Dispositivismus

Warum finden sich Linke selber mächtig kritisch, sind aber die tragfähigsten Stützen der globalistischen Weltgesellschaft? Es könnte sein, daß sie das Werkzeug der Ideologiekritik nicht mehr handhaben können, weil sie willfährige Dispositivisten geworden sind.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

“Dis­po­si­ti­vis­mus” set­ze ich zusam­men aus „Dis­po­si­tiv“ (im frz. Ori­gi­nal le dis­po­si­tif = Maß­nah­me, Vor­rich­tung, Hand­lungs­plan; bei Michel Fou­cault: ideo­lo­gi­sche Macht­struk­tur, his­to­ri­sches Aprio­ri) und Posi­ti­vis­mus = neu­tra­li­täts­ga­ran­tie­ren­des Iso­lie­ren von Ein­zel­fak­ten, weil ein gro­ßes Gan­zes zu sehen „Meta­phy­sik“ oder „Ideo­lo­gie“ wäre.

Wer sich nun heu­te auf­schwingt, die gegen­wär­ti­gen Dis­po­si­ti­ve der Macht zu affir­mie­ren und so zu tun, als wäre er kri­tisch, betreibt einen Posi­ti­vis­mus, der nicht mehr kri­tisch ist. Die Grund­struk­tur zu erken­nen, daß es Ideo­lo­gien ohne Ent­rin­nen gibt, dann aber die herr­schen­de nicht zu erken­nen, krem­pelt den alten Fou­cault posi­ti­vis­tisch um.

Der Dis­po­si­ti­vist ist der Kämp­fer mit dem Strom. Sein Vor­ge­hen: sich selbst als Kämp­fer gegen über­kom­me­ne Struk­tu­ren zu sti­li­sie­ren, wo doch das Erkämpf­te schon flä­chen­de­ckend durch­ge­setzt ist. Bei­spie­le: Gen­der Main­strea­ming, der Kampf gegen „kon­ven­tio­nel­le Ehe­vor­stel­lun­gen“ oder „schwar­ze Päd­ago­gik“, „All­tags­ras­sis­mus“ als unbe­kann­tes Phä­no­men auf­zu­de­cken, sich mutig gegen den „rech­ten Haß“ zu stel­len. Der Kampf mit dem Strom ist das Phä­no­men, daß die Lin­ken uner­schüt­ter­lich wei­ter­be­haup­ten, ihre Posi­ti­on wäre ein muti­ger Kampf gegen Unter­drü­ckung, obwohl in Wirk­lich­keit die Hege­mo­nie längst bei ihnen liegt – die Kämp­fer mit dem Strom muten fast nost­al­gisch an.

Der Dis­po­si­ti­vist ist der ein­äu­gi­ge König. Er behaup­tet, alle sei­en blind, und er selbst erken­ne die Lage, indem er die Lage so beschreibt, wie sie garan­tiert nie­mand sieht. Dis­po­si­ti­vis­mus ist z.B., zu behaup­ten, Migran­ten sei­en ganz aus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung gefal­len, oder es gäbe in Deutsch­land kei­ne Lob­by für Peop­le of Color oder für Homo­se­xu­el­le, oder zu sta­tu­ie­ren, daß sich Deutsch­land als weit­ge­hend unbe­rührt von Euro­pas kolo­nia­ler Ver­gan­gen­heit ver­ste­he und das eige­ne Gesichts­feld frei von die­ser Kol­lek­tiv­blind­heit sei. Sein Posi­ti­vis­mus liegt dar­in, die Ideo­lo­gi­zi­tät sei­ner eige­nen Sicht zu neu­tra­li­sie­ren und die „sozia­len Kon­struk­tio­nen“ immer bei den ande­ren zu fin­den und nach eige­nem Bekun­den unvor­ein­ge­nom­men ana­ly­sie­ren zu können.

Der Dis­po­si­ti­vist übt sich in eif­ri­ger Übel­com­pe­ti­ti­on. In öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln ist gele­gent­lich Gebrech­lich­keits­com­pe­ti­ti­on zu beob­ach­ten: wer bekommt nun den Sitz­platz, der alte Opa, die Schwan­ge­re oder der mit dem Bein­bruch? Übel­com­pe­ti­ti­on bestrei­tet, daß etwas schlimm ist, weil es noch Schlim­me­res gebe. Deutsch­land ist nicht in der Kri­se, wer eine Kri­se sehen will, soll­te nach Syri­en schau­en, es gibt noch Schlim­me­res als Ver­ge­wal­ti­gun­gen durch mus­li­mi­sche Ein­wan­de­rer, näm­lich den Krieg in deren Her­kunfts­län­dern, unse­re First world pro­blems unter­lie­gen argu­men­ta­tiv dem Übel der glo­ba­len Armut usw. In der Übel­com­pe­ti­ti­on über­nimmt der Dis­po­si­ti­vist die glo­ba­le Per­spek­ti­ve, denn dort lie­gen immer die üble­ren Übel, geriert sich dadurch kri­tisch und ver­schwin­det unge­wollt im glo­ba­lis­ti­schen Dispositiv.

Der Dis­po­si­ti­vist befin­det sich in einer Wider­streit­fes­sel. Sozio­lo­gi­sche Dia­gno­sen lin­ker „Migra­ti­ons­for­scher“ und Camus’ „Gro­ßer Aus­tausch“ bei­spiels­wei­se sehen bei­de, daß die ursprüng­li­che Bevöl­ke­rung der euro­päi­schen Staa­ten bald nur mehr eine Min­der­heit im eige­nen Land sein wird. Die glo­bal­po­li­ti­schen Grün­de erken­nen sie auch glei­cher­ma­ßen, nur ihre Reak­ti­on dar­auf fällt dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt aus. Der Wider­streit besteht zwi­schen Aus­sa­gen, die der Phi­lo­soph Jean-Franςois Lyo­tard als „inkom­men­sura­bel“, nicht mit glei­chem Maß zu mes­sen, bezeich­net hat. Es gibt kei­ne über­ge­ord­ne­te Ebe­ne, auf der wir Peter Suther­lands For­de­rung, die euro­päi­schen Staa­ten „should under­mi­ne natio­nal sov­er­eig­nei­ty“, und die „Ver­tei­di­gung des Eige­nen“ mit­ein­an­der in Bezie­hung set­zen könn­ten, trotz frap­pan­ter Deckungs­gleich­heit der Dia­gno­sen. Die­sen Wider­streit kann der Dis­po­si­ti­vist nicht als sol­chen sehen, son­dern wie beim Schach­spiel kann er sich nur noch in einer Fes­sel auf der unter­ge­ord­ne­ten Ebe­ne so bewe­gen, daß was er auch immer tut, fatal für ihn ist: er spielt dem Dis­po­si­tiv in die Hände.

Fou­caults „Dis­po­si­ti­ve der Macht“ sind his­to­ri­sche Aprio­ris, Herr­schafts­struk­tu­ren, Kon­struk­tio­nen von Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, die regle­men­tie­ren, was gedacht wer­den kann. Eigent­lich war Fou­caults Ansatz ideo­lo­gie­kri­tisch gemeint, natür­lich. Er hat­te bloß kapiert, anders als die Kri­ti­sche Theo­rie und die fran­zö­si­sche post­mo­der­ne Lin­ke, daß er sich aller steu­ern­den Fort­schritt­s­uto­pien und tie­fen­ana­ly­ti­schen Pro­jek­tio­nen ent­schla­gen müß­te, um Ideo­lo­gie zu erken­nen: „Wenn man an die Stel­le der Suche nach den Tota­li­tä­ten die Ana­ly­se der Sel­ten­heit, an die Stel­le des The­mas der tran­szen­den­ta­len Begrün­dung die Beschrei­bung der Ver­hält­nis­se der Äußer­lich­keit, an die Stel­le der Suche nach dem Ursprung die Ana­ly­se der Häu­fung stellt, ist man ein Posi­ti­vist, nun gut, ich bin ein glück­li­cher Posi­ti­vist, ich bin sofort damit ein­ver­stan­den.“ (Archäo­lo­gie des Wis­sens, S. 182) Die­ser Posi­ti­vis­mus ist aber metho­do­lo­gisch, nicht affirmativ.

Der Dis­po­si­ti­vist glaubt mit Fou­cault, daß man Ideo­lo­gie an der Ober­flä­che sehen kön­ne, hält dann aber eine natür­li­che Wahr­neh­mung für die herr­schen­de Ideo­lo­gie, die längst kul­tur­he­ge­mo­ni­ell unter­ge­but­tert wor­den ist: „[…] natür­lich sind Wei­ße deut­scher als Schwar­ze, west­li­che und isla­mi­sche Wer­te sind natür­lich dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt.“ (El-Tay­eb: Undeutsch. Die Kon­struk­ti­on des Ande­ren in der post­mi­gran­ti­schen Gesell­schaft, S.40).

Hier ist der ein­äu­gi­ge König am Werk und erkennt, daß die­se „Domi­nanz­struk­tu­ren“ „pseu­do-natür­lich“ sind. Daß eine natür­li­che Wahr­neh­mung eben kei­ne „Häu­fung“ (Fou­cault) mehr ist, ist für Dis­po­si­ti­vis­ten als wacke­re Kämp­fer im Main­stream unerkennbar.

Viel­leicht kann ich so beschrei­ben, war­um von der Lin­ken kei­ne fun­da­men­ta­len kri­ti­schen Werk­zeu­ge zu erwar­ten sind. Die aller­meis­ten Lin­ken sind Dis­po­si­ti­vis­ten (der Rest sind Alt­mar­xis­ten mit ent­spre­chen­der Fort­schritt­s­uto­pie oder post­mo­dern Geblie­be­ne). Des­we­gen ist auch die­se auf den ers­ten Blick hoch­merk­wür­di­ge Alli­anz von lin­ken und glo­ba­lis­ti­schen Denk­mus­tern und Macht­eli­ten nicht verwunderlich.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (8)

Starhemberg

20. Februar 2017 10:27

Vielleicht kann man es auch eine Spur einfacher ausdrücken: Die einen sind unabänderlich zu den Feinden der anderen geworden. Die Zeit der Kompromisse ist abgelaufen.

"Denn nur Eisen kann uns retten, und erlösen kann nur Blut, von der Sünde schweren Ketten, von des Bösen Übermuth." (Maximilian v. Schenkendorf)

Gotlandfahrer

20. Februar 2017 11:54

Ich halte das Verhalten der meisten westlichen / deutschen Menschen ohnehin längst nicht mehr für 'verwunderlich'. Man hat auch hier die Pathogenese menschlicher Gruppenselbstschädigung hinlänglich ausanalysiert. Die Frage bleibt, was man tun kann. Ich persönlich glaube ja an das Prinzip Feuer mit Feuer bekämpfen.

RMH

20. Februar 2017 12:03

Das praktische Problem an diesen "Dispositivisten" in unserer Zeit ist, dass sie auch noch gewalttätig sind und Gewalt faktisch billigen. Bestes Beispiel: Demo gegen Rechts, wer läuft mit? Die gewaltbereite Antifa. Hinterher traben dann die netten Öko-Studies, die grau-melierten Pensionsempfänger, Kirchenvertreter und sogar Rollstuhlfahrer werden, um das ganze schön "bunt" aussehen zu lassen, hinter her geschoben. Aber immer läuft das physische Gewaltpotential, staatlich mehr oder weniger gefördert, mit und wird von den "Friedlichen" damit durch schlüssiges Verhalten gebilligt und legitimiert.

 

Der Gehenkte

20. Februar 2017 12:44

Mir kommt dieser Artikel vor wie Aikido: die Aggressionsenergie des Angreifers aufnehmen und in eine geschmeidige Abwehraktion einfließen lassen.

Frau Sommerfelds sezessionaler Sonderstatus sticht sehr sichtbar hervor.

Damit kann sie ganz andere Befindlichkeiten anrühren. Während die ontologische Rechte sich ihres ontologischen Rechtsstatus' immer wieder nur gegenseitig versichert, öffnet sie das Tor nach außen und bringt auch Namen affirmativ ins Spiel, die man in der Sezession sonst nur degradierend liest. Nur so aber kann man die Mauer zwischen den Weltanschauungen niederreißen und in anliegenden Gründen wildern und neue Verbündete finden.

Man darf folgendes nicht vergessen: Die Zahl der verunsicherten, entwurzelten Linken ist Legion und es ist ihnen viel schwerer zur Vernunft zu kommen. Viele davon sind potentiell rechts oder doch zumindest vernünftig. Aber die eingeschliffenen Sprachcodes der harten Rechten wirken auf sie abschreckend ... so sind sie konditioniert, diesen Hiatus können sie nie überwinden. Daher muß man sie in ihrer eigenen Sprache ansprechen können! Insofern muß die Rechte, so sie denn Erfolg haben will, wohltemperiert postmodern sein: Sie muß vielsprachig bleiben oder werden.

Dieser Artikel ist ein Augenöffner! Zu begreifen, daß man sich längst in einer Widerstandsattitude festgefahren hat aber eignetlich offene Türen einrennt und das mit dem eigenen Vokabular vorgeführt zu bekommen. Großartig!

Und nebenbei der Versuch, einen neuen Begriff zu schöpfen, die hegemoniale Sprache zu unterlaufen. Ich wünsche dem "Dispositivisten" viel Erfolg.

 

Der_Jürgen

20. Februar 2017 15:01

@Der Gehenkte

Wir haben ja unsere Meinungsunterschiede in Bezug auf den Bombardierkäfer und andere im wahrsten Sinne des Wortes explosive Fragen, aber diesmal finde ich Ihre Wortmeldung ausgezeichnet.

Ich bin mit @Starhemberg insofern einverstanden, als der harte Kern der Gegenseite, die Antifa und die linksgrünen Aktivisten, Feinde bleiben werden. Aus diesem Lager ist mit herzlich wenig Übertritten zu rechnen. Aber wie Sie, Gehenkter, richtig festhalten, ist sicherlich ein erheblicher Teil der "gewöhnlichen" Linken schon verunsichert und wird es immer mehr sein, je mehr sich die Krise zuspitzt.

Und hier weist Caroline Sommerfeld mit ihrem wie üblich sehr fundierten Artikel den Weg und zeigt, mit welchen Argumenten man gesprächsbereite und nicht hoffnungslos dogmatisch verbohrte Linke schachmatt setzen und ihnen dadurch die Verkehrtheit ihrer Positionen klarmachen kann.

Sehr zutreffend ist auch des Gehenkten Bemerkung, dass die "eingeschliffenen Sprachcodes" der harten Rechten auf Otto Normalbürger abschreckend wirken. Jahrzehnte der Indoktrinierung haben ihre Spuren hinterlassen. Ideologisch stehe ich persönlich etwa in der Mitte zwischen der NPD und den Identitären, aber es unterliegt für mich keinem Zweifel, dass letztere sehr viel wirksamer vorgehen und auch vom Erscheinungsbild her weit eher akzeptiert werden.

Im Moment sind schätzungsweise 75% bis 80% der Bevölkerung gegen die "Rechten", auch die gemässigten, aber von diesen gilt es einen wachsenden Teil für uns zu gewinnen. Wenn die Lage tatsächlich eines Tages kippt (eine Gewähr besteht keinesfalls; das Ganze kann sehr wohl mit dem Finis Germaniae und Europae enden), wird die unschlüssige Masse rasch zu uns übergehen. Dies entspricht der menschlichen Natur; die meisten Menschen sind Opportunisten, und daran wird keine politische Revolution etwas ändern.

marodeur

20. Februar 2017 16:09

Übelcompetition ist eine schöne Wortschöpfung. Sowas kennt man aus der DDR: "Gerade du hast doch der Republik alles zu verdanken! Kostenlose Bildung, Krankenversorgung, du musstest doch nie hungern ... und jetzt Feindsender kucken? Das hätte ich nun wirklich nicht von dir gedacht."

Wie oft durfte ich mir von Linken schon den Vorwurf anhören, dass "wir Deutschen" (Begriff wird immer nur dann benutzt, wenn es um Geld oder Schuld geht) laut Studie XYZ reicher, glücklicher und optimistischer sind als jemals zuvor. Wie gut darf es einem eigentlich gehen, bevor man offensichtliche Misstände ansprechen darf? Vermutlich dürfte man erst im Sterbebett oder unter Folter Kritik am System üben - jedenfalls ganz sicher nicht mit vollem Magen und fahrbereitem Privatfahrzeug vorm Haus.

Entgegen der dezenten Kritik in den ersten Kommentaren kann ich solche Beiträge nur ausdrücklich gutheißen. Es gibt eine größere schweigende Minderheit im Volk, die alle Widerspüche der herrschenden Ideologie erkennt, aber weder die Erklärungsmuster noch die sprachlichen Mittel hat, um politisch zu reagieren. Wir haben eine Verantwortung als Multiplikatoren. Es geht weniger um die Überzeugung des Gegners als um das offene Aufzeigen seiner Taktik und der immanenten Widersprüche. Jeder von uns muss eine Diskussion mit dem Gegner überstehen können, ohne dass die stillen Dritten sich mit den linken Dipositivisten verbünden. Ganz sicher sitzt das nicht bei uns allen so locker wie bei Fr. Sommerfeld.

Stil-Blüte

21. Februar 2017 16:55

Außergewöhnlich anregender Beitrag, Caroline Sommerfeld! Mehr und mehr weiß ich Ihren virulenten Geist zu schätzen. Manche Ausdrücke sind noch gwöhnungsbedürftig, bringen aber weiter. Immer her damit, mit neuen Wörtern, die was aus-sagen, z. B. 'Übel-/Gebrechlichkeits-/kompetition': Ehrlich gesagt, das ist mir zu viel Denglisch. Wie wäre es mit Übel-/Gebrechlichkeitswettbewerb?

Caroline Sommerfeld: Es sollte ja gerade ein übertrieben "hipper" Ausdruck drinstecken, fast Werbesprache, zur Betonung des Wertgegensatzes zu "Übel" und "Gebrechlichkeit".

Sie holen den Begriff  'Dispositivismus' aus Foucaultscher Gruft. Dabei fiel mir doch zu allerst die Gesetzgebung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) ein, die zwischen 'Unabdingbarkeit und 'dingbar' juristisch unterscheidet.

Darüber hinaus gibt es im deutschen Sprachgebrauch 'etwas zur Disposition stellen'. Da sich keine philosphischen Texte nicht 1:1 ins Deutsche übersetzen lassen, ist es für mich wichtig, ob und wie mich ein Phänomen, ursprünglich beschrieben in einer anderen Sprache, erreicht. Was Sie uns so freihändig, ja beinahe akrobatisch, darbieten, ist ja trotzdem kein Zirkus. 

Zu Foucault: Ist (sein) 'Dispositivismus' weniger Zuversicht, Weitsicht, Durchsicht als, konsequenterweise, Todestrieb, Selbstzerstörung? Und - wieso haben so viele Homosexuelle diese Neigung? Und warum sollte es für den Rest der Menschheit gelten?   

Caroline Sommerfeld: der -ismus ist von mir (eben: ein Dispositiv auch noch tatkräftig zu unterstützen, für dieses zu kämpfen, obwohl es einen doch unterdrückt). Foucaults "Dispositiv" (dispositif) ist ein übermenschliches Arrangement, eine Struktur, ein Unterdrückungsmechanismus. Der Einzelne verschwindet darin, Foucault schrieb einmal, das Subjekt verschwände wie "am Meeresufer ein Gesicht im Sand".

Die Sache mit der Homosexualität ist ein ganz zentraler Einwand. Es ist mir egal, ob Foucault schwul war. Aber: seine postmoderne Rezeption verlief völlig einlinig links, postmarxistisch, und endete in der unsäglichen "queer theory". Kein Wunder, daß man ihm da als Homosexuellen geradezu Vorbildfunktion für die Menschheit zugeschrieben hat.

Aber: auch Foucault kann man auf einer Ebene oberhalb der linken Vereinnahmung wunderbar machtkritisch lesen.  Überlegen Sie mal, was folgende Fragen für den Genderwahn, Kinderlosigkeit, Abtreibung, Islamisierung und Reproduktionsstrategien bedeuten könnten:

"Welches sind die ganz unmittelbaren, die ganz lokalen Machtbeziehungen, die in einer bestimmten historischen Form der Wahrheitserzwingung (um den Körper des Kindes, den Sex der Frau, bei den Praktiken der Geburtenbeschränkung usw.) am Werke sind?"

"Wie wird das Spiel dieser Machtbeziehungen miteinander zur Logik einer globalen Strategie, die sich im Rückblick wie eine einheitliche gewollte Politik ausnimmt?" (beide Fragen aus: Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit I, Der Wille zum Wissen, 1987)

silberzunge

22. Februar 2017 00:19

Sehr guter Artikel.

Das ist ja auch für mich das Faszinosum, wie man sich als Revolutionär gerieren kann, obwohl die eigene Ideologie doch von den herrschenden Kreisen vertreten wird.

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