Sezession
27. Februar 2017

Jonas Lüscher – „Kraft“ – lesen!

Ellen Kositza / 3 Kommentare

Jonas Lüschers literarisches Debüt Frühling der Barbaren (Sezession 59/2014) liegt vier Jahre zurück. Zu sagen, es hätte uns entzückt, damals, als ich's Kubitschek vorlas auf einer unserer Autofahrten, wäre glatt untertrieben!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Jene Novelle spielte in einer Wüstenoase, und dort in einem luxuriösen Hotelressort: Lüscher erzählte, wie der dünne Firnis der Zivilisation zusammenbricht (und zwar gnadenlos), als während einer Hochzeitsfeier der schönen, schwerreichen, supercoolen New-Economy-Gesellschaft plötzlich fern vom Ort der Fete die Börsenkurse zusammenbrechen, sämtliche Kreditkarten gesperrt werden und unter den smarten Herrschaften jäh das Große Schlachten beginnt.

Lüschers Novelle bündelte das fulminant und bildermächtig: Was ist, wenn nichts mehr ist, wie es gerade eben noch war? Und war's nicht eine "geile Zeit" – wenn man denn dachte, man hätte seine Schäfchen im Trockenen?

Nach dem großen Erfolg von Frühling der Barbaren waren ein paar Interviews mit Lüscher erschienen, die… Naja. Sagen wir so: Er (gebürtiger Züricher, Wahlmünchner seit langem, Jahrgang 1976) wirkte arg maingestreamt. Berichtete von Antifa-Demos, an denen er teilnahm, und von seinem Welcome-Gefühl ("Wir wären ja in der Lage, mehr Flüchtlinge aufzunehmen").

Nun also Lüschers Neuling, Kraft, ein Roman. Ich stand gewissermaßen bereits am Kauftresen, als ich in der Welt einen Verriß des frischgedruckten Romans las, verfaßt von einem Autor, dem ich Verständnis und Literaturgeschmack zutraue. „Plump, klischeebeladen, mißlungen” stand da – kurz: nicht des Lesens wert. Ich lasse mein Leseverhalten zugegeben gern von Rezensionen leiten. Das ist keine Fremdbestimmtheit. Würde ich alles erwerben und lesen, was mir so Tag für Tag über den Weg läuft und titelmäßig interessant erscheint: Wo bliebe Zeit für Küche, Kinder und Kirche? Wiewohl ich längst kein Amazon-Kunde mehr bin, hat mir selbst die Durchsicht diverser „Kundenrezensionen“ schon viel Lesezeit erspart. (Gehört zum Schicksal der Dörflerin: daß sie nicht einfach mal in die Buchhandlung nebenan gehen kann, um nach drei, vier Seiten Schmökerei einen Eindruck zu gewinnen.)

Ich sah also vom Buchkauf ab – um es zu Hause auf meinem Schreibtisch vorzufinden. Ein Geschenk mit dringender Leseempfehlung. Schicksal, na dann!

Was für eine lohnende, großartige Lektüre! Also: Richard Kraft ist Rhetorikprofessor in Tübingen. Ein glänzender Denker, dabei ein viriler Typ. Und keinesfalls ein stromlinienförmiger Karrierist! Beispielsweise stand er als Student den tonangebenden Ideen der Linken immer kritisch, gar spöttisch gegenüber, und zwar aus einer Mischung aus Klugheit, Überzeugung, Trotz, Widerspruchsgeist und Disktinktionswillen. Madame Thatcher fand er überzeugend, er war definitiv pro-Wiedervereinigung, er war liberal, mindestens! Seit' an Seit' schlug er sich sich mit seinem Freund Istvan Pánczél, dem ungarischen Dissidenten, durch das Studium bis hin zu Postdoc-Zeiten.

Solche weltanschaulichen Fragen stellen sich innerhalb des bundesdeutschen Universitätsgefildes als schwierig heraus. "Kraft und Pánczél argumentierten unter Aufbietung ihrer vereinten intellektuellen Kräfte für die Freiheit und stießen bei ihren Kommilitonen doch nur auf Unverständnis, was ganz einfach daran lag, daß sich alle schon sehr frei fühlten; außer Kraft und István, die in ihrem Furor recht unfrei wirkten."

Seine Dissertation hatte Kraft übrigens zur Poetik Ernst Jüngers verfaßt. Seine, Krafts, damalige Geliebte, Johanna, war in irres Lachen ausgebrochen, als er ihr aus den Marmorklippen vorlas. Kraft wußte lange nicht, warum Johanna damals mit ihm jäh gebrochen hatte und schob es auf diese Lektüre. Johanna, das weiß Kraft, zog nach  Kalifornien. Er wird sie treffen.

Seit der Zeit mit Johanna ist viel geschehen. István lehrt mittlerweile in Stanford und hat eine Tochter namens McKenzie, Krafts zweite Ehe möchte gern vernünftig und in Güte geschieden werden, allein, wie soll das gehen: Frauen, Kinder und sich selbst zu versorgen? Die Einladung, die ihm István vermittelt, kommt daher gerade recht. Es ist ein Preisausschreiben, gestiftet vom Internetmogul Tobias Erkner. Erkner erinnert an den realen Peter Thiel, den Mann hinter PayPal und Facebook. Eine Million Dollar soll derjenige erhalten, der folgende Frage mittels eines achtzehnminütigen Vortrags mustergültig zu beantworten weiß: „Why whatever is, is right, and why we still can improve it?“ Sprich: Wir leben zwar in der besten aller denkbaren Welten, aber so können wir sie immer noch verbessern…!

Im Grunde wäre diese Fragestellung keine Option für den längst zum Kulturpessimisten gewendeten Alteuropäer Kraft, der sich in stillen und verzweifelten Momenten Strophen von Baudelaire oder Hölderlin memoriert. Andererseits: Wer, wenn nicht er, ist in der Lage, sich relativ frei aus dem Kosmos der abendländischen Ideengeschichte zu bedienen, klug und bestechend zu formulieren, ungeahnte Synthesen zu schaffen, durch Worte Welten zu schöpfen? Und wer, wenn nicht er, könnte das schöne Geld gerade jetzt dringender brauchen?

Kraft (gelegentlich beobachtet von einem auktorialen Meta-Erzähler – "Warum tut sich Kraft so schwer?" –, ein unzeitgemäßer und sehr hübscher Einfall von Jonas Lüscher) jedenfalls reist nach Kalifornien, um dort seinen Premiumbeitrag zu verfassen und vorzutragen. Dort drüben, im Silicon Valley, ist er "nur mit seiner Verachtung allein“. Die zukunftstrunkene Atmosphäre findet er „sehr irritierend, verbietet es sich aber, in den Begriffen Abendland und Untergang darüber nachzudenken".

Die Vortragsreiserei der akademischen Upperclass ist dabei ein Phänomen an sich, das sich der Vorstellungskraft des Normalbürgers weitgehend entzieht und das selten in belletristischen Erzeugnissen gewürdigt wurde. Eine spitze Satire dazu hatte Arthur Koestler in den siebziger Jahren unter dem Titel Die Herren Call-Girls veröffentlicht. Der Roman handelt von Akademikern, die – damals schon! – weltreisend an Kongressen teilnehmen. Als auf einer solchen globalen Vortragstour ein Kollege einen anderen fragt, ob er "diese Tagung hier nicht für eine Schnapsidee" halte, wird er zurechtgewiesen: "Die große Stunde der akademischen Callgirls hat geschlagen: Sie werden die Menschheit retten… oder zumindest ein paar Tage fruchtbar diskutieren, auf alle Fälle diskutieren…" Unsere intellektuelle Speerspitze! Denn das steht fest: Wörter zählten nie zur Mangelware.

Eine weitere Parallele zur Lüscherschen/Kraftschen Gemengelage: Im Achsenjahr 1968 hatte das linke Zentralorgan namens Kursbuch eine ähnliche Preisfrage wie Tobias Erkner gestellt: "Der beste Gedanke für die Zukunft" sollte da prämiert werden: "Gemeint ist damit keine bloße Extrapolierung erkennbarer Trends, sondern eine konkrete utopische Konzeption." 1000 DM betrug das Preisgeld. (Ironie der Geschichte: Anders als Kraft wollte sich der damalige Preisträger nicht scheiden lassen, sondern suchte einen anderen Ausweg aus der Ehetristesse – er verfaßte das polyamoröse Buch Liebe zu viert.)

Kraft nun aber, dieser anerkannt brillante Denker, gewaschen mit allen Wassern der abendländischen Philosophie: Kraft versumpft in Kalifornien. Ausgerechnet hier, wo der Himmel doch blau und die Zukunft offen ist! Hier, wo er auf optimistische Leute voller Unternehmensgeist trifft, die völlig frei sind von all dem, was Kraft belastet: frei von den vermaledeiten kulturellen Semantiken, von historischen Bezügen, von emotionalem Ballast! Zuvor rafft sich Kraft ein letztes Mal zusammen. Diesem Erkner, jenem angeblichen überzeugten Katholiken, der jedoch an der eigenen Unsterblichkeit feilt, wird er auch mit gescheiten Widersprüchlichkeiten kommen können, Kraft ist ein begnadeter Schwafler, er wird eine Art Mash-up erschaffen! "Freiheit manifestiert sich in Technik!" könnte er titeln, das könnte man "mit links begründen"! Posthumaner Transtheotechnismus, warum nicht; ein solcher Claim, beredt ausgewalzt auf 18 Minuten, könnte ordentlich was hermachen! Doch hier irrt Kraft. Die dämliche Preisfrage wird ihm zum Schicksal.

Das ist: Weltdeutungsversuch anno 2017, bundesdeutsche Mentalitätsgeschichte und literarische Kunst in einem! Was für ein großartiger Roman!

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Jonas Lüscher: Kraft. Roman, München 2017. 240 Seiten, 19.95 Euro – hier bestellen!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (3)

Tokugawa
27. Februar 2017 18:08

... "Was für ein großartiger Roman!" Und: Was für eine großartige Kritik!!

Nemo Obligatur
27. Februar 2017 21:05

Ach menno, wieso hat Lüscher seinen Roman nicht "Kraft durch Freude" genannt! Oder "Freude durch Kraft"! Nur "Kraft" klingt wie "Faust", aber eben auch nicht so richtig. Übrigens fühlte ich angesichts der Kritik spontan an einen Roman von Kempowski erinnert, bei dem es auch um einen Vortragsreisenden in den USA geht - hält der Vorträge? Ich muss noch mal nachlesen. Der Titel war "Letzte Grüße", wie ich soeben bei einem ungeheuer großen Internetversand für Bücher recherchiert habe. Na, Kempowski ist sowieso großartig. Noch 50 Jahre, dann wird Böll schon längst vergessen sein und Lüscher tot, aber Kempowski ist dann DER Klassiker... Wie war noch gleich das Thema? Na, am Rosenmontag darf es auch mal so ein Leserkommentar sein...

Maiordomus
27. Februar 2017 21:15

Danke, wunderbar, dass Sie mich auf einen Landsmann aufmerksam machen, den ich trotz täglicher Buchlektüre noch ncht auf dem Radar hatte, bloss seine Existenz war mir bekannt. Das werde ich ändern. Zutiefst betrübt bis empört bin ich aber über das, was ich im Editorial des gedruckten Heftes Sezession, sowieso dem Besten, was Sie nebst Büchern produzieren, leider in Sachen Ihres Kinobesuchs lesen musste. Ich gehe davon aus, dass so etwas in Trumps Amerika absolut undenkbar gewesen wäre, liebe Frau Kositza.

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