Macht, Kunst, Geld

Abgesagt haben diverse Größen des Pop-, Rock- und Showgeschäfts, dem Vernehmen nach auch manche, die gar nicht angefragt worden waren.

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

Wer absag­te, posaun­te dies meist sogleich laut­hals über die diver­sen Social-Media-Kanä­le in die wei­te Welt hin­aus: vira­les Mar­ke­ting, wie es bis­lang pri­ma in Diens­ten der herr­schen­den Moral funk­tio­nier­te. Man­che der Absa­ger frei­lich sol­len erst dem nicht immer sanf­ten Druck ihrer Fans und der Medi­en nach­ge­ge­ben haben.

Doch nicht die­ses „wer singt und wer nicht“ soll heu­te The­ma sein. Viel­mehr geht es um das Ver­hält­nis der Künst­ler – fas­sen wir neben den Musi­kern, Malern, Bild­hau­ern und Schau­spie­lern auch die Dich­ter und Den­ker dar­un­ter – zum Staat.

Im 20. Jahr­hun­dert war die­ses Ver­hält­nis ambi­va­lent. In der Sowjet­uni­on wie in Deutsch­land nach 1933 gab es neben Künst­lern, die sich dem jewei­li­gen Dik­ta­tor hul­di­gend zu Füßen war­fen und den neu­en Staat mit künst­le­ri­schen Mit­teln zu gestal­ten hal­fen, auch die ver­folg­ten und ver­fem­ten Maler, Lite­ra­ten und Schau­spie­ler. Die Über­gän­ge konn­ten flie­ßend sein – man­cher, der zuvor gehul­digt hat­te, zähl­te bald schon zu den Ver­folg­ten. Und man­cher, der wie Gus­taf Gründ­gens im Deutsch­land Hit­lers an der Sei­te der Mäch­ti­gen zu ste­hen schien, fühl­te sich dort im Grun­de depla­ziert, muß­te nach dem Regime­wech­sel aber den­noch für die Nähe büßen.

In der moder­nen Mas­sen­de­mo­kra­tie west­li­cher Prä­gung wie­der­um gab es Pha­sen, in denen Künst­ler sich in star­ker kri­ti­scher Oppo­si­ti­on zum Staat befan­den, aber den­noch bzw. gera­de des­halb wirt­schaft­lich enorm erfolg­reich waren. Erin­nert sei an die Wood­stock-Genera­ti­on im gesam­ten Wes­ten, die sich in deut­li­cher Anti­hal­tung zum Krieg der USA in Viet­nam befand. Wer den gan­zen Wider­spruch ein­mal aus­lo­ten möch­te, sei auf Arlo Guthrie und „Alice’s Restau­rant“ (Lied und Film) ver­wie­sen.

In der Fol­ge­zeit ist das Ver­hält­nis der Künst­ler zum Staat wie­der deut­lich ent­spann­ter gewor­den und auch ein­sei­ti­ger – die Künst­ler iden­ti­fi­zie­ren sich über­wie­gend mit dem Staat, solan­ge die­ser ein paar Bedin­gun­gen erfüllt.

Man kann für das Ver­hält­nis der Kunst zur Macht inner­halb der letz­ten 100 Jah­re eine gro­be Faust­re­gel auf­stel­len: Lin­ke Regime und Ideen übten stets eine gewis­se Strahl­kraft vor allem auf west­lich gepräg­te Künst­ler aus, wäh­rend rechts­ge­rich­te­te Regime und Ideen die­se in der Mehr­zahl abstie­ßen. Ange­zo­gen zu sein von lin­ken Ideen (das per­sön­li­che Luxus­stre­ben war dadurch nie­mals in Fra­ge gestellt) galt vor allem unter west­li­chen Künst­lern, Dich­tern und Den­kern gera­de­zu als Nach­weis von Intel­lek­tua­li­tät und künst­le­ri­scher Qualität.

Dar­an hat sich bis heu­te wenig geän­dert – nach wie vor geben sich Künst­ler gern links. Mit staat­li­cher Macht gehen Künst­ler immer noch gern zusam­men, wenn die­se sich – wie im Wes­ten der letz­ten Jahr­zehn­te Stan­dard – in ideo­lo­gisch geneh­mer Form eben­falls zwi­schen „links“ und „libe­ral“ posi­tio­niert. Oba­ma, moch­te er auch noch so vie­le Krie­ge füh­ren, Tötungs­droh­nen aus­sen­den und Fol­ter dul­den, war für den Kul­tur­be­trieb wie geschaf­fen. Ein paar wohl­ge­setz­te Sonn­tags­re­den hier und dort reich­ten hin, um den Kul­tur­be­trieb dau­er­haft zu blen­den und einzubinden.

Nun also Trump. Dem ver­wei­gert man nicht nur die klei­ne Hul­di­gung zur Amts­ein­füh­rung und sti­li­siert sich sol­cher­ma­ßen als Wider­stands­held, son­dern insze­niert sich gleich­sam in vor­aus­ei­len­der Vor­weg­nah­me mög­li­cher Ver­fol­gung als Opfer eines gefähr­lich-dümm­li­chen, kunst- und kul­tur­fer­nen Banau­sen (Trump ist als eine Art ins Mons­trö­se,  Dämo­ni­sche gestei­ger­ter Über-Kohl zu sehen – man erin­nert sich sicher, wie der pfäl­zi­sche Sau­ma­gen­lieb­ha­ber Kohl von Künst­lern und Intel­lek­tu­el­len ver­höhnt wurde).

Das sorgt bei den Kunst­schaf­fen­den umge­hend für ein gutes Gewis­sen und eine weiß gewa­sche­ne Wes­te im Stil der heu­ti­gen Zeit: die unter­schwel­li­ge Droh­ge­bär­de als aggres­si­ver Fle­cken­ent­fer­ner, die poli­ti­sche Kor­rekt­heit als opti­scher Auf­hel­ler, die Sen­ten­zen aus der Grab­bel­kis­te des Huma­ni­ta­ris­mus als schaum­ak­ti­ve Sub­stan­zen. Zugleich ist es aber kom­pli­zier­ter, absol­viert man doch im Voll­zug der Absa­ge eine Art Trau­er­ar­beit mit Blick auf das nahe Ende der ein­träg­li­chen Sym­bio­se von eta­blier­ter Kunst und bis­he­ri­gen Eli­ten. Ver­las­sen wir nun die Sphä­re der durch Hol­ly­wood, Wer­bung und Big Music reich­ge­wor­de­nen Künst­ler. Bege­ben wir uns nach Deutsch­land – in das Land der staat­lich sub­ven­tio­nier­ten Künste.

Kunst und Kul­tur sind heu­te ohne staat­li­che Sub­ven­ti­on der einen oder ande­ren Art kaum denk­bar, das gilt vor allem auch für Deutsch­land. Inso­fern kann man gut ver­ste­hen, wenn der deut­sche Kunst- und Kul­tur­be­trieb mit aller Macht am Sta­tus quo fest­zu­hal­ten gewillt ist. Man sucht nicht nur die Nähe zur Macht, son­dern hat sich hier­zu­lan­de längst dar­an gewöhnt, ein Teil die­ser Macht zu sein – als Deu­tungs­macht, mora­li­sche Instanz, ästhe­ti­sches Vor­bild und ganz kon­kret als Cla­queur hier oder eil­fer­ti­ger Anbie­ter einer Büh­ne für das Gute dort.

Fin­det irgend­wo ein Kunst­er­eig­nis von Rang statt, kann man sicher sein, im Musen­tem­pel poli­ti­sche Pro­mi­nenz anzu­tref­fen. Umge­kehrt ist – wes Brot ich eß, des Lied ich sing – die künst­le­ri­sche Pro­mi­nenz sofort zur Stel­le, wenn der staat­li­che Bröt­chen­ge­ber ein­mal in argu­men­ta­ti­ve Nöte gerät: Man bekennt sich zur Kanz­le­rin, singt ihr Hohe­lied, ver­dammt ihre Geg­ner, wirft sich mora­lisch in Posi­tur, macht einen auf künst­le­ri­schen Kämp­fer gegen Rechts, stellt sich als Anwalt der ein­zig guten Sache dar … und blickt sich bei­fall­hei­schend nach dem nächs­ten För­der­geld­sack um. Des­halb wür­de ein deut­scher Poli­ti­ker her­kömm­li­chen Zuschnitts auch nie­mals in die Ver­le­gen­heit eines Trump kom­men. Die bestell­ten Künst­ler wür­den kom­men und ihr Lied­lein trällern.

Doch das könn­te sich ändern, auch hier­zu­lan­de. Dazu müß­te noch nicht ein­mal die nach heu­ti­gen Maß­stä­ben als kunst- und kul­tur­fern gel­ten­de AfD die abso­lu­te Mehr­heit errin­gen. Die Auf­lö­sung der Sym­bio­se von Macht und Kunst wird schon allein durch die bereits lau­fen­de und sich in den nächs­ten Jah­ren aus­wei­ten­de finan­zi­el­le Aus­trock­nung des Kul­tur­sek­tors ein­tre­ten – ein Schock­sze­na­rio, das schon heu­te sei­nen Schat­ten auf die Kunst- und Kul­tur­sze­ne wirft.

Fakt ist, daß die staat­li­che Kul­tur­för­de­rung unter wach­sen­den öko­no­mi­schen Druck gera­ten wird. Wes­sen Brot wer­den sie der­einst essen, die Künst­ler, wenn die staat­li­chen För­der­töp­fe aus­ge­trock­net, die letz­ten Fans durch die ewig quä­ken­de Moralt­rom­pe­te ver­grault sind? Zwar stei­gen der­zeit noch die Steu­er­ein­nah­men, doch auch die Aus­ga­ben­sei­te des Staa­tes wächst stark, nicht zuletzt bedingt durch die hohen Fol­ge­kos­ten einer unqua­li­fi­zier­ten Mas­sen­zu­wan­de­rung. Die aber wur­de und wird bekannt­lich durch Künst­ler­krei­se beson­ders eif­rig beklatscht.

Man beju­belt also den eige­nen Nie­der­gang. Offen­bart der Kunst- und Kul­tur­be­trieb da etwa eine gehei­me Todes­sehn­sucht? Schämt er sich sei­ner Pro­sti­tu­ti­on in staat­li­chen Diens­ten? Möch­te er nun vor Scham ver­ge­hen? Ein gutes Zei­chen wäre es – auch für die Kunst.

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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Kommentare (4)

quarz

19. Januar 2017 09:20

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Totalversagen der Satire in Zeiten der Masseninvasion. Völlig konträr zu ihrer traditionellen Rolle als Kritiker der Herrschenden gaben sich Kabarettisten zuletzt teils als deren Hofkapläne, teils als deren Jagdhunde, die entweder vor Pathos strotzende Predigten zum Lobe der Merkelschen Weltrettung ablieferten oder aber aggressive Tiraden gegen alles und jeden, der dagegen aufmuckte. Beides geradezu keimfrei steril gegen jede Beimengung von Humor präpariert.

Monika L.

19. Januar 2017 11:39

Der Deutsche hat es nicht so mit politischem Humor. Im Kabarett könnte  man den Schuldkult besser abarbeiten als in einem Ballhaus. Nach dem großen Austausch wird es sowieso kein "Mahnmal" in Berlin mehr geben. Die Stelen werden  an die Klötze auf den Osterinseln erinnern. Die Interpretation obliegt dann den Menschen mit der Gnade der sehr späten Geburt. Nicht mehr denen, die "schon länger hier leben". 

Dann heißt es vielleicht, dies sei das Denkmal der deutschen Dummheit. Wäre Herr Höcke doch besser im Kabarett aufgetreten, als Trump-Verschnitt. Glückwunsch, Donald. Und viele Grüße aus Kallstadt. Dort werde ich morgen speisen.

https://m.youtube.com/watch?v=EtTpdXKTJw0

Rosenkranz

19. Januar 2017 16:55

Herr Meyer, was uns heute vom Kunstbetrieb so geboten wird, kann man oft nicht mehr als Kunst, sondern nur noch als Schund bezeichnen. Ich gehe in Hamburg in kein Theaterstück mehr. Letztes Jahr hatte ich mich nach längerer Abstinenz mal wieder auf eine Johanna-von-Orleans-Darbietung vorgefreut. Dort angekommen, wurde ich nach dem Öffnen des Vohangs mit "Pegida-", "Lügepresse-" und "Volksverräter"-Rufen von der Bühne zwangsbeglückt. Mit Johanna von Orleans hatte das Stück nichts zu tun, bzw. es war wohl meinem fehlenden Interpretationswillen geschuldet, dieses nicht zu erkennen. Dabei wird das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg mit ca. 20 Mio. Euro im Jahr subventioniert und dann so ein Mist.

Ich habe das Gefühl, daß jeder talentfreie alternativökolinksliberale Künstler in diesem Land irgendwie im Kulturbetrieb unterkommt. Wer nun ganz talentfrei ist, stelle sich einfach nackt, sabbernd auf die Bühne und vollführe ein paar komische Bewegungen. Mit Kultur hat das aber nichts zu tun. Schund bleibt Schund und dafür sollte es keine Subventionen geben.

Ich bin dafür, daß für gute Kunst gutes Geld, auch aus den öffentlichen Kassen, ausgegeben werden muß. Ich will Kunst, die erhebt. Ich will Künstler erleben, die etwas Außergewöhnliches leisten. Ich schätze aber auch Klassische Konzerte, die von einem Laienorchester sehr anständig gespielt werden. Man suche die Oasen, werde fündig und sei selber in kleinem Rahmen künstlerisch tätig.

Igore

19. Januar 2017 19:18

Die Frage ist nur, wo bleibt denn die kulturelle Gegenbewegung zu diesem selbstreferentiellen Mainstream. Oder hab ich da was verpasst?

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