Sezession
6. Dezember 2013

Weltverlorenheit – Pathogenese der Misanthropie

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

von Frank Lisson

Obwohl es unter den geistigen und technischen Bedingungen der modernen Zivilisation immer mehr Anlässe gibt, aus der Welt zu fallen, kommt es immer seltener dazu. Die Weltverlorenheit und Weltfremdheit hat paradoxerweise in dem Maße abgenommen, wie die Welt komplexer und unbegreiflicher geworden ist. Indes bleibt die Frage, warum es seit jeher Menschen gibt, die von der Welt Abstand nehmen und den Umgang mit ihren Mitmenschen meiden.

Das waren stets nicht viele, und sie werden gern als schrullige Miesepeter verlacht oder gar angefeindet, weil sie sich der Gesellschaft mit dem Argument entziehen, sie seien von »anderer Art«, was sie daran hindere, sich an den menschlichen Gepflogenheiten zu beteiligen. Sie ziehen sich aus der Gesellschaft zurück, weil sie die Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten des Menschseins und der praktizierten Wirklichkeit nicht ertragen können. Sie schauen auf die Welt, machen ihre Erfahrungen und vergleichen das Gesehene und Erlebte mit den Anforderungen, die sie an sich selbst und an die Menschen stellen.

Diese wenigen unterscheiden sich vom Rest der Gesellschaft dadurch, daß sie über das Absurde und Mangelhafte nicht einfach hinwegsehen können, sondern schwer daran tragen, weil es ihnen an Gleichgültigkeit fehlt.

Solche Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben – im Altertum ebenso wie im Abendland. Heraklit ist ein berühmter Name, und natürlich Timon von Athen, dem Shakespeare ein literarisches Denkmal setzte. Der späte Petrarca gehört zu den Weltflüchtigen des Mittelalters, Molière zeichnete ein genaues Bild des »Menschenfeindes« im 17. Jahrhundert und Ibsen thematisierte dieses Phänomen in Die Wildente und Ein Volksfeind für das späte 19. Jahrhundert.

Tatsächlich sind Weltverlorenheit, Misanthropie und Menschenflucht zutiefst »kulturelle« Phänomene, die im Zustand der »Natur« genausowenig vorkommen wie in der »Zivilisation«. Deshalb spielt das Thema Misanthropie heutzutage öffentlich auch keine Rolle mehr. In der »Natur« war Menschenflucht unmöglich, weil nur die Gruppe das Überleben des Einzelnen sicherte, in der »Zivilisation« ist sie es, weil die Massengesellschaft keine echte Individualität duldet und jeden davon abhält, eine solche zu entwickeln.

Daher wissen die meisten Menschen in der »Zivilisation« mit Weltverlorenheit auch gar nichts anzufangen oder verwechseln sie mit bloßem Gesellschaftsüberdruß. Doch handelt es sich bei der Misanthropie stets um das Ergebnis einer tiefen Enttäuschung überhöhter Erwartungen an den Menschen – was solche Erwartungen aber überhaupt erst einmal voraussetzt. »Wer mit vierzig Jahren noch kein Misanthrop ist, hat die Menschen nie geliebt«, bemerkte Nicolas Chamfort und deutete damit auf den leicht und gern übersehenen Kern des Problems: die Liebe zum Menschen ist der eigentliche Grund des Leidens am Menschen.

»Mensch« meint hier natürlich die großen Möglichkeiten, die im Menschen schlummern. Weil diese Möglichkeiten aber niemals ausgeschöpft werden können, bilanzierte Voltaire: »Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich.« Doch während Voltaire es bei solchen Lippenbekenntnissen beließ, lebte sein großer Gegner Rousseau tatsächlich lange in Abgeschiedenheit.

Der Misanthrop kommt ja nicht als Misanthrop auf die Welt, sondern wird es erst im Laufe zahlreicher Erfahrungen, die jeden seiner Ansprüche an ein höheres Menschentum über den Haufen werfen. Da sucht jemand nach Wahrheit, muß aber feststellen, daß die meisten Menschen lieber selbstbetrügerisch leben wollen. Da sehnt sich jemand nach geistreichen, gehaltvollen Gesprächen unter guten Freunden, wie sie nur in der Aura leiser, melancholischer Nachdenklichkeit entstehen können, muß aber feststellen, daß die Freunde dazu weder bereit noch geeignet sind, weil die meisten lieber belanglos plaudern möchten, um ihre zwei bis drei Meinungen, ihre Ressentiments und Gewohnheiten zu pflegen.

Da bringt jemand Feinsinniges hervor, muß aber feststellen, daß die meisten Menschen gar keine Ohren dafür haben, sondern lieber im Dumpfen und Abgeschmackten ihres auf wenige Themen reduzierten Weltbildes verharren. – Und so kommt es, daß zu allen Zeiten diejenigen, die widersprechend und mit irritierenden Beobachtungen an die Welt herantreten, von dieser Welt eben gerade dafür abgestraft werden, daß sie es wagten, gegen das Gewöhnliche bestimmter Erwartungen zu verstoßen.

Daher trifft jeder skeptische, illusionslose Philosoph auf die natürlichsten Vorbehalte. Man könnte dies das Sokrates-Syndrom nennen. Der Mensch will nicht über sich und seine Mängel belehrt werden, schon gar nicht von einem anderen Menschen: Dafür sind die Götter zuständig, die eigens zu diesem Zweck erfunden wurden.


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