Sezession
16. März 2017

Wer sind wir? Wer sind „Wir“? (2)

Johannes Poensgen / 3 Kommentare

Eine Welt globaler Vernetzungen und Machtstrukturen ist die Frage nach der politischen Eigengruppe nicht mehr so einfach zu beantworten. Ein Heimatgefühl ist bei vielen vorhanden, doch taugt dies wirklich für die Scheidung von Freund und Feind?

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

  • Sezession

Wer sich heute irgendwo als "rechts" bezeichnet (und mancher, der das nie täte), ist antiglobalistisch. Dennoch hat die Globalisierung auch diese Milieus nicht verschont. Angefangen mit dem Internet, in welchem die Anglosphäre die wichtige Funktion einer gemeinsamen sprachlichen Basis für Europäer erfüllt, die meist die Sprache ihres jeweiligen Gegenübers nicht oder nicht gut genug sprechen, bis zur Konfrontation mit fremden Rassen und Kulturen: Viele Faktoren haben zu einer noch im Anfangsstadium befindlichen transnationalen rechten Identität geführt.

Um das Ganze komplizierter zu machen: Unser Kampf ist zum großen Teil ein Kampf um Identität. Ein Kampf aber beinhaltet einander gegenüberstehende Kampfparteien. Demnach müssen beide Fragen, "Wer sind wir?" und "Wer sind 'Wir'?" (und damit auch: "Wer sind 'die Anderen'?") gemeinsam beantwortet werden.

Ich habe im ersten Teil bereits die drei häufigsten transnationalen Identifikationsfiguren auf der Rechten erwähnt: europäisch, westlich und weiß. Allein ihre Erwähnung zeigt bereits, daß es weder einen Konsens darüber gibt, wer wir sind, noch darüber, wer 'Wir' sind. Es gibt ein stärkerwerdendes Zusammengehörigkeitsgefühl, das Gefühl, in diesen globalisierten Zeiten einer gemeinsamen Art Mensch anzugehören.

Was dies aber inhaltlich bedeutet, also die Frage, wer wir denn eigentlich sind, was uns ausmacht, Heimat, Herkunft, Tradition, darüber gehen die Ansichten doch weit auseinander. Aber auch die politische Frage: "Wer sind 'Wir'? Wer ist unsere politische Eigengruppe?" und "Wer sind 'die Anderen'?", ist nicht geklärt.

Außerhalb der amerikanischen AltRight, wo "Europeans" oft für die Gründungspopulation der Vereinigten Staaten gebraucht wird, beinhaltet die Selbstbezeichnung als Europäer meist tiefe Abneigung gegen alles Amerikanische. Über Rußland sind sich die "Europäer" hingegen nicht einig. Während die meisten von ihnen Rußland für einen europäischen Nationalstaat halten, stellt es für andere, die von einem Europa zwischen Osten und Westen träumen, eine fremde asiatische Macht dar. Beide Seiten berufen sich dabei auf Kultur und Geopolitik.

Zweifellos ist Rußland an der Oberfläche deutlich von abendländischer Hochkultur geprägt. Man kann sogar behaupten, daß diese Hochkultur sich in den gebildeteren Schichten des russischen Volkes am besten erhalten hat, auch wenn dieser Superlativ größtenteils dem Verfall westlichen Kulturlebens zu verdanken ist. Liest man andererseits russische Denker wie Alexander Dugin, so stellt man rasch fest, daß sie zwar oft große Sympathien für Europa haben, sich selbst aber entschieden nicht als Europäer verstehen.

Es bleibt das geopolitische Argument. Es ist hauptsächlich falsch. Zunächst einmal kann Geopolitik nicht die Grundlage einer Eigengruppe sein. Staaten und Völker haben geopolitische Interessen, doch diesen fehlt das emotionale Band, das für jede Vorstellung von "Wir" notwendig ist. Interessanterweise können divergierende geopolitische Interessen jedoch eine Eigengruppe auseinanderreißen oder die Bildung einer solchen unmöglich machen.

Es liegt etwas über ein Jahrzehnt zurück: Die Beziehungen zwischen Rußland und dem Westen befanden sich auf einem Allzeithoch, und ein Journalist fragte einen russischen General, warum Rußland nicht der NATO beitrete. In anderen Worten: Er fragte, warum um alles in der Welt Rußland nicht der Eigengruppe beitreten wolle, die sich selbst "Freie Welt" nennt. Der General antwortete, daß er sich schwerlich deutsche Soldaten vorstellen könne, die Rußland am Yalu gegen Nordkorea verteidigten (er sagte Nordkorea, meinte aber natürlich China).

Das gleiche Problem stellt sich freilich auch für die zweite Beschreibung unserer Eigengruppe als "der Westen". Westler sind gewissermaßen das direkte Gegenstück zu Europäern. Geographisch lehnen sie sich in die andere Richtung, doch ihre Denkweise ist recht ähnlich. Dennoch zeigen sie einige Besonderheiten. Zunächst: Mit Ausnahme einer Untergattung, die man als "Abendländer" bezeichnen könnte, also denjenigen, die das Abendland im Sinne Spenglers oder Yockeys als ihre Eigengruppe betrachten, legen Westler deutlich größeren Wert auf politische Kultur als auf Kultur im allgemeinen. Der Westen ist für sie die "Freie Welt".

Oft genug führt dies zu einem Zivilnationalismus, der einen ganzen Kulturkreis umfaßt. Daher stammt auch ihr oft ins Peinliche abdriftender Philosemitismus. Israel sei schließlich "die einzige Demokratie im Nahen Osten". Westler finden sich heutzutage vor allem aufgrund der fortschreitenden Islamisierung im rechten Lager wieder. Aus diesem Grund sind sie auch in Europa häufiger als in Amerika, auch wenn man cum grano salis die Neokonservativen als amerikanische Westler zählen kann. Diese stehen, anders als ein Geert Wilders oder Nigel Farrage, freilich nicht gegen das Establishment ihres Landes.


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

  • Sezession

Kommentare (3)

Monika L.
16. März 2017 13:25

"Die Katastrophen prüfen, in welchem Maße Menschen und Völker noch original gegründet sind. Ob wenigstens noch ein Wurzelstrang unmittelbar das Erdreich aufschließt  - daran hängen Gesundheit und Lebensaussicht jenseits der Zivilisation und ihrer Versicherung"

Ernst Jünger, Waldgang

Der Kampf um oder die Suche nach Identität wird in den nächsten Jahren sicher zu einem großen Thema. Dazu hat auch der niederländische Soziologe Paul Scheffer "DAS MULTIKULTURELLE DRAMA " grundlegendes geschrieben:

https://www.welt.de/politik/ausland/article162768616/Unser-heutiges-System-ist-im-Niedergang-begriffen-Unwiderruflich.html

Wir suchen Rückversicherung in einer globalisierten Welt. Scheffer etwa sieht Europa deshalb als Sicherheitsgemeinschaft. ( Linker /sozialer und rechter/ kultureller  Protektionismus) . Was transnationale Identifikationsfiguren der Rechten betrifft, vermisse ich in der Aufzählung christliche Identifikationsfiguren. Auch die christlichen Kirchen in Europa sind in einem rapiden Zerfall begriffen. Gemeinden vor Ort lösen sich auf mit allen bekannten Folgen. Christliches Erbe, Tradition gehen verloren. Vielleicht geht es bei dem " Wir" weniger um Zahlenverhältnisse als um Seinsverdichtungen ( Jünger) . Um Orte, wo sich die Verlorenen treffen, ihren Wurzeln nachspüren, usw. Kleine Gemeinschaften bilden, Klosterneugründungen ( etwa Kloster Neuzelle als Ableger von Stift Heiligenkreuz)  oder Kulturvereine. Auch Schnellroda ist ja so ein Ort der " Seinsverdichtung" .  Einen solchen Ort sollte jeder in seiner Nähe haben. Selbst gründen etwa.

Elektriker
16. März 2017 19:13

"Der Kampf um oder die Suche nach..."

Warum befinde ich mich im Kampf? Weil das Gegenwärtige MIR widerspricht!
Was hat Sie(Leser) zur SIN getrieben?

Wir tragen es nicht IN uns. Wir SIND es...gottverdammisch...um SICH kämpfen Alzheimerkranke.

Und WIR kämpfen..ja..um geistigen und geographischen RAUM.

Und ich kämpfe..ja..um alles Echte und Ehrliche, um alles Meisterhafte und Schöne.
Wer das nicht macht, ist der Andere. Und wer meine Sprache nicht spricht auch. Und wer anders aussieht sowieso. (Das ist grob, ich weis...ich bin grob...im Geiste...von meiner Sorte gibts die meisten!!)

Noch zu etwas anderem:
Donovan war Klasse. Genau dieser Modus, diese Selbstüberhöhung mit Augenzwinkern, dieses Er-greif-ende. Herr-lich.

Mit bestem Gewissen,
einervonvielendiedenLadenderweilamLaufenhalten

Valjean72
17. März 2017 10:04

ZITATE: „die drei häufigsten transnationalen Identifikationsfiguren auf der Rechten erwähnt: europäisch, WESTLICH und weiß.

Die Beziehungen zwischen Rußland und dem WESTEN …

Das gleiche Problem stellt sich freilich auch für die zweite Beschreibung unserer Eigengruppe als "der WESTEN“

---

Das mag vielleicht spitzfindig erscheinen, auch habe ich nicht ausreichend langem Atem dies  gebührend auszuführen aber ich sehe Deutschland EBEN NICHT bloß als einen namenlosen Teil des Westens. Deutschland hat sich einst als eigenständige Kulturnation begriffen, mit einem eigenen Sendungsauftrag an die Welt. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass wir der Welt etwas anderes  geben können, als die „den Westen“ beherrschende angelsächsische Welt. Und bei der gewählten Formulierung der „Beziehungen zwischen Rußland und dem WESTEN“ wird ja deutlich, wer sich bisher hinter diesem Codewort verbarg: die Eliten in den USA. Russland könnte mit Deutschland (und auch mit Frankreich) durchaus gedeihliche Beziehungen führen, wen es denn den USA gefiele. Am 4. Februar 2015 gab George Friedman, der Gründer des privaten Nachrichtendienstes STRATFOR folgendes von sich:

“the primordial interest of the Unites States over which we for centuries have fought wars, the first second and cold war has been the relationship between Germany and Russia. Because united they are the only force that could threaten us and to make sure that that doesn’t happen…

For the United States, the primordial fear is… German technology and German capital, Russian natural resources and Russian manpower… the only combination that has for centuries scared the hell out of the United States.”

Ich begreife die historische Aufgabe eines wiedergewonnenen deutschen Patriotismus gerade in der Emanzipation gegenüber der westlichen, sprich US-amerikanischen Dominanz, auch und gerade auf kulturellem Gebiet. Das bedeutet ja nicht in Gegnerschaft zu treten oder sich interessanten Anregungen zu verschließen.

Das ich damit an diesem Ort ein Exot bin, dessen bin ich mir durchaus bewusst.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.