Sezession
20. Februar 2017

Dispositivismus

Caroline Sommerfeld / 8 Kommentare

"Dispositivismus" setze ich zusammen aus „Dispositiv“ (im frz. Original le dispositif = Maßnahme, Vorrichtung, Handlungsplan; bei Michel Foucault: ideologische Machtstruktur, historisches Apriori; und Positivismus = neutralitätsgarantierendes Isolieren von Einzelfakten, weil ein großes Ganzes zu sehen „Metaphysik“ oder „Ideologie“ wäre).

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Wer sich nun heute aufschwingt, die gegenwärtigen Dispositive der Macht zu affirmieren und so zu tun, als wäre er kritisch, betreibt einen Positivismus, der nicht mehr kritisch ist. Die Grundstruktur zu erkennen, daß es Ideologien ohne Entrinnen gibt, dann aber die herrschende nicht zu erkennen, krempelt den alten Foucault positivistisch um.

Der Dispositivist ist der Kämpfer mit dem Strom. Sein Vorgehen: sich selbst als Kämpfer gegen überkommene Strukturen zu stilisieren, wo doch das Erkämpfte schon flächendeckend durchgesetzt ist. Beispiele: Gender Mainstreaming, der Kampf gegen „konventionelle Ehevorstellungen“ oder „schwarze Pädagogik“, „Alltagsrassismus“ als unbekanntes Phänomen aufzudecken, sich mutig gegen den „rechten Haß“ zu stellen. Der Kampf mit dem Strom ist das Phänomen, daß die Linken unerschütterlich weiterbehaupten, ihre Position wäre ein mutiger Kampf gegen Unterdrückung, obwohl in Wirklichkeit die Hegemonie längst bei ihnen liegt – die Kämpfer mit dem Strom muten fast nostalgisch an.

Der Dispositivist ist der einäugige König. Er behauptet, alle seien blind, und er selbst erkenne die Lage, indem er die Lage so beschreibt, wie sie garantiert niemand sieht. Dispositivismus ist z.B., zu behaupten, Migranten seien ganz aus der öffentlichen Wahrnehmung gefallen, oder es gäbe in Deutschland keine Lobby für People of Color oder für Homosexuelle, oder zu statuieren, daß sich Deutschland als weitgehend unberührt von Europas kolonialer Vergangenheit verstehe und das eigene Gesichtsfeld frei von dieser Kollektivblindheit sei. Sein Positivismus liegt darin, die Ideologizität seiner eigenen Sicht zu neutralisieren und die „sozialen Konstruktionen“ immer bei den anderen zu finden und nach eigenem Bekunden unvoreingenommen analysieren zu können.

Der Dispositivist übt sich in eifriger Übelcompetition. In öffentlichen Verkehrsmitteln ist gelegentlich Gebrechlichkeitscompetition zu beobachten: wer bekommt nun den Sitzplatz, der alte Opa, die Schwangere oder der mit dem Beinbruch? Übelcompetition bestreitet, daß etwas schlimm ist, weil es noch Schlimmeres gebe. Deutschland ist nicht in der Krise, wer eine Krise sehen will, sollte nach Syrien schauen, es gibt noch Schlimmeres als Vergewaltigungen durch muslimische Einwanderer, nämlich den Krieg in deren Herkunftsländern, unsere First world problems unterliegen argumentativ dem Übel der globalen Armut usw. In der Übelcompetition übernimmt der Dispositivist die globale Perspektive, denn dort liegen immer die übleren Übel, geriert sich dadurch kritisch und verschwindet ungewollt im globalistischen Dispositiv.

Der Dispositivist befindet sich in einer Widerstreitfessel. Soziologische Diagnosen linker „Migrationsforscher“ und Camus' „Großer Austausch“ beispielsweise sehen beide, daß die ursprüngliche Bevölkerung der europäischen Staaten bald nur mehr eine Minderheit im eigenen Land sein wird. Die globalpolitischen Gründe erkennen sie auch gleichermaßen, nur ihre Reaktion darauf fällt diametral entgegengesetzt aus. Der Widerstreit besteht zwischen Aussagen, die der Philosoph Jean-Franςois Lyotard als „inkommensurabel“, nicht mit gleichem Maß zu messen, bezeichnet hat. Es gibt keine übergeordnete Ebene, auf der wir Peter Sutherlands Forderung, die europäischen Staaten „should undermine national sovereigneity“, und die „Verteidigung des Eigenen“ miteinander in Beziehung setzen könnten, trotz frappanter Deckungsgleichheit der Diagnosen. Diesen Widerstreit kann der Dispositivist nicht als solchen sehen, sondern wie beim Schachspiel kann er sich nur noch in einer Fessel auf der untergeordneten Ebene so bewegen, daß was er auch immer tut, fatal für ihn ist: er spielt dem Dispositiv in die Hände.

Foucaults „Dispositive der Macht“ sind historische Aprioris, Herrschaftsstrukturen, Konstruktionen von Selbstverständlichkeiten, die reglementieren, was gedacht werden kann. Eigentlich war Foucaults Ansatz ideologiekritisch gemeint, natürlich. Er hatte bloß kapiert, anders als die Kritische Theorie und die französische postmoderne Linke, daß er sich aller steuernden Fortschrittsutopien und tiefenanalytischen Projektionen entschlagen müßte, um Ideologie zu erkennen: „Wenn man an die Stelle der Suche nach den Totalitäten die Analyse der Seltenheit, an die Stelle des Themas der transzendentalen Begründung die Beschreibung der Verhältnisse der Äußerlichkeit, an die Stelle der Suche nach dem Ursprung die Analyse der Häufung stellt, ist man ein Positivist, nun gut, ich bin ein glücklicher Positivist, ich bin sofort damit einverstanden.“ (Archäologie des Wissens, S. 182) Dieser Positivismus ist aber methodologisch, nicht affirmativ.

Der Dispositivist glaubt mit Foucault, daß man Ideologie an der Oberfläche sehen könne, hält dann aber eine natürliche Wahrnehmung für die herrschende Ideologie, die längst kulturhegemoniell untergebuttert worden ist: „[...] natürlich sind Weiße deutscher als Schwarze, westliche und islamische Werte sind natürlich diametral entgegengesetzt.“ (El-Tayeb: Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft, S.40).

Hier ist der einäugige König am Werk und erkennt, daß diese „Dominanzstrukturen“ „pseudo-natürlich“ sind. Daß eine natürliche Wahrnehmung eben keine „Häufung“ (Foucault) mehr ist, ist für Dispositivisten als wackere Kämpfer im Mainstream unerkennbar.

Vielleicht kann ich so beschreiben, warum von der Linken keine fundamentalen kritischen Werkzeuge zu erwarten sind. Die allermeisten Linken sind Dispositivisten (der Rest sind Altmarxisten mit entsprechender Fortschrittsutopie oder postmodern Gebliebene). Deswegen ist auch diese auf den ersten Blick hochmerkwürdige Allianz von linken und globalistischen Denkmustern und Machteliten nicht verwunderlich.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (8)

Starhemberg
20. Februar 2017 10:27

Vielleicht kann man es auch eine Spur einfacher ausdrücken: Die einen sind unabänderlich zu den Feinden der anderen geworden. Die Zeit der Kompromisse ist abgelaufen.

"Denn nur Eisen kann uns retten, und erlösen kann nur Blut, von der Sünde schweren Ketten, von des Bösen Übermuth." (Maximilian v. Schenkendorf)

Gotlandfahrer
20. Februar 2017 11:54

Ich halte das Verhalten der meisten westlichen / deutschen Menschen ohnehin längst nicht mehr für 'verwunderlich'. Man hat auch hier die Pathogenese menschlicher Gruppenselbstschädigung hinlänglich ausanalysiert. Die Frage bleibt, was man tun kann. Ich persönlich glaube ja an das Prinzip Feuer mit Feuer bekämpfen.

RMH
20. Februar 2017 12:03

Das praktische Problem an diesen "Dispositivisten" in unserer Zeit ist, dass sie auch noch gewalttätig sind und Gewalt faktisch billigen. Bestes Beispiel: Demo gegen Rechts, wer läuft mit? Die gewaltbereite Antifa. Hinterher traben dann die netten Öko-Studies, die grau-melierten Pensionsempfänger, Kirchenvertreter und sogar Rollstuhlfahrer werden, um das ganze schön "bunt" aussehen zu lassen, hinter her geschoben. Aber immer läuft das physische Gewaltpotential, staatlich mehr oder weniger gefördert, mit und wird von den "Friedlichen" damit durch schlüssiges Verhalten gebilligt und legitimiert.

 

Der Gehenkte
20. Februar 2017 12:44

Mir kommt dieser Artikel vor wie Aikido: die Aggressionsenergie des Angreifers aufnehmen und in eine geschmeidige Abwehraktion einfließen lassen.

Frau Sommerfelds sezessionaler Sonderstatus sticht sehr sichtbar hervor.

Damit kann sie ganz andere Befindlichkeiten anrühren. Während die ontologische Rechte sich ihres ontologischen Rechtsstatus' immer wieder nur gegenseitig versichert, öffnet sie das Tor nach außen und bringt auch Namen affirmativ ins Spiel, die man in der Sezession sonst nur degradierend liest. Nur so aber kann man die Mauer zwischen den Weltanschauungen niederreißen und in anliegenden Gründen wildern und neue Verbündete finden.

Man darf folgendes nicht vergessen: Die Zahl der verunsicherten, entwurzelten Linken ist Legion und es ist ihnen viel schwerer zur Vernunft zu kommen. Viele davon sind potentiell rechts oder doch zumindest vernünftig. Aber die eingeschliffenen Sprachcodes der harten Rechten wirken auf sie abschreckend ... so sind sie konditioniert, diesen Hiatus können sie nie überwinden. Daher muß man sie in ihrer eigenen Sprache ansprechen können! Insofern muß die Rechte, so sie denn Erfolg haben will, wohltemperiert postmodern sein: Sie muß vielsprachig bleiben oder werden.

Dieser Artikel ist ein Augenöffner! Zu begreifen, daß man sich längst in einer Widerstandsattitude festgefahren hat aber eignetlich offene Türen einrennt und das mit dem eigenen Vokabular vorgeführt zu bekommen. Großartig!

Und nebenbei der Versuch, einen neuen Begriff zu schöpfen, die hegemoniale Sprache zu unterlaufen. Ich wünsche dem "Dispositivisten" viel Erfolg.

 

Der_Jürgen
20. Februar 2017 15:01

@Der Gehenkte

Wir haben ja unsere Meinungsunterschiede in Bezug auf den Bombardierkäfer und andere im wahrsten Sinne des Wortes explosive Fragen, aber diesmal finde ich Ihre Wortmeldung ausgezeichnet.

Ich bin mit @Starhemberg insofern einverstanden, als der harte Kern der Gegenseite, die Antifa und die linksgrünen Aktivisten, Feinde bleiben werden. Aus diesem Lager ist mit herzlich wenig Übertritten zu rechnen. Aber wie Sie, Gehenkter, richtig festhalten, ist sicherlich ein erheblicher Teil der "gewöhnlichen" Linken schon verunsichert und wird es immer mehr sein, je mehr sich die Krise zuspitzt.

Und hier weist Caroline Sommerfeld mit ihrem wie üblich sehr fundierten Artikel den Weg und zeigt, mit welchen Argumenten man gesprächsbereite und nicht hoffnungslos dogmatisch verbohrte Linke schachmatt setzen und ihnen dadurch die Verkehrtheit ihrer Positionen klarmachen kann.

Sehr zutreffend ist auch des Gehenkten Bemerkung, dass die "eingeschliffenen Sprachcodes" der harten Rechten auf Otto Normalbürger abschreckend wirken. Jahrzehnte der Indoktrinierung haben ihre Spuren hinterlassen. Ideologisch stehe ich persönlich etwa in der Mitte zwischen der NPD und den Identitären, aber es unterliegt für mich keinem Zweifel, dass letztere sehr viel wirksamer vorgehen und auch vom Erscheinungsbild her weit eher akzeptiert werden.

Im Moment sind schätzungsweise 75% bis 80% der Bevölkerung gegen die "Rechten", auch die gemässigten, aber von diesen gilt es einen wachsenden Teil für uns zu gewinnen. Wenn die Lage tatsächlich eines Tages kippt (eine Gewähr besteht keinesfalls; das Ganze kann sehr wohl mit dem Finis Germaniae und Europae enden), wird die unschlüssige Masse rasch zu uns übergehen. Dies entspricht der menschlichen Natur; die meisten Menschen sind Opportunisten, und daran wird keine politische Revolution etwas ändern.

marodeur
20. Februar 2017 16:09

Übelcompetition ist eine schöne Wortschöpfung. Sowas kennt man aus der DDR: "Gerade du hast doch der Republik alles zu verdanken! Kostenlose Bildung, Krankenversorgung, du musstest doch nie hungern ... und jetzt Feindsender kucken? Das hätte ich nun wirklich nicht von dir gedacht."

Wie oft durfte ich mir von Linken schon den Vorwurf anhören, dass "wir Deutschen" (Begriff wird immer nur dann benutzt, wenn es um Geld oder Schuld geht) laut Studie XYZ reicher, glücklicher und optimistischer sind als jemals zuvor. Wie gut darf es einem eigentlich gehen, bevor man offensichtliche Misstände ansprechen darf? Vermutlich dürfte man erst im Sterbebett oder unter Folter Kritik am System üben - jedenfalls ganz sicher nicht mit vollem Magen und fahrbereitem Privatfahrzeug vorm Haus.

Entgegen der dezenten Kritik in den ersten Kommentaren kann ich solche Beiträge nur ausdrücklich gutheißen. Es gibt eine größere schweigende Minderheit im Volk, die alle Widerspüche der herrschenden Ideologie erkennt, aber weder die Erklärungsmuster noch die sprachlichen Mittel hat, um politisch zu reagieren. Wir haben eine Verantwortung als Multiplikatoren. Es geht weniger um die Überzeugung des Gegners als um das offene Aufzeigen seiner Taktik und der immanenten Widersprüche. Jeder von uns muss eine Diskussion mit dem Gegner überstehen können, ohne dass die stillen Dritten sich mit den linken Dipositivisten verbünden. Ganz sicher sitzt das nicht bei uns allen so locker wie bei Fr. Sommerfeld.

Stil-Blüte
21. Februar 2017 16:55

Außergewöhnlich anregender Beitrag, Caroline Sommerfeld! Mehr und mehr weiß ich Ihren virulenten Geist zu schätzen. Manche Ausdrücke sind noch gwöhnungsbedürftig, bringen aber weiter. Immer her damit, mit neuen Wörtern, die was aus-sagen, z. B. 'Übel-/Gebrechlichkeits-/kompetition': Ehrlich gesagt, das ist mir zu viel Denglisch. Wie wäre es mit Übel-/Gebrechlichkeitswettbewerb?

Caroline Sommerfeld: Es sollte ja gerade ein übertrieben "hipper" Ausdruck drinstecken, fast Werbesprache, zur Betonung des Wertgegensatzes zu "Übel" und "Gebrechlichkeit".

Sie holen den Begriff  'Dispositivismus' aus Foucaultscher Gruft. Dabei fiel mir doch zu allerst die Gesetzgebung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) ein, die zwischen 'Unabdingbarkeit und 'dingbar' juristisch unterscheidet.

Darüber hinaus gibt es im deutschen Sprachgebrauch 'etwas zur Disposition stellen'. Da sich keine philosphischen Texte nicht 1:1 ins Deutsche übersetzen lassen, ist es für mich wichtig, ob und wie mich ein Phänomen, ursprünglich beschrieben in einer anderen Sprache, erreicht. Was Sie uns so freihändig, ja beinahe akrobatisch, darbieten, ist ja trotzdem kein Zirkus. 

Zu Foucault: Ist (sein) 'Dispositivismus' weniger Zuversicht, Weitsicht, Durchsicht als, konsequenterweise, Todestrieb, Selbstzerstörung? Und - wieso haben so viele Homosexuelle diese Neigung? Und warum sollte es für den Rest der Menschheit gelten?   

Caroline Sommerfeld: der -ismus ist von mir (eben: ein Dispositiv auch noch tatkräftig zu unterstützen, für dieses zu kämpfen, obwohl es einen doch unterdrückt). Foucaults "Dispositiv" (dispositif) ist ein übermenschliches Arrangement, eine Struktur, ein Unterdrückungsmechanismus. Der Einzelne verschwindet darin, Foucault schrieb einmal, das Subjekt verschwände wie "am Meeresufer ein Gesicht im Sand".

Die Sache mit der Homosexualität ist ein ganz zentraler Einwand. Es ist mir egal, ob Foucault schwul war. Aber: seine postmoderne Rezeption verlief völlig einlinig links, postmarxistisch, und endete in der unsäglichen "queer theory". Kein Wunder, daß man ihm da als Homosexuellen geradezu Vorbildfunktion für die Menschheit zugeschrieben hat.

Aber: auch Foucault kann man auf einer Ebene oberhalb der linken Vereinnahmung wunderbar machtkritisch lesen.  Überlegen Sie mal, was folgende Fragen für den Genderwahn, Kinderlosigkeit, Abtreibung, Islamisierung und Reproduktionsstrategien bedeuten könnten:

"Welches sind die ganz unmittelbaren, die ganz lokalen Machtbeziehungen, die in einer bestimmten historischen Form der Wahrheitserzwingung (um den Körper des Kindes, den Sex der Frau, bei den Praktiken der Geburtenbeschränkung usw.) am Werke sind?"

"Wie wird das Spiel dieser Machtbeziehungen miteinander zur Logik einer globalen Strategie, die sich im Rückblick wie eine einheitliche gewollte Politik ausnimmt?" (beide Fragen aus: Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit I, Der Wille zum Wissen, 1987)

silberzunge
22. Februar 2017 00:19

Sehr guter Artikel.

Das ist ja auch für mich das Faszinosum, wie man sich als Revolutionär gerieren kann, obwohl die eigene Ideologie doch von den herrschenden Kreisen vertreten wird.

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