19. Dezember 2013

Politik und Metapolitik

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

von Karlheinz Weißmann

Im ganz gewöhnlichen Schulbetrieb tauchen neuerdings Formulare auf, die alle möglichen Bezeichnungen mit Binnen-I schreiben, also »LehrerIn« statt »Lehrer«, »SchülerIn« statt »Schüler«. Der Philosoph Markus Gabriel, an sich ein kluger Kopf, erklärt seinen Lesern, daß zu den undiskutierbaren Voraussetzungen unseres Denkens die »Gleichheit aller Menschen« gehöre. Fragt man den »Tatort«-Zuschauer, wer es gewesen sein muß – der proletaroide Vorbestrafte mit Migrationshintergrund oder der blonde Knabe aus gutem Haus – dann wird er nicht zögern: natürlich war es der Blonde. Wie ist das möglich?

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  • Sezession

Warum empört niemanden die Verhunzung der deutschen Sprache? Warum belehrt keiner den professionellen Denker, daß bestenfalls von einer rechtlichen »Gleichheit aller Menschen« gesprochen werden kann, und selbst die eher Wunschtraum als Wirklichkeit ist? Warum verlangt man nicht, daß die notorische Bedienung von Antiklischees ein Ende haben solle?

Wir wissen die Antworten, und jeder von uns könnte die Liste, die ich begonnen habe, fortsetzen, sie um weitere Beispiele ergänzen, und es würde ein Bild unserer gesellschaftlichen Realität entstehen, das ebenso vertraut wie bizarr erscheint. Vertraut, weil wir mit den Details tagtäglich zu tun haben, weil Gendergerechtigkeit, Egalitarismus und Multikulturalismus zu den Selbstverständlichkeiten unserer Zeit gehören, bizarr, weil vieles von dem, was heute als Selbstverständlichkeit gilt, gar keine Selbstverständlichkeit ist, jedenfalls nicht im historischen oder im kulturellen Bezug, und nicht einmal dann, wenn man nur biographisch bedingte Vergleichsmöglichkeiten nutzt.

Die Selbstverständlichkeit ist eine behauptete, aber das besagt nichts über ihre Geltungsmacht. Die »Konsensmaschine«, von der Noam Chomsky spricht, arbeitet geräusch- und reibungslos, aber sie tut das äußerst effektiv und produziert Tag um Tag, Stunde um Stunde die Anschauung der Gesellschaft, das, was üblich ist, was nicht in Frage gestellt werden darf. Wer das trotzdem tut, kommt nicht zu Wort, oder, falls doch, dann sieht er sich dem kollektiven Unwillen ausgesetzt, weil er über die Sache selbst sprechen will, und, wenn er beharrlich bleibt, Verdächtigungen oder Vorwürfen: die Erwähnung sei »nicht hilfreich« oder »gefährlich«, oder, man wisse genau, wohin das führe – im Zweifelsfall nach Auschwitz.

Die Folgen sind absehbar: Einschüchterung, Selbstzensur, Verstummen, Resignation. »Kritikfähigkeit« oder »kritisches Bewußtsein« haben in unserer Welt jedenfalls dramatisch an Kurswert verloren. Das wäre in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts kaum vorstellbar gewesen, als es dauernd darum ging, die bestehenden Verhältnisse »zu entlarven«, dem Spießer »die Maske vom Gesicht zu reißen«, den »heimlichen Lehrplan« aufzudecken und den großen »Verblendungszusammenhang« zu zerstören.

Jeder, der intellektuell auf sich hielt, wollte das soziale System treffen, indem er seine Selbstverständlichkeiten als vermeintliche enthüllte, und vor allem die Diskrepanz zwischen Behauptung und Tatsache nachwies: die christlichen Werte waren nur vorgetäuschte, das Vaterland eine mörderische Angelegenheit, das Fremde besser als das Eigene, die Familie ein Hort der Repression, der Unternehmer ein Ausbeuter, die Schule kein Platz der Bildung, sondern der Dressur.

Selbstverständlich ging es nie um Kritik, das heißt Unterscheidungsfähigkeit, als solche. Immer war sie mit einer Absicht verknüpft, die über die Infragestellung hinausging. Denn es sollte die alte Selbstverständlichkeit durch eine neue ersetzt werden, und was uns heute als Normalität angedient wird, ist ganz wesentlich die Konsequenz des Erfolgs, den diese Strategie hatte.

Die Etablierung der neuen Selbstverständlichkeit zeigte aber auch, daß die »zweite Aufklärung« keineswegs den allseits informierten, selbständig denkenden, mithin vorurteilslosen Bürger oder Genossen hervorbrachte, sondern daß es sich letztlich nur um eine andere Form der Einflußnahme handelte. Einflußnahme, um die Kontrolle über Begriffe, Denkgewohnheiten und innere Bilder zu erlangen, um über den vorpolitischen Bereich politische Macht zu erlangen.

Daß es darum und um nichts anderes ging, haben Kritiker der Neuen Linken früh gesehen, und auch prophezeit, daß die Linke als etablierte Linke sich genauso benehmen würde wie jede andere Gruppe an der Spitze der Pyramide, die alles tut, um dort zu bleiben und die anderen davon abzuhalten, ihr den Platz streitig zu machen.

Linke Weltanschauung hindert jedenfalls – trotz des humanitären Pathos, von dem sie trieft – keineswegs an rabiater Verteidigung gegen Konkurrenten, oder daran, gefährliche Gegner zu diskriminieren oder gleich dem »sozialen Tod« (Peter Sloterdijk) auszuliefern, vor allem aber den kulturellen Raum sorgfältig zu bewachen, über den sie ihren eigenen Aufstieg organisiert hat.

Wenn hier von einer etablierten Linken gesprochen wird, ist damit mehr gemeint als Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten oder Grüne auf Parlaments- oder Ministersesseln, und mehr als der Zugriff auf Posten in Verwaltung, Kirche, Medien oder Wirtschaftsunternehmen. Gemeint ist jeder Bereich, auf den linke Mentalität einwirkt, vom Kind, das aus dem Hort die Einsicht mitbringt, daß Hamburgerverzehr den Regenwald schädige, bis zum Schauspieler im Karriereknick, der sich für die Eisbären stark macht, von der Hausfrau, die den Hungerstreik von Illegalen unterstützt, bis zum Manager, der meint, daß es im Vorstand seines Unternehmens zu weiß zugehe, weshalb es bunter werden müsse, vom alimentierten Sozialhilfeempfänger, der seine finanziellen Forderungen als Anspruch vorträgt, bis zum Bildungsbürger, der von Inklusion schwärmt, vom Pfarrer, der gegen den NPD-Parteitag mobilmacht, bis zum CSU-Minister, der es für legitim hält, daß man im »Kampf gegen rechts« weiter geht, »als der Rechtsstaat eigentlich erlaubt«.

Der Begriff Mentalität wurde hier mit Bedacht gewählt, denn es geht um die Tiefenstruktur des Denkens, also das Zusammenspiel von Überzeugung und Empfindung, eine Menge jener Vorstellungen und Affekte, die Handlungen schon bestimmen, bevor wir eine bewußte Entscheidung treffen. Die Mentalität darf deshalb nicht mit Weltanschauung verwechselt werden, sie liegt vor dem Weltanschaulichen. Sie prägt die »mehr oder weniger ausgesprochenen Glaubensgewißheiten« (José Ortega y Gasset).

Im allgemeinen handelt es sich um »weniger ausgesprochene«, die aber trotzdem die Haltung zum Recht genauso wie zur Ökonomie, zu geistes- oder naturwissenschaftlichen Problemstellungen, zu Moral- wie Geschmacksfragen mitbestimmen und natürlich auch die Entscheidung beeinflussen, ob der eigene Lebenszuschnitt eher konventionell oder unkonventionell ist, ob man Krawatte und Kleines Schwarzes trägt oder nicht, ob man blau, orange, gelb, grün, hell- oder dunkelrot wählt.

Die Mentalität ist schwer faßbar, solange sie latent bleibt, erst wenn sie sich in Aktivität ausdrückt, wird das anders. Diese schlechte Faßbarkeit hat damit zu tun, daß die Mentalität unmittelbar zum Menschen gehört, nicht mittelbar, nicht schon durch die Reflexion gegangen ist wie ein religiöser Glaube oder eine Ideologie: »Mentalität ist eine Haut – Ideologie ist ein Gewand.« (Theodor Geiger)

Man könnte hinzufügen: Der Mensch spürt seine Mentalität im allgemeinen so wenig, wie er seine Haut spürt. Es sei denn, er fühlt sich nicht wohl in ihr. Das ist dann der Fall, wenn der Mensch an den Gewißheiten seiner Gegenwart irre wird. Die Gründe dafür mögen verschieden sein, aber im Kern lassen sie sich auf Diskrepanzerfahrungen zurückführen: die Erfahrung der Diskrepanz zwischen Sein und Sollen, zwischen Verheißung und Erfüllung, zwischen dem, was behauptet wird, und dem, was der tatsächlichen Erfahrung entspricht. Man empfindet die schöne neue Welt nicht als solche, und deshalb schlägt man sich auf die Seite der Neinsager.

Solches Verhalten ist für den Konservativen ungewohnt. Er hat eine klare Vorstellung von der Bedeutung der Tabus, der ungeschriebenen Regeln, all der kleinen und großen Gewohnheiten, die das Miteinander ordnen. Völlig ungewohnt ist es aber nicht. In seinen Betrachtungen über Frankreich schrieb Joseph de Maistre, es gehe bei aller Betrachtung der Politik immer auch um »Metapolitik«. Die verhalte sich zur Politik wie die »Metaphysik in bezug auf die Physik«.

Die Formulierung verweist auf einen Vorläufer de Maistres, den Göttinger Historiker August Ludwig von Schlözer, der den Begriff Metapolitik zuerst gebrauchte, darunter aber das Gebiet der Staatsphilosophie verstand, während de Maistre unserem Verständnis näher kommt, wenn er schreibt, daß es der Metapolitik gar nicht um die offensichtlichen, sondern um die »verborgenen Grundlagen des Gesellschaftsaufbaus« gehe.

De Maistre interessierte sich für diese »verborgenen Grundlagen«, weil er zwar noch nicht den Begriff der Mentalität kannte, aber wohl die so bezeichnete Sache. Und als Zeitgenosse der Französischen Revolution hatte er einen ungeheuren Mentalitätswandel beobachten können.

Er war noch in einer Welt groß geworden, der das Gottesgnadentum der Könige und die Privilegien der ersten Stände als genauso natürlich galten wie die Unterordnung der Bürger und der kleinen Leute, die Verschiedenheit der Freiheiten wie der Pflichten, und er hatte erleben müssen, daß das alles in kürzester Zeit abgeräumt wurde, ersetzt durch die neue Religion der Menschrechte und die Predigt, daß alle Herrschaft, wenn überhaupt, dann durch das Volk legitimiert werden müsse, daß Gleichheit eine Lösung für jedes gesellschaftliche Problem biete und Unterscheidbarkeit zu bekämpfen sei, ganz egal, wo sie sich finde.

De Maistre hat auch sehr genau gesehen, daß der Umbruch von 1789 kein Betriebsunfall der Geschichte war. Denn der Revolution hatte eine Kulturrevolution vorgearbeitet, die sich über fast ein Jahrhundert erstreckte, beginnend mit dem Rationalismus der Denker und den Welterklärungen der Enzyklopädisten, weiterlaufend über die Traktate der Popularisatoren, die Arbeit der Journalisten und die frechen Theaterstücke bis zu den Verabredungen der Logenbrüder und der Produktion von Flugblättern für die analphabetischen Bauern.

Ernsthaft oder ironisch, belehrend oder unterhaltend, kompliziert oder vereinfacht hatte man die alternativen Ideen, alternativen Sitten, alternativen Moden unter die Menschen gebracht und den erwähnten Mentalitätswandel eingeleitet, der den Adel sentimental, den Klerus spöttisch, den Bürger selbstbewußt und den Bauern aufsässig machte, den einen das schlechte, den anderen das notorisch gute Gewissen einimpfte, und damit solchen Erfolg hatte, daß die tausendjährige Monarchie Frankreichs in Trümmer sank und der König unter dem Fallbeil endete, alle Privilegien aufgehoben wurden und fast eine Million Franzosen durch das Regime der Brüderlichkeit umkam. Die metapolitische Strategie der philosophes, so die Analyse de Maistres, hatte die »verborgenen Grundlagen« des alten Gesellschaftsaufbaus zerstört und gleichzeitig neue geschaffen.

Kein anderes Zusammenspiel von Metapolitik und Politik ist je so gründlich untersucht worden wie das im Fall der Französischen Revolution. Aber natürlich ist das nicht der einzige historische Fall dieser Art: Es gibt berühmte, etwa die Ausbreitung des Christentums im römischen Reich trotz Ächtung und Verfolgung, weil die Kirche im Untergrund überlebte, genährt vom Blut ihrer Märtyrer, und gleichzeitig die intellektuelle Auseinandersetzung suchte, insofern der Konstantinischen Wende vorarbeitete, die fast über Nacht eine abrupte und totale Veränderung bedeutete; und es gibt weniger berühmte, wie die Durchsetzung der Tory-Idee des »patriotischen Königs« im Großbritannien des 18. Jahrhunderts gegen die vorherrschende Whig-Ideologie, mit Konsequenzen für den Normalnationalismus der Insel bis in unsere Gegenwart.

Zu den weniger berühmten gehört auch die Einflußnahme der Konservativen Revolution auf »alles, was scheinbar jenseits der Politik liegt, sie aber wesentlich bestimmt« (Edgar Julius Jung), die so erfolgreich war, daß selbst Diktion und Stil der Linken sich ihren Vorgaben unterwarf und das NS-Regime zu Beginn als Realisierung der KR mißverstanden werden konnte, da es sich seiner Zentralbegriffe bemächtigt hatte.

Was alle diese Beispiele verbindet, ist die Tatsache, daß es immer wieder relativ kleinen Denkgemeinschaften gelang, »die Fülle und Einheit einer großen Meinungsbewegung zu imitieren, ohne die Kohäsion und die Steuerung einer Verschwörung zu verlieren« und dafür zu sorgen, daß sich jeder »dem unterwarf, von dem er glaubte, daß es alle meinten« (Augustin Cochin), lange bevor das tatsächlich der Fall war.

Erst angesichts dieses Befundes wird die These des Marxisten Antonio Gramsci zur Bedeutung der »kulturellen Hegemonie« plausibel, insofern es nämlich nie nur um die materielle Basis geht – Klassen-, Rassen-, Elitenkampf –, sondern um die »Revolution ohne Revolution«, darum, daß jede Gruppe, die sich politisch durchsetzen will, kulturell »führend« sein muß, »bereits bevor sie an die Macht kommt«.

Dieser These Gramscis wird bekanntermaßen sowohl von links wie von rechts zugestimmt. Aber genügt es tatsächlich, die Kontrolle über geistige Ressourcen zu erwerben, um die »implizite Ideologie« (Alain de Benoist) einer bestehenden Ordnung durch eine andere zu ersetzen, mit der Konsequenz, daß irgendwann die Machtverhältnisse wie ein Kartenhaus zusammenstürzen? Kann man Metapolitik treiben, indem man eine »Anderswelt« entwirft und bevölkert, mit Regeln und Verfassungen ausstattet, um sie gegen die nach wie vor bestehende auszutauschen?

Das ist schon für den Musterfall der Französischen Revolution zu bezweifeln. Denn die war eben nicht nur die Folge einer Subversion, die den Gegnern des Ancien régime die Deutungshoheit verschaffte, sondern auch die Konsequenz einer Menge an wirtschaftlichen, militärischen und diplomatischen Fehlleistungen, die sich die Eliten der Monarchie erlaubt hatten. Das heißt weiter, daß man den Erfolg des Gramscismus von links nicht einfach aus der kulturellen Potenz seiner Träger erklären kann, und den Mißerfolg des Gramscismus von rechts nicht aus kultureller Impotenz.

Zur Erläuterung: Die kulturrevolutionäre Neue Linke existierte schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit, aber die Bedingungen der Ost-West-Konfrontation ließen die Entfaltung so wenig zu wie die triumphale Stimmung in den USA oder die depressive in Europa. Durchsetzen konnte sie sich erst im Zusammenhang mit der Etablierung der Konsumgesellschaft, dieser Mischung aus Kundenkredit, Hedonismus, Popmusik und Coke. Umgekehrt hatte die kulturrevolutionäre Neue Rechte eine gewisse Chance aufgrund der Katerstimmung nach ’68.

Es gab nicht nur die terroristische Gefahr und die Ölkrise und den Bericht des Club of Rome, sondern auch eine wachsende Skepsis gegenüber Utopie und Emanzipation, was einem intellektuell fundierten Gegenkonzept Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten schien. Aber die Bedingungen waren zuletzt doch nicht so günstig, wie man anfangs glauben durfte, und die Attraktivität der Supermarktzivilisation blieb ungebrochen, ganz gleich, wie viele kluge Bücher Alain de Benoist schrieb.

Was ist aus dem Gesagten zu folgern?

  1. Metapolitik ist nicht alles. Metapolitische Strategien sind nur sinnvoll als Teil von politischen Strategien. Wer Metapolitik treiben will, muß Lagen analysieren und Machbarkeitsfragen stellen. Wenn es Metapolitik um den »Überbau« geht, dann nicht im Verständnis von philosophischer Wahrheitssuche oder Ideologieproduktion oder geistigem Glasperlenspiel oder wechselndem Interesse an Themen, die stimmungsmäßig »affizieren« (Carl Schmitt). Metapolitik interessiert sich zwingend auch für politische Praxis und deren Träger, eine ganz scharfe Trennung ist weder machbar noch wünschenswert, aber das Interesse besteht keinesfalls in dem Sinn, daß man glaubt, seine persönlichen oder ästhetischen Maßstäbe gegenüber der Politik zur Geltung bringen zu müssen, denn die sind persönlich und ästhetisch und mithin nicht politisch.
  2. Metapolitik geht es um Einflußnahme. Einflußnehmen kann nur der, der gehört wird, oder der mindestens bereit ist, alles zu meiden, was dazu führt, ihm das Gehör zu versagen. Provokation und Konfrontation sind deshalb nur ausnahmsweise Mittel der Wahl. Metapolitik muß, um wirksam zu sein, anknüpfen können, muß sich mit verdeckten Widerstandspotentialen und verborgenen Wünschen befassen, muß das Naserümpfen meiden. Die Neue Linke hat ihren Siegeszug eben nicht angetreten, indem sie den Sozialismus propagierte und für das Sowjetsystem eintrat, sondern indem sie für die Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg auf die Straße ging, die Frankfurter Schule beriet die Regierung Adenauer und hielt sich in den fünfziger Jahren sogar von der SPD fern, die Neue Rechte in Frankreich ließ kein Mitglied ihrer Organisation GRECE mit dem Keltenkreuz herumlaufen und revisionistische Literatur war tabu, Kritik der USA und Kritik des Christentums konnte man sich erlauben, weil es Möglichkeiten des Übergriffs auf das gegnerische Feld gab, und im Zweifel wurden Wahlempfehlungen zugunsten der Liberalen ausgesprochen.
  3. Metapolitik ist eine mühsame Sache. Das hat damit zu tun, daß sie auf gedehnte Fristen setzt und die Unwägbarkeiten der Geschichte im Blick hat, was Geduld, Klugheit und Geschick voraussetzt. Wer meint, daß man es zwingen kann, wenn sich die Träger des Guten und Wahren nur anstrengen oder man Konventikel bildet, in denen jeder die »Sprache Kanaans« spricht, wer meint, daß alles an unserem Wollen hängt, daß es der Vorbereitung und des langen Atems nicht bedarf, der sollte sich fernhalten. Metapolitik ist unbedingt darauf angewiesen, den »Alltagsverstand« der Menschen ernstzunehmen, denn – noch einmal Gramsci – das »volkstümliche Element fühlt, aber es versteht oder weiß nicht immer, das intellektuelle Element weiß, aber es versteht und insbesondere fühlt nicht immer«.
  4. Metapolitik kennt keine Erfolgsgarantie. Das muß auf jeden Fall erkennen, wer dieses Feld in Deutschland seit längerem beackert. In welcher Weise der »hegemoniale Block« – zum letzten Mal Gramsci – konstruiert ist, bleibt unübersehbar. Schon die Links-RechtsSelbsteinschätzung der Wähler spricht eine deutliche Sprache: während sich 1991 nur 23 Prozent der Bürger als »Linke« betrachteten, 58 Prozent als »Mitte« und 19 Prozent als »Rechte«, haben sich die Zahlen bis dato derart verschoben, daß wir es nun mit 37 Prozent auf der »Linken«, 56 Prozent in der »Mitte« und ganzen sieben Prozent auf der »Rechten« zu tun haben. Das heißt, daß der Kulturkampf von rechts auch in Zukunft aus einer Position der Schwäche geführt wird und die Einsicht darein allen anderen vorgeht, die Zielsetzung wie die Wahl der Mittel bestimmen muß.

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