Wer sind wir? Wer sind “Wir”? (1)

Die grundlegende Unterscheidung innerhalb des Politischen, ist die zwischen Freund und Feind. Sie trennt das Politische von anderen Bereichen menschlicher Tätigkeit.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

Die­se oft zitier­te Ein­sicht Carl Schmitts beinhal­tet für jede poli­ti­sche Bewe­gung ein ernst­haf­tes Pro­blem, deren Trenn­li­nie zwi­schen Freund und Feind nicht anhand bereits bestehen­der poli­ti­scher Ein­hei­ten ver­läuft. Im Ver­lauf der Geschich­te schie­den sich Freund und Feind an bei­na­he allen nur denk­ba­ren Kri­te­ri­en, von fami­liä­ren Abstam­mungs­li­ni­en bis zu reli­giö­sen Bekennt­nis­sen. Doch nur klar defi­nier­te poli­ti­sche Ein­hei­ten, die sowohl ein­fach zu iden­ti­fi­zie­ren sind als auch über die Fähig­keit zu bewuß­tem Han­deln ver­fü­gen, kön­nen ohne wei­te­re Erläu­te­rung zum Freund oder zum Feind erklärt werden.

Was Fein­de betrifft, so füh­ren unkla­re Vor­stel­lun­gen über sie zu feh­ler­haf­ten Ent­schei­dun­gen, denn man wählt ent­we­der den fal­schen Feind, oder aber man wählt den rich­ti­gen Feind, hat aber fal­sche Vor­stel­lun­gen von ihm. Doch obwohl sich die Schmitt­in­ter­pre­ta­ti­on vor­ran­gig auf sei­nen Feind­be­griff stürz­te, ist der Freund kein weni­ger bedeut­sa­mer Moment sei­nes dia­lek­ti­schen Politikverständnisses.

Im Poli­ti­schen hat das Wort “Freund” zwei Bedeu­tun­gen, die sich genau­so­sehr von­ein­an­der unter­schei­den wie “Kum­pel” und “Gelieb­te” im Bereich zwi­schen­per­sön­li­cher Bezie­hun­gen. Es kann “Ver­bün­de­ter” bedeu­ten, so wie der Ver­bün­de­te, mit dem man sich über der Beu­te zer­strei­tet, nach­dem der gemein­sa­me Feind besiegt ist. Die wich­ti­ge­re Bedeu­tung von “Freund” ist jedoch “Wir”. Poli­tik ist sinn­los ohne zumin­dest eine Vor­stel­lung von einer Eigengruppe.

Da ist zunächst das prak­ti­sche Pro­blem. Wenn “Wir” kei­ne poli­ti­sche Ein­heit sind, dann sind “Wir” auch nicht in der Lage, kol­lek­tiv zu han­deln, zumin­dest nicht in der Wei­se, wie dies Staa­ten, Kir­chen, Orden, Clans, Gewerk­schaf­ten, poli­ti­sche Par­tei­en und ähn­li­che Orga­ni­sa­tio­nen für gewöhn­lich tun. Doch allein die Erwäh­nung die­ses Pro­blems beinhal­tet sei­ne Lösung. Wenn “Wir” unter einem Man­gel an orga­ni­sier­ter Einig­keit lei­den, dann müs­sen “Wir” uns orga­ni­sie­ren. Die hier zu über­win­den­den Hin­der­nis­se wären Fra­gen der Füh­rer­schaft, der Stra­te­gie, des Gel­des etc.

Das grund­le­gen­de­re Pro­blem ist jedoch die­ses: Ohne eine poli­ti­sche Ein­heit wird die gan­ze Vor­stel­lung des “Wir” schwam­mig. In jeder ech­ten Ein­heit ist man ent­we­der Mit­glied die­ser Ein­heit oder nicht. Der gan­ze Sinn der Staats­bür­ger­schaft liegt dar­in, ohne jeden Zwei­fel fest­zu­stel­len, wer zur poli­ti­schen Ein­heit eines gege­be­nen Staa­tes gehört und wer nicht. Im 19. und noch im 20. Jahr­hun­dert hat dies recht gut funktioniert.

Noch in bei­den Welt­krie­gen war es all­ge­mein so, daß ein Bür­ger frem­der Her­kunft in den meis­ten Fäl­len als Teil der Eigen­grup­pe betrach­tet wur­de. Dies galt mehr oder weni­ger selbst für Bür­ger, die in einem Land gebo­ren wur­den, des­sen Sol­da­ten nun auf der ande­ren Sei­te des Nie­mands­lan­des in den Schüt­zen­grä­ben lagen, auch wenn man die­sen in gewis­sem Maße miß­trau­te und es gele­gent­lich sogar zu Aus­schrei­tun­gen kom­men konnte.

Die Aus­nah­men sind sehr auf­schluß­reich und erzäh­len uns eini­ges über die Bedin­gun­gen einer funk­tio­nie­ren­den Bür­ger­rechts­pra­xis. Es gab hier ein­mal die mul­ti­na­tio­na­len Staa­ten, das Habs­bur­ger­reich, das Osma­ni­sche Reich, Jugo­sla­wi­en, die Tsche­cho­slo­wa­kei, prak­tisch auch Polen vor 1939 und natür­lich Rußland/die Sowjet­uni­on. Zum ande­ren gab es Min­der­hei­ten, denen der jewei­li­ge Staat nicht ver­trau­te: in vie­len euro­päi­schen Län­dern die Juden, in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten die Japa­ner. In den Fäl­len, in denen die Bür­ger­schaft nicht im Gro­ßen und Gan­zen mit einer Nati­on iden­ti­fi­ziert wer­den konn­te und/oder es Min­der­hei­ten gab, denen der Staat nicht ver­trau­te, erwies sich das Bür­ger­recht ein­schließ­lich grund­le­gen­der Rech­te auf Frei­heit, Leib und Leben im Kriegs- und Kri­sen­fall oft als bedeutungslos.

Der Unter­schied zwi­schen der Alten Rech­ten und der Neu­en Rech­ten liegt weni­ger in irgend­ei­nem bestimm­ten welt­an­schau­li­chen Stand­punkt als in der Tat­sa­che, daß die Alte Reche den Natio­nal­staat und sei­ne Bür­ger­schaft noch eini­ger­ma­ßen pro­blem­los als Eigen­grup­pe betrach­ten konn­te. Im äußers­ten Fall gab es unassi­mi­lier­ba­re und pro­ble­ma­ti­sche Min­der­hei­ten, die man ver­trieb oder ver­nich­te­te. So grau­sam dies wer­den konn­ten, war es doch nur eine Unan­nehm­lich­keit, ver­gli­chen mit dem Pro­blem, in unse­rer trans­na­tio­na­len und glo­ba­li­sier­ten Zeit noch eine Eigen­grup­pe festzulegen.

Die­ses Pro­blem ist für Rech­te frei­lich deut­lich grö­ßer als für Glo­ba­lis­ten. Glo­ba­lis­ten, ein­schließ­lich vie­ler ihrer lin­ken und libe­ra­len Hand­lan­ger, Spei­chel­le­cker und nütz­li­chen Idio­ten, iden­ti­fi­zie­ren sich mit einer glo­ba­len Eli­te, zu der der ein­zel­ne ent­we­der tat­säch­lich gehört, sich dies ein­bil­det oder zumin­dest die­se glo­ba­le Eli­te zu imi­tie­ren ver­sucht. Es gibt sogar Glo­ba­lis­ten – vor allem EU-Appa­rat­schiks – die sich mit dem Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zeß selbst zu iden­ti­fi­zie­ren schei­nen. Man den­ke an die berüch­tig­te Rede des EU-Kom­mis­sars Frans Tim­mer­mans, der sicht­li­ches Selbst­be­wußt­sein aus der angeb­li­chen Unauf­halt­sam­keit der Diver­si­ty zog.

Doch für die­je­ni­gen, die sich frü­her ein­fach als Natio­na­lis­ten bezeich­net hät­ten, ist es schwie­rig gewor­den. Ein Teil des Pro­blems ist, daß inzwi­schen fast alle Län­der der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on de fac­to zu mul­ti­na­tio­na­len Staa­ten gewor­den sind. “Mit­bür­ger” bezeich­net nicht mehr den Lands­mann, son­dern jeman­den, der inner­halb eines trans­na­tio­na­len poli­ti­schen Sys­tems unter der­sel­ben Ver­wal­tungs­ein­heit lebt. Die­ses trans­na­tio­na­le Sys­tem hält sich selbst für glo­bal, reicht aber nicht wei­ter als bis zu den Gren­zen der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on, auf deren Ver­fall es blüht.

Eng damit ver­wo­ben ist der zwei­te Teil des Pro­blems. Das Sys­tem, das Natio­na­lis­ten im Wes­ten als ihren Feind betrach­ten, ist eine trans­na­tio­na­le Macht­struk­tur. Das Ergeb­nis: Die­se Natio­na­lis­ten sind auf ihre Wei­se selbst trans­na­tio­nal gewor­den. Inzwi­schen sehen sie sich selbst oft als Teil eines wahl­wei­se euro­päi­schen, west­li­chen oder wei­ßen Wider­stan­des gegen die herr­schen­den Eli­ten. Zum Teil sind die Grün­de dafür sehr pragmatisch.

Ein Bei­spiel: Rechts­op­po­si­tio­nel­le in Deutsch­land zie­hen Nut­zen aus der Wahl Donald Trumps zum US-Prä­si­den­ten. Hät­te umge­kehrt Hil­la­ry Clin­ton gesiegt, so wäre es in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten mit hoher Wahr­schein­lich­keit zu schär­fe­ren Geset­zen gegen Hate speech gekom­men. In unse­rem trans­na­tio­na­len poli­ti­schen Sys­tem hät­te dies eine Vor­bild­funk­ti­on gehabt, die auch in Deutsch­land die Ein­füh­rung wei­te­rer Straf­tat­be­stän­de im Bereich “Haß­spra­che” erleich­tert hät­te. In die­sem Sin­ne ist die ame­ri­ka­ni­sche Rech­te unser “Freund”, bis hier­her jedoch nur im Sin­ne von “Ver­bün­de­ter gegen den gemein­sa­men Feind”.

(Anmer­kung: Der fol­gen­de Text war ursprüng­lich in eng­li­scher Spra­che an ein ame­ri­ka­ni­sches Publi­kum ver­faßt. Er erscheint jetzt hier in deut­scher, etwas ver­än­der­ter Fassung.)

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Kommentare (3)

Caroline Sommerfeld

15. März 2017 13:01

Hat das Eigene nicht eher die Form konzentrischer Kreise? Im Innersten die Kernfamilie, dann: Großfamilie, Gemeinde, Ort, Nation, Rasse/Kultur. Nur der Sprung hin zum Kosmopolitismus will nie so recht gelingen und mutet daher, wie Sie richtig anhand des unseligen Timmermans festhalten, stets künstlich und falsch an. Sich als Deutscher mit Europa zu identifizieren ist keinesfalls künstlich und auch nicht am halben Weg zur transnationalen NWO.

Freund ist, wer denselben Feind hat (hübsch zirkulär, im übrigen). Das ist eben - auch bei Schmitt, soweit ich sehe - nicht eng territorial festgelegt. Schmitt denkt allerdings in Machträumen,und zu unserem Machtraum gehören die USA nicht, da wäre eher an Rußland zu denken. Ihre Frage nach der "internationalen Solidarität" von AltRight und Neuer Rechter gehört in diese geopolitische Spannung.

Richtet sich die AltRight gegen den Liberalismus (in den USA eher das, was bei uns die versammelte Linke ist), gegen den Globalismus, gegen antiweißen Rassismus, gegen Gender, PC und Feminismus - dann ist sie meines Erachtens unser Freund, und nicht bloß ein zweckdienlicher oder kontingenter Verbündeter. 

Balduin B.

15. März 2017 21:21

Damit im Politischen ein Wir entstehen kann, ist es hilfreich, wenn es ein auslösendes Moment gibt; als Entscheidungshilfe. Menschen neigen aus Trägheit dazu, sich einer Entscheidung möglichst nicht zu stellen. Erst ein Leidensdruck, der ein gewisses Maß erreicht hat, fordert das Bekenntnis zum Wir und das Bewusstsein für die Anderen.

Die Masseneinwanderung 2015 war in dieser Hinsicht ein Schlüsselereignis besonderer Tragweite, weil es für sehr viele Landsleute das klare Bekenntnis zum Wir ausgelöst hat. Es wird darauf ankommen, in kurzer Zeit die eigene Gruppe massiv quantitativ auszu-bauen. Wir brauchen auch den „Verbündeten, mit dem man sich über der Beute zerstreitet, nachdem der gemeinsame Feind besiegt ist“. Das Risiko der qualitativen Verwässerung muß man nach meiner Meinung in Kauf nehmen denn die Zeit läuft davon.

Um es mit Frau Sommerfeld zu sagen, die „Konzentrischen Kreise“ müssen alle einbezogen werden, auch wenn die Schnittmengen relativ gering sind, da der eigene Kreis definitiv nicht reichen wird. Die Globalisierer sind bereits auf der Zielgeraden. Eine Wende ist nur unter Aufbringung außerordentlicher Anstrengung, gepaart mit einer Kette von politischen Ereignissen die uns zupaß kommen, denkbar.

Cacatum non est pictum

15. März 2017 21:41

Gegen strategische Partnerschaften auf Zeit ist nichts zu sagen. Nach dem gemeinsam errungenen Sieg lässt sich neu überlegen, ob die Allianz aufrechterhalten oder in ihre ursprünglichen Bestandteile zergliedert werden soll. Für mich steht nur fest: Was über lange Zeiträume gewachsen ist, bleibt stabil - etwa Völker und Religionsgemeinschaften. Bürgerkriegskonflikte verlaufen immer an den Bruchlinien entlang, die von diesen Strukturen ausgebildet werden. Wenn es zum Ernstfall kommt, wird sich alles wie von Geisterhand sortieren. Daran vermögen auch 50 Jahre Multikulti-Propaganda nichts zu ändern.

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