Sezession
7. Februar 2017

Achtung, spielende Sozenkinder!

Nils Wegner / 6 Kommentare

Wer ist nämlich tumb genug, sogleich auf die scheinbare Begeisterung der sonst ja ach so politikverdrossenen Millennials für den launigen Abstinenzler aus Eschweiler anzuspringen? Spiegel Online natürlich, beziehungsweise deren "Jugendformat" Bento. Das ist nicht umsonst nach den japanischen Essenskistchen dieses Namens benannt, denn bei Bento findet sich Politiksimulation gleichberechtigt neben Werbung, Nonsens, Werbung, Werbung, Sex und... Sie ahnen es... Werbung.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Bei der Jagd nach frischen Trends auf Facebook, Reddit und 9GAG sind offenbar einige der hippen jungen Beiträger auf die Schulz-Meme gestoßen und haben messerscharf geschlußfolgert, daß es sich dabei um die witzige Aktion einiger hochintelligenter Aktivisten handeln müsse – und zusätzlich um ein wichtiges Trolling gegen Donald Trump, dessen digitale Gefolgschaft im Vorfeld der Präsidentschaftswahl aus den anarchohumorigen Symbolcollagen eine wahre Wissenschaft gemacht hat. Bei Bento ist ohnehin alles Trolling, was sich an Posen einer im Mainstream unbeliebten Person orientiert; es besteht mehr als nur ein wenig Nachholbedarf hinsichtlich der Funktionsweise des Internets.

Das gilt eben auch für das Wesen der Memetic warfare. Es würde zu weit führen, hier die komplette Memtheorie nach Richard Dawkins ff. herunterzubeten; das ist etwas für die Druckausgabe. Daher hier nur soviel, ohne die ihnen eigene Magie zerreden zu wollen: Die Meme in Bild und Schrift, wie man sie aus dem zeitgenössischen Internet kennt, sind eine der Rhizomstruktur des Netzes angemessene kommunikative Metastruktur, die als virtuelle Verknüpfung von Informationswert und Emotion über die erlebbare Realität gelegt ist. Klingt erstmal furchtbar zäh, ist es auch (Gilles Deleuze eben), aber wenn man von etwas redet, von dem man keine Ahnung hat (und Datenbanken wie KnowYourMeme.com können da schon abhelfen), macht man sich leicht lächerlich.

So wie Bento eben, und mit ihnen die durch ihre Wohlstandsverwahrlosung delirierende Sozialjugend. Man spielt sich gegenseitig die Bälle zu, und zwischendurch wird sogar die Frage wieder interessant, was das eigentlich sei, so ein "Parteimitglied". Da mache sich nochmal einer über Nordkorea lustig – dort hat man zwar nur einen Bruchteil der Ressourcen, die unsere medialen Meinungsschäferhunde aufwenden können, kommt aber trotzdem irgendwie weniger aufgesetzt rüber. (Ok, die Musik ist aus einer US-Computerspielreihe, aber auch das hat eben Memqualität!)

Meme funktionieren schlichtweg nicht, wenn sie nicht mindestens (selbst-)ironisch gemeint sind. Bento schlingert natürlich: "[...] wird Martin Schulz halbironisch als "Gottkanzler" gefeiert, der die Demokratie rettet, rechte Hetzer bekämpft und im #Schulzzug auf dem Weg ins Kanzleramt ist [...]" Daran ist allenfalls ironisch, daß man sich optisch an Trump-Memen orientiert, sonst nichts. Alle Attribute des "Gottkanzlers" sind an sich bitter ernst gemeint. Eben das ist der Grund, weswegen Linke sich daran zwangsläufig die Zähne ausbeißen: Wenn man der festen Überzeugung ist, unentwegt gegen alle Übel der Welt ankämpfen zu müssen, dann geht einem nichts mehr locker von der Hand.

Und unlockere Meme sind nichts weiter als (aufgrund der absichtlich minderen Qualität auch noch schlechte) Propaganda. Man sollte meinen, daß die hiesigen Tastaturritter aus der üppig finanzierten Totalblamage von "No Hate Speech" etwas gelernt hätten, zumindest ein wenig Demut. Aber weit gefehlt, man hat die Ventile noch weiter aufgerissen! Auch hier gilt wieder das Zweite Gesetz von Vox Day: "SJWs always double down", "Berufsbetroffene drehen immer weiter auf [statt sich zurückzuziehen]", wenn sie eine Schlappe kassieren.

Nicht nur kastriert man die naturgemäß wildwüchsigen Meme dadurch, daß man sie in politische PR-Strategien zu zwängen sucht. Was außerdem weder Bentos junge Garde noch die jungsozialistischen Liebhaber der "geilen Sau" Schulz begreifen, ist die simple Tatsache, daß man aus einer Position der Stärke heraus (und plötzlich auf die SPD abzufahren, ist wahrlich kein Widerstandsakt!) einfach nicht subversiv sein kann und darum zwangsläufig langweilig bleibt. Das könnte man dem fettgefressenen (und -gesoffenen) Parteimoloch schon fast noch als Selbstironie auslegen, aber dazu fehlt wohl die notwendige Selbsterkenntnis; Sozialdemokraten mit Humor findet man heute wohl nur noch in der PARTEI.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (6)

Bernhard Christian
7. Februar 2017 18:04

Ich muss gestehen, dass mir der Gedanke eines Chu-Chu-Chulzzugs, der aufgrund nicht verbauter Negativbeschleunigungsvorrichtungen über diverse Brücken und schlussendlich am Kanzleramt vorbei rast, immer noch ein Grinsen ins Gesicht zaubert; auch wenn Mememagic normalerweise andere Zauberkräfte nachgesagt werden.

Bran
7. Februar 2017 21:22

Apropos Memes habe ich per FB einen Videolink erhalten, den ich für interessant halte. Der ostasiatische Mann hier sagt interessante Sachen. Möglicherweise ist die Rassenfrage im Endeffekt unwichtiger als wir denken und es sind andere Fragen, die sich aufdrängen. Möglicherweise könnten wir alle in unseren Ländern in Frieden leben, wenn gewisse Leute sich eine Seinsebene weiter befänden (ja, ich weiss, eigentlich ist das ein alter Hut). Aber vielleicht leben wir ja in einer Illusion in unserem Kampf und im Prinzip stimmen uns sowohl Schwarze, Gelbe, Braune, Rote in der Mehrzahl schon lange zu in unseren Positionen, nur ihre Medien tun es nicht.

https://www.facebook.com/myiannopoulos/videos/840123842792179/?hc_ref=NEWSFEED

RMH
7. Februar 2017 21:55

Als ich den Artikel gelesen habe, kam ich mir mit einem Schlag sehr alt vor und bin es vermutlich ja auch. Als ich dann die Facebook-Seite mit dem "Gottkanzler" aufgerufen habe, dachte ich zuerst an irgendeine Satire in der alten "Titanic"-Tradition. Aber die scheinen das ja tatsächlich ernst zu nehmen bzw. zu meinen ... oder liege ich da daneben?

Wenn das ernst gemeint ist, dann ist die Bewertung "peinlich" auf jeden Fall noch zu tief gegriffen ...

Leif
8. Februar 2017 06:05

 ...biete "hochnotpeinlich". Ich kann ja über vieles herzhaft lachen, auch wenn es weltanschaulich nicht so meine Kiste ist, aber die unübersehbare verbiesterte Bierernsthaftigkeit lässt schon fremdschämen.

Der Hinweis auf Nordkorea kam ja schon. Dessen Führerkult der dortigen Chuch'e-Ideologie blitzt ja in fast sämtlichen der Collagen der Schulzfanboys auf, wenn man mal die Verwurstung diverser Heroen und Gottähnlicher betrachtet; es lässt tief blicken.

Dies aus den Tastaturen der selbsternannten Demokratieverteidiger wäre fast schon wieder lustig, zeigte es nicht gleichzeitig, wie fanatisiert diese Leute eigentlich sind.

Thüringer
8. Februar 2017 15:14

Ich habe den Eindruck, daß wir gerade eine konzertierte Kampagne erleben, die umso greller wird, je offenkundiger sie keinen Erfolg zeigt. Betrachtet man die Anzahl der "Likes", dann ist leicht zu sehen, daß Schulz nur einen Bruchteil von Followern im Vergleich zu jedem Höcke oder Pirincci hat. Ein bedeutender Teil der Medien macht – wie es schon bei diversen feministischen "Twitter-Aktionen" der Fall war – distanzlos Werbung für Schulz. Heute morgen kam bspw. auf MDR AKTUELL mehrfach ein Beitrag über den SPD-Retter Schulz, bei der die Autorin sich nicht einmal um Distanz bemüht hat: https://www.mdr.de/nachrichten/politik/regional/spd-eintritt-nach-schulz-portraet-sozialdemokratin-100.html

PS: An die Mitkommentatoren: bitte hört auf, sich über seinen Dialekt lustig zu machen. Das "Chulzen" ist ein Bestandteil der Kampagne.

 

Wegner:

Nun mal nicht grundlos betroffen sein. Der gemeinte Choo-Choo-Train kommt auch ohne irgendjemandes eigenwillige Aussprache aus.

John Haase
9. Februar 2017 01:03

Ein (der Anzahl der Kommentare nach zu urteilen) sehr unterschätzter Artikel.

Wie Herr Wegner schreibt ist ein gehöriger Schuß Selbstironie zwingend notwendiger Bestandteil der Memeszene. Da ist dann Trump nicht nur der bevorzugte Kandidat, sondern der "Gottimperator", seine Wahlkampagne ist der Trumptrain (Caution: no brakes!), sein Haar hat die Form eines Adlers etc.

Wie gezwungen dagegen die peinlichen Versuche sind, eine Graswurzelbewegung für den Apparatschik zu simulieren sieht man sofort: Gottkanzler, Schulzzug, wo hat man was ähnliches schon mal gesehen? Selbstironie ist natürlich Fehlanzeige. Wer das nicht glaubt, der kann ja mal Schulz als Kapo in einem KZ photoshoppen. Rumheulerei und Anzeige incoming.

Von der grotesken Schulzolatrie in den Medien will ich gar nicht erst anfangen. Naja, die Medien werden mit ihrer Kampagne genau so auf die Fresse fallen wie bei Trump. Merkel macht es, wie immer.

Das das kaum einen Unterschied macht, wissen wir allerdings wohl alle.

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