Politik und Metapolitik

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

von Karlheinz Weißmann

Im ganz gewöhnlichen Schulbetrieb tauchen neuerdings Formulare auf, die alle möglichen Bezeichnungen mit Binnen-I schreiben,..

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

also »Leh­re­rIn« statt »Leh­rer«, »Schü­le­rIn« statt »Schü­ler«. Der Phi­lo­soph Mar­kus Gabri­el, an sich ein klu­ger Kopf, erklärt sei­nen Lesern, daß zu den undis­ku­tier­ba­ren Vor­aus­set­zun­gen unse­res Den­kens die »Gleich­heit aller Men­schen« gehö­re. Fragt man den »Tatort«-Zuschauer, wer es gewe­sen sein muß – der pro­le­ta­roide Vor­be­straf­te mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund oder der blon­de Kna­be aus gutem Haus – dann wird er nicht zögern: natür­lich war es der Blon­de. Wie ist das möglich?

War­um empört nie­man­den die Ver­hun­zung der deut­schen Spra­che? War­um belehrt kei­ner den pro­fes­sio­nel­len Den­ker, daß bes­ten­falls von einer recht­li­chen »Gleich­heit aller Men­schen« gespro­chen wer­den kann, und selbst die eher Wunsch­traum als Wirk­lich­keit ist? War­um ver­langt man nicht, daß die noto­ri­sche Bedie­nung von Antik­li­schees ein Ende haben solle?

Wir wis­sen die Ant­wor­ten, und jeder von uns könn­te die Lis­te, die ich begon­nen habe, fort­set­zen, sie um wei­te­re Bei­spie­le ergän­zen, und es wür­de ein Bild unse­rer gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät ent­ste­hen, das eben­so ver­traut wie bizarr erscheint. Ver­traut, weil wir mit den Details tag­täg­lich zu tun haben, weil Gen­der­ge­rech­tig­keit, Ega­li­ta­ris­mus und Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus zu den Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten unse­rer Zeit gehö­ren, bizarr, weil vie­les von dem, was heu­te als Selbst­ver­ständ­lich­keit gilt, gar kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist, jeden­falls nicht im his­to­ri­schen oder im kul­tu­rel­len Bezug, und nicht ein­mal dann, wenn man nur bio­gra­phisch beding­te Ver­gleichs­mög­lich­kei­ten nutzt.

Die Selbst­ver­ständ­lich­keit ist eine behaup­te­te, aber das besagt nichts über ihre Gel­tungs­macht. Die »Kon­sens­ma­schi­ne«, von der Noam Chom­sky spricht, arbei­tet geräusch- und rei­bungs­los, aber sie tut das äußerst effek­tiv und pro­du­ziert Tag um Tag, Stun­de um Stun­de die Anschau­ung der Gesell­schaft, das, was üblich ist, was nicht in Fra­ge gestellt wer­den darf. Wer das trotz­dem tut, kommt nicht zu Wort, oder, falls doch, dann sieht er sich dem kol­lek­ti­ven Unwil­len aus­ge­setzt, weil er über die Sache selbst spre­chen will, und, wenn er beharr­lich bleibt, Ver­däch­ti­gun­gen oder Vor­wür­fen: die Erwäh­nung sei »nicht hilf­reich« oder »gefähr­lich«, oder, man wis­se genau, wohin das füh­re – im Zwei­fels­fall nach Auschwitz.

Die Fol­gen sind abseh­bar: Ein­schüch­te­rung, Selbst­zen­sur, Ver­stum­men, Resi­gna­ti­on. »Kri­tik­fä­hig­keit« oder »kri­ti­sches Bewußt­sein« haben in unse­rer Welt jeden­falls dra­ma­tisch an Kurs­wert ver­lo­ren. Das wäre in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts kaum vor­stell­bar gewe­sen, als es dau­ernd dar­um ging, die bestehen­den Ver­hält­nis­se »zu ent­lar­ven«, dem Spie­ßer »die Mas­ke vom Gesicht zu rei­ßen«, den »heim­li­chen Lehr­plan« auf­zu­de­cken und den gro­ßen »Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang« zu zerstören.

Jeder, der intel­lek­tu­ell auf sich hielt, woll­te das sozia­le Sys­tem tref­fen, indem er sei­ne Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten als ver­meint­li­che ent­hüll­te, und vor allem die Dis­kre­panz zwi­schen Behaup­tung und Tat­sa­che nach­wies: die christ­li­chen Wer­te waren nur vor­ge­täusch­te, das Vater­land eine mör­de­ri­sche Ange­le­gen­heit, das Frem­de bes­ser als das Eige­ne, die Fami­lie ein Hort der Repres­si­on, der Unter­neh­mer ein Aus­beu­ter, die Schu­le kein Platz der Bil­dung, son­dern der Dressur.

Selbst­ver­ständ­lich ging es nie um Kri­tik, das heißt Unter­schei­dungs­fä­hig­keit, als sol­che. Immer war sie mit einer Absicht ver­knüpft, die über die Infra­ge­stel­lung hin­aus­ging. Denn es soll­te die alte Selbst­ver­ständ­lich­keit durch eine neue ersetzt wer­den, und was uns heu­te als Nor­ma­li­tät ange­dient wird, ist ganz wesent­lich die Kon­se­quenz des Erfolgs, den die­se Stra­te­gie hatte.

Die Eta­blie­rung der neu­en Selbst­ver­ständ­lich­keit zeig­te aber auch, daß die »zwei­te Auf­klä­rung« kei­nes­wegs den all­seits infor­mier­ten, selb­stän­dig den­ken­den, mit­hin vor­ur­teils­lo­sen Bür­ger oder Genos­sen her­vor­brach­te, son­dern daß es sich letzt­lich nur um eine ande­re Form der Ein­fluß­nah­me han­del­te. Ein­fluß­nah­me, um die Kon­trol­le über Begrif­fe, Denk­ge­wohn­hei­ten und inne­re Bil­der zu erlan­gen, um über den vor­po­li­ti­schen Bereich poli­ti­sche Macht zu erlangen.

Daß es dar­um und um nichts ande­res ging, haben Kri­ti­ker der Neu­en Lin­ken früh gese­hen, und auch pro­phe­zeit, daß die Lin­ke als eta­blier­te Lin­ke sich genau­so beneh­men wür­de wie jede ande­re Grup­pe an der Spit­ze der Pyra­mi­de, die alles tut, um dort zu blei­ben und die ande­ren davon abzu­hal­ten, ihr den Platz strei­tig zu machen.

Lin­ke Welt­an­schau­ung hin­dert jeden­falls – trotz des huma­ni­tä­ren Pathos, von dem sie trieft – kei­nes­wegs an rabia­ter Ver­tei­di­gung gegen Kon­kur­ren­ten, oder dar­an, gefähr­li­che Geg­ner zu dis­kri­mi­nie­ren oder gleich dem »sozia­len Tod« (Peter Slo­ter­di­jk) aus­zu­lie­fern, vor allem aber den kul­tu­rel­len Raum sorg­fäl­tig zu bewa­chen, über den sie ihren eige­nen Auf­stieg orga­ni­siert hat.

Wenn hier von einer eta­blier­ten Lin­ken gespro­chen wird, ist damit mehr gemeint als Kom­mu­nis­ten, Sozia­lis­ten, Sozi­al­de­mo­kra­ten oder Grü­ne auf Par­la­ments- oder Minis­ter­ses­seln, und mehr als der Zugriff auf Pos­ten in Ver­wal­tung, Kir­che, Medi­en oder Wirt­schafts­un­ter­neh­men. Gemeint ist jeder Bereich, auf den lin­ke Men­ta­li­tät ein­wirkt, vom Kind, das aus dem Hort die Ein­sicht mit­bringt, daß Ham­bur­ger­ver­zehr den Regen­wald schä­di­ge, bis zum Schau­spie­ler im Kar­rie­re­knick, der sich für die Eis­bä­ren stark macht, von der Haus­frau, die den Hun­ger­streik von Ille­ga­len unter­stützt, bis zum Mana­ger, der meint, daß es im Vor­stand sei­nes Unter­neh­mens zu weiß zuge­he, wes­halb es bun­ter wer­den müs­se, vom ali­men­tier­ten Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger, der sei­ne finan­zi­el­len For­de­run­gen als Anspruch vor­trägt, bis zum Bil­dungs­bür­ger, der von Inklu­si­on schwärmt, vom Pfar­rer, der gegen den NPD-Par­tei­tag mobil­macht, bis zum CSU-Minis­ter, der es für legi­tim hält, daß man im »Kampf gegen rechts« wei­ter geht, »als der Rechts­staat eigent­lich erlaubt«.

Der Begriff Men­ta­li­tät wur­de hier mit Bedacht gewählt, denn es geht um die Tie­fen­struk­tur des Den­kens, also das Zusam­men­spiel von Über­zeu­gung und Emp­fin­dung, eine Men­ge jener Vor­stel­lun­gen und Affek­te, die Hand­lun­gen schon bestim­men, bevor wir eine bewuß­te Ent­schei­dung tref­fen. Die Men­ta­li­tät darf des­halb nicht mit Welt­an­schau­ung ver­wech­selt wer­den, sie liegt vor dem Welt­an­schau­li­chen. Sie prägt die »mehr oder weni­ger aus­ge­spro­che­nen Glau­bens­ge­wiß­hei­ten« (José Orte­ga y Gasset).

Im all­ge­mei­nen han­delt es sich um »weni­ger aus­ge­spro­che­ne«, die aber trotz­dem die Hal­tung zum Recht genau­so wie zur Öko­no­mie, zu geis­tes- oder natur­wis­sen­schaft­li­chen Pro­blem­stel­lun­gen, zu Moral- wie Geschmacks­fra­gen mit­be­stim­men und natür­lich auch die Ent­schei­dung beein­flus­sen, ob der eige­ne Lebens­zu­schnitt eher kon­ven­tio­nell oder unkon­ven­tio­nell ist, ob man Kra­wat­te und Klei­nes Schwar­zes trägt oder nicht, ob man blau, oran­ge, gelb, grün, hell- oder dun­kel­rot wählt.

Die Men­ta­li­tät ist schwer faß­bar, solan­ge sie latent bleibt, erst wenn sie sich in Akti­vi­tät aus­drückt, wird das anders. Die­se schlech­te Faß­bar­keit hat damit zu tun, daß die Men­ta­li­tät unmit­tel­bar zum Men­schen gehört, nicht mit­tel­bar, nicht schon durch die Refle­xi­on gegan­gen ist wie ein reli­giö­ser Glau­be oder eine Ideo­lo­gie: »Men­ta­li­tät ist eine Haut – Ideo­lo­gie ist ein Gewand.« (Theo­dor Geiger)

Man könn­te hin­zu­fü­gen: Der Mensch spürt sei­ne Men­ta­li­tät im all­ge­mei­nen so wenig, wie er sei­ne Haut spürt. Es sei denn, er fühlt sich nicht wohl in ihr. Das ist dann der Fall, wenn der Mensch an den Gewiß­hei­ten sei­ner Gegen­wart irre wird. Die Grün­de dafür mögen ver­schie­den sein, aber im Kern las­sen sie sich auf Dis­kre­pan­zer­fah­run­gen zurück­füh­ren: die Erfah­rung der Dis­kre­panz zwi­schen Sein und Sol­len, zwi­schen Ver­hei­ßung und Erfül­lung, zwi­schen dem, was behaup­tet wird, und dem, was der tat­säch­li­chen Erfah­rung ent­spricht. Man emp­fin­det die schö­ne neue Welt nicht als sol­che, und des­halb schlägt man sich auf die Sei­te der Neinsager.

Sol­ches Ver­hal­ten ist für den Kon­ser­va­ti­ven unge­wohnt. Er hat eine kla­re Vor­stel­lung von der Bedeu­tung der Tabus, der unge­schrie­be­nen Regeln, all der klei­nen und gro­ßen Gewohn­hei­ten, die das Mit­ein­an­der ord­nen. Völ­lig unge­wohnt ist es aber nicht. In sei­nen Betrach­tun­gen über Frank­reich schrieb Joseph de Maist­re, es gehe bei aller Betrach­tung der Poli­tik immer auch um »Meta­po­li­tik«. Die ver­hal­te sich zur Poli­tik wie die »Meta­phy­sik in bezug auf die Physik«.

Die For­mu­lie­rung ver­weist auf einen Vor­läu­fer de Mais­tres, den Göt­tin­ger His­to­ri­ker August Lud­wig von Schlö­zer, der den Begriff Meta­po­li­tik zuerst gebrauch­te, dar­un­ter aber das Gebiet der Staats­phi­lo­so­phie ver­stand, wäh­rend de Maist­re unse­rem Ver­ständ­nis näher kommt, wenn er schreibt, daß es der Meta­po­li­tik gar nicht um die offen­sicht­li­chen, son­dern um die »ver­bor­ge­nen Grund­la­gen des Gesell­schafts­auf­baus« gehe.

De Maist­re inter­es­sier­te sich für die­se »ver­bor­ge­nen Grund­la­gen«, weil er zwar noch nicht den Begriff der Men­ta­li­tät kann­te, aber wohl die so bezeich­ne­te Sache. Und als Zeit­ge­nos­se der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on hat­te er einen unge­heu­ren Men­ta­li­täts­wan­del beob­ach­ten können.

Er war noch in einer Welt groß gewor­den, der das Got­tes­gna­den­tum der Köni­ge und die Pri­vi­le­gi­en der ers­ten Stän­de als genau­so natür­lich gal­ten wie die Unter­ord­nung der Bür­ger und der klei­nen Leu­te, die Ver­schie­den­heit der Frei­hei­ten wie der Pflich­ten, und er hat­te erle­ben müs­sen, daß das alles in kür­zes­ter Zeit abge­räumt wur­de, ersetzt durch die neue Reli­gi­on der Men­sch­rech­te und die Pre­digt, daß alle Herr­schaft, wenn über­haupt, dann durch das Volk legi­ti­miert wer­den müs­se, daß Gleich­heit eine Lösung für jedes gesell­schaft­li­che Pro­blem bie­te und Unter­scheid­bar­keit zu bekämp­fen sei, ganz egal, wo sie sich finde.

De Maist­re hat auch sehr genau gese­hen, daß der Umbruch von 1789 kein Betriebs­un­fall der Geschich­te war. Denn der Revo­lu­ti­on hat­te eine Kul­tur­re­vo­lu­ti­on vor­ge­ar­bei­tet, die sich über fast ein Jahr­hun­dert erstreck­te, begin­nend mit dem Ratio­na­lis­mus der Den­ker und den Welt­erklä­run­gen der Enzy­klo­pä­dis­ten, wei­ter­lau­fend über die Trak­ta­te der Popu­la­ri­sa­to­ren, die Arbeit der Jour­na­lis­ten und die fre­chen Thea­ter­stü­cke bis zu den Ver­ab­re­dun­gen der Logen­brü­der und der Pro­duk­ti­on von Flug­blät­tern für die analpha­be­ti­schen Bauern.

Ernst­haft oder iro­nisch, beleh­rend oder unter­hal­tend, kom­pli­ziert oder ver­ein­facht hat­te man die alter­na­ti­ven Ideen, alter­na­ti­ven Sit­ten, alter­na­ti­ven Moden unter die Men­schen gebracht und den erwähn­ten Men­ta­li­täts­wan­del ein­ge­lei­tet, der den Adel sen­ti­men­tal, den Kle­rus spöt­tisch, den Bür­ger selbst­be­wußt und den Bau­ern auf­säs­sig mach­te, den einen das schlech­te, den ande­ren das noto­risch gute Gewis­sen ein­impf­te, und damit sol­chen Erfolg hat­te, daß die tau­send­jäh­ri­ge Mon­ar­chie Frank­reichs in Trüm­mer sank und der König unter dem Fall­beil ende­te, alle Pri­vi­le­gi­en auf­ge­ho­ben wur­den und fast eine Mil­li­on Fran­zo­sen durch das Regime der Brü­der­lich­keit umkam. Die meta­po­li­ti­sche Stra­te­gie der phi­lo­so­phes, so die Ana­ly­se de Mais­tres, hat­te die »ver­bor­ge­nen Grund­la­gen« des alten Gesell­schafts­auf­baus zer­stört und gleich­zei­tig neue geschaffen.

Kein ande­res Zusam­men­spiel von Meta­po­li­tik und Poli­tik ist je so gründ­lich unter­sucht wor­den wie das im Fall der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on. Aber natür­lich ist das nicht der ein­zi­ge his­to­ri­sche Fall die­ser Art: Es gibt berühm­te, etwa die Aus­brei­tung des Chris­ten­tums im römi­schen Reich trotz Äch­tung und Ver­fol­gung, weil die Kir­che im Unter­grund über­leb­te, genährt vom Blut ihrer Mär­ty­rer, und gleich­zei­tig die intel­lek­tu­el­le Aus­ein­an­der­set­zung such­te, inso­fern der Kon­stan­ti­ni­schen Wen­de vor­ar­bei­te­te, die fast über Nacht eine abrup­te und tota­le Ver­än­de­rung bedeu­te­te; und es gibt weni­ger berühm­te, wie die Durch­set­zung der Tory-Idee des »patrio­ti­schen Königs« im Groß­bri­tan­ni­en des 18. Jahr­hun­derts gegen die vor­herr­schen­de Whig-Ideo­lo­gie, mit Kon­se­quen­zen für den Nor­mal­na­tio­na­lis­mus der Insel bis in unse­re Gegenwart.

Zu den weni­ger berühm­ten gehört auch die Ein­fluß­nah­me der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on auf »alles, was schein­bar jen­seits der Poli­tik liegt, sie aber wesent­lich bestimmt« (Edgar Juli­us Jung), die so erfolg­reich war, daß selbst Dik­ti­on und Stil der Lin­ken sich ihren Vor­ga­ben unter­warf und das NS-Regime zu Beginn als Rea­li­sie­rung der KR miß­ver­stan­den wer­den konn­te, da es sich sei­ner Zen­tral­be­grif­fe bemäch­tigt hatte.

Was alle die­se Bei­spie­le ver­bin­det, ist die Tat­sa­che, daß es immer wie­der rela­tiv klei­nen Denk­ge­mein­schaf­ten gelang, »die Fül­le und Ein­heit einer gro­ßen Mei­nungs­be­we­gung zu imi­tie­ren, ohne die Kohä­si­on und die Steue­rung einer Ver­schwö­rung zu ver­lie­ren« und dafür zu sor­gen, daß sich jeder »dem unter­warf, von dem er glaub­te, daß es alle mein­ten« (Augus­tin Cochin), lan­ge bevor das tat­säch­lich der Fall war.

Erst ange­sichts die­ses Befun­des wird die The­se des Mar­xis­ten Anto­nio Gram­sci zur Bedeu­tung der »kul­tu­rel­len Hege­mo­nie« plau­si­bel, inso­fern es näm­lich nie nur um die mate­ri­el­le Basis geht – Klassen‑, Rassen‑, Eli­ten­kampf –, son­dern um die »Revo­lu­ti­on ohne Revo­lu­ti­on«, dar­um, daß jede Grup­pe, die sich poli­tisch durch­set­zen will, kul­tu­rell »füh­rend« sein muß, »bereits bevor sie an die Macht kommt«.

Die­ser The­se Gram­scis wird bekann­ter­ma­ßen sowohl von links wie von rechts zuge­stimmt. Aber genügt es tat­säch­lich, die Kon­trol­le über geis­ti­ge Res­sour­cen zu erwer­ben, um die »impli­zi­te Ideo­lo­gie« (Alain de Benoist) einer bestehen­den Ord­nung durch eine ande­re zu erset­zen, mit der Kon­se­quenz, daß irgend­wann die Macht­ver­hält­nis­se wie ein Kar­ten­haus zusam­men­stür­zen? Kann man Meta­po­li­tik trei­ben, indem man eine »Anders­welt« ent­wirft und bevöl­kert, mit Regeln und Ver­fas­sun­gen aus­stat­tet, um sie gegen die nach wie vor bestehen­de auszutauschen?

Das ist schon für den Mus­ter­fall der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on zu bezwei­feln. Denn die war eben nicht nur die Fol­ge einer Sub­ver­si­on, die den Geg­nern des Anci­en régime die Deu­tungs­ho­heit ver­schaff­te, son­dern auch die Kon­se­quenz einer Men­ge an wirt­schaft­li­chen, mili­tä­ri­schen und diplo­ma­ti­schen Fehl­leis­tun­gen, die sich die Eli­ten der Mon­ar­chie erlaubt hat­ten. Das heißt wei­ter, daß man den Erfolg des Gram­scis­mus von links nicht ein­fach aus der kul­tu­rel­len Potenz sei­ner Trä­ger erklä­ren kann, und den Mißer­folg des Gram­scis­mus von rechts nicht aus kul­tu­rel­ler Impotenz.

Zur Erläu­te­rung: Die kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­re Neue Lin­ke exis­tier­te schon in der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit, aber die Bedin­gun­gen der Ost-West-Kon­fron­ta­ti­on lie­ßen die Ent­fal­tung so wenig zu wie die tri­um­pha­le Stim­mung in den USA oder die depres­si­ve in Euro­pa. Durch­set­zen konn­te sie sich erst im Zusam­men­hang mit der Eta­blie­rung der Kon­sum­ge­sell­schaft, die­ser Mischung aus Kun­den­kre­dit, Hedo­nis­mus, Pop­mu­sik und Coke. Umge­kehrt hat­te die kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­re Neue Rech­te eine gewis­se Chan­ce auf­grund der Kater­stim­mung nach ’68.

Es gab nicht nur die ter­ro­ris­ti­sche Gefahr und die Ölkri­se und den Bericht des Club of Rome, son­dern auch eine wach­sen­de Skep­sis gegen­über Uto­pie und Eman­zi­pa­ti­on, was einem intel­lek­tu­ell fun­dier­ten Gegen­kon­zept Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten zu bie­ten schien. Aber die Bedin­gun­gen waren zuletzt doch nicht so güns­tig, wie man anfangs glau­ben durf­te, und die Attrak­ti­vi­tät der Super­markt­zi­vi­li­sa­ti­on blieb unge­bro­chen, ganz gleich, wie vie­le klu­ge Bücher Alain de Benoist schrieb.

Was ist aus dem Gesag­ten zu folgern?

  1. Meta­po­li­tik ist nicht alles. Meta­po­li­ti­sche Stra­te­gien sind nur sinn­voll als Teil von poli­ti­schen Stra­te­gien. Wer Meta­po­li­tik trei­ben will, muß Lagen ana­ly­sie­ren und Mach­bar­keits­fra­gen stel­len. Wenn es Meta­po­li­tik um den »Über­bau« geht, dann nicht im Ver­ständ­nis von phi­lo­so­phi­scher Wahr­heits­su­che oder Ideo­lo­gie­pro­duk­ti­on oder geis­ti­gem Glas­per­len­spiel oder wech­seln­dem Inter­es­se an The­men, die stim­mungs­mä­ßig »affi­zie­ren« (Carl Schmitt). Meta­po­li­tik inter­es­siert sich zwin­gend auch für poli­ti­sche Pra­xis und deren Trä­ger, eine ganz schar­fe Tren­nung ist weder mach­bar noch wün­schens­wert, aber das Inter­es­se besteht kei­nes­falls in dem Sinn, daß man glaubt, sei­ne per­sön­li­chen oder ästhe­ti­schen Maß­stä­be gegen­über der Poli­tik zur Gel­tung brin­gen zu müs­sen, denn die sind per­sön­lich und ästhe­tisch und mit­hin nicht politisch.
  2. Meta­po­li­tik geht es um Ein­fluß­nah­me. Ein­fluß­neh­men kann nur der, der gehört wird, oder der min­des­tens bereit ist, alles zu mei­den, was dazu führt, ihm das Gehör zu ver­sa­gen. Pro­vo­ka­ti­on und Kon­fron­ta­ti­on sind des­halb nur aus­nahms­wei­se Mit­tel der Wahl. Meta­po­li­tik muß, um wirk­sam zu sein, anknüp­fen kön­nen, muß sich mit ver­deck­ten Wider­stands­po­ten­tia­len und ver­bor­ge­nen Wün­schen befas­sen, muß das Nase­rümp­fen mei­den. Die Neue Lin­ke hat ihren Sie­ges­zug eben nicht ange­tre­ten, indem sie den Sozia­lis­mus pro­pa­gier­te und für das Sowjet­sys­tem ein­trat, son­dern indem sie für die Bür­ger­rech­te und gegen den Viet­nam­krieg auf die Stra­ße ging, die Frank­fur­ter Schu­le beriet die Regie­rung Ade­nau­er und hielt sich in den fünf­zi­ger Jah­ren sogar von der SPD fern, die Neue Rech­te in Frank­reich ließ kein Mit­glied ihrer Orga­ni­sa­ti­on GRECE mit dem Kel­ten­kreuz her­um­lau­fen und revi­sio­nis­ti­sche Lite­ra­tur war tabu, Kri­tik der USA und Kri­tik des Chris­ten­tums konn­te man sich erlau­ben, weil es Mög­lich­kei­ten des Über­griffs auf das geg­ne­ri­sche Feld gab, und im Zwei­fel wur­den Wahl­emp­feh­lun­gen zuguns­ten der Libe­ra­len ausgesprochen.
  3. Meta­po­li­tik ist eine müh­sa­me Sache. Das hat damit zu tun, daß sie auf gedehn­te Fris­ten setzt und die Unwäg­bar­kei­ten der Geschich­te im Blick hat, was Geduld, Klug­heit und Geschick vor­aus­setzt. Wer meint, daß man es zwin­gen kann, wenn sich die Trä­ger des Guten und Wah­ren nur anstren­gen oder man Kon­ven­ti­kel bil­det, in denen jeder die »Spra­che Kanaans« spricht, wer meint, daß alles an unse­rem Wol­len hängt, daß es der Vor­be­rei­tung und des lan­gen Atems nicht bedarf, der soll­te sich fern­hal­ten. Meta­po­li­tik ist unbe­dingt dar­auf ange­wie­sen, den »All­tags­ver­stand« der Men­schen ernst­zu­neh­men, denn – noch ein­mal Gram­sci – das »volks­tüm­li­che Ele­ment fühlt, aber es ver­steht oder weiß nicht immer, das intel­lek­tu­el­le Ele­ment weiß, aber es ver­steht und ins­be­son­de­re fühlt nicht immer«.
  4. Meta­po­li­tik kennt kei­ne Erfolgs­ga­ran­tie. Das muß auf jeden Fall erken­nen, wer die­ses Feld in Deutsch­land seit län­ge­rem beackert. In wel­cher Wei­se der »hege­mo­nia­le Block« – zum letz­ten Mal Gram­sci – kon­stru­iert ist, bleibt unüber­seh­bar. Schon die Links-Rechts­Selbst­ein­schät­zung der Wäh­ler spricht eine deut­li­che Spra­che: wäh­rend sich 1991 nur 23 Pro­zent der Bür­ger als »Lin­ke« betrach­te­ten, 58 Pro­zent als »Mit­te« und 19 Pro­zent als »Rech­te«, haben sich die Zah­len bis dato der­art ver­scho­ben, daß wir es nun mit 37 Pro­zent auf der »Lin­ken«, 56 Pro­zent in der »Mit­te« und gan­zen sie­ben Pro­zent auf der »Rech­ten« zu tun haben. Das heißt, daß der Kul­tur­kampf von rechts auch in Zukunft aus einer Posi­ti­on der Schwä­che geführt wird und die Ein­sicht dar­ein allen ande­ren vor­geht, die Ziel­set­zung wie die Wahl der Mit­tel bestim­men muß.
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