Sezession
8. Dezember 2013

Zur Anthropologie der Geschlechter

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

von Siegfried Gerlich

Als der Mensch der Moderne sich seiner transzendentalen Obdachlosigkeit bewußt wurde und seine anthropologischen Forschungen zur philosophischen Frage verdichtete, trat kein selbstgenügsames Wesen, sondern die ungesicherte Existenz des Menschen zutage: Eine conditio humana, die zu bewahren sich lohnte, mußte er selbst erst schaffen. In seiner wegweisenden Spätschrift Die Sonderstellung des Menschen im Kosmos entwarf Max Scheler das Bild eines »Mängelwesens«, dem aufgrund seines unbestimmten biologischen »Antriebsüberschusses« eine kulturell zu gestaltende »Weltoffenheit« zu eigen sei.

Von Helmuth Plessner naturphilosophisch entfaltet, von Arnold Gehlen naturwissenschaftlich gehärtet, avancierte dieses dialektische Menschenbild rasch zum Leitbild der Philosophischen Anthropologie. In den spezialisierteren Humanwissenschaften hingegen, die nur peripher an anthropologische Grundprobleme rührten, konnte es sich nicht durchsetzen.

So zerbrach es gleichsam in zwei Hälften, die von den Leitdisziplinen Ethologie und Ethnologie — Verhaltensforschung und Völkerkunde — aufgegriffen wurden. Deren naturalistische und kulturalistische Halbwahrheiten verfestigten sich über manche Zwischenstufen zu den ganzen Unwahrheiten der Soziobiologie und des Dekonstruktivismus, denen schon die Rede vom Menschen selbst mythisch anmutete.

Gegen die anstößige Mängelnatur des Menschen legte bereits Konrad Lorenz als Hauptvertreter der Ethologie energisch Protest ein, um als Gegenbeweis dessen vielseitig angepaßte körperliche Fähigkeiten zu präsentieren, die ihn geradezu als »Spezialisten auf das Nicht-Spezialisiertsein« auswiesen. Wenn Lorenz die menschliche Sonderstellung unter den Lebewesen auch nicht gänzlich in Abrede stellte, sondern mit der »Fulguration des Geistes« eine »neue Art von Leben« entstanden sah, so drohte dieser Geist doch zum Widersacher der Seele alles Lebendigen zu werden, indem er einen körperlich domestizierten und kulturell dekadierenden Zivilisationsmenschen hervorbrachte, bei dem nicht einmal die tierische Tötungshemmung mehr recht greifen wollte.

Echte Menschlichkeit glaubte Lorenz mit Ludwig Klages eher in jenen Vitalkräften zu finden, die der Mensch mit den Tieren teilte, als in seinen weltoffenen Antriebssystemen, die alle umweltgebundenen Instinktschematismen kulturschöpferisch durchbrachen. Entsprechend schien Lorenz das »moralanaloge Verhalten« der Tiere den menschlichen Geselligkeitsformen und Geschlechternormen instinktiv den rechten Weg zu weisen: Im sozialen Leben des durch stammesgeschichtliche Anpassungen zum Kleingruppenwesen disponierten Menschen entwickelte sich neben der altruistischen Familienmoral auch eine hierarchische Geschlechterordnung heraus, die den dominanten Mann zu Großwildjagd und Revierverteidigung und die submissive Frau zur Kleinkindbetreuung und Haushaltsführung bestimmte.

In solidarischer Kritik an Lorenz, dessen allgemeine Ethologie sich auf bloß »funktionale Analogien« zwischen menschlichem und tierischem Verhalten stützte und darüber zu naturalistischen Fehlschlüssen gelangte, forschte sein Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeld strenger nach »substantiellen Homologien« menschlicher und tierischer Verhaltensmuster mit gemeinsamen evolutionären Ursprüngen. Sein besonderes Interesse am stammesgeschichtlichen Erbe des Menschen ließ ihn zum Begründer der Humanethologie werden, welche der menschlichen Freiheit die kulturelle Bändigung und humane Umgestaltung der animalischen Vorgeschichte weit mehr zutraute, ohne deren prägende Macht zu leugnen oder ihre problematischen Seiten zu unterschätzen.

So stellte Eibl-Eibesfeld als tiefste Wurzel des menschlichen Sexualverhaltens die von Dominanz- und Submissionsritualen beherrschte Gewaltsexualität der Reptilien heraus, welche etwa in pathologischen Perversionen gebieterisch wieder durchschlage. Um so euphorischer feierte er die individualisierte Brutpflege der höheren Säugetiere als »Schlüsselerfindung, mit der Freundlichkeit in die Welt kam«:

Dieses Säugererbe stimme den Menschen nicht nur auf die Betreuung und Erziehung seiner Kinder ein, es befähige ihn überhaupt erst zu Liebe und Zärtlichkeit und ermögliche so auch die Hegung der Sexualität im Dienste ehelicher und familialer Dauerbindungen, welche obendrein durch die eugenische Hellsicht einer natürlichen Inzestscheu geschützt würden.


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