Wer sind wir? Wer sind “Wir”? (2)

Eine Welt globaler Vernetzungen und Machtstrukturen ist die Frage nach der politischen Eigengruppe nicht mehr so einfach zu beantworten.

 Gastbeitrag

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Ein Hei­mat­ge­fühl ist bei vie­len vor­han­den, doch taugt dies wirk­lich für die Schei­dung von Freund und Feind?

Wer sich heu­te irgend­wo als “rechts” bezeich­net (und man­cher, der das nie täte), ist antiglo­ba­lis­tisch. Den­noch hat die Glo­ba­li­sie­rung auch die­se Milieus nicht ver­schont. Ange­fan­gen mit dem Inter­net, in wel­chem die Anglo­sphä­re die wich­ti­ge Funk­ti­on einer gemein­sa­men sprach­li­chen Basis für Euro­pä­er erfüllt, die meist die Spra­che ihres jewei­li­gen Gegen­übers nicht oder nicht gut genug spre­chen, bis zur Kon­fron­ta­ti­on mit frem­den Ras­sen und Kul­tu­ren: Vie­le Fak­to­ren haben zu einer noch im Anfangs­sta­di­um befind­li­chen trans­na­tio­na­len rech­ten Iden­ti­tät geführt.

Um das Gan­ze kom­pli­zier­ter zu machen: Unser Kampf ist zum gro­ßen Teil ein Kampf um Iden­ti­tät. Ein Kampf aber beinhal­tet ein­an­der gegen­über­ste­hen­de Kampf­par­tei­en. Dem­nach müs­sen bei­de Fra­gen, “Wer sind wir?” und “Wer sind ‘Wir’?” (und damit auch: “Wer sind ‘die Ande­ren’?”) gemein­sam beant­wor­tet werden.

Ich habe im ers­ten Teil bereits die drei häu­figs­ten trans­na­tio­na­len Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren auf der Rech­ten erwähnt: euro­pä­isch, west­lich und weiß. Allein ihre Erwäh­nung zeigt bereits, daß es weder einen Kon­sens dar­über gibt, wer wir sind, noch dar­über, wer ‘Wir’ sind. Es gibt ein stär­kerwer­den­des Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl, das Gefühl, in die­sen glo­ba­li­sier­ten Zei­ten einer gemein­sa­men Art Mensch anzugehören.

Was dies aber inhalt­lich bedeu­tet, also die Fra­ge, wer wir denn eigent­lich sind, was uns aus­macht, Hei­mat, Her­kunft, Tra­di­ti­on, dar­über gehen die Ansich­ten doch weit aus­ein­an­der. Aber auch die poli­ti­sche Fra­ge: “Wer sind ‘Wir’? Wer ist unse­re poli­ti­sche Eigen­grup­pe?” und “Wer sind ‘die Ande­ren’?”, ist nicht geklärt.

Außer­halb der ame­ri­ka­ni­schen Alt­Right, wo “Euro­peans” oft für die Grün­dungs­po­pu­la­ti­on der Ver­ei­nig­ten Staa­ten gebraucht wird, beinhal­tet die Selbst­be­zeich­nung als Euro­pä­er meist tie­fe Abnei­gung gegen alles Ame­ri­ka­ni­sche. Über Ruß­land sind sich die “Euro­pä­er” hin­ge­gen nicht einig. Wäh­rend die meis­ten von ihnen Ruß­land für einen euro­päi­schen Natio­nal­staat hal­ten, stellt es für ande­re, die von einem Euro­pa zwi­schen Osten und Wes­ten träu­men, eine frem­de asia­ti­sche Macht dar. Bei­de Sei­ten beru­fen sich dabei auf Kul­tur und Geopolitik.

Zwei­fel­los ist Ruß­land an der Ober­flä­che deut­lich von abend­län­di­scher Hoch­kul­tur geprägt. Man kann sogar behaup­ten, daß die­se Hoch­kul­tur sich in den gebil­de­te­ren Schich­ten des rus­si­schen Vol­kes am bes­ten erhal­ten hat, auch wenn die­ser Super­la­tiv größ­ten­teils dem Ver­fall west­li­chen Kul­tur­le­bens zu ver­dan­ken ist. Liest man ande­rer­seits rus­si­sche Den­ker wie Alex­an­der Dugin, so stellt man rasch fest, daß sie zwar oft gro­ße Sym­pa­thien für Euro­pa haben, sich selbst aber ent­schie­den nicht als Euro­pä­er verstehen.

Es bleibt das geo­po­li­ti­sche Argu­ment. Es ist haupt­säch­lich falsch. Zunächst ein­mal kann Geo­po­li­tik nicht die Grund­la­ge einer Eigen­grup­pe sein. Staa­ten und Völ­ker haben geo­po­li­ti­sche Inter­es­sen, doch die­sen fehlt das emo­tio­na­le Band, das für jede Vor­stel­lung von “Wir” not­wen­dig ist. Inter­es­san­ter­wei­se kön­nen diver­gie­ren­de geo­po­li­ti­sche Inter­es­sen jedoch eine Eigen­grup­pe aus­ein­an­der­rei­ßen oder die Bil­dung einer sol­chen unmög­lich machen.

Es liegt etwas über ein Jahr­zehnt zurück: Die Bezie­hun­gen zwi­schen Ruß­land und dem Wes­ten befan­den sich auf einem All­zeit­hoch, und ein Jour­na­list frag­te einen rus­si­schen Gene­ral, war­um Ruß­land nicht der NATO bei­tre­te. In ande­ren Wor­ten: Er frag­te, war­um um alles in der Welt Ruß­land nicht der Eigen­grup­pe bei­tre­ten wol­le, die sich selbst “Freie Welt” nennt. Der Gene­ral ant­wor­te­te, daß er sich schwer­lich deut­sche Sol­da­ten vor­stel­len kön­ne, die Ruß­land am Yalu gegen Nord­ko­rea ver­tei­dig­ten (er sag­te Nord­ko­rea, mein­te aber natür­lich China).

Das glei­che Pro­blem stellt sich frei­lich auch für die zwei­te Beschrei­bung unse­rer Eigen­grup­pe als “der Wes­ten”. West­ler sind gewis­ser­ma­ßen das direk­te Gegen­stück zu Euro­pä­ern. Geo­gra­phisch leh­nen sie sich in die ande­re Rich­tung, doch ihre Denk­wei­se ist recht ähn­lich. Den­noch zei­gen sie eini­ge Beson­der­hei­ten. Zunächst: Mit Aus­nah­me einer Unter­gat­tung, die man als “Abend­län­der” bezeich­nen könn­te, also den­je­ni­gen, die das Abend­land im Sin­ne Speng­lers oder Yockeys als ihre Eigen­grup­pe betrach­ten, legen West­ler deut­lich grö­ße­ren Wert auf poli­ti­sche Kul­tur als auf Kul­tur im all­ge­mei­nen. Der Wes­ten ist für sie die “Freie Welt”.

Oft genug führt dies zu einem Zivil­na­tio­na­lis­mus, der einen gan­zen Kul­tur­kreis umfaßt. Daher stammt auch ihr oft ins Pein­li­che abdrif­ten­der Phi­lo­se­mi­tis­mus. Isra­el sei schließ­lich “die ein­zi­ge Demo­kra­tie im Nahen Osten”. West­ler fin­den sich heut­zu­ta­ge vor allem auf­grund der fort­schrei­ten­den Isla­mi­sie­rung im rech­ten Lager wie­der. Aus die­sem Grund sind sie auch in Euro­pa häu­fi­ger als in Ame­ri­ka, auch wenn man cum gra­no salis die Neo­kon­ser­va­ti­ven als ame­ri­ka­ni­sche West­ler zäh­len kann. Die­se ste­hen, anders als ein Geert Wil­ders oder Nigel Farra­ge, frei­lich nicht gegen das Estab­lish­ment ihres Landes.

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Kommentare (3)

Monika L.

16. März 2017 13:25

"Die Katastrophen prüfen, in welchem Maße Menschen und Völker noch original gegründet sind. Ob wenigstens noch ein Wurzelstrang unmittelbar das Erdreich aufschließt  - daran hängen Gesundheit und Lebensaussicht jenseits der Zivilisation und ihrer Versicherung"

Ernst Jünger, Waldgang

Der Kampf um oder die Suche nach Identität wird in den nächsten Jahren sicher zu einem großen Thema. Dazu hat auch der niederländische Soziologe Paul Scheffer "DAS MULTIKULTURELLE DRAMA " grundlegendes geschrieben:

https://www.welt.de/politik/ausland/article162768616/Unser-heutiges-System-ist-im-Niedergang-begriffen-Unwiderruflich.html

Wir suchen Rückversicherung in einer globalisierten Welt. Scheffer etwa sieht Europa deshalb als Sicherheitsgemeinschaft. ( Linker /sozialer und rechter/ kultureller  Protektionismus) . Was transnationale Identifikationsfiguren der Rechten betrifft, vermisse ich in der Aufzählung christliche Identifikationsfiguren. Auch die christlichen Kirchen in Europa sind in einem rapiden Zerfall begriffen. Gemeinden vor Ort lösen sich auf mit allen bekannten Folgen. Christliches Erbe, Tradition gehen verloren. Vielleicht geht es bei dem " Wir" weniger um Zahlenverhältnisse als um Seinsverdichtungen ( Jünger) . Um Orte, wo sich die Verlorenen treffen, ihren Wurzeln nachspüren, usw. Kleine Gemeinschaften bilden, Klosterneugründungen ( etwa Kloster Neuzelle als Ableger von Stift Heiligenkreuz)  oder Kulturvereine. Auch Schnellroda ist ja so ein Ort der " Seinsverdichtung" .  Einen solchen Ort sollte jeder in seiner Nähe haben. Selbst gründen etwa.

Elektriker

16. März 2017 19:13

"Der Kampf um oder die Suche nach..."

Warum befinde ich mich im Kampf? Weil das Gegenwärtige MIR widerspricht!
Was hat Sie(Leser) zur SIN getrieben?

Wir tragen es nicht IN uns. Wir SIND es...gottverdammisch...um SICH kämpfen Alzheimerkranke.

Und WIR kämpfen..ja..um geistigen und geographischen RAUM.

Und ich kämpfe..ja..um alles Echte und Ehrliche, um alles Meisterhafte und Schöne.
Wer das nicht macht, ist der Andere. Und wer meine Sprache nicht spricht auch. Und wer anders aussieht sowieso. (Das ist grob, ich weis...ich bin grob...im Geiste...von meiner Sorte gibts die meisten!!)

Noch zu etwas anderem:
Donovan war Klasse. Genau dieser Modus, diese Selbstüberhöhung mit Augenzwinkern, dieses Er-greif-ende. Herr-lich.

Mit bestem Gewissen,
einervonvielendiedenLadenderweilamLaufenhalten

Valjean72

17. März 2017 10:04

ZITATE: „die drei häufigsten transnationalen Identifikationsfiguren auf der Rechten erwähnt: europäisch, WESTLICH und weiß.

Die Beziehungen zwischen Rußland und dem WESTEN …

Das gleiche Problem stellt sich freilich auch für die zweite Beschreibung unserer Eigengruppe als "der WESTEN“

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Das mag vielleicht spitzfindig erscheinen, auch habe ich nicht ausreichend langem Atem dies  gebührend auszuführen aber ich sehe Deutschland EBEN NICHT bloß als einen namenlosen Teil des Westens. Deutschland hat sich einst als eigenständige Kulturnation begriffen, mit einem eigenen Sendungsauftrag an die Welt. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass wir der Welt etwas anderes  geben können, als die „den Westen“ beherrschende angelsächsische Welt. Und bei der gewählten Formulierung der „Beziehungen zwischen Rußland und dem WESTEN“ wird ja deutlich, wer sich bisher hinter diesem Codewort verbarg: die Eliten in den USA. Russland könnte mit Deutschland (und auch mit Frankreich) durchaus gedeihliche Beziehungen führen, wen es denn den USA gefiele. Am 4. Februar 2015 gab George Friedman, der Gründer des privaten Nachrichtendienstes STRATFOR folgendes von sich:

“the primordial interest of the Unites States over which we for centuries have fought wars, the first second and cold war has been the relationship between Germany and Russia. Because united they are the only force that could threaten us and to make sure that that doesn’t happen…

For the United States, the primordial fear is… German technology and German capital, Russian natural resources and Russian manpower… the only combination that has for centuries scared the hell out of the United States.”

Ich begreife die historische Aufgabe eines wiedergewonnenen deutschen Patriotismus gerade in der Emanzipation gegenüber der westlichen, sprich US-amerikanischen Dominanz, auch und gerade auf kulturellem Gebiet. Das bedeutet ja nicht in Gegnerschaft zu treten oder sich interessanten Anregungen zu verschließen.

Das ich damit an diesem Ort ein Exot bin, dessen bin ich mir durchaus bewusst.

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