19. Januar 2017

Macht, Kunst, Geld

Lutz Meyer / 4 Kommentare

Abgesagt haben diverse Größen des Pop-, Rock- und Showgeschäfts, dem Vernehmen nach auch manche, die gar nicht angefragt worden waren. Wer absagte, posaunte dies meist sogleich lauthals über die diversen Social-Media-Kanäle in die weite Welt hinaus: virales Marketing, wie es bislang prima in Diensten der herrschenden Moral funktionierte. Manche der Absager freilich sollen erst dem nicht immer sanften Druck ihrer Fans und der Medien nachgegeben haben.

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

  • Sezession

Doch nicht dieses „wer singt und wer nicht“ soll heute Thema sein. Vielmehr geht es um das Verhältnis der Künstler – fassen wir neben den Musikern, Malern, Bildhauern und Schauspielern auch die Dichter und Denker darunter – zum Staat.

Im 20. Jahrhundert war dieses Verhältnis ambivalent. In der Sowjetunion wie in Deutschland nach 1933 gab es neben Künstlern, die sich dem jeweiligen Diktator huldigend zu Füßen warfen und den neuen Staat mit künstlerischen Mitteln zu gestalten halfen, auch die verfolgten und verfemten Maler, Literaten und Schauspieler. Die Übergänge konnten fließend sein – mancher, der zuvor gehuldigt hatte, zählte bald schon zu den Verfolgten. Und mancher, der wie Gustaf Gründgens im Deutschland Hitlers an der Seite der Mächtigen zu stehen schien, fühlte sich dort im Grunde deplaziert, mußte nach dem Regimewechsel aber dennoch für die Nähe büßen.

In der modernen Massendemokratie westlicher Prägung wiederum gab es Phasen, in denen Künstler sich in starker kritischer Opposition zum Staat befanden, aber dennoch bzw. gerade deshalb wirtschaftlich enorm erfolgreich waren. Erinnert sei an die Woodstock-Generation im gesamten Westen, die sich in deutlicher Antihaltung zum Krieg der USA in Vietnam befand. Wer den ganzen Widerspruch einmal ausloten möchte, sei auf Arlo Guthrie und „Alice’s Restaurant“ (Lied und Film) verwiesen.

In der Folgezeit ist das Verhältnis der Künstler zum Staat wieder deutlich entspannter geworden und auch einseitiger – die Künstler identifizieren sich überwiegend mit dem Staat, solange dieser ein paar Bedingungen erfüllt.

Man kann für das Verhältnis der Kunst zur Macht innerhalb der letzten 100 Jahre eine grobe Faustregel aufstellen: Linke Regime und Ideen übten stets eine gewisse Strahlkraft vor allem auf westlich geprägte Künstler aus, während rechtsgerichtete Regime und Ideen diese in der Mehrzahl abstießen. Angezogen zu sein von linken Ideen (das persönliche Luxusstreben war dadurch niemals in Frage gestellt) galt vor allem unter westlichen Künstlern, Dichtern und Denkern geradezu als Nachweis von Intellektualität und künstlerischer Qualität.

Daran hat sich bis heute wenig geändert – nach wie vor geben sich Künstler gern links. Mit staatlicher Macht gehen Künstler immer noch gern zusammen, wenn diese sich – wie im Westen der letzten Jahrzehnte Standard – in ideologisch genehmer Form ebenfalls zwischen „links“ und „liberal“ positioniert. Obama, mochte er auch noch so viele Kriege führen, Tötungsdrohnen aussenden und Folter dulden, war für den Kulturbetrieb wie geschaffen. Ein paar wohlgesetzte Sonntagsreden hier und dort reichten hin, um den Kulturbetrieb dauerhaft zu blenden und einzubinden.

Nun also Trump. Dem verweigert man nicht nur die kleine Huldigung zur Amtseinführung und stilisiert sich solchermaßen als Widerstandsheld, sondern inszeniert sich gleichsam in vorauseilender Vorwegnahme möglicher Verfolgung als Opfer eines gefährlich-dümmlichen, kunst- und kulturfernen Banausen (Trump ist als eine Art ins Monströse,  Dämonische gesteigerter Über-Kohl zu sehen – man erinnert sich sicher, wie der pfälzische Saumagenliebhaber Kohl von Künstlern und Intellektuellen verhöhnt wurde).

Das sorgt bei den Kunstschaffenden umgehend für ein gutes Gewissen und eine weiß gewaschene Weste im Stil der heutigen Zeit: die unterschwellige Drohgebärde als aggressiver Fleckenentferner, die politische Korrektheit als optischer Aufheller, die Sentenzen aus der Grabbelkiste des Humanitarismus als schaumaktive Substanzen. Zugleich ist es aber komplizierter, absolviert man doch im Vollzug der Absage eine Art Trauerarbeit mit Blick auf das nahe Ende der einträglichen Symbiose von etablierter Kunst und bisherigen Eliten. Verlassen wir nun die Sphäre der durch Hollywood, Werbung und Big Music reichgewordenen Künstler. Begeben wir uns nach Deutschland – in das Land der staatlich subventionierten Künste.

Kunst und Kultur sind heute ohne staatliche Subvention der einen oder anderen Art kaum denkbar, das gilt vor allem auch für Deutschland. Insofern kann man gut verstehen, wenn der deutsche Kunst- und Kulturbetrieb mit aller Macht am Status quo festzuhalten gewillt ist. Man sucht nicht nur die Nähe zur Macht, sondern hat sich hierzulande längst daran gewöhnt, ein Teil dieser Macht zu sein – als Deutungsmacht, moralische Instanz, ästhetisches Vorbild und ganz konkret als Claqueur hier oder eilfertiger Anbieter einer Bühne für das Gute dort.

Findet irgendwo ein Kunstereignis von Rang statt, kann man sicher sein, im Musentempel politische Prominenz anzutreffen. Umgekehrt ist – wes Brot ich eß, des Lied ich sing – die künstlerische Prominenz sofort zur Stelle, wenn der staatliche Brötchengeber einmal in argumentative Nöte gerät: Man bekennt sich zur Kanzlerin, singt ihr Hohelied, verdammt ihre Gegner, wirft sich moralisch in Positur, macht einen auf künstlerischen Kämpfer gegen Rechts, stellt sich als Anwalt der einzig guten Sache dar ... und blickt sich beifallheischend nach dem nächsten Fördergeldsack um. Deshalb würde ein deutscher Politiker herkömmlichen Zuschnitts auch niemals in die Verlegenheit eines Trump kommen. Die bestellten Künstler würden kommen und ihr Liedlein trällern.

Doch das könnte sich ändern, auch hierzulande. Dazu müßte noch nicht einmal die nach heutigen Maßstäben als kunst- und kulturfern geltende AfD die absolute Mehrheit erringen. Die Auflösung der Symbiose von Macht und Kunst wird schon allein durch die bereits laufende und sich in den nächsten Jahren ausweitende finanzielle Austrocknung des Kultursektors eintreten – ein Schockszenario, das schon heute seinen Schatten auf die Kunst- und Kulturszene wirft.

Fakt ist, daß die staatliche Kulturförderung unter wachsenden ökonomischen Druck geraten wird. Wessen Brot werden sie dereinst essen, die Künstler, wenn die staatlichen Fördertöpfe ausgetrocknet, die letzten Fans durch die ewig quäkende Moraltrompete vergrault sind? Zwar steigen derzeit noch die Steuereinnahmen, doch auch die Ausgabenseite des Staates wächst stark, nicht zuletzt bedingt durch die hohen Folgekosten einer unqualifizierten Massenzuwanderung. Die aber wurde und wird bekanntlich durch Künstlerkreise besonders eifrig beklatscht.

Man bejubelt also den eigenen Niedergang. Offenbart der Kunst- und Kulturbetrieb da etwa eine geheime Todessehnsucht? Schämt er sich seiner Prostitution in staatlichen Diensten? Möchte er nun vor Scham vergehen? Ein gutes Zeichen wäre es – auch für die Kunst.


Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

  • Sezession

Kommentare (4)

quarz
19. Januar 2017 09:20

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Totalversagen der Satire in Zeiten der Masseninvasion. Völlig konträr zu ihrer traditionellen Rolle als Kritiker der Herrschenden gaben sich Kabarettisten zuletzt teils als deren Hofkapläne, teils als deren Jagdhunde, die entweder vor Pathos strotzende Predigten zum Lobe der Merkelschen Weltrettung ablieferten oder aber aggressive Tiraden gegen alles und jeden, der dagegen aufmuckte. Beides geradezu keimfrei steril gegen jede Beimengung von Humor präpariert.

Monika L.
19. Januar 2017 11:39

Der Deutsche hat es nicht so mit politischem Humor. Im Kabarett könnte  man den Schuldkult besser abarbeiten als in einem Ballhaus. Nach dem großen Austausch wird es sowieso kein "Mahnmal" in Berlin mehr geben. Die Stelen werden  an die Klötze auf den Osterinseln erinnern. Die Interpretation obliegt dann den Menschen mit der Gnade der sehr späten Geburt. Nicht mehr denen, die "schon länger hier leben". 

Dann heißt es vielleicht, dies sei das Denkmal der deutschen Dummheit. Wäre Herr Höcke doch besser im Kabarett aufgetreten, als Trump-Verschnitt. Glückwunsch, Donald. Und viele Grüße aus Kallstadt. Dort werde ich morgen speisen.

https://m.youtube.com/watch?v=EtTpdXKTJw0

Rosenkranz
19. Januar 2017 16:55

Herr Meyer, was uns heute vom Kunstbetrieb so geboten wird, kann man oft nicht mehr als Kunst, sondern nur noch als Schund bezeichnen. Ich gehe in Hamburg in kein Theaterstück mehr. Letztes Jahr hatte ich mich nach längerer Abstinenz mal wieder auf eine Johanna-von-Orleans-Darbietung vorgefreut. Dort angekommen, wurde ich nach dem Öffnen des Vohangs mit "Pegida-", "Lügepresse-" und "Volksverräter"-Rufen von der Bühne zwangsbeglückt. Mit Johanna von Orleans hatte das Stück nichts zu tun, bzw. es war wohl meinem fehlenden Interpretationswillen geschuldet, dieses nicht zu erkennen. Dabei wird das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg mit ca. 20 Mio. Euro im Jahr subventioniert und dann so ein Mist.

Ich habe das Gefühl, daß jeder talentfreie alternativökolinksliberale Künstler in diesem Land irgendwie im Kulturbetrieb unterkommt. Wer nun ganz talentfrei ist, stelle sich einfach nackt, sabbernd auf die Bühne und vollführe ein paar komische Bewegungen. Mit Kultur hat das aber nichts zu tun. Schund bleibt Schund und dafür sollte es keine Subventionen geben.

Ich bin dafür, daß für gute Kunst gutes Geld, auch aus den öffentlichen Kassen, ausgegeben werden muß. Ich will Kunst, die erhebt. Ich will Künstler erleben, die etwas Außergewöhnliches leisten. Ich schätze aber auch Klassische Konzerte, die von einem Laienorchester sehr anständig gespielt werden. Man suche die Oasen, werde fündig und sei selber in kleinem Rahmen künstlerisch tätig.

Igore
19. Januar 2017 19:18

Die Frage ist nur, wo bleibt denn die kulturelle Gegenbewegung zu diesem selbstreferentiellen Mainstream. Oder hab ich da was verpasst?

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