Metaphern, “Hate speech”, Gewalt

Metapherntheorien können uns gegenwärtig gefährden oder befreien. Sie gefährden die Freiheit, wenn sie kulturmarxistisch Orte befallen, wo sie keiner annimmt, sie aber große Schäden anrichten.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Sie befrei­en, wenn einem klar wird, wel­che Meta­ph­ern­theo­rien hin­ter dem media­len Zir­kus um Hate speech lie­gen, und wie in sozia­len Medi­en eigent­lich meta­pho­risch gehan­delt wird, aber auch, wenn man merkt, was Meta­phern über­haupt nicht vermögen.

Meta­phern sind als „sprach­li­che Bil­der“, die einen Aus­gangs- und einen Ziel­be­reich haben, von Geor­ge Lakoff und Mark John­son in ihrem Stan­dard­werk Leben in Meta­phern 2004 all­ge­mein beschrie­ben wor­den. Mensch­li­che Spra­che ist von Meta­phern durch­zo­gen, sie sind weder bloß „schmü­cken­de Bei­wer­ke“, wie Aris­to­te­les annahm, noch der kom­plet­te Bestand der Spra­che, wie Nietz­sche gele­gent­lich meinte.

Meta­phern drü­cken fun­da­men­ta­le kör­per­li­che und tak­ti­le Erfah­run­gen aus, zumeist gibt es einen sehr kon­kre­ten, kör­per­li­chen Aus­gangs­be­reich und einen abs­trak­ten Ziel­be­reich. Je kör­per­li­cher und grob­schläch­ti­ger, des­to stär­ker ist die Metapher.

„Wir bekom­men die Krät­ze geschenkt.“ Hen­ryk M. Bro­der hat die­sen Satz im ganz schwa­chen Sinn des Wor­tes iro­nisch-meta­pho­risch benutzt, inso­fern die Krät­ze kein buch­stäb­li­ches Geschenk sein kann. Er fragt sich indes auf der buch­stäb­li­chen Ebe­ne, ob das Auf­tre­ten von Ska­bies­fäl­len seit der Migra­ti­ons­wel­le signi­fi­kant höher gewor­den sei, was medi­zi­ni­sche Stu­di­en anschei­nend nahelegten.

Jakob Aug­stein las den schma­len, lako­ni­schen »Achse«-Beitrag und ver­stand eine star­ke, böse, gro­ße Meta­pher: die Flücht­lin­ge sind die Krät­ze. Prompt zitiert er in einer Lis­te indis­ku­ta­bler rech­ter Aus­sa­gen zum Ber­li­ner Anschlag Bro­der mit die­sem Satz und befin­det, daß Rech­te böser als Isla­mis­ten sind. Kör­per­li­cher Aus­gangs­be­reich, abs­trak­ter Ziel­be­reich, was bleibt – Ekel. Wohl vor zwei­er­lei: vor der über­trag­ba­ren Krank­heit und vor den mora­li­schen Dif­fa­mie­rungs­me­tho­den Augsteins.

Meta­phern kön­nen ganz schön etwas aus­rich­ten. Dies liegt dar­an, daß sie im Buch­stäb­li­chen ver­an­kert blei­ben, wenn sie abs­trakt werden.

Donald David­sons Meta­ph­ern­theo­rie („Was Meta­phern bedeu­ten“; in: ders.: Wahr­heit und Inter­pre­ta­ti­on) behaup­tet das Gegen­teil: Meta­phern haben kei­ne Bedeu­tung. Sie funk­tio­nie­ren wie außer­sprach­li­che Begleit­mit­tel der Spra­che, z.B. Bil­der her­zei­gen, Win­ken, Küs­sen, Ohr­fei­gen, Errö­ten. So eine Neu­deu­tung kann jetzt unter Sprach­phi­lo­so­phen schö­ne lan­ge Kon­tro­ver­sen nach sich zie­hen, hat sie auch.

Wich­tig hier ist, daß die Vor­stel­lung, Meta­phern hät­ten „kei­ne Bedeu­tung“, von Richard Ror­ty begeis­tert her­ge­nom­men wor­den ist, um sei­ne Theo­rie zu unter­mau­ern, daß es Wahr­heit, Wirk­lich­keit, Sub­stanz und eben auch Bedeu­tung von Begrif­fen gar nicht gebe und das auch gut so sei. Die Phi­lo­so­phen hät­ten sich geirrt, wenn sie ange­nom­men hät­ten, es käme auf mehr an als auf die kon­tin­gen­te Ver­än­de­rung von „Voka­bu­la­ren“ der Men­schen und dar­auf, daß die­se einer „immer grö­ße­ren Sen­si­bi­li­sie­rung“ für Unter­drü­ckung, Schmerz und Demü­ti­gung von Men­schen zugäng­lich würden.

Ahnt man schon lang­sam, was für Meta­phern­be­grif­fe hier zurecht­ge­macht wer­den? Wenn nicht, Meta­phern­be­griff Num­mer zwei:

[Sol­che] sprachliche(n) Aus­drü­cke beschrei­ben und bewer­ten nicht (bzw. nicht nur). Sie erzeu­gen viel­mehr ein Ver­ständ­nis der (vor­sprach­li­chen) phy­si­ka­li­schen Rea­li­tät und gesell­schaft­li­che Realität(en), die als all­ge­mein­gül­tig ver­stan­den wer­den und des­halb nicht ohne Wei­te­res hin­ter­fragt wer­den können.

Das klingt noch wis­sen­schaft­lich-all­ge­mein, hat aber einen gewal­ti­gen Drall ins Unaus­weich­lich-Tota­li­tä­re, wenn man dar­un­ter­legt, auf wel­chem Theo­rie­mo­dell es fußt. Judith But­lers Haß spricht ist der Gewährstext für die zitier­te Bro­schü­re der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung (im übri­gen auch für die deut­sche Wiki­pe­dia­sei­te zu „Hass­re­de“). But­lers extrem­fe­mi­nis­ti­scher Ansatz ver­steht die sozia­le Zei­chen­welt als „hete­ro­se­xu­el­le Matrix“, als Fou­cault­sches Gewalt­dis­po­si­tiv, aus dem es kein Ent­kom­men gibt.

Ent­spre­chend kann der in der Bro­schü­re zu Wort kom­men­de Sprach­wis­sen­schafts­pro­fes­sor Ste­fa­no­witsch auch die tota­le Haß­me­ta­pho­rik aus­fin­dig machen: egal ob inten­diert, ob nicht­in­ten­diert (Miß­ver­ste­hen und Humor also aus­ge­schlos­sen), ob direkt oder indi­rekt (z.B. nicht zu erwäh­nen, daß Men­schen ein bestimm­tes Merk­mal haben), ja sogar das Nicht­er­wäh­nen bestimm­ter Grup­pen oder Per­so­nen kann Hate speech sein (haßer­füll­tes Schwei­gen über Flücht­lin­ge als Wirt­schafts­eli­te, darf man sich das so vorstellen?).

Ror­tys post­mo­der­nis­tisch-libe­ra­le Bekämp­fung von Wahr­heit und Bedeu­tung zuguns­ten von „Sen­si­bi­li­sie­rung“ und But­lers Kampf gegen die „ver­let­zen­den Ver­fah­ren der Per­for­ma­ti­vi­tät“ haben trotz Gegen­sät­zen (der eine fin­det gar kei­ne Buch­stäb­lich­keit mehr in der Meta­pher, die ande­re nur noch Buch­stäb­lich­keit, die allent­hal­ben offen­si­ve wirkt!) gemein­sam etwas voll­bracht. Ihre auf­klä­re­ri­sche Absicht schlägt um in Hörigkeit.

Hei­ko Maas’ Vor­wort zu der erwähn­ten Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung-Bro­schü­re zu Hate speech darf hier als Meta­pher für einen satt­sam bekann­ten neu­en Über­wa­chungs­kom­plex stehen.

Hate speech gibt es also nicht als sozia­les und media­les Phä­no­men (wie es etwa Inter­net­da­ting oder Memes im Netz gibt), son­dern ein bestimm­ter Sprach­ge­brauch muß, sieht man ihn durch die Bril­le der beschrie­be­nen Meta­ph­ern­theo­rien, Hate speech sein. Ver­su­che, die­sen Sprach­ge­brauch jus­ti­tia­bel zu machen, müs­sen davon aus­ge­hen, daß sie es hier mit einem extrem vor­aus­set­zungs­rei­chen, wenn nicht wirk­lich absei­ti­gen Phi­lo­so­phie­strang zu tun haben.

Um es zuzu­spit­zen: Ich wur­de ein­mal Zeu­ge einer Dis­kus­si­on unter Stu­den­tin­nen, die lächelnd der The­se zustimm­ten, eigent­lich wäre doch der Anal­ver­kehr die wirk­lich revo­lu­tio­nä­re Pra­xis, weil nur so die unaus­weich­li­che Repro­duk­ti­on der hete­ro­nor­ma­ti­ven Fami­lie durch­bro­chen wür­de. Man stel­le sich vor, daß dies die Basis einer Bro­schü­re des Fami­li­en­mi­nis­te­ri­ums wäre.

Wie also wei­ter­tun mit dem Pro­blem, das als Hate speech im lin­ken Para­dig­ma beschrie­ben wird? Wir könn­ten anneh­men, daß das Phä­no­men eine ganz lee­re Zuschrei­bungs­ka­te­go­rie ist, eine bewuß­te Dis­kursent­glei­sungs­stra­te­gie, die als Derai­ling poin­tiert aufs Korn genom­men gewor­den ist. Wenn Argu­men­te nicht rei­chen, schreie man bei Gegen­ein­wän­den laut: „Das ist aber Hate speech!“

Meta­phern sind Insi­der. Sie funk­tio­nie­ren in genau dem Sinn, in dem wir bestimm­te Wit­ze nur mit bestimm­ten Leu­ten tei­len kön­nen, und wenn wir sie ande­ren erklä­ren müs­sen, wird es müh­sam und der Witz ist weg.

Im Inter­net gibt es Mög­lich­kei­ten zuhauf, Teil der ver­schie­dens­ten In-groups zu wer­den, viel­leicht basiert das Inter­net – zwi­schen­mensch­lich betrach­tet – über­haupt nur darauf.

Erstaun­lich vie­le die­ser In-groups betä­ti­gen sich, z.B. wäh­rend sie ihr Online­spiel kom­men­tie­ren, in def­ti­gem, sich stän­dig über­bie­ten­dem Trash talk. (Bei­spiel? Ärger über einen Mit­spie­ler, der einem zuvor­ge­kom­men ist, mit „Ich fick dei­ne tote Mut­ter“ aus­zu­drü­cken.) Natür­lich has­sen die Mit­spie­ler ein­an­der nicht, kein Mensch nimmt hier eine Meta­pher buch­stäb­lich, und wenn einer zu expres­siv oder zu dumm wird und das Spiel ver­dirbt, kön­nen die ande­ren oder der Betrei­ber ihn blo­ckie­ren, igno­rie­ren und not­falls die kom­plet­te IP-Adres­se blo­ckie­ren. Leu­ten, die “offen­den”, expli­zit sagen zu müs­sen, daß das nicht in Ord­nung sei, ist, wie einen Witz erklä­ren zu müssen.

Was in der In-group paßt, ist nicht für außer­halb bestimmt, denn dort wird die Meta­pho­rik höchst­wahr­schein­lich buch­stäb­lich genom­men und dann, da sie eben kör­per­lich-kon­kret ist, als Krän­kung und Schmä­hung kör­per­lich-kon­kre­ter Adres­sa­ten auf­ge­faßt. Bru­ta­le, gro­be Netz­kom­men­ta­re sind nur all­zu­oft nach­her „als Scherz gemeint gewe­sen“, ein ver­zwei­fel­ter Ver­such, meta­ph­ern­theo­re­tisch unbe­leckt genau die­ses Pro­blem zu benen­nen: man beweg­te sich wie in der In-group und hat nicht mit den Reak­tio­nen der Welt gerechnet.

Ganz vie­le „Haß­postings“ sind Grenz­fäl­le die­ser Beschrei­bung. In einer sprach­lich auf­ein­an­der ein­ge­schos­se­nen Grup­pe, und sei es die der H.-C.-Strache-Facebookseiten-Kommentatoren, gibt eine gro­be Meta­pher die ande­re. Nun kom­men­tiert einer im sel­ben Duk­tus nach außen (bei­spiels­wei­se nicht über die Frau Wie­czo­rek mit ihrem #auf­schrei, son­dern an sie), und schon ist es nim­mer Ein­ver­ständ­nis, son­dern „Haß“.

„Moti­ve sind kei­ne Gefüh­le, son­dern Zuschrei­bun­gen von Hand­lungs­grün­den.“ (Niklas Luh­mann) Wech­seln­der Kon­text erklärt hier viel mehr als Gefühl.

Hate speech meta­ph­ern­theo­re­tisch frei­zu­le­gen, zeigt, was es nicht ist. Juli­us Strei­cher erklär­te in Nürn­berg 1946, die Stür­mer-Kari­ka­tu­ren sei­en „doch nur Meta­phern“ gewe­sen. Mit Meta­phern kann man nie­man­den umbrin­gen, man kann sie aber auch nicht kau­sal für Gewalt­ta­ten ver­ant­wort­lich machen. („Geis­ti­ge Brand­stif­tung“ gehört womög­lich auch zum Derai­ling?)

Die Beschrei­bung von „Haß“-Metaphern als Meta­phern ent­schul­digt nichts, son­dern durch ihre laten­te Buch­stäb­lich­keit wir­ken sie über­haupt erst. Und beto­nen zu müs­sen, daß die­se Wir­kung böse ist, ist, als müs­se man einen Witz erklä­ren. Da krieg ich die Krätze!

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (19)

Einar von Vielen

2. Januar 2017 20:46

Ich halte den ganzen Hate Speech Kokolores für ein Eigentor der Junta. Jede Repression wirft ihnen nur kurzen Gewinn ab, langfristig erhöht das nur die Wut. 

Ein Fremder aus Elea

3. Januar 2017 10:26

Eine Metapher ist eine Beschreibung, welche auf Strukturgleichheit beruht.

Metaphern erfordern Deutung, und sind oftmals vieldeutig.

Hin und wieder ist auch nicht klar, ob etwas wörtlich oder metaphorisch gemeint ist, wie zum Beispiel bei Broders Krätze: Augstein nimmt an, Broder wolle ausdrücken, daß uns die Flüchtlinge "unter die Haut gingen" (selbst wieder eine Metapher") und uns dort "juckten".

Leider ist festzustellen, daß die Heutigen nicht besonders gut im Metapherngebrauch sind, also oftmals Metaphern nicht erkennen oder falsch verstehen.

Füße, wie die eines Bären, werden beispielsweise von den Wenigsten als Beschreibung von Stiefeln identifiziert, wiewohl, wenn Sie mal wieder einen Zoo besuchen, sich dieser Vergleich wirklich aufdrängt.

Benno

3. Januar 2017 10:28

 "Prompt zitiert er in einer Liste indiskutabler rechter Aussagen zum Berliner Anschlag Broder mit diesem Satz und befindet, daß Rechte böser als Islamisten sind."

Broder? Rechts? Wenn man den Witz erklären muss, dann ist er auch hier nicht mehr lusitg.

Den Anstand kann man auch dann wahren, wenn man sich in der in-group befindet. Braucht es dazu "Hate speech"-Gesetze? Nein. Eine offene und ehrliche Diskussion über die Vor- und Nachteile islamistischer Anschläge würde solchen Kommentaren mehr entgegenwirken.

der Gehenkte

3. Januar 2017 11:13

Nicht zu vergessen, der metaphorische Tat-Zynismus, für den Peter Sloterdijk mit seiner "Kritik der zynischen Vernunft" ein Anti-Manifest geschrieben hatte. Auch die symbolische Geste entfaltet ihre metaphorische Wirkung und die wird gern von der Justiz verstanden udn weil sie Tat ist, auch gern "miß"verstanden.

So wurde in England ein Mann zu einem Jahr Haft verurteilt, weil er ein Sandwich gegen eine Moscheetür warf. Nicht daß diese Tat besonders lobenswert oder intelligent gewesen wäre, zeigt das Strafmaß doch, wohin die Reise geht.

Das ist eine Lektion für alle Aktivisten, die Menetekel sind unübersehbar. Ich plädiere daher im Metapherngebrauch – ganz im Sinne Sloterdijks – für einen Kynismus, dessen Glutkern die parrhesia war, statt für zynische Aktionen und Kommentare.

Dabei geht es nicht um Feigheit sondern in der wunderbaren Lutherübersetzung:

"Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben." (Matth.10.16)

 

 

Ernst Wald

3. Januar 2017 11:45

Den Gebrauch der Bezeichnung "Hate Speech" mit Metapherntheorien zu erklären, erscheint mir als zu umständlich und letztlich nicht überzeugend.

Denn von "Hate Speech" sprechen doch nur Vertreter der Political Correctness. Und die vorherrschende Ideologie der Political Correctness hat eine neue Verbrechensart geschaffen: Hassverbrechen.

Seither können alle Befunde, Aussagen und Meinungen, die nicht den Maßregeln der Political Correctness gehorchen, als "Hate Speech" gebrandmarkt werden.

Umgekehrt kommt es den Anhängern der Political Correctness natürlich nicht in den Sinn, ihre heftigen und beleidigenden Ausfälle gegen Andersdenkende als "Hate Speech" einzustufen.

Winston Smith 78700

3. Januar 2017 12:08
 

An @ Ein Fremder aus Elea.  Sie schreiben: "Leider ist festzustellen, daß die Heutigen nicht besonders gut im Metapherngebrauch sind, also oftmals Metaphern nicht erkennen oder falsch verstehen."

Ich befürchte, dass dies täuschen könnte.  Vielleicht soll es uns nur so erscheinen. Lakoff/Johnson als zentrales Werk ist im Original aus dem Jahr 1980. Wenn Sie mal die Nachfolger Andrew Goatly, Gilles Fauconnier, Mark Turner und evtl. gar Thomas Sebeok googeln, dann tauchen beunruhigende Gegenstände auf.

Das ist eines der Gebiete, wo sich gerade junge Leute - etwa die Kohorten der Besucher dieser Schnellrodaer Seminarwochenende - reinbeißen müßten, um an Waffen für den medialen Kampf zu gelangen. Diese sollten als aufsteigende Kraft nämlich vor allem schlauer und wendiger sein als ihre Gegner und der Macht um gedankliche Züge voraus, und das ist nicht mit körperlichem Kampfsport zu erreichen. Klar klingt das ätzend: lernen, studieren, Streberei . Mit modernen Methoden der Didaktik (wie sie bei Kindern und Jugendlichen eher schlechter funktionieren als bei ohnehin intrinsisch motivierten "Studenten" ) könnte man da aber Arbeit gut kooperativ aufteilen aufteilen und vorverlagern. Man zieht doch am gleichen Strang. Sie sollten auch intellektuell zu Aktivisten werden.

Der_Jürgen

3. Januar 2017 12:30

@Der Gehenkte

Makabrer Nachtrag zu Ihrem Hinweis auf den Mann, der in England ein Jahr bekam, weil er ein Sandwich mit Schweinefleisch gegen eine Moscheetür warf: Der Mann wurde im Gefängnis von muslimischen Mithäftlingen ermordet. Dass man ihn nicht von diesen getrennt unterbrachte, dürfte wohl Kalkül gewesen sein. De facto also die Todesstrafe für einen dummen Bubenstreich, für den eine Busse oder allenfalls eine Haftstrafe auf Bewährung angemessen gewesen wäre.

In der BRD bekam ein Mann, der im Internet gefordert hatte, die Krematorien von Auschwitz wieder in Betrieb zu nehmen (wodurch er sich als Volltrottel outete) zu zweieinhalb Jahren ohne Bewährung verurteilt. Wenn die Antifa öffentlich "Deutschland verrecke" oder "Bomber Harris, do it again" skandiert, fällt das hingegen unter den Begriff der Meinungsfreiheit.

Die Herrschenden definieren eben, was "Hate Speech" ist und wie hart man dafür bestraft wird. Es läuft alles auf die Machtfrage hinaus.

 

der Gehenkte

3. Januar 2017 12:55

@ Der_Jürgen

"Der Mann wurde im Gefängnis von muslimischen Mithäftlingen ermordet."

Das wäre ja auch schon eine große Metapher auf das multikulturelle Leben. Gibt es dazu Quellen oder ist das schon "fake news"?

 

Benno

3. Januar 2017 13:05

@Jürgen Können sie dazu eine Quelle nennen? Zum Mord an dem Sandwichwerfer. Danke schon mal.

Herr k.

3. Januar 2017 13:24

 Guter Artikel!

Allerdings betrachtest du die Sache aus einer philosophischen bzw. quasiwissenschaftlichen  Perspektive, welche die Psychodynamik (vorerst) unberücksichtigt lässt. Und hier liegt der Hase im Pfeffer, denn wie eine Künstlerin unserer Zeit einmal sagte: Hate can be an useful ressource. Die Frage ist, ob man die Energie zum Erreichen des Eigenen oder zur Verhinderung der Anderen nutzt.

Oder anders: die haben nur Angst. Das ist alles. Die denken wie ein 5-jähriges Mädchen, das annimmt, man könne das Gute tun und das Böse lassen. Und man könne das Unangenehme verbieten. Ja, dann verbietet doch mal Arbeitslosigkeit.

Ich appelliere an unser Lager, Gefühle von Hass ausdrücklich zuzulassen. Das heißt aber nicht, dass diese die Kontrolle über nehmen sollten oder müssten. 

der Dachs

3. Januar 2017 13:28

Der entscheidende Punkt sind nicht poetologische oder philosophische Metapherntheorien. Sondern wer die exekutive Macht besitzt. Der instrumentalisiert sich die passende Theorie.

Denn was im konkreten Fall Metapher ist, was nicht, ist Auslegungssache.

Es bedarf keiner Schnellrodaer Metapherntheorie, sondern klarer Kante gegen böswillige Auslegungen.

Ein Fremder aus Elea

3. Januar 2017 13:32

Winston Smith 78700,

nun gut, wir haben also eine Wissenschaft für verwaschene Begriffe, so wie wir auch eine Psychologie für Geistesstörungen, nicht aber für einen gesunden Geist haben.

Der beste Weg, der Verwirrung zu entkommen, besteht nicht darin, ihre Mechanismen offenzulegen, sondern darin, sie durch Klarheit zu ersetzen.

Wenn jemand meint 2+2 sei 5 , soll ich dann wirklich eine Dissertation darüber schreiben, wie er darauf gekommen ist?

Großer Aufwand, ungewisser Nutzen.

Der_Jürgen

3. Januar 2017 14:46

Zu dem von mir erwähnten Todesfall: Der Engländer, der ein Jahr Gefängnis bekam, weil er ein Sandwich mit Schweinefleisch gegen eine Moschee geworfen hatte, ist tatsächlich vor ein paar Tagen in Haft gestorben, aber die Todesursache ist nicht geklärt, bzw. wurde nicht offiziell bekanntgegeben. Ich hatte die Version, wonach er von muslimischen Mithäftlingen ermordet wurde, von einer rechten Website, die offenbar - fahrlässig oder absichtlich - ungenau berichtet hatte. Für mich ein Lehrstück; man sollte immer nachprüfen, ehe man unbestätigte Versionen verbreitet. Ich bitte um Entschuldigung. - Daran, dass das Urteil ein Skandal war, ändert das aber gar nichts.

https://metro.co.uk/2016/12/29/man-who-attacked-mosque-with-bacon-sandwiches-found-dead-in-prison-6350609/

Herr Meier

3. Januar 2017 15:14

Es geht um die Schaffung EIGENER Metaphern! 

Mehr Handlungsorientierung, weniger Elfenbeinturm, bitte! Auch Denker sollen etwas liefern.

Die eigenen Metaphern oder Symbole, die wir dringend einpflanzen sollten:

- SCHLÜSSEL: Jeder hat ihn in der Tasche. Jeder vertraut ihm sein Zuhause an. Denn wer wäre schon so dumm und offen, dass er sein Zuhause anderen auf Gut Glück überließe, wie es Politiker mit unserem Land machen? Nein, Sicherheit kommt von Zusperren-Können. Schlüssel ist Sicherheit. Hoch den Schlüssel (ganz konkret: Man kann ihn hochhalten, tausendfach, jeder hat ihn dabei, z.B. bei Pegida)

- SARRAZIN-BUCH: 2010 hatten wir die Vorstufe der jetzigen Debatte. Jeder Patriot hat dieses Buch damals gekauft und es steht noch im Regal, winkt verhalten herüber. Warum nehmen wir es nicht mit auf die Straße? Halten es am Marktplatz vor uns hin, zu vielen? Sarrazin wusste, in welche Richtung es ging, damals, wir wussten es - und wie haben die Antideutschen gehetzt?

Jetzt ist ihr Versagen offenbar und das müssen wir ihnen auch hinreiben und es auswerten in Definitionsmacht in der Öffentlichkeit.  Gerne auch mit einem eigenständigen, positiven Akt: Gemeinsam und öffentlich auf das Buch schreiben: "Stop!" oder "Es reicht!"...

 

Also, ich hoffe, ihr nehmt das auf: Es geht darum, welche Pfosten WIR einrammen. 

_______

Jetzt beginnt das sehr wichtige Jahr 2017. 

JETZT muss eine umfassende Strategie zur Offensive kommen. 

Wartet nicht, bis Zschäpe wieder eine "NSU"-Aktion angefangen wird....

Gut durchdacht und verbreitet: Hunderttausend Deutsche sind mit Sicherheit bereit, etwas zu unternehmen, Blätter verteilen usw. Jetzt sind die Deutschenhasser in der Defensive, jetzt muss der Vorstoß kommen. Dann aktiviert dieses Potenzial! Ihr seid die Denkfabrik, tut es einfach!

Leonhard hagebucher

3. Januar 2017 17:56

Ach Gott, Frau S., wozu benötigen Sie für den eindeutig unterstellenden  Kampfbegriff "Hate speech" irgendeine Metapherntheorie ? Und dann auch noch den alten Aristoteles verunglimpfen. "Bloß schmückendes Beiwerk"; welch ein Unsinn!

Übrigens, wie das Wort von der "geschenkten Krätze" gemeint war, ob lediglich partiell metaphorisch ("Seuche=Geschenk") oder zur Gänze ("Einwanderung=Seuche")  ist dem  Rezipienten überlassen; im vorliegenden Fall dem krausen Weltverständnis eines Augstein.  Wenn der miese Ideologe dies so interpretiert, ist das eine böswillige Unterstellung (vielleicht sogar eine Projektion). Der buchstäbliche Kontext gibt solche Deutung jedenfalls nicht her. Bitte einfache Sachverhalte nicht durch pseudowissenschaftliches Sprechen verunklären!

Wilhelm II

3. Januar 2017 18:02

Quelle für ermordeten Briten

https://www.bbc.com/news/uk-england-bristol-38458529

Sven Jacobsen

3. Januar 2017 23:30

Ob Sprache als einengend oder befreiend begriffen wird, hängt vielleicht weniger von einer wissenschaftstheoretischen Beschreibung ab (die im Zweifelsfall wenige kennen), sondern eher von den als gültig empfundenen gesellschaftspolitischen Normen, die sich durch ziemlich viele Einflussfaktoren zusammenstellen. Sprachwissenschaftler wissen deshalb, dass Normierungsversuche allein von einer Seite vermutlich noch nie durchschlagend erfolgreich waren. Das ist nicht schwer zu belegen. Was nun die Diskussion um die sog. Hate speech anbelangt, so wäre es aus mehreren Gründen geradezu wunderbar, wenn sich die Regierung in diesem Bereich versucht. Wer beispielsweise die sprachlich-intellektuelle Qualität der Forumsbeiträge hier mit denen auf einer nahezu beliebig ausgewählten anderen Seite eines sozialen Netzwerkes vergleicht, wird schnell feststellen, dass auf den meisten Internetseiten im Gegensatz zu dieser Beleidigungen, Fäkalsprache und Inkompetenz überwiegen. Sollte sich das Niveau allgemein heben, wäre das nur zu begrüßen; ein wahrhaft konservatives Ansinnen. Zudem ist es ja keineswegs so, dass „Hate speech“ ein Phänomen ausschließlich im Umfeld rechtsorientierter Köpfe ist. Der Twittereintrag „Do! It! Again!“ bzgl. der Stadt Dresden, ich muss das berüchtigte Beispiel nicht weiter ausführen, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit ein zu sanktionierendes Musterbeispiel für „Hate speech“. Abschließend sei auf die Sorge eingegangen, dass der juristisch etwas unscharfe Terminus „Hate speech“ eine beliebig anwendbare Kontrollfunktion für das Establishment einrichtet und sachliche, dezidiert vorgetragene Argumente verunmöglicht. Das ist mit Blick auf die Verfassungs- und Gesetzeslage auszuschließen. Wer könnte z.B. den Satz „Angela Merkels Flüchtlingspolitik wird von ehemaligen Verfassungsrechtlern wie Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio im Januar 2016 oder zuletzt von Parlamentariern wie Dr. Hans-Ulrich Rülke von der FDP am 3. Januar 2017 mit Rechtsbruch in Verbindung gebracht“ als „Hate speech“ bezeichnen?

teutoburgiensis saltus

5. Januar 2017 01:36

"Ich verstehe nicht, was Sie mit 'Glocke' meinen", sagte Alice. Goggelmoggel lächelte verächtlich.

"Wie solltest du auch - ich muß es dir doch zuerst sagen. Ich meinte: 'Wenn das kein einmalig schlagender Beweis ist!'"

"Aber 'Glocke' heißt doch gar nicht ein 'einmalig schlagender Beweis'", wandte Alice ein.

"Wenn ich ein Wort gebrauche", sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, "dann heißt es genau, was ich für richtig halte - nicht mehr und nicht weniger."

"Es fragt sich nur", sagte Alice, "ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann."

"Es fragt sich nur", sagte Goggelmoggel, "wer der Stärkere ist, weiter nichts."

(aus: Lewis Carroll, Alice hinter den Spiegeln)

Kantkopf

5. Januar 2017 12:15

'Man stelle sich vor, daß dies die Basis einer Broschüre des Familienministeriums wäre.' - Das IST die Basis des BRD-'Familien'-Ministeriums ...

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