Wagner – Blick zurück auf den lästigen Jubilar

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

von Sebastian Hennig

Jahrestage sind das Gebläse jenes Kraftwerks, worin eine Kulturindustrie unser kostbares Überlebensmittel Kunst verheizt und so deren verstörende Intensität zu wohliger Wärme drosselt. Was zu sperrig für die Feuerluke ist, wird gebrochen.

 Gastbeitrag

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Auf die gro­ßen Jubi­lä­en die­ses Jah­res ange­spro­chen, mein­te der Kapell­meis­ter des Leip­zi­ger Gewand­haus­or­ches­ters, Ric­car­do Chail­ly, weder Ver­di noch Wag­ner bedürf­ten des Anlas­ses, da sie auf immer Bestand­teil des Uni­ver­sums sei­en. Dabei fand es der Mai­län­der nicht ein­mal nötig, sei­ne Aus­sa­ge auf das Reich der Kunst ein­zu­gren­zen. Wo käme ein sol­ches Bekennt­nis heu­te über deut­sche Lip­pen glei­chen Ranges?

Unbe­fan­ge­ne Ver­eh­rung zeigt sich auch bei unse­ren tsche­chi­schen Nach­barn. So fei­er­te die Nord­böh­mi­sche Phil­har­mo­nie im Kul­tur­haus der Stadt Aus­sig (Ústí nad Labem) im Febru­ar des Jah­res die Hero­en der vater­län­di­schen Musik. Auf­ge­führt wur­den Ari­en und Chö­re zum Geburts­tag der »Bedeu­ten­den Kom­po­nis­ten Giu­sep­pe Ver­di und Richard Wag­ner«, wie es in tsche­chi­scher Spra­che glei­cher­ma­ßen sach­lich wie hul­di­gend auf dem Pla­kat zu lesen stand.

Etwas aus­wärts vor den Toren der Stadt Aus­sig thront die Burg­rui­ne Schre­cken­stein auf einem Fel­sen über der Elbe. Hier oben über­fiel den jun­gen Wag­ner die Ein­ge­bung zum »Tann­häu­ser«. Eine Gedenk­ta­fel an der Mau­er ist erhal­ten geblie­ben. Das stil­le Plätz­chen läßt mehr vom Geist Wag­ners anklin­gen, als die so geräusch­vol­len wie muse­ums­päd­ago­gisch nie­der­schwel­li­gen Gedenk­stät­ten hierzulande.

Erwar­tungs­ge­mäß taucht der Name Wag­ners im Jubi­lä­ums­jahr häu­fig auf im Thea­ter­pro­gramm, den Ver­lags­an­kün­di­gun­gen und Aus­stel­lungs­ver­zeich­nis­sen. Der Anek­do­ten­reich­tum eines beweg­ten Lebens und die musi­ka­li­schen Her­aus­for­de­run­gen bie­ten man­nig­fach Gele­gen­heit zur Pro­fi­lie­rung. Nur im sel­te­nen Fall ent­fal­ten sekun­dä­re Lite­ra­tur und aktu­el­le Insze­nie­rung den Kern des Wer­kes oder tra­gen auch nur ansatz­wei­se zur Erkennt­nis über ihn bei. Doch auch der dau­ern­de Wert die­ser Kunst bedarf inmit­ten der Ver­gäng­lich­keit der Tage einer bestä­ti­gen­den Tat.

Es müs­sen ihm immer wie­der gro­ße Durch­brü­che im aktu­el­len Spiel­plan berei­tet wer­den. Dabei las­sen sich Auf­füh­run­gen von Wag­ners Wer­ken nicht in der Rou­ti­ne des Spiel­plans erle­di­gen. Die Anfor­de­run­gen sind sowohl in musi­ka­li­scher wie in sze­ni­scher Hin­sicht gewal­tig. Allein der gute Wil­le reicht dazu nicht aus. Wenn es aber an die­sem grund­sätz­lich man­gelt, dann lau­fen die schöns­ten Fähig­kei­ten ins Leere.

Wag­ners Ein­her­ge­hen und Her­vor­ge­hen mit und aus der deut­schen Selbst­fin­dung macht sei­ne Mit­tei­lun­gen für die gegen­wär­ti­ge Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land unver­dau­lich. Auf der aktu­el­len Brief­mar­ke der Deut­schen Post ist sei­ne Büs­te rosa­far­ben. Das erin­nert an die ame­ri­ka­ni­schen Gefäng­nis­se, in denen die Viri­li­tät der Insas­sen durch eine rosa Anstalts­klei­dung gedämpft wer­den soll. Hier­zu­lan­de ver­moch­te sich die der Wag­ner­schen Kunst inne­woh­nen­de Kraft am ehes­ten dort aus­zu­drü­cken, wo die äuße­re oder inne­re Not ihrer Ent­fal­tung enge Gren­zen vor­gab, vor­aus­ge­setzt, die musi­ka­li­schen Fähig­kei­ten der Inter­pre­ten waren den hohen Anfor­de­run­gen gewachsen.

Marek Janow­ski ist einer der bes­ten Wag­ner-Diri­gen­ten. Doch mei­det er schon län­ger die Pul­te der deut­schen Opern­häu­ser. Fehl­ge­lei­te­ten Mate­ri­al­schlach­ten ober­halb des Orches­ter­gra­bens ohne för­dern­de Bezie­hung zum Aus­druck und Sinn der Musik moch­te er nicht län­ger zur Unter­ma­lung die­nen. In der Ber­li­ner Phil­har­mo­nie hat er im Som­mer mit dem Rund­funk-Sin­fo­nie­or­ches­ter Ber­lin einen gro­ßen kon­zer­tan­ten Wag­ner-Zyklus mit der »Göt­ter­däm­me­rung« zum Abschluß gebracht.

Da die Insze­nie­rung lan­des­weit ver­sagt, im dop­pel­ten Wort­sin­ne, betritt nun das Orches­ter mit den Sän­gern die Büh­ne. Eine halbsze­ni­sche Auf­füh­rung des glei­chen Wer­kes gab es am bran­den­bur­gi­schen Opern­haus in Cott­bus. Ein um zahl­rei­che Gast­mu­si­ker ver­stärk­tes Phil­har­mo­ni­sches Orches­ter des Staats­thea­ters musi­zier­te auf einer Ebe­ne mit den Sän­ger­dar­stel­lern, wel­che ihre Rol­len mit sel­te­ner, archai­scher Gewalt ausfüllten.

Der welt­wei­ten Begeis­te­rung für Wag­ners Kunst und einer immer noch viel­fäl­ti­gen Verlags‑, Muse­ums- und Thea­ter­land­schaft bei uns haben wir es zu ver­dan­ken, daß doch Bemer­kens­wer­tes im Fest­jahr her­vor­ge­tre­ten ist. Pünkt­lich zum Geburts­tag Richard Wag­ners hat Rüdi­ger Jacobs eine neue Text­aus­ga­be vor­ge­legt. In elf Bän­den ist die schrift­li­che Hin­ter­las­sen­schaft chro­no­lo­gisch aus­ge­brei­tet, samt Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen und Über­set­zun­gen aus dem Fran­zö­si­schen. Ein zwölf­ter Band ent­hält Kom­men­ta­re, Fas­sun­gen und eine Syn­op­se, die auf der Dop­pel­sei­te in vier Spal­ten bio­gra­fi­sche, künst­le­ri­sche, wis­sen­schaft­li­che, poli­ti­sche und his­to­ri­sche Ereig­nis­se in ihrer Gleich­zei­tig­keit nach­voll­zieh­bar macht.

Die Dif­fa­mie­rung und Mar­gi­na­li­sie­rung von Wag­ners ästhe­ti­schen und poli­ti­schen Ansich­ten zehrt von der schwe­ren Zugäng­lich­keit der Quel­len. Die wenigs­ten haben die angeb­lich belas­ten­den Auf­sät­ze im Gan­zen gele­sen und im Zusam­men­hang ihrer Ent­ste­hung zu erfas­sen ver­sucht. Mit die­ser Aus­ga­be ist das einer brei­ten Leser­schaft wie­der mög­lich (Neue Text­aus­ga­be Richard Wag­ner, 12 Bän­de, 5400 S., 198 €, Diel­mann und Pro­jek­te-Ver­lag 2013).

Bei der Betrach­tung von Wag­ners Wer­ken ist es üblich, sich rein selek­tiv nach der Aus­rich­tung des heu­ti­gen Zeit­geis­tes bei sei­nen schrift­li­chen Äuße­run­gen zu bedie­nen. Der Musik­wis­sen­schaft­ler, Phi­lo­soph und Pia­nist Sieg­fried Ger­lich dage­gen geht unbe­irrt den von Wag­ner selbst geleg­ten Fähr­ten nach. Sei­ne Stu­die Richard Wag­ner. Die Fra­ge nach dem Deut­schen (224 S., 24 €, Karo­lin­ger 2013) ist eine erhel­len­de Hand­ha­be zur Bege­hung des Laby­rinths der Wag­ner­schen Schriften.

Nicht Wag­ners Kom­po­si­ti­on und Dich­tung ist Gegen­stand der Unter­su­chung, son­dern »Phi­lo­so­phie, Geschichts­den­ken und Kul­tur­kri­tik«. Ein­mal mehr wird deut­lich, daß Deutsch­land nicht das Land der Dich­ter oder Den­ker, son­dern der Dich­ter als Den­ker und der Den­ker als Dich­ter ist. So auch Richard Wag­ner, des­sen Musik und Kul­tur­po­li­tik die radi­ka­le Wei­ter­füh­rung der roman­ti­schen Poe­sie mit ande­ren Mit­teln dar­stellt. Ger­lich sieht in Wag­ner den Ver­kün­der eines glei­cher­ma­ßen uner­reich­ten wie unver­sehr­ten gehei­men und hei­li­gen Deutsch­land, wie es auch Ste­fan Geor­ge zur For­de­rung erhob und das Stauf­fen­berg im Ange­sicht des Todes auf den Lip­pen führte.

Wag­ner ist ein radi­ka­ler Voll­ender der refor­ma­to­ri­schen deut­schen Spiel­art einer gro­ßen euro­pa­wei­ten Renais­sance des Mensch­li­chen und des Geis­tes gegen den töten­den Uni­ver­sa­lis­mus und die ste­ri­le Abs­trak­ti­on eines natio­nal­staat­li­chen Impe­ria­lis­mus aus römi­scher Abkunft. Wag­ners Vor­stel­lung von einem Deutsch­land in för­dera­ler Viel­ge­stal­tig­keit bei geis­ti­ger Ein­heit wird von Ger­lich mit der Kon­zep­ti­on von Con­stan­tin Frantz ver­gli­chen, der fest­stell­te: »Gäbe es in Deutsch­land nichts wei­ter, als vie­le klei­ne Staa­ten, – wie leicht wäre die Ver­ei­ni­gung! Nein, in Ber­lin und Wien liegt das Hindernis«.

Bezeich­nen­der­wei­se fehl­ten wäh­rend des Jubi­lä­ums­jahrs vor allem »Die Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg« im Pre­mie­ren­plan der Opern­häu­ser hier­zu­lan­de. Die Ams­ter­da­mer Oper und die Salz­bur­ger Fest­spie­le dage­gen brach­ten Neu­in­sze­nie­run­gen der hei­te­ren Natio­nal­oper der Deut­schen her­aus. Die Staats­oper Han­no­ver mach­te kurz­fris­tig zu Jah­res­be­ginn einen Rück­zie­her. Statt einer mit Span­nung erwar­te­ten Neu­in­sze­nie­rung des 34-jäh­ri­gen Regis­seurs Bene­dikt von Peter wur­de eine Über­nah­me aus Linz auf­po­liert, die den Tief­punkt in der Aus­höh­lung des Stü­ckes markiert.

Sän­ger in T‑Shirts mit Städ­te­na­men agier­ten vor einem rie­si­gen Gra­fit­ti, das in ‑zig Spra­chen und bun­ten Far­ben das Wort »Lie­be« zeig­te. Ent­spre­chend san­gen dann Hans Sachs und Chor zum Schluß die dümm­lichs­te Poin­te des Wag­ner-Jahrs: »Ehrt Eure wah­ren Meis­ter« anstatt »… deut­schen Meis­ter«. Völ­lig ver­kannt wird dabei, daß die­se Selbst­aus­lö­schung Frem­den gegen­über in höchs­tem Maße unhöf­lich ist.

Welch unge­heu­rer Hoch­mut steckt in dem Vor­satz, unfaß­bar und damit zugleich unan­greif­bar zu sein. Die pein­li­che Bot­schaft lau­tet: Wir sind nicht län­ger die Deut­schen. Wir sind gemein­sam mit euch allen jetzt – die Wah­ren. Anstatt unser deut­sches Wesen in der freu­di­gen Selbst­ver­ständ­lich­keit zu leben, wel­che Wag­ners »Meis­ter­sin­ger« nahe­le­gen, tre­ten wir ein wei­te­res Mal als Päch­ter der Wahr­heit auf.

Der eins­ti­ge Welt­kriegs­geg­ner Eng­land blickt da ganz anders und viel nüch­ter­ner auf unse­re Kost­bar­kei­ten. Das Deut­sche, hier­zu­lan­de in kramp­fi­ge Ver­stop­fung zurück­ge­drängt, bekun­det sich aus­wärts inzwi­schen als ein posi­ti­ver Mythos. Vor zwei Jah­ren brach­te David McVi­car die Meis­ter­sin­ger zum ers­ten Mal auf die Büh­ne des berühm­ten Glyn­de­bourne Fest­spiel­hau­ses in Süd­eng­land und wähl­te dafür das äuße­re Erschei­nungs­bild eines zu sich selbst gelan­gen­den Deutsch­land, wie es aus den Befrei­ungs­krie­gen gegen Napo­le­on erwuchs.

Er woll­te damit das Werk selbst wie­der befrei­en »aus dem Gefäng­nis his­to­ri­scher Ereig­nis­se, die nach sei­ner Urauf­füh­rung lie­gen«. Den Cha­rak­ter des Stücks emp­fin­det er als »mensch­lich, wei­se, warm und lie­be­voll«. Der­sel­be Ansatz in Kos­tüm und Insze­nie­rung wur­de in die­sem Som­mer für einen »Lohen­grin« an der Wali­si­schen Natio­nal­oper in Car­diff gewählt.

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