Sezession
9. März 2017

Gut und Böse, nichtphilosophisch

Felix Menzel / 10 Kommentare

Entscheidend ist daher sowohl für die Betrachtung der Gegenwart als auch Vergangenheit, was man unter "gut" und "böse" versteht.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Gleich vorweg: Die Hitler-Äußerungen von Björn Höcke waren weder gut noch böse, wie es die bundesdeutsche Skandalokratie jetzt herbeischreiben will. Sie waren allenfalls eine politisch-strategische Dummheit, die einem Mann wie Höcke nicht unterlaufen darf.

Im Gegensatz zum "Denkmal der Schande" hat er in dem Interview mit dem Wall Street Journal in aller Deutlichkeit betont, daß es bei Hitler eigentlich nichts Gutes zu finden gibt, aber "rein philosophisch gesehen" eben jeder Mensch vielschichtig zu beurteilen sei. Unter normalen Umständen hätte sich niemand für diese differenzierte und zugleich banale Erklärung interessiert, aber "normal" ist bekanntlich schon lange so gut wie nichts mehr – auch in patriotischen Kreisen.

Aber nun endlich zur Sache: Diese vollkommen unnötig aufgeblasene Diskussion offenbart, daß wir keine Vorstellung mehr vom Guten und Bösen haben. Ich halte auch nichts davon, diese Frage relativistisch zu individualisieren oder sie als unlösbar zu erachten. Wir müssen sie vielmehr zuspitzen, um damit die politischen Gegner von der hypermoralischen Front und die Anhänger der grenzenlosen Beliebigkeit stellen zu können.

In Abgrenzung zur technischen Güterproduktion und zu denen, die das Gute "mit dem Zeitgemäßen gleichgesetzt" haben, versteht der Philosoph Helmut Kuhn in seinem Werk Der Staat (1967) die selbstlose Fokussierung auf den Gemeinsinn darunter. Drei Elemente nehmen dabei eine besondere Rolle ein: die "Bereitschaft zu öffentlicher Tätigkeit, und das heißt: zu freiwilligem Dienst an der Gemeinschaft", Selbsthingabe statt "Selbstbehauptungswut" sowie der Bezug zum praktischen Leben, womit eine "Überordnung der Ethik zur Politik als eine moralische Vergewaltigung des Wirklichen" vermieden werden muß.

Kuhn nimmt an, daß es so etwas wie eine "Schwerkraft der Seele" gibt, die uns dunkel bewußt sei und uns den rechten Weg weise. Staatlichkeit sei ein Wesenszug des Menschen, den die äußere Ordnung jedoch zur Geltung bringen müsse.

Allein wenn wir dieser Herangehensweise von Kuhn folgen, läßt sich bei Hitler schon etwas Gutes finden. Er ist freiwillig in die Politik gegangen und hat die Bereitschaft zu einer öffentlichen Tätigkeit aufgebracht. Diese gute Eigenschaft müssen wir uns übrigens gerade in der Demokratie bewahren, weil sie sonst zwangsläufig untergeht. Daß dies zugleich aber katastrophale Folgen haben kann, ist doch vollkommen klar und steht überhaupt nicht zur Disposition.

Die Gegenwart läßt sich mit diesen identifizierten Elementen des Guten ebenfalls klarer sehen: Das Gute streben diejenigen an, die konkret etwas zum Leben ihres Volkes beisteuern, ohne dabei eine Belohnung sehen zu wollen. Wer dagegen nur an die Weltgesellschaft denkt und das Abstrakte dem Konkreten vorzieht, handelt maximal mit guten Absichten, die sich fatal auswirken können.

Die Möglichkeit, sich selbst etwas Gutes zu tun – die Parole des individualistischen Liberalismus –, ist mit der Definition von Kuhn auch ausgeschlossen, obwohl er zugleich mit allen Ganzheitslehren hart ins Gericht geht und von einem guten Staat insbesondere Selbstbeschränkung erwartet.

Im Gegensatz zum Begriff des Bösen, der aufgrund der Abkehr von der Religion in der westlichen Welt völlig deformiert wurde, läuft das Gute auf Krücken noch weiter und hat lediglich seine äußeren Bezüge (Heimat, Volk, Nation und die eigene Kultur) verloren. Das Böse zu benennen, ist somit noch schwerer, wobei es sich im politischen Sinn eigentlich aus dem Guten logisch ergibt.

Es handelt sich um die Gleichgültigkeit und eben nicht um einen Teufel, der durch die Gegend spaziert, Menschen verführt und seine Feinde ausrottet. Für Hannah Arendt, die 1965 in New York eine vielbeachtete Vorlesung Über das Böse hielt, war diese Art des Teufels nur ein gewöhnlicher, altmodischer Verbrecher. In der Moderne versteckt sich das Böse aber viel besser. Arendt erklärt dazu:

Das größte Böse ist nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins unvorstellbar Extreme entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten.

Die Gleichgültigkeit ist also so gefährlich, weil sie auf einer Entwurzelung des Menschen aufbaut. Wer keine eigenen Traditionen mehr kennt, kann sich auch an nichts mehr erinnern und ist unfähig zu dem kritischen Zwiegespräch vor dem Spiegel.

Dieses ist das letzte Mittel, was die Beteiligung an Unheil verhindern kann, wenn die staatlichen Vorkehrungen versagen. Etiam si omnes, ego non.

Arendt geht jetzt noch einen Schritt weiter. Die Entmenschlichung der Opfer ist für sie nur möglich, weil sich vorher die Täter freiwillig selbstentmenschlicht haben. "Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemandem getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein", schreibt sie deshalb.

Die Niemandsherrschaft der Bürokraten in Berlin, Brüssel und anderswo kann deshalb mit Fug und Recht als "böse" bezeichnet werden. Die Unmöglichkeit, die tatsächlich Verantwortlichen unseres Hydra-Systems zu identifizieren, sollte einen dabei genauso nachdenklich stimmen wie die Gleichgültigkeit der Mehrheit unseres Volkes dieser Tatsache gegenüber.

Die "Banalität des Bösen" liegt heute darin begründet, daß die Abschaffung Deutschlands vom niederen genauso wie vom hohen Staatsadel betrieben wird. Gemeint sind damit z.B. Beamte, die es mit der Altersfeststellung von "Flüchtlingen" nicht so genau nehmen, Richter, die illegale Einwanderung bagatellisieren, und all diejenigen, die den Migranten in Nordafrika durch ihr Gutmenschentum "den geladenen Revolver in die Hand" drücken (Paul Collier).

Adolf Hitler dient bei all diesen Schandtaten als Entlastung. Indem durch politisch korrektes Urteil feststeht, daß er – und nur er – das "absolut Böse" verkörpert, haben all die schwachen Existenzen, die lediglich zur Anpassung fähig sind, den perfekten Grund gefunden, ihre eigene Unmündigkeit zu legitimieren.

Was heißt dies aber für die politische Auseinandersetzung der Gegenwart? Wir müssen das tatsächlich Gute und Böse erkennen und benennen, ohne Nebenkriegsschauplätze aufzumachen. Wir sind die Guten, die selbstlos in diesem Staat anpacken und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal unseres Landes beenden werden. So viel Selbstbewußtsein muß auf jeden Fall sein!


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Kommentare (10)

Tweed
9. März 2017 13:26

Ihren Ausführungen muss ich energisch widersprechen. Gut und Böse sind moralische Distinktionen. Die moralische Unterscheidung ist eine Form des Universalismus. Gerade im letzten Artikel von Martin Sellner wurde diese fundamentale Problematik bezüglich des Nationalismus thematisiert. Moralische Werte existieren (für die Universalisten und Moralisten) in einem platonischen Himmel, in einer Welt des Sollens, die von der Welt des Seins durch eine Kluft getrennt ist. Die Moralphilosophie hat sich also immer zwei Fragen gestellt: 1. gibt es eine solche Welt der reinen Werte tatsächlich? 2. wenn ja, haben wir zu diesen Wahrheiten epistemischen Zugang? Ich glaube, dass wir in dieser Frage aber nicht mehr hinter Nietzsche zurückfallen sollten. Er hat klargemacht, was es heißt, nach der Unterscheidung Gut und Böse zu leben: Es ist der Mensch des Ressentiments. Es ist eine entschiedene Verneinung des Lebens! Die Alternative ist die aristokratische Unterscheidung zwischen gut und schlecht, also genau eine Art und Weise zu leben, welche von Rangordnungen ausgeht und zwar indem sie sich selbst zuerst setzt, was einfach in der Natur der Dinge, kurz in unserer Perspektive liegt. Der entscheidende Punkt nach Nietzsches hervorragender Analyse ist: Der Moralist sagt „ich bin gut weil du böse bist“. Der Werte-Aristokrat sagt „ich bin gut“ (und hier könnte schon ein Punkt gesetzt werden), aber in der Realität ist eben die Abgrenzung wichtig: der Feind ist schlecht, aber nicht böse. ("Jenseits" im Schnelldurchgang) Am Schluß Ihres Artikels sagen Sie es selbst: Wir sind die Guten. Es geht ja nicht darum, dass wir das Wort "böse" verbieten sollten. Solche "semantischen Korrektheiten" sind Methoden des Gegners. Aber in der theoretischen Auseinandersetzung sollten wir das Bewusstsein schärfen. Diese ganze Geschichte mit Höcke finde ich deshalb so ärgerlich, dass man sich auf die geistige Niveaulosigkeit des Gegners einlässt, anstatt in den Angriff überzugehen: Dem linken und liberalen Gegner nachzuweisen, dass er dumm ist. Immer wieder und immer wieder. Man muss nicht nur partielle kulturelle Bereiche metapolitisch zurückerobern, sondern das Geistige als Ganzes. Auch die Philosophie, die Semantik und also auch die schärfste geistige Waffe, die Argumentation, also die Logik. Sonst passiert nämlich immer wieder das gleiche.

tOm~!
9. März 2017 13:27

Was, bei allem Respekt, interessiert es mich, was Hannah Arendt schrieb? Sie könnte man gut mit Geschichtsfälschung, also mit dem Bösen in Verbindung bringen, mit "renommierten" Historikern, die von demokratischen Politikern ermuntert, in ihrem Namen die Opferzahlen bei der Zerstörung Dresdens mutwillig herunter gerechnet haben. Was diese Person "Über die Revolution" schrieb, hilft uns Deutschen nicht weiter. Den Ausgangspunkt für den Kampf zwischen Gut und Böse könnte man mal bei Papst Leo VIII. und "Humanum Genus" suchen.

Caroline Sommerfeld
9. März 2017 17:57

Zuerst einmal - warum "nichtphilosophisch", was denn sonst? Dieser Frage kann man sich nicht anders nähern. Ich fürchte bloß, daß Sie mit Arendt nicht besonders weit kommen.

Das größte Böse ist nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins unvorstellbar Extreme entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten.

Die Gleichgültigkeit ist also so gefährlich, weil sie auf einer Entwurzelung des Menschen aufbaut.

Hannah Arendt bezieht sich hier auf Kants Vorstellung vom "radikal Bösen", und nicht auf die Entwurzelung des modernen Menschen. Das radikal Böse ist bei Kant deswegen radikal, weil es ein Akt der Freiheit ist. Wer in den Kontingenzen seiner Natur (dem "krummen Holze", wie es bei Kant heißt) gefangen ist, und deswegen äußerlich böse Handlungen vollzieht, ist nicht "radikal" böse. Heute würde man sagen, die "gesellschaftlichen Verhältnisse" haben ihn bestimmt. Wer sich hingegen bei freier Entscheidungsmöglichkeit zwischen Gut/Böse für "böse" entscheidet, tut dies aus Vernunft, aber schließlich gegen sie. Denn selbsterhaltend ist nur das Gute, das Böse von seinem Gegenteil abhängig. Kants These ist systemtheoretisch wiederum nicht haltbar, das lassen wir das für den Moment.

Daß wir selber die Guten sind, ist doch sinnlich evident ;-), die Wahren, Guten und Schönen. Das Böse mit Kant zu begründen, so daß wer böse ist, seine Freiheit verwirft, führt aber m.E. zumindest soweit, daß man erkennen kann: böse ist, was weitere Entscheidungen aus Freiheit unmöglich macht.

Harald
9. März 2017 20:07

Die Systemmedien werfen das Stöckchen und fast alle springen hinterher.An Björn Höcke scheiden sich die echten Rechten von den falschen Rechten.

Findling
9. März 2017 21:53

Das Kernelement eines jeden Volkes ist die Familie, ihm folgt dicht auf die Sippe, dann der Stamm. Aber je weiter es von der Familie abgeht, desto eher ist Feindesland, desto „böser“ wird es.

Völker wie die Deutschen mit einem ehemals starken Wir-Gefühl, haben nur kleinsträumige Vernetzungen. Orientalisch geprägte Gesellschaften setzen traditionell auf Großsippen (Bin-Laden-Clan, Kurdenclans ...). Die Altbürger sind unterlegen, da atomisiert, die Neubürger stammesbewusst und in Verbänden organisiert. So können deutlich schwächere Gruppen über Massen herrschen, so sie den höheren Organisationsgrad und den Willen zur Macht haben. Der Islam ist dem Christentum politisch weit überlegen.

Selbsthingabe anstelle von Selbstbehauptung erwartet ein Bischof Overbeck [ "dass wir nicht für Abschottung und Selbstbehauptung stehen, sondern Räume der Freundschaft für Menschen auf der Suche nach Sicherheit … ( https://www.domradio.de/themen/caritas/2015-09-20/zum-caritassonntag-fordert-bischof-overbeck-bessere-fluechtlingshilfe )]. Er drückt mir eine Spitzhacke in die Hand und spricht: „Mein Sohn, wir wollen das alte deutsche Haus abbrechen und dann ein viel schöneres erbauen. Packen wir´s an! Aber nicht mir mürrischem Gesicht. Fröhlich, ein Psalm auf den Lippen: Der Herr weidet mich auf grünen Auen …“ Aber es folgt nur eine wölfische Steppe. Die Kirchen stehen für das Gaukeln, das Schlängeln und die Judasküsslein des gesamten politischen Systems. Lediglich kleine, versprengte Gruppen ohne wirkliche Aussicht auf Gestaltung unserer Zukunft wie hier auf Sezession irren gleich Erinnerungen durchs Moor. Teilnahme an öffentlicher Tätigkeit heißt doch seinen Kopf an eine Mauer zu schlagen oder aber als Entsorger des Eigenen engagiert zu sein.

Nach menschlichem Ermessen ist dem Mahlstrom nicht mehr zu entkommen, es sei denn ein Donar schleuderte seinen Hammer der Schlange aufs Haupt. Wer das Böse von Hitler beschwört, braucht nicht selten ein „haltet den Dieb“.

Kardinal Ratzinger berichtete von einer Erinnerung (Focus anno?), die in seiner oberbayrischen Heimat zirkulierte. Hitler sei fahl im Gesicht am Tisch sitzend vorgefunden worden. Angesprochen habe er gestammelt: „Er war wieder da!“ „Wer?“ „ER“. Ratzinger deutete an, Hitler habe sich dem Dämon verschrieben. Dabei wäre Hitler in ganz nobler Gesellschaft: Adam Weishaupt und Karl Marx, Lenin und Stalin, Mao und Präsident X … Aktuell: https://www.epochtimes.de/politik/welt/der-dunkle-ursprung-des-kommunismus-satanismus-illuminaten-und-ihr-hass-auf-die-welt-a2065872.html

Der Teufel als Personifizierung des Bösen wurde schon oft verabschiedet. Er ist immer noch da.

Der Feinsinnige
10. März 2017 02:32

Sehr geehrter Herr Menzel, Sie schreiben u.a.:

„Allein wenn wir dieser Herangehensweise von Kuhn folgen, läßt sich bei Hitler schon etwas Gutes finden. Er ist freiwillig in die Politik gegangen und hat die Bereitschaft zu einer öffentlichen Tätigkeit aufgebracht. Diese gute Eigenschaft müssen wir uns übrigens gerade in der Demokratie bewahren, weil sie sonst zwangsläufig untergeht. Daß dies zugleich aber katastrophale Folgen haben kann, ist doch vollkommen klar und steht überhaupt nicht zur Disposition.“

Es tut mir leid, aber dem kann und will ich nicht folgen. Ich verstehe zwar vermutlich, was Sie sagen wollen, nämlich den in einer Demokratie (die Deutschland ja zu der fraglichen Zeit in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zweifellos war) grundsätzlich positiven Impuls, in die Politik zu gehen, von den späteren Folgen dieses Impulses zu abstrahieren. Diese Abstraktion bei einer Person wie Hitler ist nicht möglich, und zwar unabhängig von allen geschichtsphilosophischen Überlegungen, die theoretisch noch so berechtigt sein mögen (natürlich gibt es nicht das „absolut Böse“ in der Geschichte, welches auch Björn Höcke laut JF-Meldung verneint haben soll, vgl. Artikel von Götz Kubitschek, „Politischer Waschzwang“ auf diesem Block). Aber das bedeutet doch nicht, daß man bei einer Person wie Hitler (oder Stalin oder Pol Pot oder meinetwegen Nero oder oder oder) eine solch banale Regung, wie diejenige, in die Politik zu gehen, als „etwas Gutes“ bezeichnen kann. Hätten Hitler oder die anderen Genannten dieser Regung doch bloß nicht nachgegeben – das wäre gut gewesen, jedenfalls besser für die Menschheit!

Mich ärgert an der ganzen Diskussion folgendes:

Erstens ist der vollständige Wortlaut der Äußerungen Björn Höckes offenbar noch nicht öffentlich. Das „Wall Streat Journal“ versteckt seinen Artikel hinter einer Bezahlschranke. Es wäre gut, das Gespräch im Zusammenhang lesen zu können, wenn es denn tatsächlich eine Aufzeichnung geben sollte. Bislang habe ich zum Beispiel in keiner Meldung über das Interview die im obigen Artikel Höcke zugeschriebene Aussage gefunden, „daß es bei Hitler eigentlich nichts Gutes zu finden gibt.“

Zweitens ist es inzwischen auch den Gutwilligsten kaum noch möglich, anderen begreiflich zu machen, was einen an Björn Höcke positiv faszinieren kann. Ich habe immer versucht, Björn Höcke zu verteidigen, auch nach der Dresdner Rede, auch hier in diesem Block (insbesondere bei Martin Lichtmesz, „Notizen zur Rede von Björn Höcke“), weil ich davon ausgehe, daß Höcke lernfähig ist und daß Deutschland und die AFD von ihm, seiner Intelligenz, seinen rhetorischen Fähigkeiten, seinem politischen Talent profitieren könnten. Ich habe auch vorgestern noch unter „Politischer Waschzwang“ die Hoffnung geäußert, daß die neuerliche Attacke gegen Höcke im Sande verlaufen möge.

Jedoch ist mein diesbezüglicher Optimismus langsam am Ende. Eine geschichtsphilosophisch gemeinte Äußerung kann noch so diskutabel sein (ob sie es in diesem Fall ist, kann ich derzeit nicht sicher beurteilen, weil ich sie nicht vollständig kenne) – einmal in der Tagespresse gelandet läßt sie sich nicht mehr kontrollieren und vor dem Herausreißen aus dem Kontext bewahren. Da nützen auch keine noch so klugen Erklärungsversuche. Der Eindruck in der Öffentlichkeit, auch wenn er noch so falsch sein sollte, ist verheerend. Denn einer veröffentlichten Meinung im Zeichen der PC stehen weit überwiegend Bürger gegenüber, die keine Ahnung von Geschichtsphilosophie haben und auch nicht haben müssen. Der Versuch, ausgerechnet am Beispiel Hitler (Stalin usw., s.o.) darzulegen, daß es in der Geschichte kein „schwarz“ und kein „weiß“ gebe, kann nur scheitern.

Inzwischen beschränkt sich mein Restoptimismus darauf, daß Höcke in der AFD verbleiben darf. Er wird aber wohl in überschaubarer Zukunft keine führende Rolle mehr in dieser Partei spielen.Auf seiner Facebook-Seite hat Björn Höcke am 9.3.2017 um 11.07 folgende Erklärung abgegeben:

„Aus aktuellem Anlass: Das nun vom Wall Street Journal veröffentlichte Interview habe ich unmittelbar im Anschluß an die Dresdener Rede geführt. Die Tatsache, daß diese Geschichte jetzt nach Wochen aufgewärmt wird, spricht für ihren Kampagnencharakter. Und der Eindruck, daß ich nicht von geschichtspolitischen Reden lassen kann, ist daher falsch. Seit der Dresdener Rede habe ich mich nicht mehr zu geschichtspolitischen Themen geäußert und werde das in Zukunft auch nicht mehr tun, weil die Probleme der Gegenwart und der Zukunft gelöst werden müssen und wir uns nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigen sollten. In Zukunft werde ich Fragen von Journalisten abblocken, die mich in historische Themen verwickeln wollen, weil die Fragen nur aus Stigmatisierungsinteressen heraus erfolgen und nie aus Interesse an echtem Erkenntnisgewinn. Damit ist für die AfD nichts zu gewinnen.“

Diese Erkenntnis sechs Wochen früher – und Björn Höcke und der AFD wäre vieles erspart geblieben. Unter anderem hätten wir alle nicht so viel Zeit verloren, die sinnvoller verwendet gewesen wäre, die heutige politische Lage, die Katastrophe, vor der Deutschland und Europa stehen, die schon begonnen hat, zu bearbeiten.

Ich bitte, mir diese recht emotional aufgeladene Stellungnahme nachzusehen. Ich habe große Hoffnungen in Björn Höcke gesetzt, die sich nun wohl nicht erfüllen werden.  Ich gehe jedoch davon aus, daß Sie mich verstehen können, haben doch schließlich Sie selbst am 18.1.2017 zu der Dresdner Rede geschrieben: „...eine Bedürfnisbefriedigung an der völlig falschen Stelle zum völlig falschen Zeitpunkt.“ (https://www.blauenarzisse.de/hoecke-in-dresden-es-musste-zum-skandal-kommen/) Das gleiche gilt für das fragliche Interview.

Ich schließe mit dem Satz von @Schneekette vom 5.3.2017 aus der Diskussion zu Lutz Meyer („Der heilsame Einbruch der Realität“ vom 2.3.2017): „WEIL ES NICHT FUNKTIONIERT!!!“

Gotlandfahrer
10. März 2017 11:42

Das nervöse Vibrieren um ostentativ herausgeschälte Spitzfindigkeiten herum zeigt, dass wir Präsenz verloren haben. Es fehlen die Bilder und der Michel ist müde und froh, sein Existenzthema nicht mehr vor Augen geführt zu bekommen. Die Maschine bedient und fördert das Bedürfnis mit den bekannten Mitteln. Wir sind in die Phase der retardierenden Sedierung, der lokale Spannungsbogen ist mit Trump zunächst gebrochen. Es fehlen derzeit die Mittel, höhere Energie an die Masse zu leiten. Die Gut / Böse Diskussion ist Beschäftigungstherapie an der nächtlichen Bushaltestelle.

Dietrich Stahl
10. März 2017 12:09

@ Findling

Ihre Einschätzungen sind sehr pessimistisch. Sie kennen doch sicher die kleine Maus, die in den Krug mit Milch gefallen ist … Sie gestatten mir den Scherz. Das Folgende ist zumindest kontraproduktiv: "Die Altbürger sind unterlegen […] Nach menschlichem Ermessen ist dem Mahlstrom nicht mehr zu entkommen" Warum dann hier kommentieren? Selbst die kleine Maus entkommt – mit der richtigen Haltung – der Milch-Falle. Des Deutschen Wappentier ist der Adler. Und zwar nicht der mickrige Bundesadler.

@ Der Feinsinnige:

"Ich bitte, mir diese recht emotional aufgeladene Stellungnahme nachzusehen. Ich habe große Hoffnungen in Björn Höcke gesetzt, die sich nun wohl nicht erfüllen werden." Jeder von uns hat zu irgendeinem Zeitpunkt schon Hoffnungen in etwas oder jemanden gesetzt. Vielleicht ist Hoffnung manchmal überlebensnotwendig. Björn Höcke – ein guter Mann. Persönlich setze ich aber keinerlei Hoffnungen in ihn. Er liebt Deutschland und das deutsche Volk; und er tut sein Bestes. Das reicht vollkommen.

Eine Geschichte: Ein Sohn hatte ein wildes Pferd gefangen. Das Dorf jubelte: „Das ist gut.“ Der Großvater sagte: „Wir werden sehen.“ Der Sohn fiel beim Einreiten vom wilden Pferd und brach sich ein Bein. Alle jammerten: „Oh, das ist schlecht.“ Großvater: „Wir werden sehen.“ Ein Krieg brach aus. Die Armee holte die jungen Männer aus den Hütten und nahm sie mit. Nur den mit dem gebrochenen Bein ließen sie bei den Seinen. Das Dorf: „Was für ein Glück.“ Der Großvater sagte: „Wir werden sehen.“

Abdiel
11. März 2017 22:20

"Jenseits von Gut und Böse kann man zwar philosophieren, aber nicht leben." Dem Satz kann ich hundertprozentig zustimmen. Das ganze Elend der zeitgenössischen Geisteswissenschaften beruht darauf, dass sie unfähig sind, diese Differenz zu erkennen. Philologische Theoriebildungen werden mit lebbaren Optionen verwechselt, besonders dramatisch erkennbar an der Dekonstruktion und an den gender studies.

@tweed Das hat nichts damit zu tun, daß man hinter Nietzsche zurückfiele. Nietzsche erstellt eine Genealogie der Moral als aus dem Ressentiment entstanden. Diese Aussage über die Herkunft eines Phänomens (die nebenbei bemerkt durchaus Qualifizierung verträgt, da sie selbst einseitig ist) ist keine Aussage darüber, ob man das Phänomen (hier die Moral) zum "Leben" benötigt oder nicht. Antrhropologisch werden "gut-böse" Unterscheidungen vermutlich ohnehin spontan reproduziert, mir ist keien Gesellschaft bekannt, die ohen auskommt (aber ich lasse mich gern belehren.)

Cacatum non est pictum
12. März 2017 01:21

@Dietrich Stahl

Eine Geschichte: Ein Sohn hatte ein wildes Pferd gefangen. Das Dorf jubelte: „Das ist gut.“ Der Großvater sagte: „Wir werden sehen.“ Der Sohn fiel beim Einreiten vom wilden Pferd und brach sich ein Bein. Alle jammerten: „Oh, das ist schlecht.“ Großvater: „Wir werden sehen.“ Ein Krieg brach aus. Die Armee holte die jungen Männer aus den Hütten und nahm sie mit. Nur den mit dem gebrochenen Bein ließen sie bei den Seinen. Das Dorf: „Was für ein Glück.“ Der Großvater sagte: „Wir werden sehen.“

Diese schöne Anekdote kenne ich aus dem Film "Der Krieg des Charlie Wilson". Sie wird dort von der Figur Gust Avrakotos zum Besten gegeben. Haben Sie sie daher?

Vielen Dank übrigens für Ihre von Optimismus geprägten Einsprengsel hier. Die tun zuweilen wirklich gut.

 

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