Sezession
1. April 2006

Autorenportrait Ludwig Gumplowic

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 13/April 2006

sez_nr_13von Peter Boßdorf

Die Anfänge der Soziologie als einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin lassen sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erkennen. In der Regel waren es Renegaten anderer Fächer, die sie, sofern sie Lehrstühle innehatten, durch die Seitentür an den Universitäten einführten. Einer von ihnen war der in Graz lehrende „Staatsrechtler" Ludwig Gumplowicz.

Als eine Prominenz der frühen Soziologie ist Gumplowicz nicht in Vergessenheit geraten. Sein Name ist in den wesentlichen Darstellungen zur Geschichte dieser Disziplin (und auch in jenen zur Geschichte des Öffentlichen Rechts in Deutschland) weiterhin zitiert. Eher unbekannt ist jedoch sein Werk. Die zumeist nur rudimentäre Auseinandersetzung mit seinen Schriften sogar durch ausgewiesene Dogmenhistoriker hat dazu geführt, daß von seiner Theorie in der Regel ein zwar plakatives, zugleich aber fragwürdiges Bild gezeichnet wird. Er habe sich - so der Tenor - an einer naturalistischen Soziologie versucht, das Bild einer auf Macht und nicht auf Recht gegründeten Gesellschaft gezeichnet und den - damals immerhin nur schillernden und noch nicht diskreditierten - Begriff der Rasse zur Erklärung sozialer Phänomene heranzuziehen gewagt. Insbesondere aber sei er ein Parteigänger des Sozialdarwinismus gewesen, wenn er ihn nicht gar schulbildend popularisiert habe.
Derb zugespitzt wurde diese Sicht durch Georg Lukács. In seinem einflußreichen Werk Die Zerstörung der Vernunft warf er Gumplowicz vor, die Beziehung zwischen Staat und Ökonomie auf den Kopf gestellt, den Klassenkampf zum Rassenkampf mystifiziert und damit die Geschichtsauffassung des Faschismus vorbereitet zu haben. Diese Einschätzung zeugte jedoch eher von Phantasie und weniger von Kenntnis der Originaltexte. Eher den Punkt traf da schon Eugen Paschukanis, ein Zeitgenosse von Lukács und Doyen des frühen sowjetischen Staatsrechts: Er rezipierte Gumplowicz als jemanden, den man zwar nicht als Marxisten bezeichnen könne, der aber sehr wohl marxistische Schlußfolgerungen erlaube.
Als Ludwig Gumplowicz am 8. März 1838 in Krakau geboren wurde, war die einstige polnische Hauptstadt staatsrechtlich noch kein Bestandteil der Habsburgermonarchie. Sie genoß als ein Relikt des Wiener Kongresses den Status einer Freien Stadt unter der Obhut der „Schutzmächte" Rußland, Preußen und Österreich. Erst im November 1846 wurde sie vom Kaiserreich Österreich annektiert. Gumplowicz, nunmehr Untertan Kaiser Ferdinands I., hat seine Jugend in der Schlußphase der Ära Metternich in gutsituierten Verhältnissen erlebt. Er war das zweite von fünf Kindern eines Kaufmanns, der als Repräsentant der jüdischen Assimilationsbewegung und Angehöriger des Senats der Freien Stadt zu den örtlichen Honoratioren zählte. Von 1857 bis 1861 studierte er Rechtswissenschaften, zunächst in seiner Heimatstadt, dann in Wien. Dort hörte er unter anderem auch bei Lorenz von Stein. 1862 promovierte er an der k. k. Jagiellonischen Universität in Krakau. Es folgte ein Jahrzehnt, in dem er sich vor allem publizistisch und politisch betätigte. Am polnischen Januaraufstand von 1863 soll er im Waffennachschub mitgewirkt haben.


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