Sezession
17. Januar 2017

Moralische Kosten

Johannes Poensgen / 9 Kommentare

Machiavelli schreibt gegen Ende seiner Erörterung fürstlicher Tugenden:

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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„Es ist also nicht nötig, daß ein Fürst alle die Tugenden, welche ich oben angab, gerade wirklich besitze, sondern es ist schon hinlänglich, wenn er sie nur zu besitzen scheint. Ja, ich getraue mir zu behaupten, daß es sogar gefährlich für ihn sein würde, wenn er sie wirklich alle besäße und immer ausübte, da es ihm im Gegenteil nützlich ist, wenn er sie nur zu besitzen scheint. Ein Fürst muß gnädig, rechtschaffen, herablassend, aufrichtig und gottesfürchtig erscheinen und es sein, gleichwohl so ganz Herr über sich sein, daß er im Fall der Not gerade das Gegenteil von dem allen tun kann.

Über das Verhältnis der Moral zur Politik wurden Ströme von Tinte verspritzt. Der Kampf der Antimachiavellisten richtete sich gegen einen mißverstandenen Machiavelli, dem sie vorwarfen, die Moral aus den Gefilden der Politik verbannt zu haben.

Aufmerksamere Leser erkannten in den Ausführungen des Florentiners jene „Verantwortungsethik“, die Max Weber der „Gesinnungsethik“ gegenüber stellte. Das ist richtig. Doch das eigentlich Bemerkenswerte an Machiavellis Betrachtung der Tugenden führt über den simplen Gegensatz zwischen dem gut Gemeinten und dem gut Gemachten hinaus. Die Moral ist ihm nicht bloß ein jenseitiger Forderungskatalog, der vor der harschen Wirklichkeit allzuschnell verdampft.

Sie ist ihm selbst politische Tatsache. Zunächst direkt, als Tugend oder Laster, welches einzelne Menschen oder ganze Gruppen zu ihrem Verhalten drängt. Noch interessanter ist jedoch die Wirkung der Wahrnehmung der Moral. Machiavelli verstand, daß die moralischen Urteile, denen Menschen und Handlungen durch ihre Zeitgenossen unterliegen, eine eigene Macht darstellen.

Seine Betonung liegt auf der Bedeutung des Scheins, und darin liegt die Erkenntnis, daß moralische Werturteile und die damit verbundenen Gefühlsaufwallungen selten etwas mit Vernunft zu tun haben. Sie sind in den seltensten Fällen nach sauberer Prüfung von Sachverhalt und Folgen abgemessen, sondern folgen meist spontanen Urteilen. An einer in unserer Zeit wieder äußerst bedeutsam gewordenen Stelle des Fürsten schreibt Machiavelli daher:

Man hielt Cesare Borgia für grausam; doch seine Grausamkeit beruhigte die Romagna, einigte deren Einwohner und gab dieser Provinz Frieden und Treu und Glauben wieder. Betrachtet man es wohl, so wird man sich überzeugen, daß er weit menschlicher war als das Volk von Florenz, das, um den Vorwurf der Grausamkeit zu vermeiden, Pistoja verwüsten ließ.

(Anfang des 16. Jahrhunderts sah sich Florenz vor die Aufgabe gestellt, das in zwei verfeindete Adelsfraktionen geteilte Pistoja zu befrieden. Entgegen der Auffassung Machiavellis, der befand, man solle die Anführer beider Parteien hinrichten lassen, handelten die Florentiner einen faulen Waffenstillstand aus. Bei der erstbesten Gelegenheit gingen beide Partien wieder aufeinander los und stürzten Pistoja vollständig ins Chaos.)

Betrachtet man es wohl“, aber wer betrachtet es schon wohl? Tatsächlich steht Cesare Borgia bis heute im Ruf sprichwörtlicher Grausamkeit, während die Florentiner sich mit ihrer Entscheidung das Ansehen anderer als auch ein gutes Gewissen erwarben. (Ob dem Herzog von Valentinois die Härte mancher Maßnahmen innerlich zu schaffen machte, wissen wir nicht. Ich halte es aber sowohl in seinem wie in zahlreichen ähnlichen Fällen für wahrscheinlicher als das Klischeebild vom blutdürstigen Tyrannen. Echte Psychopathen, die zur Moral unfähig sind, sind es zur Politik meist ebenfalls.)

Die moralischen Kosten des Borgia waren also weit höher als die der Florentiner. Unter dem Ausdruck "moralische Kosten" verstehe ich das affektgesteuerte, moralische Mißbehagen über eine Handlung, sowohl das eigene als auch dasjenige andere. Moralische Kosten verhalten sich gegenüber begründbarer Ethik neutral. Sie können mit ihr zusammenfallen, dies ist jedoch keineswegs immer der Fall. Je komplexer die Situation, desto wahrscheinlicher verursacht ethisches Verhalten hohe moralische Kosten.

Die gegenwärtige Misere ist vielfach unter dem Gesichtspunkt einer Suche nach den Verursachern beschrieben worden. Grob gesagt, unterscheiden sich hier die Verschwörungstheoretiker von den Kulturtheoretikern. Jene glauben, daß wir durch die Pläne einer uns feindselig gegenüberstehenden Kabale ins Verderben gestürzt werden. Diese halten Veränderungen in der Kultur- und Medienlandschaft, die die weißen Völker in den Selbstmord treiben, für maßgeblich.

Beide Seiten haben wichtige Teilstücke des Problems erkannt. Dies sei hier nicht bestritten. Wer den Wahnsinn unserer Öffentlichkeit erleben will, braucht nur eine beliebige Zeitung am Kiosk aufzuschlagen. Und was das Thema der Verschwörung anbelangt:

Sobald man sich von der (hauptsächlich von Antiverschwörungstheoretikern vertretenen) kindischen Vorstellung löst, eine Verschwörung bestünde aus zwei Dutzend Männern, die in komischen Klamotten nachts auf dem Prager Judenfriedhof den Griff nach der Weltherrschaft planten, so wird man um die Erkenntnis nicht herumkommen, daß auch hier weit mehr möglich ist, als sich die Schulweisheit träumen läßt. (Diese Schulweisheit geht im übrigen ebenfalls auf Machiavelli zurück, aber das ist für ein andermal.)

Die moralischen Kosten sind meiner Ansicht nach ein dritter Aspekt, der zum Verständnis unserer Lage unbedingt berücksichtigt werden muß. Wohl weil sie nicht im selben Maße wie die beiden anderen Erklärungsansätze einen Schuldigen liefern – sie sind trotz der moralischen und damit menschlichen Komponente im Kern ein technisches Phänomen –, sind die moralischen Kosten im öffentlichen Bewußtsein hinter sie zurückgetreten.

Vor fast genau einem Jahr erklärte ich an anderer Stelle, daß Angela Merkels Grenzöffnungspolitik weder einem Anfall von Gutmenschentum noch dem Gehorsam gegenüber globalen Strippenziehern geschuldet sein muß. Angesichts der hereinbrechenden Menschenflut war die Grenzöffnung unter dem Gesichtspunkt Merkelscher Machtsicherungspolitik die klügste Wahl aus einer Reihe schlechter Optionen. Denn jede praktikable Form der Grenzschließung hätte eine Reihe häßlicher Bilder erzeugt, die Merkel öffentlich angelastet worden wären.

Die Presse wäre voller Bildern gewesen, wie wir sie aus Ungarn zu sehen bekamen, von Polizisten, die auf die andrängenden Massen einschlagen, abgerissenen Flüchtlingen, die des Winters vor der deutschen Grenze im Freien nächtigen müssen, vielleicht ein paar Kinderaugen, die angstvoll durch den neuerrichteten Grenzzaun blicken. Die ganze Asyllobby samt aller angeschlossenen und sympathisierenden Milieus bis weit ins konservative Bürgertum hinein hätte Merkel diese Herzlosigkeit niemals verziehen.

Man stelle sich zudem vor, welche Bilder wir erst zu sehen bekommen hätten, wäre es tatsächlich zum Stau auf der Balkanroute gekommen. Herfried Münkler meinte genau dieses Problem, als er die Strategie der Kanzlerin lobend(!) die Verwendung Deutschlands als „Überlaufbecken“ nannte. Die moralischen Kosten einer Grenzschließung wurden als zu hoch eingestuft.

Die Grenzöffnung hingegen warf zunächst sogar eine moralische Dividende ab. Zweifellos ist der Schaden für Angela Merkel seither immens gewesen. Verglichen mit der Alternative war es aber für die Kanzlerin die bessere Wahl. Eine Grenzschließung hätte ihr nicht nur sämtliche Gutmenschen auf den Hals gehetzt. Durch die entstehenden moralischen Kosten hätte sich das Lager der Asylbefürworter mindestens im selben Maße ausgedehnt, wie es das der Asylgegner durch die Grenzöffnung und ihrer Folgen dann tatsächlich tat. Auf perverse Weise schulden wir Angela Merkel Dankbarkeit.


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Kommentare (9)

Hartwig aus LG8
17. Januar 2017 13:52

In drei Tagen wird ein Mann Präsident der USA, dem es gelungen zu sein scheint, die moralischen Kosten drastisch zu senken. Zumindest scheint er nicht bereit zu sein, diese Kosten zu übernehmen, obwohl ihm allenthalben entsprechende Rechnungen ausgestellt werden.

Und was die tatsächlichen Kosten betrifft: Man solle sich für alle Moralapostel die Mühe machen, eine Litanei an Schlagzeilen der letzten Jahre zusammenzutragen. Vom Negativzins bis zur Rekordverschuldung und Bankenrettung, von der Zerrüttung der EU, dem Brexit und den gebrochenen Verträgen (Maastricht, Dublin, Schengen), dem Terror in Europa, dem frostigen Verhältnis zu Russland bis zum brennenden Nahen Osten, ISIS, Israel-Palästina, dem Failed-State Libyen, auch die Rassenunruhen in USA bis zum immer noch betriebenen Guantanamo. Und wozu diese Liste? Das geht auf Rechnung von Obama, Merkel, Junker, Hollande etc.  So ist die Welt vor Trump.

Der Gehenkte
17. Januar 2017 13:55

Damit hat mich Poensgen endgültig überzeugt. Endlich ein ausgewogener und auch selbstkritischer Beitrag, der über Analyse hinausgeht und versucht, aktiv Schneisen zu schlagen, Lösungsvorschläge zu bringen, aus der Metapolitik heraus politisch zu werden.

Aus ebenjenen moralischen Kosten wird sich das Programm der Remigration als undurchführbar udn als realpolitische Illusion erweisen, zumindest im derzeitigen politpsychologischen Klima.

Die Menschen werden einerseits die Bilder und das Wissen vom tatsächlichen Leid nicht ertragen - ein Volk, das über Generationen ohne Leid- und Schmerzerfahrung aufwächst, kann fremdes Leid nicht mehr akzeptieren.

Und es wird sofort Meinungsführer geben, die durch verbale Fliegenklatsche alles stigmatisieren. Peter Sloterdijk hatte eine "wohltemperierte Grausamkeit" eingefordert und umgehend kam Precht mit der Nazikeule.

Es hilft momentan nur eines: den Vollversorgungsmagneten abzustellen. Die Geschichte der Migrationsströme kann nämlich auch aus der Sogperspektive erzählt werden:

"Im Juli 2012 hatte das Bundesverfassungsgericht die 1993 beschlossenen und seinerzeit als Erfolg gefeierten Grundleistungsbeträge nach § 3 Asylbewerberleistungsgesetz für grundgesetzwidrig erklärt. Danach wurden die Leistungen zum Lebensunterhalt deutlich angehoben. Miete, Nebenkosten, Krankenversicherung sind für Asylbewerber frei, der Barbetrag zur Deckung von Grundbedürfnissen (Zusatzausgaben für Transport, Kommunikation etc.) wurde von 40 auf 140 Euro pro Person angehoben usw. Nach 15 Monaten im Lande wurden Asylbewerber de facto Hartz-IV-Empfängern gleichgestellt.

Im Jahre darauf begannen die Asylbewerberzahlen deutlich zu steigen. 2011 wurden 45 000 Asylanträge gestellt, zehn Prozent mehr als 2010. 2012 waren es 65 000. Ein Jahr nach dem Beschluß hatte sich die Zahl auf 127 000 verdoppelt, um 2014 eine erneute Verdopplung zu erfahren.

2014 kamen also bereits fünfmal mehr Asylsuchende nach Deutschland als drei Jahre zuvor – der Zusammenhang mit den erhöhten Verpflegungsgarantien ist evident."

Das läßt sich nur politisch ändern und die beste Chance stellt derzeit die AfD dar - es ist aber nicht auszuschließen, daß auch andere Parteien irgendwann diesen Zusammenhang geltend machen. Also muß es unsere Aufgabe sein, die AfD zu stärken und alle ähnlich denkenden Kräfte in anderen Parteien udn Organisationen. Wie das freilich zu geschehen hat, ist diskutabel.

Heinrich Brück
17. Januar 2017 14:06

Asylrecht, also Recht auf Asyl? Bei demographischen Überkapazitäten gibt es Recht auf Asyl, muß es geben, denn Übervölkerung ist immer Mord und Totschlag. Asylrecht ein anderes Wort für: friedliche Übernahme geographischen Raumes. Zeitgemäß abgeschafft oder zeitgemäß angewendet.

Wird das Asylrecht nach Assimilierbarkeit angewendet, gilt das Vorrecht der Verteidigung des eigenen Territoriums. Oder die Vorrechte werden ungültig, dann gilt das Recht auf Eroberung ohne Krieg.

In einer überbevölkerten Welt wird das Asylrecht ein Luxusrecht, gewährt der Hochintelligenz assimilierbarer Minderheiten. Der Rest ist Überlebenskampf und territoriale Neuordnung.

Rosenkranz
17. Januar 2017 18:03

Ein sehr guter Artikel. Ich werde ihn sicher noch öfter lesen. 

Man sagt immer, daß die sogenannten Flüchtlinge unbewaffnet seien. Ich finde aber deren schärfste Waffe ist es, uns europäische Ureinwohner moralisch zu erpressen und dann maßlose Forderungen zu stellen. Unsere Hilfsbereitschaft, auch dem Fremden zu helfen wird somit eben auch von diesem gnadenlos ausgenutzt. Nicht umsonst ziehen die Asylforderer Kinder und junge Frauen in die erste Reihe, wenn es darum geht, häßliche Bilder zu erzeugen und die Moral des Gegners zu untergraben. 

Monika L.
17. Januar 2017 18:13

"Europa indes wird nach dem amerikanischen Rückzug verdammt nackt dastehen, mit einem derzeit noch moralisch großmäuligen Deutschland inmitten, das von einer übergeschnappten Kanzlerin geführt wird, aber tatsächlich unbewaffnet und verteidigungsunfähig ist und mit seinem Reichtum zu Landnahme und Raub einlädt. Deutschland wäre derzeit nicht in der Lage, auf den inneren Angriff von, sagen wir, 5000 gut organisierten Dschihadisten zu reagieren. Statt aufzurüsten, zahlt der Staat Milliardensummen Schutzgeld an potentielle Feinde, Unruhestifter und Kriminelle im Inneren. "

Klonovsky, acta 16.1.17

Am Ende sind die " moralischen Kosten" zur Vermeidung des Unheils so groß wie die Kosten für die militärische Abwendung des Unheils . Dazwischen spielt Politik.

Angesichts der ungeheuren Völkerwanderung scheint es nur wenig politischen Spielraum zu geben. Das ganze erinnert eher an eine Naturgewalt, denn an eine Verschwörung oder ein kulturelles Problem.

solitude
17. Januar 2017 18:20

Im Grunde geht es um politische Opportunität; um den Pragmatismus, den ein Regierender trotz hehrer Ziele und Ideale immer an den Tag legen muss. Es ist deshalb schmerzlich - aber völlig berechtigt - festzustellen, A. Merkel hätte in der Situation vom September 2015 machtpolitisch vor dem Hintergrund des herrschenden Zeitgeists richtig gehandelt. Ein Fürst oder Führer wird immer mehr oder weniger in den Determinanten des Zeitgeists gefangen sein, was übrigens den Siegeszug der Nationalsozialisten besonders interessant macht. War nun der Zeitgeist in der Weimarer Republik überhaupt nicht demokratisch oder waren die Nationalsozialisten besonders erfolgreich darin, innerhalb kürzester Zeit metapolitisch erfolgreich zu sein? Oder waren es im Besonderen die schlechten wirtschaftlichen und außenpolitischen Umstände (Reparationen, Ansehen des Deutschen Reichs)? Hatte Hitler schlicht Glück, von den konservativen Kräften letztlich doch ins Amt gehoben worden zu sein? Wir wissen heute, dass die Machtübernahme von all diesen Faktoren und mehr abhing. Dennoch erscheint die rasche Umwälzung der politischen Landschaft vor der heute herrschenden Trägheit faszinierend.

Die "moralischen Kosten" müssen nicht nur gegen den drohenden Schaden gerechnet werden, sondern sind - wie Poensgen anmerkt - selbst relativ. Das gleiche gilt für "politische Kosten" ganz allgemein. Als Napoleon von Friedrich Wilhelm III. 1812 verlangte, ihm freies Geleit durch Preußen für den Marsch auf Moskau einschließlich der Versorgung seiner Truppen zu gewähren, gab dieser nach. Es war eine für die damals aufstrebende patriotische Bewegung ungeheuerliche Schmach. Trotz vieler zwischenzeitlicher Unmutsäußerungen wartete der zaudernde König bis nach Napoleons erfolglosen Russlandfeldzug ab und erst als der Zeitpunkt für eine Allianz mit Russland und Österreich 1813 günstig war, stellte er sich (beinahe im letzten Moment) gegen das mächtige Frankreich. Im Nachhinein hatte er mit seinem Zaudern und seinen Bedenken Recht; ebenso jedoch im Grunde die aufstrebenden Patrioten. Es galt nur, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten.

Politik ist auf der ersten Ebene Interessensausgleich, auf der zweiten Ebene ist sie Kommunikation. Ebenso wie ein Jurist muss ein Politiker daher immer zunächst eine Einzefallabwägung auf Grund der jeweiligen Umstände treffen und sie anschließend vermitteln können. Es hängt letztlich von den individuellen Maßstäben ab, welche Entscheidung jeder Einzelne fällt. Ärgerlich ist hingegen, dass von der politischen Linken bis ins Zentrum (CDU) so getan wird, als wären ihre Entscheidungen stets vertretbar, während die der (neuen) Rechten stets unvertretbar seien. Genau deshalb erkennt Poensgen ganz richtig, dass auch der Meinungskampf der Rechten sich des Scheins bemächtigen muss, um die Stimmung zu drehen. Nach der reinen Lehre wird die Macht nicht zu erringen sein. Doch errungen werden muss sie.

Gotlandfahrer
17. Januar 2017 18:50

Exzellent. Nur eines verstehe ich nicht:

"Die moralischen Kosten müssen sinken, oder die Wahrnehmung der Schäden muß steigen.

Die erste Lösung wird seit Jahrzehnten von Europa vorexerziert. .. Da man aber den Migranten an der eigenen Grenze nicht ohne häßliche Szenen abweisen kann, ist man schon lange dazu übergegangen, die Drecksarbeit an die Folterknechte fremder Potentaten auszulagern.“

Das klingt so, als ob die politisch Handelnden es sich moralisch nur nicht erlauben könnten, die Grenze zu schließen, obwohl sie es eigentlich für geboten hielten und sie daher das Ziel auf Umwegen zu erreichen versuchen.

Damit könnte ich leben. Allein: Daran glaube ich nicht im Leben, denn dann wäre es ihnen möglich, sublime Botschaften an das Volk zu senden, sich der Falschheit des moralischen Standards bewusst zu werden. Stattdessen schärfen sie die Standards in die von ihnen bewusst angestrebte Richtung täglich.

 

Wie dem auch sei, da die Moral ohnehin die Residualgröße der herrschenden Verhältnisse ist, kommt es auf diese gar nicht an, sondern auf den wahrgenommenen Schaden. Folgerichtig setzt hier der ‚zweite Weg‘ an, und auf ihm sollte man sich eben gar nicht erst von der irrelevanten Moral ins Bockshorn jagen lassen, denn die wird sich automatisch anpassen. Sie ist lediglich Wahrnehmungsdämpfung, ein Herrschaftskonstrukt gegen das man sich nicht abmühen sollte solange die Herrschaft besteht. Da die Moral der Herrschenden immer mit ihnen untergeht besteht die Lösung eigentlich darin diesen Trend nicht aufzuhalten. 

 

Sven Jacobsen
17. Januar 2017 20:44

Ein gelungener Artikel. Johannes Konstantin Poensgen ist ein kluger Mann und selbstverständlich ist davon auszugehen, dass er Machiavellis „Il Principe“ als moderne Metapher für eine in sich einige, geschlossen auftretende Regierung heranzieht, denn die Bundeskanzlerin hat - bei allem gebotenen Respekt – nichts mit einem hart durchgreifenden Cesare Borgia gemein, der Machiavelli so sehr faszinierte. Nun, ein wichtiger Satz in „Il Principe“ lautet, ein Herrscher (im Sinne der gerade beschriebenen Regierung) habe alle für die Durchsetzung der Herrschaftsgewalt notwendigen Grausamkeiten auf einmal zu begehen. Der Begriff hat einen üblen Beigeschmack. Man muss aber die Entstehungszeit der Schrift Machiavellis bedenken. Die Annahme jedenfalls, es sei besser schnell und ggf. hart zu handeln, ließe sich, auf die heutigen Umstände und die Migrationskrise bezogen, als eine konsequente Haltung verstehen, die bspw. darin bestünde, die Grenzen wirkungsvoll zu schließen, so grausam das auch wirken würde, und gleichzeitig humanitäre Maßnahmen in den Herkunftsstaaten anzubieten oder Schutzzonen durchzusetzen. Die Regierung tut gerne so, als ob Grenzschutz sich nicht bewerkstelligen ließe oder als ob Humanität nur in Deutschland möglich sei. Doch derzeit ist die moralische Bilanz der Kanzlerin und der ihrer Koalition der Anständigen nur bei oberflächlicher Betrachtung positiv: Jeder, der noch nicht hierher gekommen ist und vergleichbare Gründe hätte aufzubrechen, wird sich früher oder später fragen, was ihm zukommt; die erkennbaren, wenn auch zaghaft-unglaubwürdigen Schritte, den Migrantenstrom zu drosseln, erkauft man sich mit der harten Konsequenz anderer Staaten (wie Ungarn), was sich zunehmend herumspricht; Ankündigungen, man brauche Zuwanderung wegen des demographischen Wandels und wegen des Mangels an Fachkräften, bescheren den meisten Migranten nach anfänglichen Illusionen die blanke Ernüchterung. Die Liste der Widersprüchlichkeiten ließe sich fortsetzen. Das Handeln der Kanzlerin lässt sich vermutlich nicht nach den Kriterien der Machtpolitik im Sinne Machiavellis beschreiben, sondern eher als Schwäche oder Zögerlichkeit, die sich tagtäglich in der Art fortsetzt, wie die Migrationskrise in Deutschland verwaltet wird. Es ist zwangsläufig, dass ein Mangel an innerer Sicherheit wegen der staatlichen Schwäche schwere Probleme nach sich zieht.

Zarathustra
18. Januar 2017 12:51

Ausgezeichnet! Zweifellos einer der besten Beiträge bei der Sezession! Nüchtern, durchdacht, und im Gegensatz zu den Akifismen der letzten Zeit im besten Sinne intellektuell d.h. tiefgehend (aber kein »intellektueller Rülpser« und keine Auftischung von Halbverdautem).

Das konkrete Beispiel der sog. »Flüchtlingskrise« zeigt: In einer Mediendemokratie, in der Entscheidungsträger stets auf das Moralempfinden und die Sentiments der Medienkonsumenten zu achten haben und nur unter diesen Bedingungen überhaupt an die Macht gelangen und die Macht erhalten können, bekommt die Mehrheit letztlich das, was sie gemäß seiner geistig-emotionalen Reife auch verdient: Wer nicht nüchtern für den Erhalt der eigenen Existenzbedingungen zu entscheiden vermag und die Konsequenzen solcher Entscheidung zu ziehen bereit ist (»die häßlichen Bilder« etc.), muß entweder einer pre- bzw. postdemokratischen Herrschaft unterworfen werden (einem »guten Hirten«) oder untergehen.

Wer nicht wahrhaben will, daß faktisch existierender Gewalt und faktisch gegebenen Verformungs- und Zersetzungstendenzen nur mit Gegengewalt und mit absolutem Formwille (im Kulturellen) zu entgegnen ist, der kann nicht lange sich selbst regieren. Wahre Demokratie verdient nur derjenige und behält langfristig auch nur derjenige, der dazu die intellektuelle und emotionale Reife besitzt.

Diese Reife zu gewinnen bedeutet heute vor allem, über die Gefühlsduseleien der christlichen Moral hinauszukommen. Schafft Europa nicht, in diesem Sinne über sich selbst hinauszuwachsen, dann wird unweigerlich die Nietzschesche Prophezeihung eintreffen, daß »Europa am Christentum zugrundegeht«.

Wie wichtig die metapolitische Arbeit hierfür ist, dürfte klar sein.

    Zarathustra

 

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