­tes-Syn­drom nen­nen. Der Mensch will nicht über sich und sei­ne Män­gel belehrt wer­den, schon gar nicht von einem ande­ren Men­schen: Dafür sind die Göt­ter zustän­dig, die eigens zu die­sem Zweck erfun­den wurden.

Denn das Klei­ne und Nie­der­träch­ti­ge, das sich so gern hin­ter All­tags­mei­nun­gen, Dog­men und Mode­ge­sin­nun­gen ver­steckt, bil­det zugleich die gro­ße Über­ein­kunft der­je­ni­gen, denen es nie um Ver­nunft oder Gerech­tig­keit, son­dern bloß um die Durch­set­zung von Welt­an­schau­un­gen geht, also dar­um, wer wen nie­der­hal­ten kann.

Ein aktu­el­les Bei­spiel lie­fert der öffent­li­che Umgang mit Georg Büch­ner. Die Gemein­hei­ten, unter denen zar­te Natu­ren wie Büch­ner lit­ten, sind die glei­chen, mit denen er heu­te ver­ein­nahmt wird. Woge­gen Büch­ner rebel­lier­te, war ja gera­de jene Unge­rech­tig­keit des Par­tei­gän­gers, der die Übel, die von ihm sel­ber aus­ge­hen, nicht sehen will, der über­all mit zwei­er­lei Maß mißt und dadurch der Frei­heit täg­lich ins Gesicht schlägt. Wer gegen die Pries­ter und Fürs­ten von heu­te auf­be­gehrt, sieht sich den glei­chen Denun­zia­tio­nen, Dif­fa­mie­run­gen und Schi­ka­nen aus­ge­setzt wie ehe­dem. Nur die Metho­den sind ver­fei­nert worden.

Denn das Gemei­ne und Ver­lo­ge­ne, aber auch Fei­ge und Beque­me am Men­schen hat sich ja nicht geän­dert oder aus der Welt ver­ab­schie­det. Es ist der immer glei­che Stumpf­sinn, dem ges­tern zum Opfer fiel, wer Sozi­al­kri­tik übte, und dem heu­te zum Opfer fällt, wer sich gegen die Tota­li­tät des lin­ken Gesin­nungs­staa­tes empört. Hier­in sind alle Herr­scher­mi­lieus stets ver­wandt, egal, ob sie einen kirch­lich, könig­lich oder demo­kra­tisch geführ­ten Staat bilden.

Nen­nen sie sich nun Fürs­ten von Got­tes Gna­den oder Zivil­ge­sell­schaft, regie­ren sie mit offe­ner oder ver­deck­ter Zen­sur, stel­len sie nun Adels­pri­vi­le­gi­en oder ideo­lo­gi­sche Bekennt­nis­se über jedes objek­ti­ve Recht, ihre Cha­rak­te­re unter­schei­den sich nie von­ein­an­der. Einst war es der kle­ri­ka­le Stumpf­sinn, spä­ter der chau­vi­nis­ti­sche Stumpf­sinn und heu­te ist es der sozi­al-demo­kra­ti­sche Stumpf­sinn, an dem sich der freie Mensch den Kopf blu­tig stößt; denn immer wird er des glei­chen Ver­ge­hens beschul­digt: des Angriffs auf die »Reli­gi­on«.

Neben Büch­ner, Hein­rich Hei­ne und vie­len ande­ren, die heu­te so ger­ne als »Lin­ke« eti­ket­tiert wer­den, hat der kon­ser­va­tiv-aris­to­kra­tisch den­ken­de Scho­pen­hau­er auf die­sen Unter­schied zwi­schen sich und den aller­meis­ten ande­ren eben­falls und am deut­lichs­ten hin­ge­wie­sen: Der gewöhn­li­che Mensch wol­le an einen Gott glau­ben, der für ihn sorgt und alles zum Guten lenkt, wer­de die­ser Gott nun durch die Kir­che oder den Staat repräsentiert.

Denn der gewöhn­li­che Mensch benö­ti­ge eine Welt­an­schau­ung, die ihm schmeich­le und in irgend­ei­ne, mög­lichst mäch­ti­ge Grup­pe inte­grie­re. Dage­gen sei kei­ner, der wirk­lich phi­lo­so­phie­re, reli­gi­ös, son­dern gehe »ohne Gän­gel­band, gefähr­lich aber frey.«

Folg­lich blie­ben die meis­ten der wahr­haft unab­hän­gi­gen Autoren zu Leb­zei­ten weit­ge­hend unge­hört, iso­liert und aus­ge­grenzt. Doch ein den ken­der Mensch, der es ernst mit sei­nem Den­ken meint, schreibt ja nie allein für die Gegen­wart, nie allein für die Zeit­ge­nos­sen, son­dern stets für die Weni­gen aller Zei­ten, die mit ihm auf eben die­se Wei­se ver­wandt sind. Er ist zugleich Chro­nist und hin­ter­läßt Doku­men­te des frei­en Geis­tes, die zumeist immer erst für spä­te­re Genera­tio­nen inter­es­sant wer­den, sobald ein neu­es Regime und eine ande­re Gesin­nung sich durch­ge­setzt haben.

Und so bleibt der vom Gän­gi­gen abwei­chen­de, der den­ken­de und ver­nünf­ti­ge Mensch, der sen­si­bel genug ist, sich an der Heu­che­lei jeder tota­li­tä­ren Herr­schafts­form zu stö­ren, stets für sich allein, darf nir­gend­wo auf grö­ße­ren Bei­stand hof­fen und fin­det des­halb auch nir­gends eine Hei­mat. Denn er weiß, daß es um die Frei­heit des Nicht­ein­ver­stan­de­nen über­all gleich schlecht steht, und daß die Anhän­ger irgend­ei­nes Glau­bens oder irgend­ei­ner Ideo­lo­gie zumeist nur solan­ge nach »Frei­heit« rufen, wie sie sel­ber noch nicht mäch­tig genug sind, die­se ande­ren zu verbieten.

Doch der freie, den­ken­de, ver­nünf­ti­ge Mensch will sowe­nig Pfaf­fen­herr­schaft oder Fürs­ten­will­kür erlei­den wie er unter einer lin­ken Gesin­nungs­dik­ta­tur zu leben wünscht. Er ist eben kein »Reak­tio­när«, der im ewi­gen Wech­sel­spiel der Mei­nungs­mäch­te gefan­gen bleibt, son­dern will gera­de die­sen Zir­kel der sich ewig abwech­seln­den Tor­hei­ten durchbrechen.

Ein Hera­klit floh in die Ber­ge, ein Mon­tai­g­ne zog sich in den Turm zurück, ein Leo­par­di irr­te unglück­lich umher, ein Scho­pen­hau­er lern­te früh die »Fabrik­waa­re« Mensch zu ver­ach­ten, und ein Pes­soa ver­kroch sich in die Traurigkeit.

Die gro­ßen Wei­sen neig­ten stets dazu, dem Trei­ben der Men­schen aus dem Weg zu gehen. Für Cham­fort lag der Weis­heit Anfang in der Furcht vor dem Men­schen, denn auch er wuß­te, wie Leo­par­di, daß der »Betrug die See­le des sozia­len Lebens« ist. Und so wohn­ten die Wei­sen unter Men­schen stets wie unter Fremden.

Ein gewöhn­li­cher Mensch mag sich damit abfin­den und sich auf die jewei­li­ge Sie­ger­sei­te schla­gen; ein poli­ti­scher für den »Macht­wech­sel« kämp­fen, um die einen Unter­drü­cker gegen die ande­ren aus­zu­tau­schen; ein reli­giö­ser sich in die ihm gemä­ße Ord­nung irgend­ei­ner Kir­che bege­ben; – ein phi­lo­so­phi­scher, skep­ti­scher Mensch jedoch kann das alles nicht.

Also ist er durch­aus ein Abwe­gi­ger, ein Unver­bun­de­ner, »der ande­ren Unbe­greif­li­ches spricht«, ein Pri­vat­mensch, der abseits steht oder bei­sei­te tritt, der sich der Gesell­schaft ent­zieht und in die Ein­sam­keit geht wie »in eine uner­hör­te Offen­si­ve«, ein »Idi­ot« im anti­ken Wort­sinn, l’homme iso­lé, an des­sen son­der­ba­re Stel­lung in der Welt Botho Strauß erst jüngst wie­der erin­nert hat.

Der Mis­an­throp ist also des­halb Mis­an­throp, weil er unter Men­schen nicht fin­det, wonach er sucht. Das ist sein Unglück. Des­halb zieht er sich zurück, befaßt und umgibt sich lie­ber mit Büchern, Tie­ren oder Pflan­zen als mit Men­schen, lie­ber mit Land­schaft als mit Gesell­schaft. Der Umgang mit Men­schen, der fast immer nur ein ober­fläch­li­cher, gezier­ter sein kann, wo das Gro­be und Bana­le den Takt angibt, reizt ihn nicht, stößt ihn viel­leicht sogar ab. Denn er eig­net sich so wenig zum Aus­tausch von Belang­lo­sig­kei­ten wie zur Heuchelei.

Sein Unglück besteht dar­in, daß er für ein Small-Talk-Leben ein­fach nicht taugt. Dadurch aber zieht er den Arg­wohn der ande­ren auf sich. Denn natür­lich glaubt man ihm nicht und ver­spot­tet ihn sogar wegen sei­nes Ein­spruchs. Wie kann da jemand behaup­ten, nicht so zu sein wie wir ande­ren sind? Ist er denn kein Mensch? Hält er sich für etwas Bes­se­res? – Also ist der Beschul­dig­te es leid, sich stän­dig dafür recht­fer­ti­gen zu müs­sen, vom Übli­chen abzu­wei­chen, indem er tat­säch­lich anders denkt und etwas ande­res fühlt und will als der gro­ße Rest, der täg­lich durch sein Ver­hal­ten beweist, wie ver­schie­den bei­de von­ein­an­der sind.

Weil jede Gesell­schaft, viel­leicht sogar jedes mensch­li­che Leben auf Lüge und Heu­che­lei basiert, wird auch von jedem die Bereit­schaft zur Lüge und Heu­che­lei erwar­tet. Wer nun aber unfä­hig ist, sich mit bil­li­gen Illu­sio­nen zu täu­schen, gerät auto­ma­tisch in einen schwe­ren Kon­flikt mit der Welt und muß sich irgend­wann ent­schei­den, ob er an jener Welt teil­neh­men will und kann oder nicht.

Doch natür­lich weiß er, daß jeder, der nach unbe­ding­ter Wahr­haf­tig­keit strebt, dies nur für sich allei­ne tun kann, da die­ser Anspruch in der Welt kei­ne Gül­tig­keit hat. Denn, wie es in Ibsens Wild­ente heißt: »Neh­men Sie einem Durch­schnitts­men­schen die Lebens­lü­ge, und Sie neh­men ihm zu glei­cher Zeit das Glück.« – Wer nun aber genau anders­her­um funk­tio­niert, da ihn allein das Stre­ben nach Wahr­heit glück­lich macht und nicht irgend­ei­ne Lebens­lü­ge, wird sich frü­her oder spä­ter aus allen Gesell­schaf­ten ent­fer­nen müssen.

Was also den Mis­an­thro­pen vom bloß gesell­schafts­kri­ti­schen Zeit­ge­nos­sen unter­schei­det, ist das tra­gi­sche Bewußt­sein auf­grund des Wis­sens um die unwan­del­ba­re Natur des Men­schen, die stets dafür sorgt, daß man ein Glei­cher unter Glei­chen sein muß, um in Gesell­schaft glück­lich leben zu kön­nen. Denn natür­lich hat es nie und nir­gends »bes­se­re Zei­ten« oder »ande­re Men­schen« gegeben.

Über­all sto­ßen wir auf die immer glei­chen Ver­hält­nis­se, egal, wie weit und wohin wir zurück­bli­cken, und sei es auf die ver­meint­lich »edels­ten« Epo­chen, wie etwa nach Hel­las, wo die Mis­an­thro­pie beson­ders weit ver­brei­tet war. Schließ­lich stell­te bereits Bias, einer der Sie­ben Wei­sen, ernüch­tert fest: »Die meis­ten Men­schen sind schlecht«.

Man ver­ur­tei­le den Mis­an­thro­pen daher nicht vor­schnell als arro­gant und aso­zi­al, nur weil er sich sei­ner Natur nach kei­nem Staat und kei­ner Gesell­schaft gefü­gig machen kann, son­dern von bestimm­ten anthro­po­lo­gi­schen Kon­stan­ten immer abge­sto­ßen bleibt.

In Moliè­res Men­schen­feind erlebt der Prot­ago­nist Alces­te sein Zeit­al­ter gänz­lich von Schmei­che­lei, Ver­stel­lung und Betrug durch­drun­gen, wes­halb er sich nach zahl­rei­chen Ernied­ri­gun­gen gezwun­gen sieht, der Welt den Rücken zu keh­ren: Er macht sich auf und sucht nach einem abge­schie­de­nen, ein­sa­men Fleck­chen Erde, »wo man die Frei­heit hat, ein Ehren­mann zu blei­ben«. Alces­te zieht sich aus der Welt der ande­ren zurück, weil sein sozia­les Immun­sys­tem nur äußerst schwach aus­ge­prägt ist und er also nicht nach jenen inne­ren Gesetz­mä­ßig­kei­ten funk­tio­niert, die sich ent­wi­ckelt haben, damit Staa­ten, Kir­chen und Gesell­schaf­ten ent­ste­hen und über­dau­ern können.

Welt­ver­lo­ren­heit ist also vor allem eine Fra­ge der Idio­syn­kra­sie: wohl dem, der indo­lent genug ist, um des Men­schen wegen nicht dau­ernd inner­lich auf­schrei­en zu müssen.

Vie­le sind mit einem dicken Fell geseg­net, ande­re mit einem weni­ger dicken; man­che jedoch haben nicht ein­mal ein Fell, son­dern bloß eine dün­ne Haut und sind daher den Wet­tern der Welt bei­na­he schutz­los aus­ge­lie­fert. – Des­halb ist Men­schen­flucht für die­se welt­ver­lo­re­nen Natu­ren tat­säch­lich oft die ein­zi­ge Mög­lich­keit, dem Leben erhal­ten zu bleiben.

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