Sezession
15. März 2017

Wer sind wir? Wer sind „Wir“? (1)

Johannes Poensgen / 3 Kommentare

Die grundlegende Unterscheidung innerhalb des Politischen, ist die zwischen Freund und Feind. Sie trennt das Politische von anderen Bereichen menschlicher Tätigkeit.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Diese oft zitierte Einsicht Carl Schmitts beinhaltet für jede politische Bewegung ein ernsthaftes Problem, deren Trennlinie zwischen Freund und Feind nicht anhand bereits bestehender politischer Einheiten verläuft. Im Verlauf der Geschichte schieden sich Freund und Feind an beinahe allen nur denkbaren Kriterien, von familiären Abstammungslinien bis zu religiösen Bekenntnissen. Doch nur klar definierte politische Einheiten, die sowohl einfach zu identifizieren sind als auch über die Fähigkeit zu bewußtem Handeln verfügen, können ohne weitere Erläuterung zum Freund oder zum Feind erklärt werden.

Was Feinde betrifft, so führen unklare Vorstellungen über sie zu fehlerhaften Entscheidungen, denn man wählt entweder den falschen Feind, oder aber man wählt den richtigen Feind, hat aber falsche Vorstellungen von ihm. Doch obwohl sich die Schmittinterpretation vorrangig auf seinen Feindbegriff stürzte, ist der Freund kein weniger bedeutsamer Moment seines dialektischen Politikverständnisses.

Im Politischen hat das Wort "Freund" zwei Bedeutungen, die sich genausosehr voneinander unterscheiden wie "Kumpel" und "Geliebte" im Bereich zwischenpersönlicher Beziehungen. Es kann "Verbündeter" bedeuten, so wie der Verbündete, mit dem man sich über der Beute zerstreitet, nachdem der gemeinsame Feind besiegt ist. Die wichtigere Bedeutung von "Freund" ist jedoch "Wir". Politik ist sinnlos ohne zumindest eine Vorstellung von einer Eigengruppe.

Da ist zunächst das praktische Problem. Wenn "Wir" keine politische Einheit sind, dann sind "Wir" auch nicht in der Lage, kollektiv zu handeln, zumindest nicht in der Weise, wie dies Staaten, Kirchen, Orden, Clans, Gewerkschaften, politische Parteien und ähnliche Organisationen für gewöhnlich tun. Doch allein die Erwähnung dieses Problems beinhaltet seine Lösung. Wenn "Wir" unter einem Mangel an organisierter Einigkeit leiden, dann müssen "Wir" uns organisieren. Die hier zu überwindenden Hindernisse wären Fragen der Führerschaft, der Strategie, des Geldes etc.

Das grundlegendere Problem ist jedoch dieses: Ohne eine politische Einheit wird die ganze Vorstellung des "Wir" schwammig. In jeder echten Einheit ist man entweder Mitglied dieser Einheit oder nicht. Der ganze Sinn der Staatsbürgerschaft liegt darin, ohne jeden Zweifel festzustellen, wer zur politischen Einheit eines gegebenen Staates gehört und wer nicht. Im 19. und noch im 20. Jahrhundert hat dies recht gut funktioniert.

Noch in beiden Weltkriegen war es allgemein so, daß ein Bürger fremder Herkunft in den meisten Fällen als Teil der Eigengruppe betrachtet wurde. Dies galt mehr oder weniger selbst für Bürger, die in einem Land geboren wurden, dessen Soldaten nun auf der anderen Seite des Niemandslandes in den Schützengräben lagen, auch wenn man diesen in gewissem Maße mißtraute und es gelegentlich sogar zu Ausschreitungen kommen konnte.

Die Ausnahmen sind sehr aufschlußreich und erzählen uns einiges über die Bedingungen einer funktionierenden Bürgerrechtspraxis. Es gab hier einmal die multinationalen Staaten, das Habsburgerreich, das Osmanische Reich, Jugoslawien, die Tschechoslowakei, praktisch auch Polen vor 1939 und natürlich Rußland/die Sowjetunion. Zum anderen gab es Minderheiten, denen der jeweilige Staat nicht vertraute: in vielen europäischen Ländern die Juden, in den Vereinigten Staaten die Japaner. In den Fällen, in denen die Bürgerschaft nicht im Großen und Ganzen mit einer Nation identifiziert werden konnte und/oder es Minderheiten gab, denen der Staat nicht vertraute, erwies sich das Bürgerrecht einschließlich grundlegender Rechte auf Freiheit, Leib und Leben im Kriegs- und Krisenfall oft als bedeutungslos.

Der Unterschied zwischen der Alten Rechten und der Neuen Rechten liegt weniger in irgendeinem bestimmten weltanschaulichen Standpunkt als in der Tatsache, daß die Alte Reche den Nationalstaat und seine Bürgerschaft noch einigermaßen problemlos als Eigengruppe betrachten konnte. Im äußersten Fall gab es unassimilierbare und problematische Minderheiten, die man vertrieb oder vernichtete. So grausam dies werden konnten, war es doch nur eine Unannehmlichkeit, verglichen mit dem Problem, in unserer transnationalen und globalisierten Zeit noch eine Eigengruppe festzulegen.

Dieses Problem ist für Rechte freilich deutlich größer als für Globalisten. Globalisten, einschließlich vieler ihrer linken und liberalen Handlanger, Speichellecker und nützlichen Idioten, identifizieren sich mit einer globalen Elite, zu der der einzelne entweder tatsächlich gehört, sich dies einbildet oder zumindest diese globale Elite zu imitieren versucht. Es gibt sogar Globalisten – vor allem EU-Apparatschiks – die sich mit dem Globalisierungsprozeß selbst zu identifizieren scheinen. Man denke an die berüchtigte Rede des EU-Kommissars Frans Timmermans, der sichtliches Selbstbewußtsein aus der angeblichen Unaufhaltsamkeit der Diversity zog.

Doch für diejenigen, die sich früher einfach als Nationalisten bezeichnet hätten, ist es schwierig geworden. Ein Teil des Problems ist, daß inzwischen fast alle Länder der westlichen Zivilisation de facto zu multinationalen Staaten geworden sind. "Mitbürger" bezeichnet nicht mehr den Landsmann, sondern jemanden, der innerhalb eines transnationalen politischen Systems unter derselben Verwaltungseinheit lebt. Dieses transnationale System hält sich selbst für global, reicht aber nicht weiter als bis zu den Grenzen der westlichen Zivilisation, auf deren Verfall es blüht.

Eng damit verwoben ist der zweite Teil des Problems. Das System, das Nationalisten im Westen als ihren Feind betrachten, ist eine transnationale Machtstruktur. Das Ergebnis: Diese Nationalisten sind auf ihre Weise selbst transnational geworden. Inzwischen sehen sie sich selbst oft als Teil eines wahlweise europäischen, westlichen oder weißen Widerstandes gegen die herrschenden Eliten. Zum Teil sind die Gründe dafür sehr pragmatisch.

Ein Beispiel: Rechtsoppositionelle in Deutschland ziehen Nutzen aus der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Hätte umgekehrt Hillary Clinton gesiegt, so wäre es in den Vereinigten Staaten mit hoher Wahrscheinlichkeit zu schärferen Gesetzen gegen Hate speech gekommen. In unserem transnationalen politischen System hätte dies eine Vorbildfunktion gehabt, die auch in Deutschland die Einführung weiterer Straftatbestände im Bereich "Haßsprache" erleichtert hätte. In diesem Sinne ist die amerikanische Rechte unser "Freund", bis hierher jedoch nur im Sinne von "Verbündeter gegen den gemeinsamen Feind".

(Anmerkung: Der folgende Text war ursprünglich in englischer Sprache an ein amerikanisches Publikum verfaßt. Er erscheint jetzt hier in deutscher, etwas veränderter Fassung.)


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Kommentare (3)

Caroline Sommerfeld
15. März 2017 13:01

Hat das Eigene nicht eher die Form konzentrischer Kreise? Im Innersten die Kernfamilie, dann: Großfamilie, Gemeinde, Ort, Nation, Rasse/Kultur. Nur der Sprung hin zum Kosmopolitismus will nie so recht gelingen und mutet daher, wie Sie richtig anhand des unseligen Timmermans festhalten, stets künstlich und falsch an. Sich als Deutscher mit Europa zu identifizieren ist keinesfalls künstlich und auch nicht am halben Weg zur transnationalen NWO.

Freund ist, wer denselben Feind hat (hübsch zirkulär, im übrigen). Das ist eben - auch bei Schmitt, soweit ich sehe - nicht eng territorial festgelegt. Schmitt denkt allerdings in Machträumen,und zu unserem Machtraum gehören die USA nicht, da wäre eher an Rußland zu denken. Ihre Frage nach der "internationalen Solidarität" von AltRight und Neuer Rechter gehört in diese geopolitische Spannung.

Richtet sich die AltRight gegen den Liberalismus (in den USA eher das, was bei uns die versammelte Linke ist), gegen den Globalismus, gegen antiweißen Rassismus, gegen Gender, PC und Feminismus - dann ist sie meines Erachtens unser Freund, und nicht bloß ein zweckdienlicher oder kontingenter Verbündeter. 

Balduin B.
15. März 2017 21:21

Damit im Politischen ein Wir entstehen kann, ist es hilfreich, wenn es ein auslösendes Moment gibt; als Entscheidungshilfe. Menschen neigen aus Trägheit dazu, sich einer Entscheidung möglichst nicht zu stellen. Erst ein Leidensdruck, der ein gewisses Maß erreicht hat, fordert das Bekenntnis zum Wir und das Bewusstsein für die Anderen.

Die Masseneinwanderung 2015 war in dieser Hinsicht ein Schlüsselereignis besonderer Tragweite, weil es für sehr viele Landsleute das klare Bekenntnis zum Wir ausgelöst hat. Es wird darauf ankommen, in kurzer Zeit die eigene Gruppe massiv quantitativ auszu-bauen. Wir brauchen auch den „Verbündeten, mit dem man sich über der Beute zerstreitet, nachdem der gemeinsame Feind besiegt ist“. Das Risiko der qualitativen Verwässerung muß man nach meiner Meinung in Kauf nehmen denn die Zeit läuft davon.

Um es mit Frau Sommerfeld zu sagen, die „Konzentrischen Kreise“ müssen alle einbezogen werden, auch wenn die Schnittmengen relativ gering sind, da der eigene Kreis definitiv nicht reichen wird. Die Globalisierer sind bereits auf der Zielgeraden. Eine Wende ist nur unter Aufbringung außerordentlicher Anstrengung, gepaart mit einer Kette von politischen Ereignissen die uns zupaß kommen, denkbar.

Cacatum non est pictum
15. März 2017 21:41

Gegen strategische Partnerschaften auf Zeit ist nichts zu sagen. Nach dem gemeinsam errungenen Sieg lässt sich neu überlegen, ob die Allianz aufrechterhalten oder in ihre ursprünglichen Bestandteile zergliedert werden soll. Für mich steht nur fest: Was über lange Zeiträume gewachsen ist, bleibt stabil - etwa Völker und Religionsgemeinschaften. Bürgerkriegskonflikte verlaufen immer an den Bruchlinien entlang, die von diesen Strukturen ausgebildet werden. Wenn es zum Ernstfall kommt, wird sich alles wie von Geisterhand sortieren. Daran vermögen auch 50 Jahre Multikulti-Propaganda nichts zu ändern.

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