Sezession
20. Dezember 2013

Ruhepuls am Abgrund

Martin Lichtmesz

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Bei den österreichischen Nationalratswahlen vom September 2013 errang die FPÖ nicht weniger als 20,6 Prozent Stimmenanteil. Die »Roten« (SPÖ) kamen auf 26,8 Prozent, die »Schwarzen« (ÖVP) auf 24,0 Prozent, womit die Österreicher erneut die ewigwährende rot-schwarze Koalition gewählt haben. Dies ist ein Endergebnis, das durchaus mit dem der deutschen Bundestagswahlen vergleichbar ist, bei denen die Unionsparteien 41,5 Prozent der Stimmen erhielten: more of the same.

Daß die CDU immer noch als »konservativ« oder »centre-right« (so die englischsprachige Wikipedia) wahrgenommen wird, zeigt, wie sehr sich die Koordinaten des Spektrums nach links verschoben haben. Denn auch die »schwarze Republik« wird im Kern eine »linke« bleiben, wie Michael Paulwitz auf der Netzseite der Jungen Freiheit am 25. September anmerkte. »Korrekturen bei der aus dem Ruder gelaufenen Energiewende, der Einwanderungs- oder Umverteilungspolitik oder gar der Euro-Geldverbrennung braucht vom nächsten Kabinett Merkel niemand zu erwarten.«

Die Politik der »Roten« und »Schwarzen« unterscheidet sich in Deutschland von der in Österreich nur mehr marginal. Die Marschrichtung pro Euro, pro Brüssel, pro Multikulturalismus (im Rahmen einer »verfassungspatriotischen« Willensnation) wird nicht hinterfragt, allenfalls wird noch über Modalitäten der Abwicklung diskutiert. Selbstredend positioniert sich auch die FPÖ innerhalb des bürgerlich-liberalen Verfassungsrahmens. Das Parteiprogramm bekennt sich zu »Freiheit und Verantwortung des Einzelnen und der Gemeinschaft, zur Demokratie, zum freiheitlichen Rechtsstaat, zu den Prinzipien der Marktwirtschaft und der sozialen Gerechtigkeit.«

Im Unterschied zu den anderen Parteien besteht die FPÖ jedoch auf einer »patriotischen« Füllung dieses Rahmens, auf einem »Österreich zuerst!«, auf »Verwurzelung« in »unserem Heimatland Österreich als Teil der deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft«, was ein Bekenntnis »zu unseren heimischen Volksgruppen« (im Plural!) sowie zu einem »Europa der freien Völker und Vaterländer« beinhaltet.

Das ist ein Programm, das der Generallinie der EU-Politik geradezu schroff entgegengesetzt ist. Denn die EU bietet keinen »Schutzraum für die kulturelle Substanz, für die Lebensformen und Besonderheiten, die Europa einzigartig machen«, wie Thorsten Hinz in der Jungen Freiheit (45/2013) formulierte, im Gegenteil: »Brüssel versteht sich mehr denn je als Durchlauferhitzer für eine universalistische Normierung und Gleichschaltung Europas. Die Völker sollen sich den Planspielen und Vorstellungen von Globalstrategen und -ideologen unterwerfen.«

Die EU steht heute für »die forcierte Umwandlung des Kontinents in ein Experimentierfeld der EineWelt-Gesellschaft«, und es ist kein Wunder, daß Brüssel parallel zu seiner Finanzpolitik »kulturmarxistische« Programme fördert, die »Rassismus«, »Diskriminierung«, »Homophobie« und ähnliches bekämpfen sollen. Damit fußt die Macht der »Globalstrategen« auch auf der kulturellen Hegemonie egalitärer Ideologeme, die sich als allseits akzeptiertes »moralisches Gut« etabliert haben.

Dieser Zustand ist das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung, die durch einen beständigen Rückzug der »Rechten« gekennzeichnet ist, wobei etwa von der Perspektive eines Joseph de Maistre aus gesehen mehr oder weniger alle heutigen »Rechten« im Grunde »Linke« sind. Am 22. August 1945 notierte Ernst Jünger: »Die Welttendenz hat seit langem eine Linksrichtung, die seit Generationen wie ein Golfstrom die Sympathien bestimmt. Die Linke ordnet sich seit über 150 Jahren die Rechte unter, nicht umgekehrt.« Jünger schrieb diese Sätze im Jahr des Sieges der USA und UdSSR über Europa, also im übertragenen Sinne der Zwillingsmächte des Sozialismus und des bürgerlich-liberalen Kapitalismus.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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