Sezession
22. Dezember 2013

Rebellion gegen die Lüge

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 57 / Dezember 2013

von Manfred Kleine-Hartlage

Wer eine grundlegende geistig-politische Umwälzung herbeiführen und daher verstehen will, wie und warum solche Umwälzungen zustandekommen, befrage die Geschichte. Gewiß ist die Geschichte kein Kochbuch, und sie liefert keine Rezepte, wohl aber gewinnt man aus ihr Erkenntnisse. So richtig und geradezu banal es ist, daß niemand zweimal in denselben Fluß steigt, so sehr schärft das einmal Geschehene den Blick für die Konstellationen, in denen politische Projekte gelingen können oder scheitern müssen.

Die linke Kulturrevolution seit 1968 verdankt ihren Erfolg zweifellos einem komplexen Bündel von Bedingungen, von denen hier nur einige kurz gestreift werden können:

  • Da war zum einen die weltpolitische Konstellation der Dominanz zweier Supermächte, die sich auf – nur teilweise einander entgegengesetzte – revolutionäre Ideologien stützten und miteinander wetteiferten, wer die modernere, und das heißt: die revolutionärere Konzeption habe und daher berufen sei, die Menschheit in die vermeintliche Selbsterlösung zu führen.
  • Da war die jahrzehntelang mit großem finanziellem Aufwand verfolgte Strategie der um Amerika gruppierten globalen Eliten, die Grundlagen der europäischen Kultur kapitalismusgerecht zu untergraben. Entgegen dem Anschein leistet die linke Ideologie hierbei gute Dienste.
  • Da war der Opportunismus innerhalb »konservativer« Organisationen, die dazu berufen gewesen wären, der linken Machtübernahme Einhalt zu gebieten. Aber sie frönten einer Leisetreterei, bei der die katholische Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil mit schlechtem Beispiel vorangeschlichen war.
  • Und da war schließlich der vielzitierte »Zeitgeist«, der nach »Befreiung« von Normen rief, die von vielen Menschen als überholt und sinnentleert empfunden wurden. Ein solches Empfinden stellt sich aber nicht von allein ein. Formen – von der schulischen Disziplin über den Gottesdienst bis hin zur Ehe –, die doch dazu dienen, die Substanz zu bewahren, nicht zu ersetzen, werden nicht spontan und grundlos als leer empfunden, und die Neigung, sich sittlicher Pflichten von der ehelichen Treue bis hin zum Dienst am Vaterland zu entledigen, ist dem Menschen von Natur aus eigen; daß sie gerade von den sechziger Jahren an zeitgeistbestimmend wurde, ist erklärungsbedürftig und hat (nicht nur, aber eben auch nicht zuletzt) damit zu tun, daß die Werte, denen die Gesellschaft zu folgen vorgab, nicht die waren, denen sie faktisch folgte.

Kirche und Vaterland, Glaube und Patriotismus sind normalerweise die beiden Säulen, auf denen die Wertordnung einer funktionierenden Gesellschaft ruht. Der Patriotismus wurde aber in Ost und West in dem Maße kompromittiert, wie die Vaterländer bloß abhängige Größen ideologisch definierter Imperien waren.

Ein Staat, der aufgrund seiner eigenen Leitideologie das Vaterland bloß als Mittel zu einem politisch-ideologischen Zweck versteht (und die Interessen des eigenen Volkes diesem Zweck notfalls unterordnet), muß in den Verdacht geraten, den Patriotismus seiner Bürger zu mißbrauchen. Die zugleich antinationale und antiamerikanische Schlagseite der achtundsechziger Linken war eine direkte Folge dieses tatsächlichen Mißbrauchs und der inneren Unwahrheit der leitenden Ideologie, aufgrund derer ein abhängiger Vasallenstaat forderte, was nur ein souveräner Staat hätte fordern dürfen.

Dieser Zusammenhang war in Deutschland naturgemäß besonders ausgeprägt, er existierte aber in abgeschwächter Form in allen europäischen Ländern.

Kaum weniger dramatisch war der Glaubwürdigkeitsverlust der Kirchen, die sich schon in den fünfziger, erst recht in den sechziger Jahren kaum mehr dazu aufraffen konnten, den allgegenwärtigen und zur Quasireligion erhobenen Konsumismus als praktizierte Gottlosigkeit zu brandmarken. Die Kirchen fanden sich damit ab, den Status Quo zu heiligen.

Der Glaubensverlust der Amtskirchen ging Hand in Hand mit ihrem Glaubwürdigkeitsverlust. Der Eindruck, hier seien mächtige Organisationen zur Sicherung ihrer Privilegien den politisch wie wirtschaftlich Mächtigen mit sentimentalen Phrasen aus dem Arsenal eines Glaubens behilflich, den sie selbst längst verloren hatten, mußte sich aufdrängen.

Die marxistische These, wonach Religion Opium für das Volk sei, gewann unter diesen Umständen eine Plausibilität, die sie vorher nicht hatte, und die Konzessionen, die die katholische Kirche spätestens ab dem Zweiten Vatikanum eben diesem Marxismus machte, konnten den Verdacht der politischen Prostitution der Kirche gerade nicht zerstreuen, sondern mußten ihn bestätigen.

Da Sittlichkeitsnormen aber in der Religion wurzeln, gerieten sie in dem Maße unter Beschuß, wie die Wahrheit des christlichen Glaubens von dessen berufenen Sachwaltern nicht ausdrücklich, aber implizit geleugnet wurde. Es lohnt sich einfach nicht, gottgefällig zu leben, wenn die Gebote Gottes von den Amtskirchen selbst wie ideologische Fiktionen behandelt werden.


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