Sezession
6. März 2017

Alphabet rechten Denkens: was dagegen?

Caroline Sommerfeld / 22 Kommentare

Satire ist definierbar als eine

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

  • Sezession

Kunstform, die politisch-gesellschaftliche und allgemeinmenschliche Mißstände und Unzulänglichkeiten verspottet und kritisiert. [...] Satire parodiert, travestiert und persifliert. Sie ist einseitig, polemisch, nicht selten aggressiv. Kurzum: Es ist nicht ihre Aufgabe, ihrem Gegenstand Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Satire kann oft mißlingen. Dann ist sie entweder unlustig und verfehlt ihr Publikum, oder sie ist zu hermetisch und verfehlt ihr Publikum. Oder sie ist bloße Pöbelei, dann vefehlt sie das Spezifische ihres Gegenstandes.

Selten gelingt der Satire, was Thomas Assheuer in der aktuellen ZEIT gelungen ist. Seine Satire ist wahr. Performativ ist gute Satire immer "wahr", in dem Sinne, daß der Leser das Typische, Aus-dem-Leben-Gegriffene, Kondensierte erfaßt, das sich in seiner Reaktion "Ist doch so!" ausdrückt. Assheuers Satire löst aber eben nicht diesen performativen Effekt der Gattung Satire aus, sondern sie ist schlicht wahr. Und damit ist sie – keine Satire.

Er breitet auf zwei ZEIT-Seiten unter lila (?) Frakturüberschriften die 26 Buchstaben aus, die zum aktuellen "Alphabet des rechten Denkens" gehören. Diese wären: Alternative, Arkanum der Macht, Dekonstruktion, Den Sumpf austrocknen, Ehre statt Würde, Entscheidung, Establishment, Evolution, Gesellschaft, Klüngelkapitalismus, Korrektheitsterror, Leben, Liberalismus, Lügenpresse, Mythos, Neue Ordnung, Nihilismus, Polarisierung, Postwestlich, Raum, Souveränität, Umvolkung, Volksgemeinschaft, Volkskultur, Volkswirtschaft, Wahre Demokratie. Die ganze Fibel findet man hier.

Raum

Rechtes Denken ist Raumdenken. Im Interesse ihrer Selbsterhaltung muss jede Kultur in einem umgrenzten Raum verwurzelt sein und darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen. Ob ein orthodoxes Eurasien, ein islamisches Sultanat oder ein christliches Abendland: Entscheidend ist die geschlossene Einheit von Kultur und Raum. Von Anfang an war die vom Westen erfundene Globalisierung ein Angriff auf den nationalen Raum; die angelsächsischen Seemächte schwächten die Selbstbestimmung der landgebundenen Völker und unterwarfen sie den imperialistischen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit. Die Auflösung fester Grenzen pulversierte die alten Reiche und alten Staaten. Nach der Deterritorialisierung der Räume war die Macht nun überall und nirgends: bei der EU, der WTO, dem IWF – nur nicht beim Volk. Globalisierung ist Niemandsherrschaft, the rule of nobody. Künftig sind die Nationen wieder das, was sie von Anfang an waren: souverän.

Irgendwas dagegen? Das ist eine Essenz aus Schmitt, Huntington und einer Prise Agamben. Wer könnte das "sarkastisch" finden, wie die Diskutanten im Deutschlandradio in ihrer Feuilletonlese loben? Schrieben wir ein ähnlich kurzgehaltenes ernsthaftes Pixibüchlein rechter Kerngedanken, der Artikel "Raum" dürfte jedenfalls das Lektorat durchaus passieren.

Alternative

Die Rechte ist keine Reformbewegung, sie ist eine revolutionäre Bewegung. Sie ist keine Alternative im, sondern eine Alternative zum System: zu Liberalismus, Kosmopolitismus und Globalisierung. Legitimiert ist die rechte Revolte durch das Volk. Während die 'Parteien von Davos' in ihrer grenzenlosen Gier nur eigennützige Interessen verfolgen, spricht aus dem rechten Politiker die unverfälschte Stimme des Volkes. Das gilt auch für Donald Trump. Weil in ihm das reine Herz des Volkes schlägt, war er der legitime Präsident, noch bevor er vom Volk legal gewählt wurde. Das Herz des Volkes schlägt immer rechts. Aus diesem Grunde hassen wehleidige Liberale den Willen des Volkes und ertragen ihn nur in demokratisch verdünnter Emulsion. Sie verwässern ihn durch Rechtsstaat und Gewaltenteilung.

Diesem Buchstaben des rechten Alphabets merkt man wenigstens an, daß er satirisch gemeint sein soll, erkennbar ist dies an den Adjektiven "unverfälscht" und "rein" in "das reine Herz". Das ist wichtig, denn sonst könnte ja jemand annehmen, ich hätte mich überhaupt im Genre geirrt, wenn ich Assheuers Text für Satire hielte. Aber ansonsten – what's not to like? Der Buchstabe A wie "Alternative" ist kein Handbucheintrag, sondern stilistisch ein kleines Stückchen Manifest. Die "revolutionäre Bewegung" fängt fast an, mir tief in meinem reinen Herzen zu gefallen, und die Diagnose der liberalen Tränen ist ganz pfiffig.

Assheuer als Neue-Rechte-Versteher macht seine Arbeit gut und trägt theoriehistorische Hintergründe vor (TUMULT in den 80er Jahren postmodern, "Dekonstruktion" neu mit Bannon gegen Derrida, Lebensphilosophie 2.0 bei Putin) – nur ist das alles eines nicht: Satire. Deren Aufgabe liegt eben nicht darin, ihrem Gegenstand Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Assheuer tut es. Weitenteils jedenfalls, nur ein paar ganz kleine plumpe Stilmittel der Ironie (über Menschenrechte: "gemeingefährliche Intellektuelle wie Moses, Sokrates und Jesus haben sie in die Welt gesetzt") verraten sein Kämpfertum mit dem Strom, er will kritisch sein. Doch wie er richtig feststellt: der "Aufstand gegen die herrschende Klasse kann nur aus einer Richtung kommen: von rechts." (Buchstabe: Establishment).

Binden wir also sein "Alphabet rechten Denkens" als Antaios-Pixibüchlein und gehen damit mal hausieren. Die Konsensgesellschaft (der Buchstabe fehlt) wird denken, das Werk wäre authentisch rechts. Denn nur der Erscheinungsort – Feuilleton der ZEIT – garantiert Assheuer seine verständnisinnigen Satireleser. Wir könnten damit was anderes anfangen, wenn wir wollten, danke Ihnen!


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (22)

Curt Sachs
6. März 2017 10:03

»Irgendwas dagegen?«

Ja. Schon im zweiten Satz: »jede Kultur … darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen.« Neben schlechtem Deutsch ist das auch inhaltlicher Galimathias.

Monika L.
6. März 2017 10:33

Ich habe nichts gegen das "Alphabet rechten Denkens". Großer Wurf, Herr Assheuer. Ein paar Korrekturen werden nötig sein. Bei RAUM hätte ich einen Verbesserungsvorschlag. Statt "Kultur - darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen" würde ich sagen - sollte sich nicht mit zu vielen fremden Elementen vermischen - oder: sollte sich nur mit den fremden Elementen mischen , die die die Kultur bereichern.....?!?!? Bereichern ?

"Wir leben in einer Zeit, in der Worte ihr Gewicht verlieren, wie das hin und wieder vorzukommen pflegt. ( Ernst Jünger)"

Bei ALTERNATIVE sehe ich komischerweise keinen Korrekturbedarf. Was ist an "unverfälschter Stimme" und "reinem Herz" satirisch gemeint ? Im Alphabet feministischen Denkens heißt es unter MUSLIMA: "Es gibt nur einen Mann, dem ich folge, und das ist mein geliebter Prophet Mohammed" ( Linda Sarsour) . Das ist doch auch keine Satire ! Selig die reinen Herzens sind und mit unverfälschter Stimme sprechen.

"Ein Gott braucht keine Ironie". Ernst Jünger

Ich bin gespannt auf weitere Buchstaben des rechten Alphabets.

Der_Jürgen
6. März 2017 10:46

 Ein Sommerfeld-Artikel und eine gute Tasse Kaffee am Morgen, und schon ist der Tag einigermassen gerettet.

Durch den Beitrag über die "Satire" des Herrn Thomas Assheuer neugierig geworden, nahm ich mir die Mühe, im "Zeit"-Archiv einige Artikel von ihm zu lesen. Fazit: Für einen "Zeit"-Journalisten ist der Mann überdurchschnittlich intelligent, er hat kein dickes, sondern nur ein relativ dünnes Brett vor dem Kopf, kann aber natürlich doch nicht über seinen Schatten springen. Deshalb gruselt es ihn beispielsweise angesichts der "unfassbaren" Tatsache, dass der Trump-Mann Steve Bannon unverhohlene Sympathie für Alexander Dugin bekundet. Dass immer mehr Menschen, und zwar durchaus nicht die dümmsten, von der Politcorrectness und den Dogmen und Lügen der "demokratischen" Gesellschaft restlos die Nase vollhaben und eine Rückkehr zu einer natürlicheren Ordnung anstreben, will Assheuer nicht in den Kopf.

Und wenn es ihm doch in den Kopf wollte, dürfte er es nicht schreiben, zumindest bei der "Zeit" nicht. "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" gilt ja nicht zuletzt für die Journalisten im "freisten Staat der deutschen Geschichte".

Der Gehenkte
6. März 2017 11:55

Die Satire funktioniert dann, wenn man bedenkt, daß Assheuer ein direkter Zögling von Habermas ist, der wiederum seit vielen Jahren diesen immer wieder nutzt, um Zugang zur Öffentlichkeit zu bekommen. In der Sloterdijk-Affäre war das gut zu besichtigen. Zuletzt hier: https://www.zeit.de/2016/29/eu-krise-brexit-juergen-habermas-kerneuropa-kritik/komplettansicht

Darin der wunderbare Satiresatz:

"Aber ich habe die Perspektive eines teilnehmenden Zeitungslesers und frage mich, ob sich der Schaumteppich der Merkelschen Politik der Einschläferung ohne eine gewisse Anpassungsbereitschaft der Presse über das Land hätte ausbreiten können."

Aber es kommt noch besser, ganz im Sinne des Artikels - Habermas sagt auch:

"Der gedankliche Horizont schrumpft, wenn nicht mehr in Alternativen gedacht wird."

Den laß ich mir in Landesfarben im Rahmen sticken und hänge ihn über den Küchenherd.

Marc_Aurel
6. März 2017 12:18

Sehr interessanter Artikel.

Ganz stehen lassen kann man das Ganze aber so auch nicht, jedenfalls nicht in jedem Punkt, in Hinblick auf das Antaios-Pixibüchlein, Zitat:

"Globalisierung ist Niemandsherrschaft, the rule of nobody."

Ein netter Versuch der Verharmlosung, in der globalisierten Welt herrscht sehr wohl jemand, nämlich die global agierenden Konzernnetzwerke und die hinter ihnen stehenden Oligarchen. Globalisierung ist kein Selbstzweck - Grenzen und Hindernisse werden aus einem bestimmten Grund beseitigt - damit diese Konzernvehikel möglichst reibungslos und barrierefrei über den von ihnen beherrschten Raum gleiten und dessen Ressourcen, inklusive der Arbeitskräfte, frei und ungehemmt, je nach Bedarf, immer wieder neu verteilen können. Globalisierung ist in ihrer Endausbaustufe nicht nur die Abwesenheit der Volksherrschaft, sondern meiner Ansicht nach die Vision von der Etablierung eines totalitären Sklavenhaltersystems, wie noch nie zuvor eines in der Geschichte existiert hat und vor dem es für den Einzelnen praktisch so gut wie kein Entrinnen mehr gibt.

Abgesehen von ein paar Punkten, sind aber auch sehr schöne Sätze in der "Satire" dabei, die man hätte besser kaum formulieren können, wie zum Beispiel:

"Die Rechte ist keine Reformbewegung, sie ist eine revolutionäre Bewegung. Sie ist keine Alternative im, sondern eine Alternative zum System: zu Liberalismus, Kosmopolitismus und Globalisierung. Legitimiert ist die rechte Revolte durch das Volk. Während die 'Parteien von Davos' in ihrer grenzenlosen Gier nur eigennützige Interessen verfolgen..."

Oder auch:

"Ob ein orthodoxes Eurasien, ein islamisches Sultanat oder ein christliches Abendland: Entscheidend ist die geschlossene Einheit von Kultur und Raum. Von Anfang an war die vom Westen erfundene Globalisierung ein Angriff auf den nationalen Raum; die angelsächsischen Seemächte schwächten die Selbstbestimmung der landgebundenen Völker und unterwarfen sie den imperialistischen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit. Die Auflösung fester Grenzen pulversierte die alten Reiche und alten Staaten. Nach der Deterritorialisierung der Räume war die Macht nun überall und nirgends: bei der EU, der WTO, dem IWF – nur nicht beim Volk."

Wobei man hier wieder an die Begriffe Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit Fußnoten anbringen und diese Begriffe zunächst einmal aus dem orwellschen Globalisten-Neusprech ins Deutsche übersetzen müsste.

marodeur
6. März 2017 12:24

"...Schon im zweiten Satz: »jede Kultur … darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen.« Neben schlechtem Deutsch ist das auch inhaltlicher Galimathias."

Wie @Curt Sachs richtig anmerkt, beginnt das Ganze gleich wieder mit einer Unverschämtheit. Da mag der Rest brauchbar oder in Teilen richtig sein. Mit dieser Einleitung dreht sich alles ins Absurde. Daraus spricht ganz eindeutig dieser elende Dispositivismus. Der "einäugige König" Assheuer hat den Reinheitswahn und den Fremdenhass in unserer Ideologie schonungslos aufgedeckt. Ganz großartig.

Dietrich Stahl
6. März 2017 12:51

Liebe Frau Sommerfeld, ein „Alphabeth rechten Denkens“ ist eine gute Idee – in Kombination mit der Besinnung und dem Vertrauen auf das Eigene. Den Deutschen wird oftmals fehlender Humor unterstellt. Wie gesagt, das ist eine bloße, nicht selten feindselig motivierte Unterstellung. Richtig ist, daß Satire dem deutschen Wesen fremd ist. Humor und Satire – das wäre einer genaueren Betrachtung wert. Die Zeit ist das Zentralorgan für die linksliberale Inteligenzija. Das kleine Wörtchen „für“ macht den Unterschied. Die Zeit ist nicht das Organ der linksliberalen Inteligenzija, auch wenn mindestens 99% der Leser das vermutlich träumen. काल, kāla ist das Sanskrit Wort für Zeit. Kali ist die Göttin der Zerstörung. Die Zeit – das Zentralorgan – wird von mächtigen Männern gesteuert. Nicht zufällig war Helmut Schmidt – befreundet mit Henry Kissinger, Eric M. Warburg, Paul Volcker, George Shultz, Lee Kuan Yew etc. – lange Jahre Herausgeber. Auch der jetzige Herausgeber Josef Joffe gehört in diese Riege. Seine heimtückische Bemerkung zu Donald Trump werden viele kennen.

https://www.pi-news.net/2017/01/joffe-zeit-ruft-zum-mord-im-weissen-haus-auf/  

Sehr pointiert gesagt ist alles, was in Die Zeit geschrieben ist, vergiftet. Hier wirken subtilere Gifte als in TV Nachrichten, Spiegel, Welt oder Bildzeitung – aber viel nachhaltigere. Es ist ein Prinzip der Homöopathie, das hier angewendet wird: Sehr niedrige [direkte] Konzentrationen für einfache Gemüter, sehr hohe [Verdünnungen/Verschüttelungen], aber viel wirksamere für die Inteligenzija. Seit etlichen Jahren lese ich keine Zeitungen/Zeitschriften mehr. So alle viertel Jahre lese ich eine Sonntagszeitung, meistens die Welt am Sonntag. Es ist meine Verantwortung, darauf zu achten, was ich zu mir nehme – in vielfacher Hinsicht. Bei mir ist es ein sehr mühseliger Prozess, mich von hinderlichen Haltungen, Angewohnheiten, Mustern, Vorurteilen,  Bequemlichkeiten, Bekanntschaften, Nahrungsmitteln etc. zu lösen. Loslassen. Sagt sich so einfach. Es wäre kontraproduktiv, wenn Antaios Texte aus Die Zeit verlegen würde. Selbst Adaptionen sind giftig. Man muß die Schlange nicht am eigenen Herzen nähren. Es besteht auch nicht die mindeste Notwendigkeit dafür. Das Eigene! Vertrauen in die eigene Kraft und Möglichkeiten entwickeln. Der rechtskonservative Autor, dem ein Projekt am Herzen liegt, kann dieses doch selbst entwickeln oder andere dafür begeistern. Das Eigene.

Maiordomus
6. März 2017 12:53

"Fremde Elemente"? Eigentlich war schon das indische Hakenkreuz ein solches, zu schweigen vom Jüdischen im Christlichen, wiewohl man "christlich-jüdisch" nicht als konsistentes Weltbild sehn sollte. Im übrigen war schon die Renaissance stets eine Vermischung von Eigenem und Fremdem, Jungem und Ganzaltem.

Umdenker
6. März 2017 13:23

"jede Kultur ... darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen."

Das mag man als satirische Zuspitung oder auch als Unverschämtheit lesen. Dass dieser Satz das neurechte "Lektorat durchaus passieren" dürfte, würde ich nach meiner bisherigen Lektüre der Sezession allerdings bezweifeln.
Oder liege ich da falsch?

Katzbach
6. März 2017 14:55

Gut gekontert, nicht mehr schwuler Aktivist, oder Jungle- König im Untertitel, sondern dreifache Mutter, oder vielleicht auch dreifache Trägerin der Mutterkreuzes

Das zum Thema Satire.

Caroline Sommerfeld: Das zum Thema hermetische Satire.

Martin Lichtmesz
6. März 2017 16:56

Lahm. Richtige Definitionen, die mit dem üblichen hartnäckigen, wie einprogrammierten Quark ("darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen" ist schon einigen aufgefallen, oder "das reine Herz des Volkes") vermischt werden, um zu vernebeln, wie plausibel und normal das Gesagte ist.

Nemo Obligatur
6. März 2017 19:25

Das ganze Alphabet ist grotesk. Nur ganz wenige genuin rechte Begriffe finden sich dort. Vielleicht "Lügenpresse", "Korrektheitsterror" (PC oder "Tugendterror wären freilich treffender), "Umvolkung" und - na klar - "Volksgemeinschaft". Aber das war es dann auch schon.

"Ehre" z.B. wird oft von gewissen Bevölkerungskreisen zur Rechtfertigung abscheulicher Verbrechen missbraucht. "Entscheidung" würde wohl niemand irgendeiner politischen Ansicht zuordnen, ebenso wenig wie "Leben". Das Wort "postwestlich" habe ich noch nie gehört oder gelesen. Darauf hat Herr Assheuer vermutlich das Urheberrecht. Man kann dann das jetzt noch eine ganze Weile fortsetzen, aber ich denke, jeder hier erkennt das Muster.

Caroline Sommerfeld: Irrtum, @Nemo Obligatur, die meisten Ausdrücke entstammen bloß nicht dem tagespolitischen Geschäft ("postwestlich" hingegen schon, stammt vom russischen Außenminister Lawrow, auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar geäußert). Assheuer wildert am liebsten bei dem ihm so ungeheuer unheimlichen Denker Dugin und bei Steve Bannon und in der rechten Theorietradition (Leben und Entscheidung, auch Mythos und Nihilsmus gehören da hin). Seine gesamte Kompilation ist deswegen so grotesk (und "lahm" auch, @Lichtmesz), da haben Sie beide allerdings recht, weil er "das Muster" zu überzeichnen versucht, und es ihm eben nicht gelingt.

Wilmot
6. März 2017 21:57

"Der 'einäugige König' Assheuer hat den Reinheitswahn und den Fremdenhass in unserer Ideologie schonungslos aufgedeckt. Ganz großartig"

Reden wir hier jetzt noch von der Aufname kultureller Einflüsse wie beispielsweise dem Christentum -- damit gehe ich d'accord --, oder geht es eher darum, die globalistische Ideologie der Rassenmischung, die die Auflösung und Zerstörung der weißen, europäischen Völker zum Ziel hat, zu verteidigen? Ich hoffe doch sehr, daß die (europäische) Rechte letzteres entschieden ablehnt -- so wie es auch die Alt-Right tut.

Jürg_Jenatsch
6. März 2017 22:35

Während die 'Parteien von Davos' in ihrer grenzenlosen Gier nur eigennützige Interessen verfolgen, will auch die Mietschreiberling Assheuer vom reich gedeckten Tisch der Davosoligarchen ein paar Brosamen ergattern. Deshalb stellt er sein Talent diesen zur Verfügung. Unter geistig Zwergwüchsigen ragt auch der normalbegabte Assheuer intellektuell hervor. In diesem Zusammenhang fällt mir der Film Idiocracy ein, in dem ein durchschnittlicher Typ des Jahres 2005 2505 als geistiger Riese erscheint.

marodeur
6. März 2017 22:59

Apropos Russland, Umvolkung, Volkskultur: Wann beschäftigt sich hier mal ein Beitrag intensiv mit der Politik der "Russifizierung" in der ehemaligen Sowjetunion? Es sollte möglich sein, Analogien zur aktuellen Migrationskrise zu ziehen. Man möge mich belehren, falls es dergleichen schon geben sollte.

silberzunge
6. März 2017 23:01

Was für ein trostloses Dasein müssen diese Zeitungsleute fristen. Immerhin glauben die noch selbst daran, das Richtige zu tun.

Apropos Systempresse: Wer Muße hat, der sehe hier.

Der Feinsinnige
7. März 2017 00:51

Vielen Dank für Ihre gelungene Antwort auf den in gewisser Weise durchaus faszinierenden Artikel von Herrn Assheuer, sehr geehrte Frau Sommerfeld! Assheuers Text ist ein weiteres Beispiel dafür, daß viele Etabliert-Linke gar nicht mehr ansatzweise in der Lage sind, sich - wenn auch nur rein theoretisch - in die wachsende Oppostion in Deutschland hineinzuversetzen. Sonst wäre die gewollte Satire nicht so sehr nach hinten losgegangen. Ich habe Assheuers Text jedenfalls mit dem größten Vergnügen gelesen.

Hoffentlich kostet den guten Herrn Assheuer, der doch schon so lange "gegen rechts" schreibt, Ihr Artikel und diese Diskussion hier nicht den Job? :)

Der_Jürgen
7. März 2017 09:43

@Marodeur

 "Wann beschäftigt sich hier endlich einmal ein Beitrag intensiv mit der "Russifizierung" in der ehemaligen Sowjetunion"?

Mit einem "intensiven" Beitrag kann ich nicht dienen, aber einige Worte zum Thema sagen kann ich schon. Das Ausmass der Russifizierung wurde und wird im Westen oft überschätzt. Alle Sowjetvölker hatten das Recht auf die Wahrung und Pflege ihrer Sprache; viele Sprachen kleinerer Nationen wurden erst in der Sowjetzeit verschriftet und ihre Grammatik kodifiziert; in den Baltenstaaten, ebenso in Armenien und Georgien mit ihrer alten Kultur, wurde der Schulunterricht durchwegs in der Muttersprache abgehalten.

Daneben wurde natürlich Russisch unterrichtet, und wer diese Sprache nicht fliessend beherrschte, machte nirgends Karriere. Es liegt auf der Hand, dass ein Vielvölkerstaat eine Leitkultur und eine Leitsprache braucht, die in aller Regel identisch mit der Kultur und Sprache des grössten Bevölkerungsteils ist, und das waren in der UdSSR eben die Russen, so wie sie es heute in der Russischen Föderation sind.

Was den Esten, Letten und Litauern sauer aufstiess, war die massenhafte Ansiedlung von Russen nach dem 2. Weltkrieg (in Litauen weit weniger intensiv als in den beiden anderen baltischen Republiken). Hiermit wurde gewissermassen eine Zeitbombe gelegt, da in Estland und Lettland die Spannungen zwischen "denen, die schon lange hier sind" und "denen, die noch nicht so lange hier sind" (um es in der Merkelsprache zu sagen) weiter schwelen. 

Die Russen werden in Estland und Lettland zwar nicht gerade unterdrückt, aber doch in mancher Hinsicht benachteiligt. Dies ist zum Teil ihre eigene Schuld; ein Grossteil der Russen kann die dortige Landessprache nicht und hat auch nicht die Absicht, sie zu lernen. Die jungen Russen sprechen natürlich Estnisch bzw. Lettisch bzw. Litauisch, da sie es von der Primarschule an gelernt haben.

Auch als ausgewiesener Russophiler kann man die Russen durchaus nicht von einer gewissen Mitverantwortung für ethnische Spannungen freisprechen. Als die Krim noch ukrainisch war, weigerten sich die allermeisten dortigen Russen eisern, ukrainisch zu lernen, und wollten es auch nicht verstehen; sie sahen sich in der Regel keine ukrainischen Filme an, "weil wir die Sprache nicht können". Dabei ist der Unterschied zwischen Ukrainisch und Russisch kleiner als zwischen Deutsch und Holländisch; auch wer nie Ukrainisch studiert hat, versteht, wenn er Russisch kann, einen geschriebenen Text auf Ukrainisch zu mindestens 75% und kann einer Unterhaltung zwischen zwei Ukrainern wenigstens teilweise folgen - wenn er nur will. 

Die Sowjetunion bot also ein anschauliches Beispiel für die Gefahren einer multikulturellen" Gesellschaft. Immerhin, Balten und Russen sind Europäer mit einer christlich geprägten Kultur, und die Kluft zwischen ihnen ist nicht im entfernstesten mit denen zwischen Deutschen und muslimischen Arabern, Türken oder Afrikanern zu vergleichen. An den Demonstrationen gegen die von der EU geplante Ansiedlung von "Flüchtlingen" aus dem Nahen Osten beteiligten sich übrigens Letten und Russen gemeinsam.

"Wenn der Mohr kommt, ist dir sogar der blonde Russe ein Bruder", lautet ein usbekisches Sprichwort.

marodeur
7. März 2017 10:26

@Der_Jürgen:

Vielen Dank für die gute Zusammenfassung und ganz besonders für das eingängige Sprichwort. Ich kann ein wenig russisch, habe aber mit dem Ukrainischen meine Schwierigkeiten. Im Russischen gibt es 6 Fälle und eine endlose Zahl von Ausnahmen. Die Ukrainer verwenden 7 Fälle und erweitern die Zahl der Ausnahmen noch mal deutlich - im Endeffekt klingt das vielleicht wie ein komplexeres Holländisch für uns.

Der_Jürgen
8. März 2017 10:53

@marodeur

Hat zwar nichts mit dem Thema zu tun, aber vielleicht wird es doch freigeschaltet: Wenn Sie als sprachinteressierter Mann Russisch und Ukrainisch schwierig finden, dann lernen Sie Georgisch. Dann werden Sie wissen, was schwierig ist. Und man kann Sie vielleicht sogar noch als Nato-Verbindungsoffizier nach Tiflis senden, damit Sie Ihren Beitrag zur Verteidigung der Freien Welt leisten können...

marodeur
8. März 2017 18:53

@Der_Jürgen

"Und man kann Sie vielleicht sogar noch als Nato-Verbindungsoffizier nach Tiflis senden, damit Sie Ihren Beitrag zur Verteidigung der Freien Welt leisten können..."

Jetzt wird es gespenstisch: Mein Vater war mal als NVA-Verbindungsoffizier in Georgien ... wenn auch mit gegenteiliger Aufgabe. Seltsam nicht? Überhaupt seltsam in zwei System gelebt zu haben. Bin gespannt, ob die Westdeutschen dieses Gefühl auch so tief prägen wird, wenn es "wieder mal anders kommt" (wie man im Osten sagt).

Unser kleiner Dialog entfernt sich immer weiter von der Thematik des Beitrags. Hoffe auch, dass die Freischalterei nicht zur Last wird.

Gotlandfahrer
9. März 2017 11:06

Wenn man generell 'Kultur' (und auch 'Rasse') gegen 'Verhalten und Loyalität' ersetzt, könnte die Debatte ein Stück konkreter und unaufgeregter verlaufen.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.