Ruhepuls am Abgrund

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

Bei den österreichischen Nationalratswahlen vom September 2013 errang die FPÖ nicht weniger als 20,6 Prozent Stimmenanteil.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die »Roten« (SPÖ) kamen auf 26,8 Pro­zent, die »Schwar­zen« (ÖVP) auf 24,0 Pro­zent, womit die Öster­rei­cher erneut die ewig­wäh­ren­de rot-schwar­ze Koali­ti­on gewählt haben. Dies ist ein End­ergeb­nis, das durch­aus mit dem der deut­schen Bun­des­tags­wah­len ver­gleich­bar ist, bei denen die Uni­ons­par­tei­en 41,5 Pro­zent der Stim­men erhiel­ten: more of the same.

Daß die CDU immer noch als »kon­ser­va­tiv« oder »cent­re-right« (so die eng­lisch­spra­chi­ge Wiki­pe­dia) wahr­ge­nom­men wird, zeigt, wie sehr sich die Koor­di­na­ten des Spek­trums nach links ver­scho­ben haben. Denn auch die »schwar­ze Repu­blik« wird im Kern eine »lin­ke« blei­ben, wie Micha­el Paul­witz auf der Netz­sei­te der Jun­gen Frei­heit am 25. Sep­tem­ber anmerk­te. »Kor­rek­tu­ren bei der aus dem Ruder gelau­fe­nen Ener­gie­wen­de, der Ein­wan­de­rungs- oder Umver­tei­lungs­po­li­tik oder gar der Euro-Geld­ver­bren­nung braucht vom nächs­ten Kabi­nett Mer­kel nie­mand zu erwarten.«

Die Poli­tik der »Roten« und »Schwar­zen« unter­schei­det sich in Deutsch­land von der in Öster­reich nur mehr mar­gi­nal. Die Marsch­rich­tung pro Euro, pro Brüs­sel, pro Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus (im Rah­men einer »ver­fas­sungs­pa­trio­ti­schen« Wil­lens­na­ti­on) wird nicht hin­ter­fragt, allen­falls wird noch über Moda­li­tä­ten der Abwick­lung dis­ku­tiert. Selbst­re­dend posi­tio­niert sich auch die FPÖ inner­halb des bür­ger­lich-libe­ra­len Ver­fas­sungs­rah­mens. Das Par­tei­pro­gramm bekennt sich zu »Frei­heit und Ver­ant­wor­tung des Ein­zel­nen und der Gemein­schaft, zur Demo­kra­tie, zum frei­heit­li­chen Rechts­staat, zu den Prin­zi­pi­en der Markt­wirt­schaft und der sozia­len Gerechtigkeit.«

Im Unter­schied zu den ande­ren Par­tei­en besteht die FPÖ jedoch auf einer »patrio­ti­schen« Fül­lung die­ses Rah­mens, auf einem »Öster­reich zuerst!«, auf »Ver­wur­ze­lung« in »unse­rem Hei­mat­land Öster­reich als Teil der deut­schen Sprach- und Kul­tur­ge­mein­schaft«, was ein Bekennt­nis »zu unse­ren hei­mi­schen Volks­grup­pen« (im Plu­ral!) sowie zu einem »Euro­pa der frei­en Völ­ker und Vater­län­der« beinhaltet.

Das ist ein Pro­gramm, das der Gene­ral­li­nie der EU-Poli­tik gera­de­zu schroff ent­ge­gen­ge­setzt ist. Denn die EU bie­tet kei­nen »Schutz­raum für die kul­tu­rel­le Sub­stanz, für die Lebens­for­men und Beson­der­hei­ten, die Euro­pa ein­zig­ar­tig machen«, wie Thors­ten Hinz in der Jun­gen Frei­heit (45/2013) for­mu­lier­te, im Gegen­teil: »Brüs­sel ver­steht sich mehr denn je als Durch­lauf­er­hit­zer für eine uni­ver­sa­lis­ti­sche Nor­mie­rung und Gleich­schal­tung Euro­pas. Die Völ­ker sol­len sich den Plan­spie­len und Vor­stel­lun­gen von Glo­bal­stra­te­gen und ‑ideo­lo­gen unterwerfen.«

Die EU steht heu­te für »die for­cier­te Umwand­lung des Kon­ti­nents in ein Expe­ri­men­tier­feld der EineWelt-Gesell­schaft«, und es ist kein Wun­der, daß Brüs­sel par­al­lel zu sei­ner Finanz­po­li­tik »kul­turm­ar­xis­ti­sche« Pro­gram­me för­dert, die »Ras­sis­mus«, »Dis­kri­mi­nie­rung«, »Homo­pho­bie« und ähn­li­ches bekämp­fen sol­len. Damit fußt die Macht der »Glo­bal­stra­te­gen« auch auf der kul­tu­rel­len Hege­mo­nie ega­li­tä­rer Ideo­lo­ge­me, die sich als all­seits akzep­tier­tes »mora­li­sches Gut« eta­bliert haben.

Die­ser Zustand ist das Ergeb­nis einer lan­gen his­to­ri­schen Ent­wick­lung, die durch einen bestän­di­gen Rück­zug der »Rech­ten« gekenn­zeich­net ist, wobei etwa von der Per­spek­ti­ve eines Joseph de Maist­re aus gese­hen mehr oder weni­ger alle heu­ti­gen »Rech­ten« im Grun­de »Lin­ke« sind. Am 22. August 1945 notier­te Ernst Jün­ger: »Die Welt­ten­denz hat seit lan­gem eine Links­rich­tung, die seit Genera­tio­nen wie ein Golf­strom die Sym­pa­thien bestimmt. Die Lin­ke ord­net sich seit über 150 Jah­ren die Rech­te unter, nicht umge­kehrt.« Jün­ger schrieb die­se Sät­ze im Jahr des Sie­ges der USA und UdSSR über Euro­pa, also im über­tra­ge­nen Sin­ne der Zwil­lings­mäch­te des Sozia­lis­mus und des bür­ger­lich-libe­ra­len Kapitalismus.

Rudolf Bur­ger schrieb, daß nach dem 1989 erfolg­ten Tri­umph des »men­schen­recht­li­chen Uni­ver­sa­lis­mus der ›Frei­en Welt‹« über den »pro­le­ta­ri­schen Inter­na­tio­na­lis­mus« dem Wes­ten kein »höhe­res Prin­zip« mehr in Aus­sicht ste­he, als »der lai­zis­ti­sche, bür­ger­lich-libe­ra­le Ver­fas­sungs­staat mit Mas­sen­de­mo­kra­tie und Gewal­ten­tei­lung auf Basis einer kapi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie, sozi­al­staat­lich viel­leicht ein biß­chen auf­ge­weicht, öko­lo­gisch sup­ple­men­tiert und durch Kunst am Bau ein wenig ver­schö­nert«, ein qua­si alter­na­tiv­lo­ses »Arran­ge­ment«, das neben­bei »das adäqua­te Gehäu­se für jene Figur« sei, »die Nietz­sche den ›letz­ten Men­schen‹ nennt, der bei sich selbst das Glück gefun­den hat, und dabei blinzelt«.

Aber auch hier ist kein »Ende der Geschich­te« abzu­se­hen. Einem hege­lia­ni­schen Ver­voll­komm­nungs­prin­zip fol­gend, ent­fal­tet sich der »men­schen­recht­li­che Uni­ver­sa­lis­mus« stu­fen­wei­se wei­ter, gene­riert aus sich selbst einen mora­li­schen und hyper­mo­ra­li­schen Voll­zugs­zwang, bis zum heu­ti­gen Sta­tus des »Euro­pa schafft sich ab« ad majo­rem huma­ni­ta­tis glo­ri­am. So gese­hen ist das Haupt­ver­bre­chen der »Rechts­po­pu­lis­ten«, daß sie eine ver­al­te­te Ver­si­on des »bür­ger­lich-libe­ra­len Ver­fas­sungs­staa­tes« ver­fech­ten, und sich somit gegen das Fort­schrei­ten des Welt­geis­tes versündigen.

Wäh­rend sie in einem prä­zi­sen Sin­ne »Demo­kra­ten« sind, wird ihnen von ihren Geg­nern rou­ti­ne­mä­ßig »Demo­kra­tie­feind­lich­keit« unter­stellt, womit gemeint ist, daß sie eine »fal­sche« Form von Demo­kra­tie ver­trä­ten, näm­lich eine, die immer noch die alte Stu­fe »Volk« statt »Mensch­heit« als zen­tra­len Bezugs­punkt annimmt, wor­aus der Vor­wurf des »odi­um gene­ris huma­ni« abge­lei­tet wird, den man heu­te wohl mit »grup­pen­be­zo­ge­ne Men­schen­feind­lich­keit« über­set­zen müß­te. Mit der Behaup­tung, die »höhe­re Moral« auf ihrer Sei­te zu haben, geben die Geg­ner der Rech­ten die Spiel- und Sprach­re­geln vor, und die­se hat, sofern es die real­po­li­ti­sche Wirk­sam­keit angeht, gar kei­ne ande­re Chan­ce, als sich anzupassen.

Damit ste­hen ihr nur zwei Mög­lich­kei­ten offen: ent­we­der die von Anti­fa-Hexen­jä­gern so gern bemüh­te »Mimi­kry«, was auch den Ver­such der Aneig­nung und Umdeu­tung gän­gi­ger Begrif­fe bedeu­ten kann, oder aber die tat­säch­li­che Über­nah­me der »kor­rup­ti­ven Gedan­ken­gän­ge« und damit die Selbst­auf­lö­sung im Süpp­chen des Geg­ners. Gómez Dávi­la brach­te es auf den Punkt: »Wer das Voka­bu­lar des Fein­des akzep­tiert, ergibt sich ohne sein Wis­sen. Bevor die Urtei­le in den Sät­zen expli­zit wer­den, sind sie impli­zit in den Wörtern.«

Ein Bei­spiel ver­deut­licht, wie schwer eine Gegen­po­si­ti­on zu hal­ten ist: Im Okto­ber erhielt die bekann­te »islam­kri­ti­sche« Orga­ni­sa­ti­on Eng­lish Defence League einen schwe­ren Schlag, als deren Kopf Tom­my Robin­son sei­nen Aus­tritt erklär­te. Robin­son war es gelun­gen, seit 2009 Män­ner aus der Arbei­ter­klas­se zu anti-isla­mi­schen Demons­tra­tio­nen zu mobi­li­sie­ren, bei denen es häu­fig zu Zusam­men­stö­ßen mit Links­ex­tre­mis­ten kam.

Ideo­lo­gisch ori­en­tier­te sich die EDL an der »libe­ra­len Islam­kri­tik«, kon­zen­trier­te sich also nicht auf Ein­wan­de­rung schlecht­hin, son­dern auf »isla­mi­schen Extre­mis­mus«. Außer­dem posi­tio­nier­te sie sich nach dem Vor­bild der US-Neo­cons stark pro­zio­nis­tisch. Ihr»mission state­ment« erklär­te, daß sie eine »Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on« im Diens­te der »fun­da­men­ta­len Prin­zi­pen der Demo­kra­tie« sei, gegrün­det als Reak­ti­on auf Pro­vo­ka­tio­nen durch »mos­le­mi­sche Extremisten«.

Obwohl es sich hier nur um eine »Min­der­heit« unter den Mos­lems han­de­le, sei deren Ver­hal­ten typisch für ande­re For­men von »reli­gi­ös inspi­rier­ter Into­le­ranz und Bar­ba­rei«, wie »die Unter­drü­ckung von Frau­en, die Beläs­ti­gung klei­ner Kin­der, soge­nann­te Ehren­mor­de, Homo­pho­bie, Anti­se­mi­tis­mus und Unter­stüt­zung von Terroristen«.

Wäh­rend sich die EDL zu einer Art eng­li­schen »Leit­kul­tur« beken­ne, blei­be sie »offen« für ande­re Kul­tu­ren: »Die EDL heißt Men­schen aller Ras­sen, aller Reli­gio­nen, aller poli­ti­schen Aus­rich­tun­gen und aller Lebens­sti­le will­kom­men«, um gemein­sam dage­gen zu kämp­fen, daß »die Regeln des Islams den Nicht-Gläu­bi­gen auf­ge­zwun­gen werden«.

Wir haben es hier also mit dem typi­schen, immer wie­der schei­tern­den Ver­such zu tun, die libe­ra­len Prin­zi­pi­en gegen den Islam in Stel­lung zu brin­gen. Es ver­steht sich von selbst, daß die Mit­glie­der der EDL von Anfang als »Ras­sis­ten«, »Rechts­ex­tre­mis­ten«, »Neo-Nazis« und ähn­li­ches abge­stem­pelt wur­den. Robin­son selbst wur­de offen­bar enor­mem Druck aus­ge­setzt; sei­ne abrup­te Abkehr von der EDL wur­de auf der Netz­sei­te der libe­ral-isla­mi­schen »Qui­liam Foun­da­ti­on« ver­kün­det, die von Aus­stei­gern aus der dschi­ha­dis­ti­schen Sze­ne gegrün­det wor­den ist.

Als Grund gab Robin­son die Sor­ge über die wach­sen­de »Gefahr des Rechts­ex­tre­mis­mus« in der EDL an, und erklär­te, man sol­le die »isla­mis­ti­sche Ideo­lo­gie« mit »bes­se­ren«, also »demo­kra­ti­schen Ideen« bekämp­fen, nicht aber mit »Gewalt«. Mit die­ser »sozia­lis­ti­schen Selbst­kri­tik« war mehr oder weni­ger das Genick der EDL gebrochen.

Im Febru­ar 2011 hat­te die links­ge­rich­te­te Stif­tung »Search­light Edu­ca­tio­nal Trust« die Ergeb­nis­se einer Umfra­ge publi­ziert, wonach 48 Pro­zent der Eng­län­der eine »gewalt­lo­se, ›weit rechts‹ ste­hen­de, natio­na­lis­ti­sche Anti-Ein­wan­de­rungs-Par­tei« begrü­ßen wür­den, die imstan­de wäre, die Fall­stri­cke »faschis­ti­scher Sym­bo­lik« zu umgehen.

Eine ähn­li­che Nach­richt ging im Okto­ber 2013 durch die Pres­se. Nach Anga­ben eines Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts hat­ten 42 Pro­zent der befrag­ten Fran­zo­sen eine posi­ti­ve Mei­nung von der Che­fin des Front Natio­nal, Mari­ne Le Pen – sie­ben Pro­zent mehr als von Staats­prä­si­dent Hol­lan­de. Hin­zu kam ein klei­ner loka­ler Wahl­er­folg. Dies wur­de in den west­li­chen Medi­en als Tata­ren­mel­dung gehan­delt, gilt doch der FN als gefähr­lich »rechts­ex­tre­me« Par­tei. Des­sen unge­ach­tet läßt sich Le Pen mit far­bi­gen Kin­dern auf dem Schoß pho­to­gra­phie­ren und schickt alge­ri­sche und schwarz­afri­ka­ni­sche Kan­di­da­ten ins Rennen.

In der Juni-Aus­ga­be der Zeit­schrift Cice­ro bekann­te sie sich zu einem klas­sisch-fran­zö­si­schen, nicht-eth­ni­schen, rein repu­bli­ka­ni­schen Nati­ons­be­griff: »Wir defi­nie­ren uns nicht über die Ras­se oder die Haut­far­be, son­dern nach der Natio­na­li­tät.« Sie wol­le jedoch »den Zuzug von Immi­gran­ten von jähr­lich 200000 auf 10000 sen­ken«, die Assi­mi­la­ti­on för­dern und die Anhäu­fung von arbeits­lo­sen Mas­sen verhindern.

»Als Fran­zö­sin« ver­tei­di­ge sie »die Frei­heit und die Sou­ve­rä­ni­tät Frank­reichs«, und posi­tio­niert sich dar­um auch scharf kri­tisch gegen­über der EU. Mit der NPD ver­bin­de sie nichts: »Wir füh­len uns eher den neu­en Kräf­ten nahe, etwa der euro­skep­ti­schen ›Alter­na­ti­ve für Deutschland‹«.

Auch die­se euro­kri­ti­sche »Pro­fes­so­ren-Par­tei« wur­de von der Pres­se mit dem »Vor­wurf« des »Rechts­po­pu­lis­mus« regel­recht zuge­ha­gelt. Dies führ­te dazu, daß AfD-Spre­cher Bernd Lucke und sei­ne Mann­schaft in der Wahl­kampf­pe­ri­ode jeg­li­chen Ver­dacht in die­se Rich­tung pein­lichst zu ver­mei­den such­ten. Man ver­bann­te die Deutsch­land-Fah­nen über­eif­ri­ger Fans, warb mit tür­kisch­spra­chi­gen Pla­ka­ten, »distan­zier­te« sich von »Rechts­ex­tre­mis­ten« und »dump­fen Islam­fein­den«, pries »Berei­che­rung durch Viel­falt« und ließ auch den einen oder ande­ren Kopf rol­len, der sich zu weit her­aus­ge­streckt hatte.

Gleich­zei­tig gab es lan­des­weit dut­zen­de phy­si­sche Atta­cken von Links­ra­di­ka­len auf Wahl­hel­fer und Kan­di­da­ten, wäh­rend Anti­fa-Sei­ten die Par­tei als »natio­na­lis­tisch« und »chau­vi­nis­tisch« denun­zier­ten. Auf der ande­ren Sei­te wur­de die AfD zum gro­ßen Hoff­nungs­trä­ger zahl­rei­cher Kon­ser­va­ti­ver, die ihren Anpas­sungs­kurs als real­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit wer­te­ten, in der Hoff­nung, ein tro­ja­ni­sches Pferd in den Bun­des­tag zu schmuggeln.

Der Ein­zug in die Fes­tung wur­de nur knapp ver­fehlt, Bun­des­prä­si­dent Gauck ver­lieh sei­ner Erleich­te­rung öffent­lich Aus­druck. Der Rich­tungs­streit inner­halb der Par­tei ist bis dato nicht entschieden.

Bernd Lucke stell­te in einem Rund­schrei­ben vom 31. Okto­ber 2013 zehn The­sen zur Islam­kri­tik zur Debat­te, die zwar fein­sin­ni­ger for­mu­liert, im Grun­de aber mit dem Pro­gramm der EDL iden­tisch sind: Scha­ria und Fun­da­men­ta­lis­mus sei­en mit »Rechts­staat«, »Demo­kra­tie« und »Grund­rech­ten« unver­ein­bar und so wei­ter. Sogar eine natio­na­le Grun­die­rung klingt an: »Was zu Deutsch­land gehört, muß prä­zi­se benannt wer­den und soll­te von Deutsch­land her gedacht werden.«

Bei den Kon­ser­va­ti­ven mach­te sich im Zuge des AfD-Rau­sches eine etwas schi­zo­phre­ne Ten­denz bemerk­bar, nun läs­tig gewor­de­ne rech­te Rän­der abzu­schnei­den, viel­leicht in der Hoff­nung, mit dem blau­en Heiß­luft­bal­lon end­lich in laue­re Gefil­de auf­stei­gen zu können.

In dem Arti­kel »Für eine neue Nati­on« in der Jun­gen Frei­heit vom 3. Okto­ber schrieb Die­ter Stein: »Ich fra­ge mich, war­um Rech­te oder Kon­ser­va­ti­ve sich oft in einem poli­ti­schen Ghet­to auf Dau­er so wohl­füh­len. Ganz ent­fernt dem Stock­holm-Syn­drom ver­gleich­bar, wo sich Gei­seln mit ihrer Lage als Gefan­ge­ne zu arran­gie­ren begin­nen, beob­ach­tet man bei gesell­schaft­lich Aus­ge­grenz­ten, daß sie sich irgend­wann mit die­sem Zustand anfreun­den, ja ihr Reser­vat am liebs­ten gar nicht mehr ver­las­sen wollen.«

Nun ken­ne ich weit und breit kei­nen Rech­ten, der sich in die­sem unfrei­wil­li­gen »Ghet­to« »wohl­fühlt«, zwei­tens gehört zum »Stock­holm-Syn­drom« ja dies, daß man sei­ne Gei­sel­neh­mer zu lie­ben lernt und bei­spiels­wei­se beginnt, ihnen nach dem Mund zu reden, in der Hoff­nung auf Erleich­te­rung des eige­nen Loses.

An die Adres­se der Deut­schen Bur­schen­schaft gerich­tet schrieb Stein: »Fünf­zig Jah­re nach dem Beginn der moder­nen Ein­wan­de­rung im Zuge der Gast­ar­bei­ter­wer­bung hat sich das Bild Deutsch­lands und des deut­schen Vol­kes gewan­delt. An einem eng­her­zi­gen volks­tums­be­zo­ge­nen Vater­lands­be­griff fest­zu­hal­ten, der inte­gra­ti­ons­wil­li­ge Ein­wan­de­rer und Kin­der von sol­chen aus­schließt, ist realitätsfremd«.

Gut – und wie wäre es zum Bei­spiel mit einem »weit­her­zi­gen« volks­tums­be­zo­ge­nen Vater­lands­be­griff, »der inte­gra­ti­ons­wil­li­ge Ein­wan­de­rer und Kin­der« inklu­diert – solan­ge er eben nur im wesent­li­chen »volks­tums­be­zo­gen« bleibt? Denn sobald die­se Posi­ti­on geräumt ist, ist auch der Vater­lands­be­griff an sich preis­ge­ge­ben, der doch etwas mit den Vätern und der von ihnen ererb­ten Sub­stanz zu tun hat, also mit Bin­dun­gen, die dicker sind als Wasser.

Die Anzahl der Ein­wan­de­rer, die begie­rig ist, sich in vater­län­di­sche Tra­di­tio­nen wie eine Bur­schen­schaft zu »inte­grie­ren«, wird ohne­hin stets ver­schwin­dend klein blei­ben, allein aus Pres­ti­ge­man­gel. Bur­schen­schaf­ten, die sich poli­tisch kor­rek­ten Nivel­lie­run­gen unter­wer­fen, wür­den jeden­falls kaum eine »Avant­gar­de für einen erneu­er­ten Volks­tums­be­griff« abge­ben. Sie wür­den viel­mehr absor­biert und dekon­stru­iert werden.

Der Staat pfeift heu­te auf eine sol­che »Avant­gar­de«, eben­so wie auf Rest­kon­ser­va­ti­ve mit unge­still­ten »staats­tra­gen­den« Nei­gun­gen, die glau­ben, in der Regie­rung säßen noch ein paar Strau­ße und Erhards, die nur auf sie war­te­ten, um sie für das erlit­te­ne Unrecht zu entschädigen.

Tat­säch­lich wird heu­te aus­nahms­los jeder, der ein natio­na­les Eigen­in­ter­es­se for­mu­liert, von die­sem Staat zum Feind erklärt (auch das zeigt der »Fall« AfD), es sei denn, er wäre bereit, sich als Kol­la­bo­ra­teur der all­ge­mei­nen Abwick­lung des his­to­ri­schen Deutsch­lands ein­span­nen zu las­sen. Die herr­schen­den Eli­ten zie­len dar­auf ab, jeg­li­chen Begriff von »Volks­tum« und »Vater­land« abzu­schaf­fen. Die­ses Ziel wird nicht ein­mal ver­schwie­gen – es wird nur ab und zu man­chen Kon­ser­va­ti­ven mund­ge­recht serviert.

Sym­pto­ma­tisch für den Trend ist, was der Neo­con-Fal­ke Micha­el Wolff­s­ohn im Focus-Online vom 16. Okto­ber schrieb: die »demo­kra­ti­schen Par­tei­en Euro­pas« – also die »rech­ten« aus­ge­schlos­sen – wür­den sich »der wirk­li­chen Euro­päi­schen Revo­lu­ti­on nicht stel­len: Der fun­da­men­ta­len Ver­än­de­rung ihrer eige­nen und der gesamt­eu­ro­päi­schen Gesell­schaft. Wo man hin­schaut, wird Euro­pa bun­ter. Men­schen aus aller Her­ren Län­der strö­men nach Euro­pa. Sie gehö­ren völ­lig unter­schied­li­chen Kul­tu­ren, Reli­gio­nen und Eth­ni­en an. Das mag man begrü­ßen oder bedau­ern. Es ist eine Tat­sa­che, es ist DIE Tat­sa­che Euro­pas, es ist die neue Euro­päi­sche Revolution.«

»Revo­lu­ti­on« – das klingt nun schon gar nicht mehr »kon­ser­va­tiv«!

Wolff­s­ohn: »Ja, Revo­lu­ti­on, denn eine Revo­lu­ti­on ver­än­dert und ver­kehrt alles voll­stän­dig, kehrt oben nach unten und umge­kehrt. Unse­re meist ein­heit­lich natio­na­len Gesell­schaf­ten sind längst mul­ti­na­tio­nal, mul­ti­re­li­gi­ös, mul­ti­kul­tu­rell.« Der Zug sei also abge­fah­ren, jetzt gehe es nur noch dar­um, den Zustand halb­wegs zu hand­ha­ben. »Gefragt sind Kon­zep­te, die der Mehr­heit der Alt­bür­ger zei­gen, daß sie ihre tra­di­tio­nel­le Lebens­form fort­set­zen kön­nen und (wenn sie wol­len, also Nach­wuchs haben) Mehr­heit blei­ben, zivi­li­sa­to­ri­sche Grund­re­geln gel­ten und durch­ge­setzt wer­den, ohne den Neu­bür­gern ihre Eigen­iden­ti­tät zu rauben«.

Es geht also offen­bar in ers­ter Linie dar­um, die »Alt­bür­ger« zu beru­hi­gen und ihnen die­se »Revo­lu­ti­on« schmack­haft oder zumin­dest erträg­lich zu machen. Dabei ist Wolff­s­ohn klug genug zu wis­sen, wie brü­chig das Eis gewor­den ist – er kon­sta­tiert Ent­frem­dung und »Feind­schaft« und warnt sogar vor »mas­sen­haf­tem Blut­ver­gie­ßen«. Er ver­langt dabei aber Garan­tien, die unleist­bar sind.

Die »Alt­bür­ger« sol­len sich einer­seits die­ser »Revo­lu­ti­on« nicht mehr ver­wei­gern, also immer mehr das Feld räu­men, ande­rer­seits sol­len sie ihre »Eigen­iden­ti­tät« und ihre »tra­di­tio­nel­le Lebens­form« bewah­ren dür­fen, das Glei­che soll ohne Abstri­che für die »Neu­bür­ger« gel­ten, und dabei soll der gan­ze bis­he­ri­ge zivi­li­sa­to­ri­sche Stan­dard unver­än­dert bestehen blei­ben – das alles, wäh­rend eine Revo­lu­ti­on im Gan­ge ist, die »alles voll­stän­dig verkehrt«.

Der Arti­kel wird mit einer Denun­z­a­ti­on jener Par­tei­en ein­ge­lei­tet, die sich besag­ter »Tat­sa­che« sehr wohl »stel­len«, sie aber »natio­nal« lösen wol­len. Das zei­gen der alar­mis­ti­sche Titel »Die rech­te Gefahr: Droht Euro­pa eine Nazi-Revo­lu­ti­on?« und die Archiv­be­bil­de­rung mit den obli­ga­ten Glatzköpfen.

Der Witz ist nun, daß Wolff­s­ohn im Text ver­neint, daß Euro­pa ernst­haft eine »Nazi-Revo­lu­ti­on« dro­he: es geht hier offen­bar nur dar­um, das Kro­ko­dil über die Büh­ne flit­zen zu las­sen. Als Bei­spiel für ein »rech­tes« Rap­peln in der euro­päi­schen Kis­te dient ihm der Popu­la­ri­täts­schub von Mari­ne Le Pen, der man nun wahr­lich kei­nen »eng­her­zi­gen volks­tums­be­zo­ge­nen Vater­lands­be­griff« vor­wer­fen kann.

Die Fra­ge ist aber auch, was sie denn nun wirk­lich ver­än­dern könn­te oder woll­te, soll­te sie ein­mal in den Ély­sée-Palast ein­zie­hen. Die Zeit arbei­tet uner­bitt­lich gegen sie. In Öster­reich haben die Wahl­er­fol­ge der FPÖ rein gar nichts bewirkt – in meh­re­ren Wie­ner Bezir­ken beträgt der Anteil aus­län­di­scher Schü­ler bereits zwi­schen 80 bis 90 Pro­zent, und eine aktu­el­le Stu­die des Brüs­se­ler Sta­tis­tik-Büros Euro­stat kon­sta­tiert, daß die EU-Staa­ten bis zum Jah­re 2050 bis zu 56 Mil­lio­nen Ein­wan­de­rer »bräuch­ten«, damit dem »demo­gra­phi­schen Ver­fall« des Kon­ti­nents ent­ge­gen­ge­steu­ert wer­den könne.

Bedeu­tet »kon­ser­va­tiv« heu­te nur mehr, dar­an zu arbei­ten, daß die Schleu­sen wenigs­tens geord­net geöff­net wer­den, um der unver­meid­li­chen Flut den Weg zu bah­nen, und dafür zu sor­gen, daß sich, frei nach Lenin, alle »Revo­lu­tio­nä­re«, auch die Nicht- und »Neu«-Deutschen, artig eine Bahn­steig­kar­te kaufen?

Die Deut­schen bezeich­net Wolff­s­ohn als »Alt­bür­ger«. Man soll­te über eine sol­che Wort­wahl gut nach­den­ken. Damit sind alle Deut­schen »ohne Migra­ti­ons­hin­ter­grund« gemeint, auch jene, die an eben die­sem Tag frisch und fun­kel­na­gel­neu gebo­ren werden.

Die heu­ti­gen, zu »Alt­bür­gern« erklär­ten Zwan­zig­jäh­ri­gen müs­sen sich ange­sichts der Lage als fünf nach zwölf Gebo­re­ne betrach­ten. Kurz gesagt: sie haben ein­fach kei­ne Zeit mehr. Ist es da ein Wun­der, daß sie kaum ein Ohr haben für jene, die ihnen zuviel von einer Meta­po­li­tik des »lan­gen Atems« und der »Vor­be­rei­tung« reden, Stra­te­gien, deren Wir­kung völ­lig unbe­wie­sen ist, und die offen­sicht­lich bis heu­te nicht auf­ge­gan­gen sind?

Eine sol­che Rede hat wenig Sinn mehr für eine Genera­ti­on, die schnur­stracks auf die demo­gra­phi­sche Klip­pe und den Kol­laps ihrer Kul­tur zusteu­ert. Die Kon­ser­va­ti­ven frü­he­rer Genera­tio­nen, die Poli­ti­ker und Meta­po­li­ti­ker, haben ihnen außer eini­gen Bio­to­pen prak­tisch nichts hin­ter­las­sen, das Aus­sich­ten zulie­ße auf einen real­po­li­ti­schen Erfolg, und zwar auf einen, der mehr wäre als nur eine kos­me­ti­sche Korrektur.

Ihr Mißer­folg ist gewiß nicht ihre allei­ni­ge, viel­leicht über­haupt nicht ihre Schuld. Die Golf­strö­me der Geschich­te flie­ßen uner­bitt­lich. Aber sie haben kein Recht, denen, deren Zeit heu­te abläuft, bevor sie über­haupt begon­nen hat, Pro­vo­ka­ti­on und Kon­fron­ta­ti­on als Mit­tel der Wahl abzusprechen.

Deren Erfolgs­aus­sich­ten schei­nen mir jeden­falls auch nicht weni­ger gewiß zu sein als die Hoff­nung, daß die gut vor­be­rei­te­ten Kon­ser­va­ti­ven in der Stun­de X aus ihrer Schat­ten­exis­tenz geholt würden.

Selbst­ver­ständ­lich besteht wei­ter­hin für die Beru­fe­nen die unent­behr­li­che Auf­ga­be, gedul­dig dicke Bret­ter zu boh­ren; selbst­ver­ständ­lich sind die Wider­stands­po­ten­tia­le anzu­zap­fen, die sich im bür­ger­lich-libe­ra­len Lager, etwa in der AfD, der FPÖ oder in Frank­reich dem Front Natio­nal konzentrieren.

Es wird sich jedoch zei­gen, ob all die­se nicht ledig­lich dies waren: nütz­lich retar­die­ren­de Werk­zeu­ge auf dem Weg zur voll­ende­ten Zersetzung.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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