Achtung, spielende Sozenkinder!

... denkt man sich zumindest, wenn man im Netz auf befremdliche Dinge wie die Facebook-Huldigungspräsenz "Gottkanzler Schulz" stößt. Allerdings nur auf den ersten Blick. Dann wird es noch schlimmer.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Wer ist näm­lich tumb genug, sogleich auf die schein­ba­re Begeis­te­rung der sonst ja ach so poli­tik­ver­dros­se­nen Mill­en­ni­als für den lau­ni­gen Absti­nenz­ler aus Esch­wei­ler anzu­sprin­gen? Spie­gel Online natür­lich, bezie­hungs­wei­se deren “Jugend­for­mat” Ben­to. Das ist nicht umsonst nach den japa­ni­schen Essenskist­chen die­ses Namens benannt, denn bei Ben­to fin­det sich Poli­tik­si­mu­la­ti­on gleich­be­rech­tigt neben Wer­bung, Non­sens, Wer­bung, Wer­bung, Sex und… Sie ahnen es… Werbung.

Bei der Jagd nach fri­schen Trends auf Face­book, Red­dit und 9GAG sind offen­bar eini­ge der hip­pen jun­gen Bei­trä­ger auf die Schulz-Meme gesto­ßen und haben mes­ser­scharf geschluß­fol­gert, daß es sich dabei um die wit­zi­ge Akti­on eini­ger hoch­in­tel­li­gen­ter Akti­vis­ten han­deln müs­se – und zusätz­lich um ein wich­ti­ges Trol­ling gegen Donald Trump, des­sen digi­ta­le Gefolg­schaft im Vor­feld der Prä­si­dent­schafts­wahl aus den anar­ch­o­hu­mo­ri­gen Sym­bol­col­la­gen eine wah­re Wis­sen­schaft gemacht hat. Bei Ben­to ist ohne­hin alles Trol­ling, was sich an Posen einer im Main­stream unbe­lieb­ten Per­son ori­en­tiert; es besteht mehr als nur ein wenig Nach­hol­be­darf hin­sicht­lich der Funk­ti­ons­wei­se des Internets.

Das gilt eben auch für das Wesen der Meme­tic war­fa­re. Es wür­de zu weit füh­ren, hier die kom­plet­te Mem­theo­rie nach Richard Daw­kins ff. her­un­ter­zu­be­ten; das ist etwas für die Druck­aus­ga­be. Daher hier nur soviel, ohne die ihnen eige­ne Magie zer­re­den zu wol­len: Die Meme in Bild und Schrift, wie man sie aus dem zeit­ge­nös­si­schen Inter­net kennt, sind eine der Rhi­zom­struk­tur des Net­zes ange­mes­se­ne kom­mu­ni­ka­ti­ve Meta­struk­tur, die als vir­tu­el­le Ver­knüp­fung von Infor­ma­ti­ons­wert und Emo­ti­on über die erleb­ba­re Rea­li­tät gelegt ist. Klingt erst­mal furcht­bar zäh, ist es auch (Gil­les Deleu­ze eben), aber wenn man von etwas redet, von dem man kei­ne Ahnung hat (und Daten­ban­ken wie KnowYourMeme.com kön­nen da schon abhel­fen), macht man sich leicht lächerlich.

So wie Ben­to eben, und mit ihnen die durch ihre Wohl­stands­ver­wahr­lo­sung deli­rie­ren­de Sozi­al­ju­gend. Man spielt sich gegen­sei­tig die Bäl­le zu, und zwi­schen­durch wird sogar die Fra­ge wie­der inter­es­sant, was das eigent­lich sei, so ein “Par­tei­mit­glied”. Da mache sich noch­mal einer über Nord­ko­rea lus­tig – dort hat man zwar nur einen Bruch­teil der Res­sour­cen, die unse­re media­len Mei­nungs­schä­fer­hun­de auf­wen­den kön­nen, kommt aber trotz­dem irgend­wie weni­ger auf­ge­setzt rüber. (Ok, die Musik ist aus einer US-Com­pu­ter­spiel­rei­he, aber auch das hat eben Memqualität!)

Meme funk­tio­nie­ren schlicht­weg nicht, wenn sie nicht min­des­tens (selbst-)ironisch gemeint sind. Ben­to schlin­gert natür­lich: “[…] wird Mar­tin Schulz hal­bi­ro­nisch als “Gott­kanz­ler” gefei­ert, der die Demo­kra­tie ret­tet, rech­te Het­zer bekämpft und im #Schulz­zug auf dem Weg ins Kanz­ler­amt ist […]” Dar­an ist allen­falls iro­nisch, daß man sich optisch an Trump-Memen ori­en­tiert, sonst nichts. Alle Attri­bu­te des “Gott­kanz­lers” sind an sich bit­ter ernst gemeint. Eben das ist der Grund, wes­we­gen Lin­ke sich dar­an zwangs­läu­fig die Zäh­ne aus­bei­ßen: Wenn man der fes­ten Über­zeu­gung ist, unent­wegt gegen alle Übel der Welt ankämp­fen zu müs­sen, dann geht einem nichts mehr locker von der Hand.

Und unlo­cke­re Meme sind nichts wei­ter als (auf­grund der absicht­lich min­de­ren Qua­li­tät auch noch schlech­te) Pro­pa­gan­da. Man soll­te mei­nen, daß die hie­si­gen Tas­ta­tur­rit­ter aus der üppig finan­zier­ten Totalb­la­ma­ge von “No Hate Speech” etwas gelernt hät­ten, zumin­dest ein wenig Demut. Aber weit gefehlt, man hat die Ven­ti­le noch wei­ter auf­ge­ris­sen! Auch hier gilt wie­der das Zwei­te Gesetz von Vox Day: “SJWs always dou­ble down”, “Berufs­be­trof­fe­ne dre­hen immer wei­ter auf [statt sich zurück­zu­zie­hen]”, wenn sie eine Schlap­pe kassieren.

Nicht nur kas­triert man die natur­ge­mäß wild­wüch­si­gen Meme dadurch, daß man sie in poli­ti­sche PR-Stra­te­gien zu zwän­gen sucht. Was außer­dem weder Ben­tos jun­ge Gar­de noch die jung­so­zia­lis­ti­schen Lieb­ha­ber der “gei­len Sau” Schulz begrei­fen, ist die simp­le Tat­sa­che, daß man aus einer Posi­ti­on der Stär­ke her­aus (und plötz­lich auf die SPD abzu­fah­ren, ist wahr­lich kein Wider­stands­akt!) ein­fach nicht sub­ver­siv sein kann und dar­um zwangs­läu­fig lang­wei­lig bleibt. Das könn­te man dem fett­ge­fres­se­nen (und ‑gesof­fe­nen) Par­tei­mo­loch schon fast noch als Selbst­iro­nie aus­le­gen, aber dazu fehlt wohl die not­wen­di­ge Selbst­er­kennt­nis; Sozi­al­de­mo­kra­ten mit Humor fin­det man heu­te wohl nur noch in der PARTEI.

Zuge­ge­ben, bei der ers­ten fremd­scham­er­füll­ten Lek­tü­re der Ben­to-Bei­trä­ge hielt ich das alles für eine gro­ße Leser­ver­ar­sche, weil eigent­lich nie­mand so netz­in­kom­pe­tent sein soll­te. Dann aber häuf­ten sich bin­nen kür­zes­ter Zeit die Pro­pa­gan­da­bei­trä­ge, und es zeig­te sich, daß die das wirk­lich ernst mei­nen. Nun, Plan­ziel klar ver­fehlt: Wer schon zum Chor der­je­ni­gen gehört, die unent­wegt gegen “Fake News” anschrei­en, soll­te eigent­lich wis­sen, daß es die Inter­net-Redens­art “in Meta ersau­fen” nicht umsonst gibt.

Gera­de auf Platt­for­men wie Red­dit oder den vie­len 4chan-Deri­va­ten ist so ziem­lich nichts für bare Mün­ze zu neh­men, und wenn in Aus­nah­me­fäl­len doch, so wird es ruck, zuck von Akti­vis­ten geka­pert, die mehr Ahnung und Fer­tig­keit mit­brin­gen. Mir kann des­halb nie­mand erzäh­len, daß der mitt­ler­wei­le ent­stan­de­ne #Schulz­zug-Con­tent auch nur noch zur Hälf­te von wirk­li­chen Unter­stüt­zern des ver­hin­der­ten Film-Kapos (das ist übri­gens Trol­ling, nur um das klar­zu­stel­len) stammt. Wer sowas glaubt, hält auch den bril­lan­ten Twit­ter-Hyper­gut­mensch “God­frey Elf­wick” für real.

Wie so ein halb­ga­rer Ver­such des vira­len Trend­set­ting mit Pau­ken und Trom­pe­ten schief­ge­hen kann, zeigt momen­tan mus­ter­gül­tig die Instal­la­ti­on “He Will Not Divi­de Us” des über­schätz­ten Schau­spie­lers Shia LaBe­ouf, den man aus den Trans­for­mers-Pop­corn­film­chen und dezent obsku­ren Musik­vi­de­os kennt. LaBe­ouf hat am 20. Janu­ar eine Web­cam und ein Mikro an der Außen­wand des New Yor­ker Muse­um of the Moving Image ange­bracht, die angeb­lich über die gesam­te Prä­si­dent­schafts­zeit Donald Trumps hin­weg einen Live­stream von Pas­san­ten, die sich von Trump “nicht spal­ten” las­sen wol­len, ins Inter­net stel­len sollen.

Nun ist aber der­ar­ti­ges in den USA nicht mehr mög­lich, ohne sofort Trol­le anzu­zie­hen, ob nun mit poli­ti­scher Agen­da oder ohne. Ver­tre­ter und Sym­pa­thi­san­ten der Alt­Right lie­fern sich unter dem Mot­to “Troll the Wall!” mitt­ler­wei­le einen Wett­kampf dar­um, die bes­te Stör­ak­ti­on an der “Kla­ge­mau­er” abzuziehen.

Bis­he­ri­ge Auf­trit­te lie­fer­ten unter ande­rem Emi­ly You­cis, die auf­grund ihrer Ko-Mode­ra­ti­on der Kon­fe­renz des Natio­nal Poli­cy Insti­tu­te im Novem­ber 2016 ihren Arbeits­platz ver­lor, der berüch­tig­te “Mike Enoch” von TheRightStuff.biz, die Teil­neh­mer des von Coun­ter-Cur­r­ents/North Ame­ri­can New Right aus­ge­rich­te­ten “New York Forum”, Akti­vis­ten von “Iden­ti­ty Evro­pa” sowie der Alt­Right-nahe, des­halb unlängst vom Car­toon-Net­work-For­mat “Adult Swim” geschaß­te und längst selbst zu einem Mem gewor­de­ne Kaba­ret­tist Sam Hyde, der mit einem Anhang von 40 Mann den Betrieb an der Web­cam kom­plett zum Erlie­gen brach­te. Stell­ver­tre­tend soll hier eine jun­ge Dame zu Wort kom­men, die eben­falls von den berühm­ten Red pills genascht hat:

Also, lie­be Kin­der und Schulz-Akti­vis­ten, die sich tat­säch­lich selbst ernst neh­men, ruhig mal eine Pau­se vom Rech­ner neh­men und raus an die fri­sche Luft gehen. Es gibt bestimmt auch noch irgend­wel­che Klau­su­ren zu schrei­ben – wer will schon wie Niels Annen enden? Zumal wenn eh nichts Ordent­li­ches dabei her­aus­kommt. Oder, wie man in der “Sze­ne” so schön sagt: GTFO!

So geht das! (hier erklärt)

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (6)

Bernhard Christian

7. Februar 2017 18:04

Ich muss gestehen, dass mir der Gedanke eines Chu-Chu-Chulzzugs, der aufgrund nicht verbauter Negativbeschleunigungsvorrichtungen über diverse Brücken und schlussendlich am Kanzleramt vorbei rast, immer noch ein Grinsen ins Gesicht zaubert; auch wenn Mememagic normalerweise andere Zauberkräfte nachgesagt werden.

Bran

7. Februar 2017 21:22

Apropos Memes habe ich per FB einen Videolink erhalten, den ich für interessant halte. Der ostasiatische Mann hier sagt interessante Sachen. Möglicherweise ist die Rassenfrage im Endeffekt unwichtiger als wir denken und es sind andere Fragen, die sich aufdrängen. Möglicherweise könnten wir alle in unseren Ländern in Frieden leben, wenn gewisse Leute sich eine Seinsebene weiter befänden (ja, ich weiss, eigentlich ist das ein alter Hut). Aber vielleicht leben wir ja in einer Illusion in unserem Kampf und im Prinzip stimmen uns sowohl Schwarze, Gelbe, Braune, Rote in der Mehrzahl schon lange zu in unseren Positionen, nur ihre Medien tun es nicht.

https://www.facebook.com/myiannopoulos/videos/840123842792179/?hc_ref=NEWSFEED

RMH

7. Februar 2017 21:55

Als ich den Artikel gelesen habe, kam ich mir mit einem Schlag sehr alt vor und bin es vermutlich ja auch. Als ich dann die Facebook-Seite mit dem "Gottkanzler" aufgerufen habe, dachte ich zuerst an irgendeine Satire in der alten "Titanic"-Tradition. Aber die scheinen das ja tatsächlich ernst zu nehmen bzw. zu meinen ... oder liege ich da daneben?

Wenn das ernst gemeint ist, dann ist die Bewertung "peinlich" auf jeden Fall noch zu tief gegriffen ...

Leif

8. Februar 2017 06:05

 ...biete "hochnotpeinlich". Ich kann ja über vieles herzhaft lachen, auch wenn es weltanschaulich nicht so meine Kiste ist, aber die unübersehbare verbiesterte Bierernsthaftigkeit lässt schon fremdschämen.

Der Hinweis auf Nordkorea kam ja schon. Dessen Führerkult der dortigen Chuch'e-Ideologie blitzt ja in fast sämtlichen der Collagen der Schulzfanboys auf, wenn man mal die Verwurstung diverser Heroen und Gottähnlicher betrachtet; es lässt tief blicken.

Dies aus den Tastaturen der selbsternannten Demokratieverteidiger wäre fast schon wieder lustig, zeigte es nicht gleichzeitig, wie fanatisiert diese Leute eigentlich sind.

Thüringer

8. Februar 2017 15:14

Ich habe den Eindruck, daß wir gerade eine konzertierte Kampagne erleben, die umso greller wird, je offenkundiger sie keinen Erfolg zeigt. Betrachtet man die Anzahl der "Likes", dann ist leicht zu sehen, daß Schulz nur einen Bruchteil von Followern im Vergleich zu jedem Höcke oder Pirincci hat. Ein bedeutender Teil der Medien macht – wie es schon bei diversen feministischen "Twitter-Aktionen" der Fall war – distanzlos Werbung für Schulz. Heute morgen kam bspw. auf MDR AKTUELL mehrfach ein Beitrag über den SPD-Retter Schulz, bei der die Autorin sich nicht einmal um Distanz bemüht hat: https://www.mdr.de/nachrichten/politik/regional/spd-eintritt-nach-schulz-portraet-sozialdemokratin-100.html

PS: An die Mitkommentatoren: bitte hört auf, sich über seinen Dialekt lustig zu machen. Das "Chulzen" ist ein Bestandteil der Kampagne.

 

Wegner:

Nun mal nicht grundlos betroffen sein. Der gemeinte Choo-Choo-Train kommt auch ohne irgendjemandes eigenwillige Aussprache aus.

John Haase

9. Februar 2017 01:03

Ein (der Anzahl der Kommentare nach zu urteilen) sehr unterschätzter Artikel.

Wie Herr Wegner schreibt ist ein gehöriger Schuß Selbstironie zwingend notwendiger Bestandteil der Memeszene. Da ist dann Trump nicht nur der bevorzugte Kandidat, sondern der "Gottimperator", seine Wahlkampagne ist der Trumptrain (Caution: no brakes!), sein Haar hat die Form eines Adlers etc.

Wie gezwungen dagegen die peinlichen Versuche sind, eine Graswurzelbewegung für den Apparatschik zu simulieren sieht man sofort: Gottkanzler, Schulzzug, wo hat man was ähnliches schon mal gesehen? Selbstironie ist natürlich Fehlanzeige. Wer das nicht glaubt, der kann ja mal Schulz als Kapo in einem KZ photoshoppen. Rumheulerei und Anzeige incoming.

Von der grotesken Schulzolatrie in den Medien will ich gar nicht erst anfangen. Naja, die Medien werden mit ihrer Kampagne genau so auf die Fresse fallen wie bei Trump. Merkel macht es, wie immer.

Das das kaum einen Unterschied macht, wissen wir allerdings wohl alle.

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