Sezession
18. Dezember 2013

Wagner – Blick zurück auf den lästigen Jubilar

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

von Sebastian Hennig

Jahrestage sind das Gebläse jenes Kraftwerks, worin eine Kulturindustrie unser kostbares Überlebensmittel Kunst verheizt und so deren verstörende Intensität zu wohliger Wärme drosselt. Was zu sperrig für die Feuerluke ist, wird gebrochen.

Auf die großen Jubiläen dieses Jahres angesprochen, meinte der Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, Riccardo Chailly, weder Verdi noch Wagner bedürften des Anlasses, da sie auf immer Bestandteil des Universums seien. Dabei fand es der Mailänder nicht einmal nötig, seine Aussage auf das Reich der Kunst einzugrenzen. Wo käme ein solches Bekenntnis heute über deutsche Lippen gleichen Ranges?

Unbefangene Verehrung zeigt sich auch bei unseren tschechischen Nachbarn. So feierte die Nordböhmische Philharmonie im Kulturhaus der Stadt Aussig (Ústí nad Labem) im Februar des Jahres die Heroen der vaterländischen Musik. Aufgeführt wurden Arien und Chöre zum Geburtstag der »Bedeutenden Komponisten Giuseppe Verdi und Richard Wagner«, wie es in tschechischer Sprache gleichermaßen sachlich wie huldigend auf dem Plakat zu lesen stand.

Etwas auswärts vor den Toren der Stadt Aussig thront die Burgruine Schreckenstein auf einem Felsen über der Elbe. Hier oben überfiel den jungen Wagner die Eingebung zum »Tannhäuser«. Eine Gedenktafel an der Mauer ist erhalten geblieben. Das stille Plätzchen läßt mehr vom Geist Wagners anklingen, als die so geräuschvollen wie museumspädagogisch niederschwelligen Gedenkstätten hierzulande.

Erwartungsgemäß taucht der Name Wagners im Jubiläumsjahr häufig auf im Theaterprogramm, den Verlagsankündigungen und Ausstellungsverzeichnissen. Der Anekdotenreichtum eines bewegten Lebens und die musikalischen Herausforderungen bieten mannigfach Gelegenheit zur Profilierung. Nur im seltenen Fall entfalten sekundäre Literatur und aktuelle Inszenierung den Kern des Werkes oder tragen auch nur ansatzweise zur Erkenntnis über ihn bei. Doch auch der dauernde Wert dieser Kunst bedarf inmitten der Vergänglichkeit der Tage einer bestätigenden Tat.

Es müssen ihm immer wieder große Durchbrüche im aktuellen Spielplan bereitet werden. Dabei lassen sich Aufführungen von Wagners Werken nicht in der Routine des Spielplans erledigen. Die Anforderungen sind sowohl in musikalischer wie in szenischer Hinsicht gewaltig. Allein der gute Wille reicht dazu nicht aus. Wenn es aber an diesem grundsätzlich mangelt, dann laufen die schönsten Fähigkeiten ins Leere.

Wagners Einhergehen und Hervorgehen mit und aus der deutschen Selbstfindung macht seine Mitteilungen für die gegenwärtige Bundesrepublik Deutschland unverdaulich. Auf der aktuellen Briefmarke der Deutschen Post ist seine Büste rosafarben. Das erinnert an die amerikanischen Gefängnisse, in denen die Virilität der Insassen durch eine rosa Anstaltskleidung gedämpft werden soll. Hierzulande vermochte sich die der Wagnerschen Kunst innewohnende Kraft am ehesten dort auszudrücken, wo die äußere oder innere Not ihrer Entfaltung enge Grenzen vorgab, vorausgesetzt, die musikalischen Fähigkeiten der Interpreten waren den hohen Anforderungen gewachsen.

Marek Janowski ist einer der besten Wagner-Dirigenten. Doch meidet er schon länger die Pulte der deutschen Opernhäuser. Fehlgeleiteten Materialschlachten oberhalb des Orchestergrabens ohne fördernde Beziehung zum Ausdruck und Sinn der Musik mochte er nicht länger zur Untermalung dienen. In der Berliner Philharmonie hat er im Sommer mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin einen großen konzertanten Wagner-Zyklus mit der »Götterdämmerung« zum Abschluß gebracht.

Da die Inszenierung landesweit versagt, im doppelten Wortsinne, betritt nun das Orchester mit den Sängern die Bühne. Eine halbszenische Aufführung des gleichen Werkes gab es am brandenburgischen Opernhaus in Cottbus. Ein um zahlreiche Gastmusiker verstärktes Philharmonisches Orchester des Staatstheaters musizierte auf einer Ebene mit den Sängerdarstellern, welche ihre Rollen mit seltener, archaischer Gewalt ausfüllten.


 Gastbeitrag

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