Digitalisierung: Angst und Phlegma

An dieser Stelle sei einmal ein Blick auf den gerade mit Vehemenz einsetzenden Prozeß der Digitalisierung – oft auch als „digitale Revolution“ bezeichnet – erlaubt.

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

Er dürf­te nicht nur die deut­sche Wirt­schaft, son­dern auch die Gesell­schaft in den nächs­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten nach­hal­tig ver­än­dern und spiel­te im kon­ser­va­ti­ven Dis­kurs bis­her kaum eine Rol­le, obwohl Schlag­wor­te wie fah­rer­lo­se Autos, „Inter­net der Din­ge“, 3‑D-Dru­cker oder „Big Data“ mitt­ler­wei­le stän­di­ger Bestand­teil media­ler Bericht­erstat­tung sind.

Für nicht weni­ge Exper­ten, so zum für Bei­spiel Klaus Schwab, den Chef des Welt­wirt­schafts­fo­rums, sind die­se Begrif­fe Indi­ka­to­ren einer neu­en indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on, genau­er: der „Vier­ten Indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on“, die durch Ver­schmel­zung von Tech­no­lo­gien gekenn­zeich­net sei, die die Gren­zen der phy­si­ka­li­schen, digi­ta­len und der bio­lo­gi­schen Sphä­re ver­schwim­men lasse.

Grund für den Quan­ten­sprung des tech­ni­schen Fort­schritts ist das rasche Wachs­tum der Leis­tungs­fä­hig­keit der Rech­ner. Der damit ver­bun­de­ne Leis­tungs­sprung macht sich unter ande­rem in der Robo­tik, der Nut­zung und Ver­net­zung rie­si­ger Daten­men­gen und in der Künst­li­chen Intel­li­genz (KI) bemerkbar.

Wie bis­her jede indus­tri­el­le Umwäl­zung birgt auch die gera­de begin­nen­de Ära der Digi­ta­li­sie­rung Chan­cen und Risi­ken. Die Dis­kus­si­on in Deutsch­land oszil­liert dabei zwi­schen zwei Extremstand­punk­ten. Einer die­ser Extremstand­punk­te lau­tet, das The­ma Digi­ta­li­sie­rung sei eigent­lich kein The­ma; viel­mehr han­de­le es sich hier um eine Art „Medi­en-Hype“. Gera­de im Hin­blick auf sei­ne tech­ni­sche Leis­tungs­fä­hig­keit sei, war und blei­be Deutsch­land Welt­spit­ze. Die jour­na­lis­ti­sche Panik­ma­che in bezug auf Deutsch­lands Zukunft bei der „digi­ta­len Revo­lu­ti­on“ sei völ­lig unbegründet.

Das zwei­te Extrem­sze­na­rio ist das der Unter­gangs­pro­phe­ten. Die lau­fen­de aktu­el­le indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on wer­de, so ihre Über­zeu­gung, jeden zwei­ten Arbeits­platz ver­nich­ten, ohne daß hin­rei­chend neue ent­stün­den. Die ein­zi­gen, die pro­fi­tier­ten, sei­en die Pro­gram­mie­rer, die als „Hohe­pries­ter der Digi­ta­li­sie­rung“ den Takt vor­gä­ben. Alle ande­ren benö­ti­ge man bes­ten­falls noch als „Hand- und Spanndienstleister“.

In die­ses Sze­na­rio gehört auch das Schü­ren der Angst vor einer um sich grei­fen­den „digi­ta­len Demenz“ – nament­lich durch den Psy­cho­lo­gen Man­fred Spit­zer –, die angeb­lich ins­be­son­de­re Kin­der und Jugend­li­chen durch die exzes­si­ve Nut­zung des Inter­nets drohe.

Eine begrün­de­te Posi­tio­nie­rung zu die­sen Extrem­sze­na­ri­en soll­te bei der Fra­ge ein­set­zen, war­um wir es mit einer neu­er­li­chen tech­ni­schen Revo­lu­ti­on – oder, was ich bevor­zu­gen wür­de: einem neu­er­li­chen tech­ni­schen Trans­for­ma­ti­ons­schub – zu tun haben und was das für Deutsch­land bedeutet.

Nun könn­te man mei­nen, die lau­fen­de „Vier­te Indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on“ ist mehr oder weni­ger eine Fort­set­zung der „Drit­ten Indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on“, die durch Auto­ma­ti­sie­rung der Pro­duk­ti­on durch Elek­tro­nik und Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie gekenn­zeich­net war. Dem ist aber nicht so.

Die Schnel­lig­keit, Reich­wei­te und sys­te­mi­sche Wir­kung, die wir heu­te beob­ach­ten, bedeu­tet nach Mei­nung der Exper­ten eine Ent­wick­lung im expo­nen­ti­el­len und nicht im linea­ren Tem­po. Die Ver­net­zung von immer mehr Men­schen durch mobi­le End­ge­rä­te, vor allem aber eine noch nie dage­we­se­ne Ver­ar­bei­tungs- und Spei­cher­ka­pa­zi­tät, ermög­lich­ten bahn­bre­chen­de tech­ni­sche Durchbrüche.

Erik Bryn­jolfs­son und Andrew McA­fee, bei­de Öko­no­men am Mas­sa­chu­setts Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy (MIT), haben in ihrem Buch The Second Machi­ne Age. Wie die nächs­te digi­ta­le Revo­lu­ti­on unser aller Leben ver­än­dern wird die gro­ßen Lini­en kom­men­der Ent­wick­lun­gen gezo­gen. „Com­pu­ter und ande­re digi­ta­le Errun­gen­schaf­ten haben auf unse­re geis­ti­gen Kräf­te die glei­che Wir­kung wie die Dampf­ma­schi­ne und ihre Able­ger auf die Mus­kel­kraft“, mei­nen McA­fee und Brynjolfsson.

Das, so sind die bei­den Ame­ri­ka­ner über­zeugt, wer­de unse­re Gesell­schaft umkrem­peln. Denn die Digi­tal­tech­nik sei eine Basis­tech­no­lo­gie, ähn­lich wie die Elek­tri­zi­tät. Damit trei­be sie die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung in allen Sek­to­ren, also nicht nur im Bereich Infor­ma­ti­ons­tech­nik, vor­an. Und das Tem­po der Inno­va­tio­nen wer­de ihrer Ansicht nach sogar noch zuneh­men. Hier­zu gibt es aller­dings auch Stim­men, die das deut­lich pes­si­mis­ti­scher sehen.

In der sich ankün­di­gen­den neu­en Ära wer­de gemäß die­ser Aus­füh­run­gen das, was der­zeit unter dem Schlag­wort „Inter­net der Din­ge“ sub­su­miert wird, eine zen­tra­le Rol­le spie­len. In der US-Inno­va­ti­ons­schmie­de Sili­con Val­ley bewir­ke die­ses „Inter­net der Din­ge“ – so z. B. die bei­den Jour­na­lis­ten Marc Bei­se und Ulrich Schä­fer in ihrem Buch Deutsch­land digi­tal. Unse­re Ant­wort auf Sili­con Val­ley – der­zeit eine regel­rech­te „Meta­mor­pho­se“.

Groß gewor­den sei das Tal mit „Han­dys, dem Inter­net, Such­ma­schi­nen, Online-Shops und Dienst­leis­tun­gen für Ver­brau­cher“. Alles das wäre aber nur ein Anfang gewe­sen. Nun bas­te­le Sili­con Val­ley an der „nächs­ten, sehr viel umfas­sen­de­ren Aus­bau­stu­fe, dem Inter­net der Din­ge. Alles, wirk­lich alles, was unser Leben aus­macht, soll mit dem Netz ver­knüpft werden“.

Die meis­ten Gerä­te, die im „Inter­net der Din­ge“ ange­schlos­sen sein wer­den, wer­den nicht pri­vat genutzt wer­den, son­dern in „smar­ten Fabri­ken, smar­ten Büro­ge­bäu­den, smar­ten Sys­te­men zur Ver­kehrs­steue­rung oder in smar­ten, mit moderns­ter Medi­zin­tech­nik aus­ge­stat­te­ten Kli­ni­ken und Arzt­pra­xen“ stecken.

Noch sind, das zei­gen Bei­se und Schä­fer auf, vie­le Unter­neh­men aus Deutsch­land kla­re Welt­markt­füh­rer, dar­un­ter etli­che Hid­den cham­pions in der schwä­bi­schen Pro­vinz oder im Raum Mün­chen. In der Tat fin­den sich nir­gend­wo auf der Welt so vie­le „heim­li­che Gewin­ner“ wie in Deutsch­land. Die Mit­tel­ständ­ler aus den Bran­chen Maschi­nen­bau, Elektro‑, Kfz- oder Medi­zin­tech­nik bil­den neben Kon­zer­nen wie Daim­ler, Sie­mens oder SAP die Basis des deut­schen Wirtschaftserfolges.

Wei­te­re Welt­markt­füh­rer hat Bernd Ven­ohr in sei­nem „Lexi­kon der deut­schen Welt­markt­füh­rer“ zusam­men­ge­tra­gen. Deutsch­land ist in der Kom­bi­na­ti­on von klas­si­scher Inge­nieurs­kunst mit Soft­ware nach wie vor füh­rend in der Welt. Zwar gibt es in Deutsch­land kein „Sili­con Val­ley“, aber es gibt „Hot­spots“ der Grün­der­kul­tur, so im Süd­wes­ten, in Ber­lin oder Mün­chen, die hier pars pro toto genannt sei­en. Gera­de auch Ber­lin hat sich, das bele­gen Medi­en­be­rich­te anhand etli­cher Bei­spie­le, gera­de­zu zu einem Eldo­ra­do von Start-up-Unter­neh­men ent­wi­ckelt, das für man­che Grün­der „hip­per“ als Sili­con Val­ley sein soll.

Vie­le Fach­leu­te sind der Mei­nung, daß Deutsch­land beim „Inter­net der Din­ge“ einen ein­deu­ti­gen Wett­be­werbs­vor­teil gegen­über bran­chen­frem­den US-IT-Rie­sen hat; unter ande­rem des­halb, weil es hier auf abso­lu­te Zuver­läs­sig­keit und Bere­chen­bar­keit ankomme.

Aller­dings steht die Stand­ort­fra­ge auch unter dem Vor­be­halt, daß die jun­gen Grün­der in Deutsch­land an hin­rei­chend Geld kom­men, um ihre Ideen zu ver­wirk­li­chen. Wäh­rend über ihren Kol­le­gen in Sili­con Val­ley Mil­lio­nen von US-Dol­lar abreg­nen, die ermög­li­chen, den Tur­bo ein­zu­schal­ten, sei der Bör­sen­gang deut­scher Inter­net­fir­men in etwa „so sel­ten wie eine Sonnenfinsternis“.

Der Poli­tik emp­feh­len Fach­leu­te des­halb das klei­ne Ein­mal­eins der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten: ein gutes Bil­dungs­sys­tem und Impul­se für Start-ups sol­len eben­so für die Digi­ta­li­sie­rung rüs­ten wie eine moder­ne Infra­struk­tur und eine geziel­te Anwer­bung von qua­li­fi­zier­ten Einwanderern.

Nur en pas­sant: Daß sich Deutsch­land seit Jahr­zehn­ten genau das Gegen­teil leis­tet, näm­lich die Migra­ti­on weit­ge­hend unqua­li­fi­zier­ter Zuwan­de­rer, wenn nicht gar von Analpha­be­ten, wird sich vor dem Hin­ter­grund der Her­aus­for­de­run­gen der „digi­ta­len Revo­lu­ti­on“, die ent­spre­chen­de beruf­li­che Qua­li­fi­zie­run­gen zu einer con­di­tio sine qua non macht, noch als mas­si­ve Belas­tung erweisen.

Fest­zu­hal­ten bleibt unter dem Strich, daß Euro­pa und damit auch Deutsch­land das Ren­nen um Pri­vat­kun­den und die pri­va­te Nut­zung des Inter­net bereits an die US-Netz­gi­gan­ten Goog­le, Apple, Yahoo oder Face­book auf unab­seh­ba­re Zeit ver­lo­ren hat; laut Mei­nung vie­ler Fach­leu­te sei der Vor­sprung der Ame­ri­ka­ner nicht mehr auf­zu­ho­len. Wie groß der Abstand bereits ist, ver­deut­licht eine Stu­die der deut­schen Stif­tung Inter­net Eco­no­my Foun­da­ti­on, die im April 2016 vor­legt wurde.

Zwar han­delt es sich hier um eine Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on deut­scher Digi­tal-Unter­neh­mer, nichts­des­to­we­ni­ger stimmt eine von der IEF ver­öf­fent­lich­te Kenn­zahl nach­denk­lich: Die zehn größ­ten Netz-Unter­neh­men der USA waren zu die­sem Zeit­punkt mehr als 1,7 Bil­lio­nen Euro wert, wäh­rend es die zehn größ­ten deut­schen „Riva­len“ gera­de ein­mal auf einen zwei­stel­li­gen Mil­li­ar­den­be­trag brachten.

Tobi­as Koll­mann, Beauf­trag­ter für Digi­ta­le Wirt­schaft in Nord­rhein-West­fa­len, und Focus-Chef­kor­re­spon­dent Hol­ger Schmidt bemän­geln in ihrem Buch Deutsch­land 4.0. Wie die Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on gelingt, daß das Ver­ständ­nis „für die bevor­ste­hen­den Ände­run­gen im digi­ta­len Zeit­al­ter in der deut­schen Wirt­schaft nicht ver­brei­tet“ sei. Sei­tens der Pro­duk­ti­ons- und Fach­be­reichs­ver­ant­wort­li­chen feh­le nach wie vor die Ein­sicht dar­in, „in wel­chem Aus­maß tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen die Geschäfts­tä­tig­keit ihres Betriebs ver­än­dern wer­den“. Das Man­ko der deut­schen Wirt­schaft sehen sie vor allem in einem fal­schen Ansatz, der mit dem Schlag­wort „Indus­trie 4.0“ ver­bun­den sei:

Die Digi­ta­li­sie­rung der Fabri­ken reicht aus ihrer Sicht nicht aus, Wett­be­werbs­vor­tei­le auf Dau­er zu sichern. Die Kon­zen­tra­ti­on auf Effi­zi­enz­vor­tei­le in der Pro­duk­ti­on ver­stel­le den Blick auf die „nöti­gen Inno­va­tio­nen auf der Pro­dukt­sei­te, um die Kun­den­be­dürf­nis­se bes­ser zu befriedigen“.

Die größ­ten Erfolgs­aus­sich­ten habe Deutsch­land bei der indus­tri­el­len Nut­zung des Net­zes; hier habe, dar­in sind sich vie­le Fach­leu­te einig, Euro­pa und allen vor­an Deutsch­land durch­aus gute Chan­cen, einen Gut­teil des Wachs­tums zu gene­rie­ren, wenn die Wei­chen auch poli­tisch in die rich­ti­ge Rich­tung gestellt wer­den. Gefor­dert ist hier ins­be­son­de­re auch die Poli­tik, deren Ant­wor­ten auf die digi­ta­le Her­aus­for­de­rung bis­her eher unbe­frie­di­gend sind.

Das beginnt bereits bei dem Umstand, daß die Feder­füh­rung für die Digi­ta­le Agen­da auf drei ver­schie­de­ne Minis­te­ri­en auf­ge­teilt ist, näm­lich in den Minis­te­ri­en Wirt­schaft, Inne­res und Ver­kehr. Es braucht kei­ne tief­schür­fen­den Stu­di­en, um zu erken­nen, daß die­se Kon­stel­la­ti­on alles ande­re als effi­zi­ent ist, selbst bei bes­tem Wil­len aller Beteiligten.

Für eine sub­stan­ti­el­le Ver­bes­se­rung wer­den nach Koll­mann und Schmidt der­zeit drei Model­le dis­ku­tiert: Das ers­te Modell sieht ein eige­nes Minis­te­ri­um für Digi­ta­les (Inter­net-Minis­te­ri­um) mit eige­nem Bud­get, Per­so­nal und Zustän­dig­kei­ten vor. Das zwei­te Modell läuft auf eine Koor­di­nie­rung der Digi­tal­po­li­tik im Kanz­ler­amt hinaus.

Hier steht der Vor­schlag im Mit­tel­punkt, daß ein zustän­di­ger Staats­mi­nis­ter für Digi­ta­les oder ein Bun­des­be­auf­trag­ter die ein­zel­nen Res­sorts koor­di­niert. Für die­ses Modell gibt es bereits Vor­bil­der, zum Bei­spiel im Bereich Kul­tur und Medi­en. Ein drit­ter Ansatz setzt auf Staats­se­kre­tä­re für Digi­ta­les in den bis­he­ri­gen drei Minis­te­ri­en, die sich direkt mit­ein­an­der aus­tau­schen können.

Wel­che Lösung sich hier auch immer her­aus­kris­tal­li­siert, mit Blick auf die genann­ten Extrem­sze­na­ri­en kann fest­ge­hal­ten wer­den: Der hys­te­ri­sche Alar­mis­mus der Angst­trom­pe­ter, die Deutsch­land bereits auf dem Weg zum „Tech­nik­mu­se­um“ sehen, ist weit­ge­hend unbe­grün­det. Aller­dings gibt es Nach­hol- und Opti­mie­rungs­be­darf; ein Zurück­leh­nen à la “Deutsch­land war schon immer ein Hoch­tech­no­lo­gie­stand­ort und wird es blei­ben” wäre fatal.

Ziel­för­dernd im Sin­ne einer Absi­che­rung der Zukunfts­po­ten­tia­le Deutsch­lands wäre es sicher­lich auch, wenn der Wis­sen­schafts­etat bei­spiels­wei­se zuguns­ten der anwen­dungs­ori­en­tier­ten For­schung auf fehl­ge­lei­te­te finan­zi­el­le Mit­tel hin über­prüft wür­de. Kon­kret mei­ne ich damit unter ande­rem die mitt­ler­wei­le ca. 150 Gen­der-Pro­fes­su­ren an den deut­schen Uni­ver­si­tä­ten und die 50 Gen­der-Pro­fes­su­ren an Fach­hoch­schu­len (Stand: Okto­ber 2014). Das ent­spricht, und die­se Zahl spricht für sich, nahe­zu der Anzahl der Phar­ma­zie­pro­fes­su­ren (191).

Der wis­sen­schaft­li­che Ertrag die­ser Gen­der-Lehr­stüh­le ist, um es vor­sich­tig zu sagen, mehr als frag­wür­dig. Über­dies wer­den tau­sen­de jun­ge Leu­te in ihrer Mehr­zahl für die Arbeits­lo­sig­keit aus­ge­bil­det, die anders­wo drin­gend gebraucht wür­den. Zu Recht fragt des­halb mit Blick auf die soge­nann­ten Gen­der stu­dies die Welt: „Wer gebie­tet die­sem Wahn­sinn end­lich Einhalt?“

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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Kommentare (13)

Nemo Obligatur

10. März 2017 19:20

Schön, dass sich die Sezessen auch einmal diesem Thema widmet. Ich muss zugeben, dass ich beim Stichwort "Digitalisierung" ein nagendes, beklemmendes Gefühl empfinde. Kurz gefasst: DIe Dinge ändern sich rasend schnell und ich werde in der Welt von morgen nicht mehr gebraucht. Abgelöst durch einen Algorithmus, den irgendein Inder oder ein Berliner Hipster programmmiert hat. Natürlich ist das ein konservatives Thema. Ich sehe die Digitalisierung ähnlich wie die Globalisierung. Es wird viele Gewinner geben, aber auch etliche Verlierer. Vor allem aber wird sich die Welt nochmals schneller ändern. Dazu gehört die weitere Auflösung aller Werte. Tut das dem Menschen gut? Jein. Es kommt eben darauf an, ob man Gewinner oder Verlierer ist. Können wir das verhindern? Definitiv nein. Ebenso wie die Globalisierung kommt die Digitalisierung wie eine Urgewalt über uns. Die Vernetzung aller Dinge. Davon machen wir uns wahrscheinlich gar keine Vorstellung. Andererseits wird das Leben seit 200 Jahren immer besser. Wir können auch erwarten: Pflegeroboter, ungeheuere medizinische Fortschritte, die Umwelt wird sauberer, die Welt sicherer, wer lernen will, kann schneller und mehr lernen als je zuvor. Viel wird von der Verteilung des Gewinns abhängen. Wer weiß, vielleicht löst der rasante Produktivitsgewinn, der mit der Digitalisierung erwartet werden darf, unser Rentenproblem. Auf das Negativszenario wird hier jeder von alleine kommen...

Tweed

10. März 2017 21:32

Auf der rechten Seite wird man sich in wenigen Jahren über die technologische Entwicklung ebenso die Äuglein reiben wie auf der linken. Dieses Thema überlagert alle anderen auf lange Sicht. Leider wird meistens bei der Rechten wie bei der Linken der technologische Fortschritt auf einem sozialdemokratischem Niveau thematisiert, das heißt auf einem Niveau, den man zur Normierung als absoluten Nullpunkt verwenden könnte: „Arbeitsplätze gehen verloren“, „Deutschland hinkt hinterher“, blablabla. Aber die Musik spielt auf einer ganz anderen Ebene: Spätestens Mitte des Jahrtausends, wahrscheinlich noch früher, wird eine technische Singularität erreicht, d.h. ein Punkt, ab dem mit herkömmlichen analytischen Mitteln nicht mehr prognostiziert werden kann „wie es weitergeht“. Die Entstehung einer neuartigen, technisch induzierten Subjektivität ist wahrscheinlich. Wie wird diese mit uns Menschen verfahren? Ich denke Konservative können dieses neue Subjekt (oder Plural?) begrüßen. Das neue transhumane Subjekt wird natürlich kein Interesse an der derzeitigen Transformation des biologischen Lebens in einen  Einheitsbrei haben. Genauso wenig wie wir Menschen ein Interesse an der Reduktion der Artenvielfalt auf eine einzige Spezies haben. Wer will schon in den Zoo gehen und nur vor einem einzigen Käfig herumstehen, in dem zudem nur eine einzige Spezies präsentiert wird? Unterm Strich ist natürlich die technologische Entwicklung ein Produkt des Progressismus. Hegel verwirklicht sich nicht in Napoleon, sondern im Quantencomputer. Wenn die Linken irgendwann aufwachen aus ihrem Fortschrittstraum, sind die Menschen rückgezüchtet: Wir leben in einem Reservat und spielen Wikinger – und werden dabei glauben, dass wir Wikinger sind und nicht merken, dass wir im Käfig sind: Eine Kamera filmt uns zur Erbauung des transhumanen Subjekts. Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.

Simplicius Teutsch

11. März 2017 01:11

Nietzsche ist tot. Und mit ihm seine Vorstellung und die Möglichkeit vom höheren Menschen.

Die rasant zunehmende, unaufhaltsame, nahezu vollständige Digitalisierung der Welt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten führt zur nahezu vollständigen Überwachung und Steuerung aller wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und auch biologischen Prozesse.

Niemand wird sich entziehen können. Der einzelne Mensch wird nach Bedarf konditioniert, und die Freisinnigen, die Sezessionisten werden kastriert und ruhig gestellt werden ebenso wie die frechen Dummen, - nicht notwendig mit dem Messer.

Die kommende Datendiktatur (Big Data) führt am Ende zum wuselnden Ameisenstaat mit zig Milliarden von Ameisen. Die Erde wird immer hässlicher werden, ähnlich wie ein hässlicher brauner Ameisenhaufen.

Der Mensch existiert zufrieden, die Arbeit machen dressierte Roboter mit ihrer künstlichen Intelligenz.  Aber auch die Menschen gibt es nur noch als programmierte, zuverlässige Ameisen in verschiedenen Ausprägungen und genetischen Zusammensetzungen. Bei individuellem Fehlverhalten gibt’s einen Stromschlag im Hirn, um den einzelnen auf Kurs zu halten. Big Brother is watching you. Früher hieß es: Gott sieht alles. Gott weiß alles.

Diese Entwicklung scheint gerade in vielen typischen, fleißigen Deutschen verbunden mit einer gewissen Wollust angelegt und angestrebt zu sein. Deutsch sein heißt sehr gut sein. Und kalt über Leichen gehen. Aber auch die (weißen) Amis sind darin nicht schlecht, und auch nicht die Chinesen, Japaner, Koreaner und Inder.

Die Digitalisierung, nämlich die von uns Menschen gemachte Vernetzung und Steuerung aller Dinge und Menschen, wird eine ungeheure, kalte Macht werden gegen das blühende, vielfältige, pulsierende irdische Leben, wie wir es bisher kannten. Buntheit gibt es dann nur noch in aufgemalten Fassadenfarben, vielleicht noch im gehegten Park, im Zoo, im Museum, aber natürlich im Virtuellen.

Deutsche! Steht auf! Und kämpft! Gegen das Silicon Valley! – Die zweite Runde gewinnen WIR. – Denn wir sind die Besseren. Wir schaffen das! Der Mensch muss überwunden werden. Wir schaffen uns ab.

 „Was! Du lebst noch, Zarathustra? Warum? Wofür? Wodurch? Wohin? Wo? Wie? Ist es nicht Thorheit, noch zu leben? – Ach, meine Freunde, der Abend ist es, der so aus mir fragt. Vergebt mir meine Traurigkeit!“

Solution

11. März 2017 01:24

Das Problem ist nur, was passiert, wenn der für den Fortschritt nötige Menschenschlag durch einen anderen ("großer Austausch") ersetzt wird.

Der derzeit überall hochgelobte Sieferle z.B. hat sich festgelegt, indem er Harrison zustimmt: "Culture matters - race doesn´t" ("Das Migrationsproblem", S. 58). Was, wenn das Gegenteil der Fall ist? Was passiert wirklich, wenn unsere Länder mehrheitlich durch die Dritte Welt kolonisiert sind?

Dann kann man alles früher oder später vergessen, was mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu tun hat.

Ich glaube, daß eine Kultur aus einem Menschenschlag heraus ensteht. Sie steht und fällt mit der Homogenität dieser Gruppe. Verschwindet die Homogenität dieser Gruppe oder gar die Gruppe selbst, verschwindet die Kultur. Hier ist auch ein Blick auf das Schicksal der Weißen in Rhodesien und Südafrika recht nützlich.

Wenn die Entwicklung so weiter läuft, wird dieser Planet sich vielleicht in 100 Jahren wieder in aller Ruhe regeneriern können, weil der "letzte Mensch" wirklich der "letzte Mensch" gewesen sein wird. Die übriggebliebenen Primaten werden dann wieder nahezu auf einem Niveau sein.

Utz

11. März 2017 15:29

Nemo Obligatur

Sie schreiben:

Andererseits wird das Leben seit 200 Jahren immer besser. Wir können auch erwarten: Pflegeroboter, ungeheuere medizinische Fortschritte, die Umwelt wird sauberer, die Welt sicherer, ...

Wird die Welt tatsächlich seit 200 Jahren immer besser? Ich kann das nicht sehen. Unser Leben ist bequemer, aber ist es auch besser? Zumal wenn man bedenkt, daß wir unser Wohlleben häufig mit unhaltbaren Zuständen in anderen Ländern erkaufen. Und wenn bei uns die Umwelt sauberer wird, dann zum Teil deshalb, weil die Jeans in China gefärbt werden und jetzt eben dort die Giftbrühe im Flußbett schwimmt. Über eine größere Sicherheit weltweit müssen wir schon gar nicht reden.

Tweed

Sie schreiben:

Ich denke Konservative können dieses neue Subjekt (oder Plural?) begrüßen. Das neue transhumane Subjekt wird natürlich kein Interesse an der derzeitigen Transformation des biologischen Lebens in einen  Einheitsbrei haben. Genauso wenig wie wir Menschen ein Interesse an der Reduktion der Artenvielfalt auf eine einzige Spezies haben.

Das "transhumane Subjekt" wird die Züge dessen tragen, der es finanziert. Woher nehmen Sie ihren Optimismus? Obwohl die Menschen in der Mehrzahl kein Interesse an einem "Einheitsbrei" haben, läuft die Völkerwanderungsaktion, die zu einer Vermischung und Vereinheitlichung führen wird. Eigenartige und eigenwillige Menschen lassen sich schlecht kalkulieren und führen. Die Eliten wollen das nicht, sie wollen Planbarkeit.

Simplicius Teutsch

Sie schreiben:

Bei individuellem Fehlverhalten gibt’s einen Stromschlag im Hirn, um den einzelnen auf Kurs zu halten. Big Brother is watching you. Früher hieß es: Gott sieht alles. Gott weiß alles.

 

Diese Entwicklung scheint gerade in vielen typischen, fleißigen Deutschen verbunden mit einer gewissen Wollust angelegt und angestrebt zu sein. Deutsch sein heißt sehr gut sein. Und kalt über Leichen gehen.

Ich befürchte, daß Sie mit dem ersten Teil recht haben. Beim zweiten würde ich Einspruch erheben. Sind wir jetzt schon so weit, daß wir die Deutungen der Frankfurter Schule übernehmen, daß die Deutschen ein bestimmtes Gen der Bösartigkeit haben?

 

Dietrich Stahl

11. März 2017 15:43

 

Werter Herr Wiesberg, Ihren Artikel zu kommentieren, ist eine gute Lernerfahrung für mich: Wie bleibe ich freundlich und sachlich, wenn ich einen Beitrag für tendenziös halte?

 

1. Die Art und Weise Ihres Artikels ist äußerst fragwürdig

 

a) „Viele Fachleute sind der Meinung,“ – auch dieser Halbsatz ist ein Grund dafür, daß ich seit etlichen Jahren keine Zeitungen/Zeitschriften mehr lese. [Ausnahme ist seit einem dreiviertel Jahr die Sezession.] Angemaßte Autoritäten ersetzen nicht fehlende gute Argumente. Einer, den sie als „Experten“ [die Kategorie übertrifft noch den Fachmann] bezeichnen, ist Klaus Schwab. Ein Mann, den ich nicht mit einem Begriff klassifizieren möchte, um das V Wort [Verschwörung] aus dem Spiel zu halten. Immerhin besitzt er seit Jahrzehnten beste Kontakte und Beziehungen zu den Power Playern dieser Welt. Wen er im stillen Kämmerlein trifft, möchte ich gar nicht wissen.

 

b) Zu Beginn stützen sie Ihre Thesen vor allem auf Zweite-Hand-Informationen zweier Qualitätsmedien: Deutschlandradio Kultur zu Klaus Schwabs Buch und Frankfurter Allgemeine zu Manfred Spitzer. Insbesondere der FA Artikel ist ein gutes Lehrbeispiel für Desinformation: Spitzer soll lächerlich gemacht und diffamiert werden, um ihn aufs Abstellgleis abschieben zu können – mit dem Label versehen „Nicht ernst zu nehmen“.

 

Die letztere Methode nutzen sie dann selbst auch. Zitat:

 

„In dieses Szenario gehört auch das Schüren der Angst vor einer um sich greifenden „digitalen Demenz“ – namentlich durch den Psychologen Manfred Spitzer –, die angeblich insbesondere Kinder und Jugendlichen durch die exzessive Nutzung des Internets drohe.

[...]Eine begründete Positionierung zu diesen Extremszenarien sollte bei der Frage einsetzen"

 

Manfred Spitzer schürt also Angst. Das ist böse. Ist er etwa gar AfD Mitglied? - Der letzte Halbsatz ist wieder eine subtilere Herabwürdigung [begründet] von Herrn Spitzer und seiner Arbeit. Trauen Sie sich nicht zu schreiben: Spitzers Thesen sind unbegründet? Diese Art und Weise, Herr Wiesberg, ist im Lichte der Fachleute und Experten, auf die Sie sich stützen, durchaus verständlich, aber völlig unakzeptabel.

 

2. Inhaltliche Kritik

 

a) Herr Wiseberg leugnet die Gefahren und den Schaden, den die extensive Nutzung des Internets verursacht. Manfred Spitzer, der auf diesem Gebiet wissenschaftlich forscht und zu entsprechenden Erkenntnissen gekommen ist, wird lächerlich gemacht und diffamiert.

 

Wer sich über den Schaden der extensiven Internet-Nutzung informieren möchte, dem empfehle ich außer Spitzers Publikationen auch das Buch von Nicholas Carr: Surfen im Seichten – Was das Internet mit unserem Hirn anstellt.

 

b) Im Wesentlichen beschreibt Wiesbergs Beitrag einige Perspektiven auf die „digitale Revolution“, die eines gemeinsam haben: das Fehlen jeglicher kritischer Distanz.

Résumé

 

a) Das Internet kann ein gutes Werkzeug sein. Donald Trump beweißt es gerade eindrücklich. Für mich ist es eine große Hilfe bei der Recherche. Extensive Nutzung des Internets und digitaler Medien ist gefährlich, schädlich und gesundheitsgefährdend.

 

b) In Zukunft wird es nicht darum gehen, wie Deutschland – meinetwegen auch digital – wirtschaftlich expandiert. Es geht um Expansion nach Innen: die immer weitere Realisation des Eigenen.

 

c) Im Kommentar hat es @ Simplicius Teutsch auf den Punkt gebracht:

 

„Die Digitalisierung, nämlich die von uns Menschen gemachte Vernetzung und Steuerung aller Dinge und Menschen, wird eine ungeheure, kalte Macht werden gegen das blühende, vielfältige, pulsierende irdische Leben, wie wir es bisher kannten.“

Das ist zumindest das Ziel der ..., Sie wissen schon. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Caroline Sommerfeld

11. März 2017 18:41

Ich denke Konservative können dieses neue Subjekt (oder Plural?) begrüßen.

Niemals! Der Witz der singularity ist doch, daß unsereins eben nicht mehr voraussagen können wird, wie diese neue Existenzform agieren wird, aufgrund welcher Algorithmen oder mit welchen Extrapolationen von der jeweiligen Gegenwart aus sie operiert. Daß "es" dann weniger Einheitsbrei will, ist pure Spekulation, genauso ist ein Vernichten des Bio-Menschen oder Käfighaltung oder Höherzüchtung im sloterdijkschen "Menschenpark" mit allen Mitteln des klassischen Humanismus möglich.

Konservativismus heißt ja nicht Katastrophensehnsucht (manchmal, oft, fallen beide zusammen) sondern Bewahrungswille. Und soll, davon ausgehend, irgendein Wunsch nach sich vom Menschen freispielender singularity für Konservative attraktiv sein?  Da bin ich viel näher an @Solution, der befürchtet, daß wir vorher den Großen Austausch verhindern müßten, und füge hinzu, daß wir aus Konservativismus eben genau der Digitalisierung im Wege stehen müssen. Wie wir dies tun, ohne Marcher-à-quatre-pattes-Radikalismus, gehört hier ausbuchstabiert!

Rosenkranz

11. März 2017 19:25

Da ich nun ein Betroffener von den Automatisierungsfantasien in der Industrie bin, sei mir ein kleiner Einwurf gestattet. Ich finde, die Automatisierung kommt immer mehr an ihre Grenzen. Es wurden sicher viele sinnvolle Dinge umgesetzt, aber derzeit wird es immer komplexer.  Es zeigen sich schon erste Anzeichen von Überforderung, auch bei gestandenen Leuten für Bedienung und Wartung.

Mein größter Einwand gegen den derzeitigen Automatisierungstrend ist aber die Sicherheit.

1. Große Anlagen hängen mittlerweile am Datennetz, damit der Ingenieur auch nachts um 3 Uhr, von zu Hause bei der Fehlersuche behilflich sein kann. Haben nicht ChaosComputerclub und Co gezeigt, wie schnell sie Sicherheitssysteme umgehen können? Von den Möglichkeiten krimineller Energie, wenn man die Hersteller von Prozeßleitsystemen direkt attakiert, will ich erst gar nicht reden.

2. Die Technik soll immer mehr vor Fehlbedienung schützen und überstimmt dadurch den Bediener. Dazu muß man aber alle möglichen Betriebssituationen im Vorfeld kennen. Nur wer kann das Unvorhersehbare vorhersehen? Ich hatte schon mal so einen Fall, wo ich eine Maschine schnell stoppen wollte, das Programm aber langsame Drehzahlabsenkung befahl. Da werden auch 30s zur Qual.

3. Wenn "Kollege" Computer immer mehr übernimmt, verliert die Bedienmannschaft immer mehr das Gefühl für die Anlagen und Maschinen. Man verblödet regelrecht. Ich wage dann zu bezweifeln, daß man in ausergewöhnlichen Situationen noch hinreichend fit ist.

Wie oben gesagt, es wird Grenzen geben. 1. Bestehende Anlage aufzurüsten kostet schnell sehr viel Geld. 2. Die Stör- und die Reparaturkosten werden durch immer mehr Technik steigen. 3. Sobald massive Hackerangriffe mit Computersystemen verbundene Anlagen nachhaltig schädigen, werden einige Firmen sicher diese wieder vom Datennetz nehmen. 4. Was da so von den Schulen kommt ist nicht mehr so gut grundlagenmäßig ausgebildet, wie noch vor Jahrzehnten. Auch auf tolle indische Programmierer warte ich noch vergebens. 5. Die moderne Welt ist eine Welt des "weißen" Mannes. Geht er zugrund, wird das auch die Technik negativ betreffen. 6. Industrie 4.0 ist eine Utopie von Professoren, die sich daran berauschen komplizierte Gleichungssysteme lösen zu können. 7. Die Sicherheitrisiken steigen exponentiell. 8. Der Weltenergieverbrauch von fossilen Energieträgern steigt weiter an.

Charles Makumbi

12. März 2017 08:19

Sehr geehrter Herr Wiesberg, vielen Dank für die kompetente Zusammenfassung des Themas Digitalisierung.

Ich möchte gerne einen Aspekt ergänzen, wenn es um die Frage der Wettbewerbsfähigkeit etablierter Marktführer geht, der Hidden Champions. Diese konzentrieren sich beim Teilgebiet Industrie 4.0 immer noch zu sehr auf Effizienzsteigerungen, betreiben also vornehmlich Prozessverbesserungen mit den Zielen "schneller" und "billiger".  Das ist natürlich nicht falsch, nutzt die neuen Möglichkeiten aber nicht wirklich umfänglich aus.

Die großen Sprünge liegen in einen anderen Verständnis des eigenen Geschäftsmodells. Stark vereinfacht gesagt, beantwortet das Geschäftsmodel eines Unternehmens ja die Frage "Wie schaffe ich Mehrwerte für meine Kunden?" Hier könne gerade deutsche Unternehmen mit ihren hochwertigen und leistungensfähigen Produkten eine massive Ausweitung ihrer Angebote durch begleitende Dienstleistungen erreichen. Wie? Produkte wie Maschinen, Anlagen oder andere physische Einheiten sammeln mittels für diesen Zweck eingebauter Soft- und Hardwarekompetenen Daten über das Nutzungsverhalten der Kunden. Und bieten auf Grundlage dieser Einblicke Services an, die den Mehrwert des Kernproduktes für den Kunden um ein Vielfaches steigern können. Da die technischen Möglichkeiten zur Gewinnung dieser Erkenntnisse ständig steigen, müssen besagte Angebote permanent überprüft und angepaßt werden.

Dieser Vorgang geht weit über einen Lebenszyklus von Dienstleistungsangeboten klassicher Prägung hinaus, müssen doch von der Produktentwicklung über die Fertigung bis hin zu Vertrieb und Wartung alle Mitarbeiter funktionübergreifend in einer Weise zusammenarbeiten, die das bisherige Model signifikant übersteigt - und in ihrem Wesen verändert.

Letztlich ist das genau das, was die berühmten Start-ups tun. Sie erfinden neue Geschäftsmodelle, lagern also die Innovation für diese so wichtige Managementaufgabe quasi aus und lassen sich bei akzeptabler Reife des Models von einem klassichen Industrieunternehmen oder einem "Händler" (Private Equity) aufkaufen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund warum es so wenige Start-ups in Deutschland es selbst bis an die Börse schaffen.

Simplicius Teutsch

12. März 2017 12:06

@Tweet schreibt: „Die Eliten … wollen Planbarkeit.“

Richtig. Das ist ein ganz entscheidender Antrieb für die vor uns liegende, sehr bedrohliche Umgestaltung der Welt.

Die Machthaber (sog. Eliten) wollen es einfach und vorausschaubar haben oder berechenbar machen. Wer aber will das nicht? Zu diesem Zweck wollen sie die Kontrolle über alles. Das fängt auf öffentlichen Plätzen an, aber auch jenseits davon im Kleinen, im Betrieb mit der durchgehenden Bürokratisierung, Arbeitsteilung und Überwachung der Arbeitsprozesse.

Die Kreativität und der Ehrgeiz der Untergeordneten im Betrieb besteht nur noch darin, sämtliche (auch komplizierte) Arbeitsanweisungen oder einfache Fließbandarbeiten (bald durch Roboter vollständig ersetzt) zuverlässig umzusetzen. Das Heroische gibt es zukünftig im Alltag überhaupt nicht mehr, sondern nur noch in alten Westernfilmen mit John Wayne, Gary Cooper (12 Uhr mittags), etc.

Auf den öffentlichen Plätzen der Gegenwart beobachten und kontrollieren die Augen und Ohren der Aufpasser und Blockwarte, die aber selber unsichtbar irgendwo hinter Bildschirmen im Bunker sitzen, dabei selber überwacht werden, und auswerten, koordinieren und bestrafen (z.B. bei Parkverstößen oder Geschwindigkeitsüberschreitungen auf der Autobahn).

Nirgendwo funktionieren in Deutschland Befehl und Gehorsam so widerstandslos wie in den freien (kapitalistischen) Wirtschafts- und Geschäftsbetrieben. Und es wird dort auch nicht großartig diskutiert, wenn sich, was oft vorkommt, Arbeitsanweisungen ändern und teilweise widersinnig sind. Es muss nur eines schnell und ganz klar gestellt und beantwortet werden: Was sagt der Chef? Welche Arbeitsanweisung gilt aktuell? Die wird dann im konkreten Fall umgesetzt, und zwar flott und gnadenlos.

Und dieser in vielen Menschen angelegte Antrieb und Ehrgeiz, alles kontrollieren und mitmachen zu wollen, läuft leider auf das Bestreben zur totalen(!) Planung von allem hinaus.

Mit anderen Worten, sie wollen Gott sein, all diese Tölpel, Schwätzer und Meinungsmacher, wie Maas, Merkel, Marx (der Bischof), Gauck, Roth, Prantl, etc. Und vor allem gefährlich sind die kalten Gender-Forscherinnen und soziologischen und biologischen Menschenzüchter in den akademischen Laboren und den Stiftungen und humanitären Denkfabriken.

Aber wollen wir das nicht alle, wenn wir Gelegenheit hätten? – Jeder nach seiner Vorstellung.

Tweed

12. März 2017 15:30

@Utz und @ Caroline Sommerfeld

Etwas, das die Züge des Herstellers (oder Finanziers) trägt, ist ein konkreter hergestellter Gegenstand (Produkt, Werkzeug) oder im weiteren Sinne ein abstrakter hergestellter Gegenstand (Institutionen, Ideologien etc.). Eine Form der Subjektivität, die ich hier als Möglichkeit zu bedenken gebe, wird nicht von jemandem „hergestellt“ (und schon gar nicht finanziert) und ist auch kein Gegenstand (auch nicht im abstrakten Sinn), sondern ist. Es wäre hier besser von einem Daseinsbereich zu sprechen; in diesem Falle also von einem Daseinsbereich, der nicht ein menschlicher, auch nicht ein tierischerer oder geisterhafter Daseinsbereich ist, sondern eben ein transhumaner Daseinsbereich. Die „Herstellungsmetapher“ ist hier ebenso verfehlt wie beim Mensch (hergestellt und finanziert von Gott?). Das entscheidende Kriterium für eine (technologische) Singularität ist ja gerade die Unberechenbarkeit. Was Sie über die „humanen“ Züge eines solchen Computerwerkzeugs sagen, ist aber genau das Kennzeichen für ein Werkzeug diesseits der Singularität. Hier geht es aber um den Ort jenseits einer solchen Singularität („trans-“), und es geht also auch nicht um ein Werkzeug oder einen Gegenstand. Wir können uns nicht vorstellen, in welcher Form so eine Subjektivität physisch realisiert sein könnte. Nur dass es soweit kommt, bin ich mir recht sicher. Warum? Wir werden weder die Technisierung noch die laufende Polymixie (Nolte) rückgängig und ungeschehen machen. Wir können nur partiell „Aufhalter“ sein und wertvolle Traditionen und Übertragungen des Geistes so lange fortführen und weiterentwickeln (!) wie es geht - aber mit dem Optimismus des Siegers. Der ist natürlich unbegründet und nicht an die eschatologische Erwartung eines konservativen Paradieses geknüpft. Es geht um die innere Haltung, denn der Zyklus wird ablaufen! Amor fati. Konservatismus hat noch nie als „invertierter“ Progressismus funktioniert. Es gibt kein konservatives Utopia. Wir packen an, was vor der Nase liegt, geben unser Bestes und wissen, dass es das Richtige ist. Und was potenzielle und zukünftige Götter mit uns vorhaben, weiß ich natürlich nicht. Als Buddhist gehe ich aber davon aus, dass sie grundsätzlich die gleichen Probleme haben, wie wir Menschen: Sie wollen glücklich sein und Leid vermeiden. Deshalb stimme ich auch Heidegger nicht zu, wenn er sagt, dass nur ein Gott uns noch retten könne. Das können wir nur selbst. Ich meine auch nicht, dass eine Singularität für Konservative „attraktiv“ wäre, das war bitterer Sarkasmus und es tut mir leid, dass ich das nicht deutlicher gekennzeichnet habe. Ich möchte natürlich nicht zur Erbauung von Göttern im Zookäfig sitzen und meinen konservativen Lebensentwurf „artgerecht“ ausleben! Das verfehlt ja geradezu das Herz des Konservatismus: die Mündigkeit. Mir hat auch die Vorstellung eines allwissenden Gottes nie gefallen, von dem ich substanziell getrennt bin. Aber… wir werden uns mit dem „transhumanen Subjekt“ arrangieren müssen. Und da sind wir – jetzt ohne Sarkasmus – natürlich besser dran als die Progressisten, denn ein solches Wesen wird geistig genug sein, um zu erkennen, dass Vielfalt schöner ist als der „Einheitsbrei“. Soviel kann man, glaube ich, prognostizieren. Und zwar aus der Kenntnis der Mythologien und Götterwelten, der verschiedenen menschlichen Ethnien gepaart mit Logik. Wenn wir nicht ständig den Mythos gegen den Logos ausspielen (eine alte konservative Krankheit), werden wir mit den kommenden Göttern ganz gut klarkommen.

Simplicius Teutsch

12. März 2017 22:29

@Tweet schreibt: „Die Entstehung einer neuartigen, technisch induzierten Subjektivität ist wahrscheinlich.“

Das ist ein faszinierender und auch furchtbarer Gedanke. Ich vermute aber, das „neue transhumane Subjekt“ wird ein eher schlichtes, jedoch effizientes „mathematisches Subjekt“ sein. Ob da Artenvielfalt, Kultur, Schönheit, Kunst, Ehre oder Würde des Menschen eine große Rolle spielen werden? Ich bezweifle es. Doch ich werde das auch nicht mehr erleben müssen. Andererseits habe ich schon jetzt das dumpfe Gefühl einer Verlierer-Spezies anzugehören.

Georg

13. März 2017 21:48

@ Simplicius Teutsch: "Das ist ein faszinierender und auch furchtbarer Gedanke. Ich vermute aber, das „neue transhumane Subjekt“ wird ein eher schlichtes, jedoch effizientes „mathematisches Subjekt“ sein. Ob da Artenvielfalt, Kultur, Schönheit, Kunst, Ehre oder Würde des Menschen eine große Rolle spielen werden? Ich bezweifle es."

Diesen Zweifel teile ich. Allerdings glaube ich nicht, daß was den Menschen als "Krone der Schöpfung" ablöst, noch als Subjekt vorgestellt werden kann. Die Technik dringt aus dem Menschen hinaus, macht ihn zu einem Abhängigen, überholt ihn bald. Wird sich verselbständigen, sich beständig erneuern, ausdehnen, Macht ausüben. Der Mensch, die "Krone der Schöpfung" wird zurückbleiben. Was steht ihm bevor? Degeneration - Nutztier - Vernichtung? Oder wird er mitsamt seinem Bewußtsein eingesogen von dem Automaten, in dem sich schließlich das Fehlerhafte, das Menschliche irgendwann verliert? Bis es schließlich wie eine letzte kleine Krankheit ausgeschwitzt wird und nur noch die Technik allein mit aller Macht ins Universum hinausarbeitet.

Vor diesem Hintergrund besehen, ist übrigens der Ausruf des Jack Donovan "Violence is Golden" von besonderer Schönheit. 

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