Sezession
1. April 2006

Biblische Lektionen

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 13/April 2006

sez_nr_131von Karlheinz Weißmann

Deuteronomium 26 enthält eines der ältesten Bekenntnisse Israels. Das ist umso bemerkenswerter, als für seinen Sitz im Leben auf die Darbringung der Erstlingsfrüchte verwiesen wird, das heißt es geht um einen Bezug zur Situation seßhafter Bauern, die Gott das Dankopfer darbieten.

Die Existenzbedingungen der nomadischen Vorfahren werden nur noch reflektiert, sind aber nicht mehr gegenwärtig: „Mein Vater war ein umherirrender Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenig Leuten"; das sind Worte, die sich auf Abraham und überhaupt die Erzväter beziehen, die nach dem Zeugnis der Bibel mehr als einmal in das fruchtbare Nilland wanderten, wenn Wasser und Nahrung knapp wurden. Das Wort Hebräer ist zuerst in Gestalt des akkadischen chabiru und Äquivalenten in anderen Sprachen verbürgt, das eben Allochthone und Nomaden - nicht eigentlich ein Volk - bezeichnet, die zwischen der Wüste und den abgeernteten Feldern der Gartenlandschaften wechselten, von den Grenzposten argwöhnisch beobachtet, wenngleich geduldet, um ihre Angriffslust nicht zu reizen.

Ein „Fremdling" zu sein unter den Völkern, ein Entwurzelter unter den Verwurzelten, ist zu einem der wichtigsten Topoi in der Deutung wie der Selbstdeutung des Judentums geworden. Ob man die Israeliten deshalb zu den „Bewegungsvölkern" (Egon von Eickstedt) rechnen darf, bleibt aber fraglich. Denn unverkennbar ist doch, daß die Sehnsucht Israels eine andere war als die Ahasver-Existenz. In dem erwähnten Abschnitt Deuteronomium 26 geht es vor allem um den Kontrast zwischen der bedrohten, ja elenden Existenz der Umherziehenden und der Möglichkeit, sich fest anzusiedeln. Die wird zuerst in Ägypten geboten. Folgt man der alttestamentlichen Überlieferung, dann ließ Josef, Urenkel Abrahams und Wesir des Pharao, seinen Clan aus den von Hungersnöten geplagten Gebieten Kanaans nach Ägypten kommen. Erst diese Ansiedlung hat ermöglicht, was der zitierte Text knapp zum Ausdruck bringt mit dem: „und wurde dort ein großes, starkes und zahlreiches Volk".
Läßt man für den Moment die Zweifel beiseite, die die historische Forschung gegen die Ethnogenese Israels in Ägypten vorbringt, dann liegt hier modellhaft vor, was Wilhelm Mühlmann als Volkwerdung im Asyl oder unter dem Schutz eines asylbietenden Patrons bezeichnet hat. Den Hebräern bot das Leben an den „Fleischtöpfen" Ägyptens nicht nur eine Möglichkeit physisch zu überleben, sie bildeten unter diesen Bedingungen auch erst die Vorstellung aus, ein größeres soziales Ganzes zu sein. Es bedarf dazu oft nur einer kleinen Gruppe, die in der Lage ist, das Volksbewußtsein zu verbreiten. Solche „Traditionskompanien" (Erich Bräunlich) sammeln die entscheidenden Identitätselemente und schaffen ein stabiles Elitegefühl, das vor allem dazu hilft, sich gegenüber der größeren asylgewährenden Einheit zu behaupten und nachhaltig abzugrenzen. Wie das im Fall Israels vor sich gegangen sein soll, läßt die Bibel im Dunkel. Es gehört zu den selten gestellten Fragen, was in den ägyptischen Jahrhunderten das Zusammengehörigkeitsgefühl verbürgte, denn wenn es der Glaube an Jahwe war - was wahrscheinlich ist -, dann bleibt die Frage, wieso der sich Mose erst so nachdrücklich als Gott seiner Väter vorstellen mußte, um Gehör zu finden. Umgekehrt erscheint rätselhaft, warum ein assimilierter Hebräer, der auch noch einen ägyptischen Namen trug und qua Adoption zur Adelsschicht zählte, ein Bewußtsein davon haben konnte, daß er eigentlich zu den unterdrückten Fremden gehörte. Alle Antworten, die man hier findet, sind letztlich spekulativ, eine handfeste Angelegenheit ist dagegen die nüchterne Feststellung am Beginn des Buches Exodus: „Als nun Josef gestorben war und alle seine Brüder und alle, die zu der Zeit gelebt hatten, wuchsen die Nachkommen Israels und zeugten Kinder und mehrten sich und wurden überaus stark, so daß von ihnen das Land voll ward. Da kam ein neuer König auf in Ägypten, der wußte nichts von Josef und sprach zu seinem Volk: Siehe, das Volk ist mehr und stärker als wir. Wohlan, wir wollen sie mit List niederhalten, daß sie nicht noch mehr werden. Denn wenn ein Krieg ausbräche, könnten sie sich auch zu unsern Feinden schlagen und gegen uns kämpfen und aus dem Lande ausziehen."


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