Alphabet rechten Denkens: was dagegen?

Der ZEIT-Journalist Thomas Assheuer buchstabiert das rechte Denken satirisch aus und verfehlt dabei die Satire, nicht das rechte Denken.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Sati­re ist defi­nier­bar als eine

Kunst­form, die poli­tisch-gesell­schaft­li­che und all­ge­mein­mensch­li­che Miß­stän­de und Unzu­läng­lich­kei­ten ver­spot­tet und kri­ti­siert. […] Sati­re par­odiert, tra­ves­tiert und per­si­fliert. Sie ist ein­sei­tig, pole­misch, nicht sel­ten aggres­siv. Kurz­um: Es ist nicht ihre Auf­ga­be, ihrem Gegen­stand Gerech­tig­keit wider­fah­ren zu lassen.

Sati­re kann oft miß­lin­gen. Dann ist sie ent­we­der unlus­tig und ver­fehlt ihr Publi­kum, oder sie ist zu her­me­tisch und ver­fehlt ihr Publi­kum. Oder sie ist blo­ße Pöbe­lei, dann vefehlt sie das Spe­zi­fi­sche ihres Gegenstandes.

Sel­ten gelingt der Sati­re, was Tho­mas Ass­heu­er in der aktu­el­len ZEIT gelun­gen ist. Sei­ne Sati­re ist wahr. Per­for­ma­tiv ist gute Sati­re immer “wahr”, in dem Sin­ne, daß der Leser das Typi­sche, Aus-dem-Leben-Gegrif­fe­ne, Kon­den­sier­te erfaßt, das sich in sei­ner Reak­ti­on “Ist doch so!” aus­drückt. Ass­heu­ers Sati­re löst aber eben nicht die­sen per­for­ma­ti­ven Effekt der Gat­tung Sati­re aus, son­dern sie ist schlicht wahr. Und damit ist sie – kei­ne Satire.

Er brei­tet auf zwei ZEIT-Sei­ten unter lila (?) Frak­tur­über­schrif­ten die 26 Buch­sta­ben aus, die zum aktu­el­len “Alpha­bet des rech­ten Den­kens” gehö­ren. Die­se wären: Alter­na­ti­ve, Arka­num der Macht, Dekon­struk­ti­on, Den Sumpf aus­trock­nen, Ehre statt Wür­de, Ent­schei­dung, Estab­lish­ment, Evo­lu­ti­on, Gesell­schaft, Klün­gel­ka­pi­ta­lis­mus, Kor­rekt­heits­ter­ror, Leben, Libe­ra­lis­mus, Lügen­pres­se, Mythos, Neue Ord­nung, Nihi­lis­mus, Pola­ri­sie­rung, Post­west­lich, Raum, Sou­ve­rä­ni­tät, Umvol­kung, Volks­ge­mein­schaft, Volks­kul­tur, Volks­wirt­schaft, Wah­re Demo­kra­tie. Die gan­ze Fibel fin­det man hier.

Raum

Rech­tes Den­ken ist Raum­den­ken. Im Inter­es­se ihrer Selbst­er­hal­tung muss jede Kul­tur in einem umgrenz­ten Raum ver­wur­zelt sein und darf sich nie­mals mit frem­den Ele­men­ten ver­mi­schen. Ob ein ortho­do­xes Eura­si­en, ein isla­mi­sches Sul­ta­nat oder ein christ­li­ches Abend­land: Ent­schei­dend ist die geschlos­se­ne Ein­heit von Kul­tur und Raum. Von Anfang an war die vom Wes­ten erfun­de­ne Glo­ba­li­sie­rung ein Angriff auf den natio­na­len Raum; die angel­säch­si­schen See­mäch­te schwäch­ten die Selbst­be­stim­mung der land­ge­bun­de­nen Völ­ker und unter­war­fen sie den impe­ria­lis­ti­schen Ideen von Frei­heit, Gleich­heit, Gerech­tig­keit. Die Auf­lö­sung fes­ter Gren­zen pul­ver­sier­te die alten Rei­che und alten Staa­ten. Nach der Deter­ri­to­ria­li­sie­rung der Räu­me war die Macht nun über­all und nir­gends: bei der EU, der WTO, dem IWF – nur nicht beim Volk. Glo­ba­li­sie­rung ist Nie­man­ds­herr­schaft, the rule of nobo­dy. Künf­tig sind die Natio­nen wie­der das, was sie von Anfang an waren: souverän.

Irgend­was dage­gen? Das ist eine Essenz aus Schmitt, Hun­ting­ton und einer Pri­se Agam­ben. Wer könn­te das “sar­kas­tisch” fin­den, wie die Dis­ku­tan­ten im Deutsch­land­ra­dio in ihrer Feuil­le­ton­le­se loben? Schrie­ben wir ein ähn­lich kurz­ge­hal­te­nes ernst­haf­tes Pixi­büch­lein rech­ter Kern­ge­dan­ken, der Arti­kel “Raum” dürf­te jeden­falls das Lek­to­rat durch­aus passieren.

Alter­na­ti­ve

Die Rech­te ist kei­ne Reform­be­we­gung, sie ist eine revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung. Sie ist kei­ne Alter­na­ti­ve im, son­dern eine Alter­na­ti­ve zum Sys­tem: zu Libe­ra­lis­mus, Kos­mo­po­li­tis­mus und Glo­ba­li­sie­rung. Legi­ti­miert ist die rech­te Revol­te durch das Volk. Wäh­rend die ‘Par­tei­en von Davos’ in ihrer gren­zen­lo­sen Gier nur eigen­nüt­zi­ge Inter­es­sen ver­fol­gen, spricht aus dem rech­ten Poli­ti­ker die unver­fälsch­te Stim­me des Vol­kes. Das gilt auch für Donald Trump. Weil in ihm das rei­ne Herz des Vol­kes schlägt, war er der legi­ti­me Prä­si­dent, noch bevor er vom Volk legal gewählt wur­de. Das Herz des Vol­kes schlägt immer rechts. Aus die­sem Grun­de has­sen weh­lei­di­ge Libe­ra­le den Wil­len des Vol­kes und ertra­gen ihn nur in demo­kra­tisch ver­dünn­ter Emul­si­on. Sie ver­wäs­sern ihn durch Rechts­staat und Gewaltenteilung.

Die­sem Buch­sta­ben des rech­ten Alpha­bets merkt man wenigs­tens an, daß er sati­risch gemeint sein soll, erkenn­bar ist dies an den Adjek­ti­ven “unver­fälscht” und “rein” in “das rei­ne Herz”. Das ist wich­tig, denn sonst könn­te ja jemand anneh­men, ich hät­te mich über­haupt im Gen­re geirrt, wenn ich Ass­heu­ers Text für Sati­re hiel­te. Aber ansons­ten – what’s not to like? Der Buch­sta­be A wie “Alter­na­ti­ve” ist kein Hand­buch­ein­trag, son­dern sti­lis­tisch ein klei­nes Stück­chen Mani­fest. Die “revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung” fängt fast an, mir tief in mei­nem rei­nen Her­zen zu gefal­len, und die Dia­gno­se der libe­ra­len Trä­nen ist ganz pfiffig.

Ass­heu­er als Neue-Rech­te-Ver­ste­her macht sei­ne Arbeit gut und trägt theo­rie­his­to­ri­sche Hin­ter­grün­de vor (TUMULT in den 80er Jah­ren post­mo­dern, “Dekon­struk­ti­on” neu mit Ban­non gegen Der­ri­da, Lebens­phi­lo­so­phie 2.0 bei Putin) – nur ist das alles eines nicht: Sati­re. Deren Auf­ga­be liegt eben nicht dar­in, ihrem Gegen­stand Gerech­tig­keit wider­fah­ren zu las­sen. Ass­heu­er tut es. Wei­ten­teils jeden­falls, nur ein paar ganz klei­ne plum­pe Stil­mit­tel der Iro­nie (über Men­schen­rech­te: “gemein­ge­fähr­li­che Intel­lek­tu­el­le wie Moses, Sokra­tes und Jesus haben sie in die Welt gesetzt”) ver­ra­ten sein Kämp­fer­tum mit dem Strom, er will kri­tisch sein. Doch wie er rich­tig fest­stellt: der “Auf­stand gegen die herr­schen­de Klas­se kann nur aus einer Rich­tung kom­men: von rechts.” (Buch­sta­be: Establishment).

Bin­den wir also sein “Alpha­bet rech­ten Den­kens” als Antai­os-Pixi­büch­lein und gehen damit mal hau­sie­ren. Die Kon­sens­ge­sell­schaft (der Buch­sta­be fehlt) wird den­ken, das Werk wäre authen­tisch rechts. Denn nur der Erschei­nungs­ort – Feuil­le­ton der ZEIT – garan­tiert Ass­heu­er sei­ne ver­ständ­nis­in­ni­gen Sati­re­le­ser. Wir könn­ten damit was ande­res anfan­gen, wenn wir woll­ten, dan­ke Ihnen!

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (22)

Curt Sachs

6. März 2017 10:03

»Irgendwas dagegen?«

Ja. Schon im zweiten Satz: »jede Kultur … darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen.« Neben schlechtem Deutsch ist das auch inhaltlicher Galimathias.

Monika L.

6. März 2017 10:33

Ich habe nichts gegen das "Alphabet rechten Denkens". Großer Wurf, Herr Assheuer. Ein paar Korrekturen werden nötig sein. Bei RAUM hätte ich einen Verbesserungsvorschlag. Statt "Kultur - darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen" würde ich sagen - sollte sich nicht mit zu vielen fremden Elementen vermischen - oder: sollte sich nur mit den fremden Elementen mischen , die die die Kultur bereichern.....?!?!? Bereichern ?

"Wir leben in einer Zeit, in der Worte ihr Gewicht verlieren, wie das hin und wieder vorzukommen pflegt. ( Ernst Jünger)"

Bei ALTERNATIVE sehe ich komischerweise keinen Korrekturbedarf. Was ist an "unverfälschter Stimme" und "reinem Herz" satirisch gemeint ? Im Alphabet feministischen Denkens heißt es unter MUSLIMA: "Es gibt nur einen Mann, dem ich folge, und das ist mein geliebter Prophet Mohammed" ( Linda Sarsour) . Das ist doch auch keine Satire ! Selig die reinen Herzens sind und mit unverfälschter Stimme sprechen.

"Ein Gott braucht keine Ironie". Ernst Jünger

Ich bin gespannt auf weitere Buchstaben des rechten Alphabets.

Der_Jürgen

6. März 2017 10:46

 Ein Sommerfeld-Artikel und eine gute Tasse Kaffee am Morgen, und schon ist der Tag einigermassen gerettet.

Durch den Beitrag über die "Satire" des Herrn Thomas Assheuer neugierig geworden, nahm ich mir die Mühe, im "Zeit"-Archiv einige Artikel von ihm zu lesen. Fazit: Für einen "Zeit"-Journalisten ist der Mann überdurchschnittlich intelligent, er hat kein dickes, sondern nur ein relativ dünnes Brett vor dem Kopf, kann aber natürlich doch nicht über seinen Schatten springen. Deshalb gruselt es ihn beispielsweise angesichts der "unfassbaren" Tatsache, dass der Trump-Mann Steve Bannon unverhohlene Sympathie für Alexander Dugin bekundet. Dass immer mehr Menschen, und zwar durchaus nicht die dümmsten, von der Politcorrectness und den Dogmen und Lügen der "demokratischen" Gesellschaft restlos die Nase vollhaben und eine Rückkehr zu einer natürlicheren Ordnung anstreben, will Assheuer nicht in den Kopf.

Und wenn es ihm doch in den Kopf wollte, dürfte er es nicht schreiben, zumindest bei der "Zeit" nicht. "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" gilt ja nicht zuletzt für die Journalisten im "freisten Staat der deutschen Geschichte".

Der Gehenkte

6. März 2017 11:55

Die Satire funktioniert dann, wenn man bedenkt, daß Assheuer ein direkter Zögling von Habermas ist, der wiederum seit vielen Jahren diesen immer wieder nutzt, um Zugang zur Öffentlichkeit zu bekommen. In der Sloterdijk-Affäre war das gut zu besichtigen. Zuletzt hier: https://www.zeit.de/2016/29/eu-krise-brexit-juergen-habermas-kerneuropa-kritik/komplettansicht

Darin der wunderbare Satiresatz:

"Aber ich habe die Perspektive eines teilnehmenden Zeitungslesers und frage mich, ob sich der Schaumteppich der Merkelschen Politik der Einschläferung ohne eine gewisse Anpassungsbereitschaft der Presse über das Land hätte ausbreiten können."

Aber es kommt noch besser, ganz im Sinne des Artikels - Habermas sagt auch:

"Der gedankliche Horizont schrumpft, wenn nicht mehr in Alternativen gedacht wird."

Den laß ich mir in Landesfarben im Rahmen sticken und hänge ihn über den Küchenherd.

Marc_Aurel

6. März 2017 12:18

Sehr interessanter Artikel.

Ganz stehen lassen kann man das Ganze aber so auch nicht, jedenfalls nicht in jedem Punkt, in Hinblick auf das Antaios-Pixibüchlein, Zitat:

"Globalisierung ist Niemandsherrschaft, the rule of nobody."

Ein netter Versuch der Verharmlosung, in der globalisierten Welt herrscht sehr wohl jemand, nämlich die global agierenden Konzernnetzwerke und die hinter ihnen stehenden Oligarchen. Globalisierung ist kein Selbstzweck - Grenzen und Hindernisse werden aus einem bestimmten Grund beseitigt - damit diese Konzernvehikel möglichst reibungslos und barrierefrei über den von ihnen beherrschten Raum gleiten und dessen Ressourcen, inklusive der Arbeitskräfte, frei und ungehemmt, je nach Bedarf, immer wieder neu verteilen können. Globalisierung ist in ihrer Endausbaustufe nicht nur die Abwesenheit der Volksherrschaft, sondern meiner Ansicht nach die Vision von der Etablierung eines totalitären Sklavenhaltersystems, wie noch nie zuvor eines in der Geschichte existiert hat und vor dem es für den Einzelnen praktisch so gut wie kein Entrinnen mehr gibt.

Abgesehen von ein paar Punkten, sind aber auch sehr schöne Sätze in der "Satire" dabei, die man hätte besser kaum formulieren können, wie zum Beispiel:

"Die Rechte ist keine Reformbewegung, sie ist eine revolutionäre Bewegung. Sie ist keine Alternative im, sondern eine Alternative zum System: zu Liberalismus, Kosmopolitismus und Globalisierung. Legitimiert ist die rechte Revolte durch das Volk. Während die 'Parteien von Davos' in ihrer grenzenlosen Gier nur eigennützige Interessen verfolgen..."

Oder auch:

"Ob ein orthodoxes Eurasien, ein islamisches Sultanat oder ein christliches Abendland: Entscheidend ist die geschlossene Einheit von Kultur und Raum. Von Anfang an war die vom Westen erfundene Globalisierung ein Angriff auf den nationalen Raum; die angelsächsischen Seemächte schwächten die Selbstbestimmung der landgebundenen Völker und unterwarfen sie den imperialistischen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit. Die Auflösung fester Grenzen pulversierte die alten Reiche und alten Staaten. Nach der Deterritorialisierung der Räume war die Macht nun überall und nirgends: bei der EU, der WTO, dem IWF – nur nicht beim Volk."

Wobei man hier wieder an die Begriffe Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit Fußnoten anbringen und diese Begriffe zunächst einmal aus dem orwellschen Globalisten-Neusprech ins Deutsche übersetzen müsste.

marodeur

6. März 2017 12:24

"...Schon im zweiten Satz: »jede Kultur … darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen.« Neben schlechtem Deutsch ist das auch inhaltlicher Galimathias."

Wie @Curt Sachs richtig anmerkt, beginnt das Ganze gleich wieder mit einer Unverschämtheit. Da mag der Rest brauchbar oder in Teilen richtig sein. Mit dieser Einleitung dreht sich alles ins Absurde. Daraus spricht ganz eindeutig dieser elende Dispositivismus. Der "einäugige König" Assheuer hat den Reinheitswahn und den Fremdenhass in unserer Ideologie schonungslos aufgedeckt. Ganz großartig.

Dietrich Stahl

6. März 2017 12:51

Liebe Frau Sommerfeld, ein „Alphabeth rechten Denkens“ ist eine gute Idee – in Kombination mit der Besinnung und dem Vertrauen auf das Eigene. Den Deutschen wird oftmals fehlender Humor unterstellt. Wie gesagt, das ist eine bloße, nicht selten feindselig motivierte Unterstellung. Richtig ist, daß Satire dem deutschen Wesen fremd ist. Humor und Satire – das wäre einer genaueren Betrachtung wert. Die Zeit ist das Zentralorgan für die linksliberale Inteligenzija. Das kleine Wörtchen „für“ macht den Unterschied. Die Zeit ist nicht das Organ der linksliberalen Inteligenzija, auch wenn mindestens 99% der Leser das vermutlich träumen. काल, kāla ist das Sanskrit Wort für Zeit. Kali ist die Göttin der Zerstörung. Die Zeit – das Zentralorgan – wird von mächtigen Männern gesteuert. Nicht zufällig war Helmut Schmidt – befreundet mit Henry Kissinger, Eric M. Warburg, Paul Volcker, George Shultz, Lee Kuan Yew etc. – lange Jahre Herausgeber. Auch der jetzige Herausgeber Josef Joffe gehört in diese Riege. Seine heimtückische Bemerkung zu Donald Trump werden viele kennen.

https://www.pi-news.net/2017/01/joffe-zeit-ruft-zum-mord-im-weissen-haus-auf/  

Sehr pointiert gesagt ist alles, was in Die Zeit geschrieben ist, vergiftet. Hier wirken subtilere Gifte als in TV Nachrichten, Spiegel, Welt oder Bildzeitung – aber viel nachhaltigere. Es ist ein Prinzip der Homöopathie, das hier angewendet wird: Sehr niedrige [direkte] Konzentrationen für einfache Gemüter, sehr hohe [Verdünnungen/Verschüttelungen], aber viel wirksamere für die Inteligenzija. Seit etlichen Jahren lese ich keine Zeitungen/Zeitschriften mehr. So alle viertel Jahre lese ich eine Sonntagszeitung, meistens die Welt am Sonntag. Es ist meine Verantwortung, darauf zu achten, was ich zu mir nehme – in vielfacher Hinsicht. Bei mir ist es ein sehr mühseliger Prozess, mich von hinderlichen Haltungen, Angewohnheiten, Mustern, Vorurteilen,  Bequemlichkeiten, Bekanntschaften, Nahrungsmitteln etc. zu lösen. Loslassen. Sagt sich so einfach. Es wäre kontraproduktiv, wenn Antaios Texte aus Die Zeit verlegen würde. Selbst Adaptionen sind giftig. Man muß die Schlange nicht am eigenen Herzen nähren. Es besteht auch nicht die mindeste Notwendigkeit dafür. Das Eigene! Vertrauen in die eigene Kraft und Möglichkeiten entwickeln. Der rechtskonservative Autor, dem ein Projekt am Herzen liegt, kann dieses doch selbst entwickeln oder andere dafür begeistern. Das Eigene.

Maiordomus

6. März 2017 12:53

"Fremde Elemente"? Eigentlich war schon das indische Hakenkreuz ein solches, zu schweigen vom Jüdischen im Christlichen, wiewohl man "christlich-jüdisch" nicht als konsistentes Weltbild sehn sollte. Im übrigen war schon die Renaissance stets eine Vermischung von Eigenem und Fremdem, Jungem und Ganzaltem.

Umdenker

6. März 2017 13:23

"jede Kultur ... darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen."

Das mag man als satirische Zuspitung oder auch als Unverschämtheit lesen. Dass dieser Satz das neurechte "Lektorat durchaus passieren" dürfte, würde ich nach meiner bisherigen Lektüre der Sezession allerdings bezweifeln.
Oder liege ich da falsch?

Katzbach

6. März 2017 14:55

Gut gekontert, nicht mehr schwuler Aktivist, oder Jungle- König im Untertitel, sondern dreifache Mutter, oder vielleicht auch dreifache Trägerin der Mutterkreuzes

Das zum Thema Satire.

Caroline Sommerfeld: Das zum Thema hermetische Satire.

Martin Lichtmesz

6. März 2017 16:56

Lahm. Richtige Definitionen, die mit dem üblichen hartnäckigen, wie einprogrammierten Quark ("darf sich niemals mit fremden Elementen vermischen" ist schon einigen aufgefallen, oder "das reine Herz des Volkes") vermischt werden, um zu vernebeln, wie plausibel und normal das Gesagte ist.

Nemo Obligatur

6. März 2017 19:25

Das ganze Alphabet ist grotesk. Nur ganz wenige genuin rechte Begriffe finden sich dort. Vielleicht "Lügenpresse", "Korrektheitsterror" (PC oder "Tugendterror wären freilich treffender), "Umvolkung" und - na klar - "Volksgemeinschaft". Aber das war es dann auch schon.

"Ehre" z.B. wird oft von gewissen Bevölkerungskreisen zur Rechtfertigung abscheulicher Verbrechen missbraucht. "Entscheidung" würde wohl niemand irgendeiner politischen Ansicht zuordnen, ebenso wenig wie "Leben". Das Wort "postwestlich" habe ich noch nie gehört oder gelesen. Darauf hat Herr Assheuer vermutlich das Urheberrecht. Man kann dann das jetzt noch eine ganze Weile fortsetzen, aber ich denke, jeder hier erkennt das Muster.

Caroline Sommerfeld: Irrtum, @Nemo Obligatur, die meisten Ausdrücke entstammen bloß nicht dem tagespolitischen Geschäft ("postwestlich" hingegen schon, stammt vom russischen Außenminister Lawrow, auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar geäußert). Assheuer wildert am liebsten bei dem ihm so ungeheuer unheimlichen Denker Dugin und bei Steve Bannon und in der rechten Theorietradition (Leben und Entscheidung, auch Mythos und Nihilsmus gehören da hin). Seine gesamte Kompilation ist deswegen so grotesk (und "lahm" auch, @Lichtmesz), da haben Sie beide allerdings recht, weil er "das Muster" zu überzeichnen versucht, und es ihm eben nicht gelingt.

Wilmot

6. März 2017 21:57

"Der 'einäugige König' Assheuer hat den Reinheitswahn und den Fremdenhass in unserer Ideologie schonungslos aufgedeckt. Ganz großartig"

Reden wir hier jetzt noch von der Aufname kultureller Einflüsse wie beispielsweise dem Christentum -- damit gehe ich d'accord --, oder geht es eher darum, die globalistische Ideologie der Rassenmischung, die die Auflösung und Zerstörung der weißen, europäischen Völker zum Ziel hat, zu verteidigen? Ich hoffe doch sehr, daß die (europäische) Rechte letzteres entschieden ablehnt -- so wie es auch die Alt-Right tut.

Jürg_Jenatsch

6. März 2017 22:35

Während die 'Parteien von Davos' in ihrer grenzenlosen Gier nur eigennützige Interessen verfolgen, will auch die Mietschreiberling Assheuer vom reich gedeckten Tisch der Davosoligarchen ein paar Brosamen ergattern. Deshalb stellt er sein Talent diesen zur Verfügung. Unter geistig Zwergwüchsigen ragt auch der normalbegabte Assheuer intellektuell hervor. In diesem Zusammenhang fällt mir der Film Idiocracy ein, in dem ein durchschnittlicher Typ des Jahres 2005 2505 als geistiger Riese erscheint.

marodeur

6. März 2017 22:59

Apropos Russland, Umvolkung, Volkskultur: Wann beschäftigt sich hier mal ein Beitrag intensiv mit der Politik der "Russifizierung" in der ehemaligen Sowjetunion? Es sollte möglich sein, Analogien zur aktuellen Migrationskrise zu ziehen. Man möge mich belehren, falls es dergleichen schon geben sollte.

silberzunge

6. März 2017 23:01

Was für ein trostloses Dasein müssen diese Zeitungsleute fristen. Immerhin glauben die noch selbst daran, das Richtige zu tun.

Apropos Systempresse: Wer Muße hat, der sehe hier.

Der Feinsinnige

7. März 2017 00:51

Vielen Dank für Ihre gelungene Antwort auf den in gewisser Weise durchaus faszinierenden Artikel von Herrn Assheuer, sehr geehrte Frau Sommerfeld! Assheuers Text ist ein weiteres Beispiel dafür, daß viele Etabliert-Linke gar nicht mehr ansatzweise in der Lage sind, sich - wenn auch nur rein theoretisch - in die wachsende Oppostion in Deutschland hineinzuversetzen. Sonst wäre die gewollte Satire nicht so sehr nach hinten losgegangen. Ich habe Assheuers Text jedenfalls mit dem größten Vergnügen gelesen.

Hoffentlich kostet den guten Herrn Assheuer, der doch schon so lange "gegen rechts" schreibt, Ihr Artikel und diese Diskussion hier nicht den Job? :)

Der_Jürgen

7. März 2017 09:43

@Marodeur

 "Wann beschäftigt sich hier endlich einmal ein Beitrag intensiv mit der "Russifizierung" in der ehemaligen Sowjetunion"?

Mit einem "intensiven" Beitrag kann ich nicht dienen, aber einige Worte zum Thema sagen kann ich schon. Das Ausmass der Russifizierung wurde und wird im Westen oft überschätzt. Alle Sowjetvölker hatten das Recht auf die Wahrung und Pflege ihrer Sprache; viele Sprachen kleinerer Nationen wurden erst in der Sowjetzeit verschriftet und ihre Grammatik kodifiziert; in den Baltenstaaten, ebenso in Armenien und Georgien mit ihrer alten Kultur, wurde der Schulunterricht durchwegs in der Muttersprache abgehalten.

Daneben wurde natürlich Russisch unterrichtet, und wer diese Sprache nicht fliessend beherrschte, machte nirgends Karriere. Es liegt auf der Hand, dass ein Vielvölkerstaat eine Leitkultur und eine Leitsprache braucht, die in aller Regel identisch mit der Kultur und Sprache des grössten Bevölkerungsteils ist, und das waren in der UdSSR eben die Russen, so wie sie es heute in der Russischen Föderation sind.

Was den Esten, Letten und Litauern sauer aufstiess, war die massenhafte Ansiedlung von Russen nach dem 2. Weltkrieg (in Litauen weit weniger intensiv als in den beiden anderen baltischen Republiken). Hiermit wurde gewissermassen eine Zeitbombe gelegt, da in Estland und Lettland die Spannungen zwischen "denen, die schon lange hier sind" und "denen, die noch nicht so lange hier sind" (um es in der Merkelsprache zu sagen) weiter schwelen. 

Die Russen werden in Estland und Lettland zwar nicht gerade unterdrückt, aber doch in mancher Hinsicht benachteiligt. Dies ist zum Teil ihre eigene Schuld; ein Grossteil der Russen kann die dortige Landessprache nicht und hat auch nicht die Absicht, sie zu lernen. Die jungen Russen sprechen natürlich Estnisch bzw. Lettisch bzw. Litauisch, da sie es von der Primarschule an gelernt haben.

Auch als ausgewiesener Russophiler kann man die Russen durchaus nicht von einer gewissen Mitverantwortung für ethnische Spannungen freisprechen. Als die Krim noch ukrainisch war, weigerten sich die allermeisten dortigen Russen eisern, ukrainisch zu lernen, und wollten es auch nicht verstehen; sie sahen sich in der Regel keine ukrainischen Filme an, "weil wir die Sprache nicht können". Dabei ist der Unterschied zwischen Ukrainisch und Russisch kleiner als zwischen Deutsch und Holländisch; auch wer nie Ukrainisch studiert hat, versteht, wenn er Russisch kann, einen geschriebenen Text auf Ukrainisch zu mindestens 75% und kann einer Unterhaltung zwischen zwei Ukrainern wenigstens teilweise folgen - wenn er nur will. 

Die Sowjetunion bot also ein anschauliches Beispiel für die Gefahren einer multikulturellen" Gesellschaft. Immerhin, Balten und Russen sind Europäer mit einer christlich geprägten Kultur, und die Kluft zwischen ihnen ist nicht im entfernstesten mit denen zwischen Deutschen und muslimischen Arabern, Türken oder Afrikanern zu vergleichen. An den Demonstrationen gegen die von der EU geplante Ansiedlung von "Flüchtlingen" aus dem Nahen Osten beteiligten sich übrigens Letten und Russen gemeinsam.

"Wenn der Mohr kommt, ist dir sogar der blonde Russe ein Bruder", lautet ein usbekisches Sprichwort.

marodeur

7. März 2017 10:26

@Der_Jürgen:

Vielen Dank für die gute Zusammenfassung und ganz besonders für das eingängige Sprichwort. Ich kann ein wenig russisch, habe aber mit dem Ukrainischen meine Schwierigkeiten. Im Russischen gibt es 6 Fälle und eine endlose Zahl von Ausnahmen. Die Ukrainer verwenden 7 Fälle und erweitern die Zahl der Ausnahmen noch mal deutlich - im Endeffekt klingt das vielleicht wie ein komplexeres Holländisch für uns.

Der_Jürgen

8. März 2017 10:53

@marodeur

Hat zwar nichts mit dem Thema zu tun, aber vielleicht wird es doch freigeschaltet: Wenn Sie als sprachinteressierter Mann Russisch und Ukrainisch schwierig finden, dann lernen Sie Georgisch. Dann werden Sie wissen, was schwierig ist. Und man kann Sie vielleicht sogar noch als Nato-Verbindungsoffizier nach Tiflis senden, damit Sie Ihren Beitrag zur Verteidigung der Freien Welt leisten können...

marodeur

8. März 2017 18:53

@Der_Jürgen

"Und man kann Sie vielleicht sogar noch als Nato-Verbindungsoffizier nach Tiflis senden, damit Sie Ihren Beitrag zur Verteidigung der Freien Welt leisten können..."

Jetzt wird es gespenstisch: Mein Vater war mal als NVA-Verbindungsoffizier in Georgien ... wenn auch mit gegenteiliger Aufgabe. Seltsam nicht? Überhaupt seltsam in zwei System gelebt zu haben. Bin gespannt, ob die Westdeutschen dieses Gefühl auch so tief prägen wird, wenn es "wieder mal anders kommt" (wie man im Osten sagt).

Unser kleiner Dialog entfernt sich immer weiter von der Thematik des Beitrags. Hoffe auch, dass die Freischalterei nicht zur Last wird.

Gotlandfahrer

9. März 2017 11:06

Wenn man generell 'Kultur' (und auch 'Rasse') gegen 'Verhalten und Loyalität' ersetzt, könnte die Debatte ein Stück konkreter und unaufgeregter verlaufen.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.