18. März 2017

Wer war Rolf Peter Sieferle?

von Michael Wiesberg / 9 Kommentare

Seinen letzten Essay veröffentlichte Rolf Peter Sieferle im Winterheft 2015/16 der Tumult, wo er eine der wohl luzidesten Analysen zu dem »ganz Europa destabilisierenden Wahnsinn der Grenzöffnung« vorlegte.

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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  • Diese Grenzöffnung sei vielleicht »nur der Vorbote umfassenderer Konvulsionen«, »in denen alles untergehen« werde, »was uns heute selbstverständlich ist«. Drei Tage vor seinem Freitod in Heidelberg im September 2016 schickte er an seine engsten Freunde noch einen Brief, in dem er zu der Schlußfolgerung kam, daß wir »es zur Zeit offenbar mit einer gezielten Selbstzerstörung der deutschen, europäischen, westlichen Kultur zu tun« haben.

    Danach verstummte der gebürtige Stuttgarter für immer, der als Denker sui generis zu Lebzeiten bei weitem nicht die Aufmerksamkeit erfuhr, die ihm aufgrund der Bedeutung seines Werks eigentlich hätte zukommen müssen.

    Sieferle war zunächst lange Zeit in Mannheim als Privatdozent und Professor tätig, ehe er im Jahre 2000 eine Berufung auf den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte in St. Gallen erhielt. »Viele von uns«, so der Nachruf seiner Wiener Fachkollegin Verena Winiwarter, trauerten um »einen unbestechlichen, aber stets wohlwollenden Kritiker«, aber auch um »einen humorvollen, treuen Freund«, der sich »fremden Denkwelten« gegenüber »wie kaum ein anderer« aufgeschlossen zeigte.

    Es waren wohl diese Eigenschaften, die Sieferle zu einem Seismographen für die Offenlegung von »unterirdischen« Transformationsprozessen prädestinierten, die ihr besonderes Profil durch dessen Bemühen gewannen, seine Erkenntnisse mit Niklas Luhmanns Systemtheorie zu amalgamieren. Moralisierende Einlassungen, schon gar politisch korrekter Natur, finden sich in seinem Werk deshalb so gut wie nicht.

    Von diesem Ansatz sind auch seine eben postum publizierten Miszellen geprägt, die im kaplaken-Band Finis Germania nachgelesen werden können. Überdies erschien in der Werkreihe von Tumult die letzte Studie Sieferles; sie trägt den Titel Das Migrationsproblem. Beide Publikationen können auch als Belege dafür gelesen werden, warum der Umwelthistoriker, dessen Arbeitsschwerpunkte Umweltgeschichte, Universalgeschichte, Sozial- sowie Kultur- und Ideengeschichte der Industrialisierung umfaßten, immer wieder als »Universalgelehrter« bezeichnet wurde. Die Lektüre seiner Texte bedeutet immer einen Erkenntnisfortschritt – auch wenn diese Erkenntnisse, zumal aus deutscher Sicht, schmerzlich sein können.

    Das Thema seiner Doktorarbeit lautete Die Revolution in der Theorie von Karl Marx. Sieferle sollte sich auch in der Folge immer wieder mit Marx auseinandersetzen; 2007 legte er beispielsweise eine Einführung in das Denken von Karl Marx vor. Der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie bescheinigte Sieferle eine beachtliche analytische und prognostische Kraft; die Grenzen seines Denkens würden aber in dessen Planungsoptimismus, in seiner ökonomischen Simplifzierung sozialer Phänomene und nicht zuletzt in der Voraussage einer herrschaftsfreien Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus deutlich.

    Der nächste bedeutende Wurf war das 1982 publizierte Buch Der unterirdische Wald. Energiekrise und industrielle Revolution. Dieses Werk kann als Versuch gedeutet werden, eine Art Geschichte der Energiesysteme unter ökologischen Aspekten vorzulegen. Der Übergang zur Nutzung fossiler Energieträger, vor allem der Kohle, in der Zeit der Industriellen Revolution stellte die Weichen für die zukünftige wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Wäre der industrielle Brennstoffbedarf bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts durch Holz gedeckt worden, wäre die industrielle Entwicklung wohl stark verlangsamt worden. Die aus dem hohen Tempo der Industrialisierung entstehende soziale Krise wäre dann nicht oder in wesentlich gemäßigterer Form eingetreten.

    Die Industriegesellschaft stand auch im Fokus seiner folgenden Arbeit: Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt (1990). Er geht hier einer Auseinandersetzung zwischen Moralphilosophen, Theologen und Ökonomen im 18. und 19. Jahrhundert über Probleme nach, die die soziale Legitimität der Industriegesellschaft in der Folge beeinflussen sollten. Aufgezeigt wird zunächst, wie in der Neuzeit die Natur mehr und mehr als Regelsystem mit eingeschriebenen Gesetzmäßigkeiten verstanden wurde, in dem Gott letztlich nur die Rolle eines Uhrmachers zukommt, der nicht mehr einzugreifen braucht.

    Die Denkfigur der Oeconomia naturae, das Modell einer harmonischen Ordnung der Natur, ist Ausdruck dieses Ansatzes. Welche Ordnungsstrukturen letztlich auch entstehen, alles bleibt von der allmächtigen göttlichen Providenz abgesichert. Auf die bürgerliche Gesellschaft übertragen, bedeutet dies, »daß die Rolle der staatlichen Kontrolle und fürstlichen Herrschaft zugunsten der Selbstregulierung herabgesetzt werden kann«. Adam Smiths Werk vom Wohlstand der Nationen (1776) liest Sieferle vor diesem Hintergrund weniger als nationalökonomisches Lehrbuch, sondern als philosophisches Traktat, das diesem Ansatz Gestalt verliehen hat.

    Im ausgehenden 18. Jahrhundert gab es nun allerdings Entwicklungen, die erhebliche Zweifel an der Wohlgeordnetheit der Natur aufkommen ließ. Es waren nicht nur die elenden Lebensverhältnisse der Unterschichten (z.B. in England), sondern auch die Befürchtung, daß der »Wohlstand der Nationen« durch Überbevölkerung zunichte gemacht werden könnte. Die nicht zu überwindenden Widersprüchlichkeiten im Modell der Oeconomiae naturae führten nach Sieferle zur Ausformung eines Fortschrittspostulats. Not und Elend wurden durch die Verheißungen der Zukunft relativiert.

    Der Big bang, den dieser wissenschaftliche Paradigmenwechsel im 19. Jahrhundert ausgelöst hat, kann allerdings nicht übertünchen, daß die im 18. Jahrhundert diskutierten Visionen von Überbevölkerung und endlichen natürlichen Ressourcen keineswegs entkräftet sind. Vielmehr handelt es sich um Szenarien, die heute wieder mit Vehemenz im Raum stehen.

    In seinem 1997 publizierten, einmal mehr hochkomplexen Werk Rückblick auf die Natur, das sich als Beitrag zur Umweltgeschichte versteht, erläutert Sieferle unter anderem, warum er den Begriff »Moderne« für eine »Fiktion« hält. Modern sei »der jeweilige Status quo sowie die Überwindung dieses Status quo zugleich«. Da man aber kein Wissen davon besitzen könne, wohin sich dieser Prozeß bewege, sei »modern« schlechthin alles, und das bedeute: »nichts«. Die Umwälzungen der letzten zweihundert Jahre belegt Sieferle stattdessen mit dem Begriff »Transformationsphase«. Entsprechend ist für Sieferle der Prozeß der Industriellen Revolution immer noch voll im Gang – worin er sich mit denjenigen Stimmen trifft, die die gerade anbrechende Ära der Digitalisierung als »Vierte Industrielle Revolution« deklarieren.

    Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

    Kommentare (9)

    Monika L.
    18. März 2017 09:34

    Als ich den Text DEUTSCHLAND, SCHLARAFFENLAND in TUMULT zum ersten Mal las, verschlug es mir den Atem. Kurz darauf las ich in Klonovskys acta vom Freitod Rolf Sieferles. Das schien mir folgerichtig. Umso trauriger machte mich diese Tat. Umso widerständiger.

    Die letzten Texte Sieferles wirken wie ein Sog, ein gefährlicher Strudel. Man kann ihnen nur entkommen, wenn man tief in sie eintaucht. Sich nach ganz unten ziehen lässt. Um den Sog zu unterschwimmen. Nur dann gibt es eine Rettung.

    Nemo Obligatur
    18. März 2017 09:49

    "Mit Krieg und Zivilisation, dessen Veröffentlichung gerade vorbereitet wird,..."

    Das ist eine zwischen den Zeilen eingestreute kleine Sensation...

    Vielen Dank für den Artikel, Herr Wiesberg. Ich muss gestehen, dass ich den Namen Sieferle bis vor wenigen Wochen noch nie bewusst wahrgenommen habe. Überaus tragisch, dass er erst nach seinem Freitod, ja vielleicht erst deshalb, stärker wahrgenommen wird. Möge er wenigstens in Frieden ruhen!

    Ich habe mir angeregt durch die Sezession seine Studie "Das Migrationsproblem" vorgenommen. Eine vorzügliche Analyse, jedem ans Herz gelegt. Zugegeben, der Kerngedanke ist deutlich älter. Dass offene Grenzen und ein üppig ausgebauter Sozialstaat nicht zusammengehen, hat schon M. Friedman so formuliert. Intuitiv haben es sicher schon Karl der Große und der alte Noah gewusst. Eigentlich unfassbar, dass man eine so einfache und einleuchtende Tatsache einer ganzen Generation von Politschlingeln und deren medialen Büchsenspannern heute erst wieder mühsam beibringen muss!

    Sven Jacobsen
    18. März 2017 09:57

    Vielen Dank für diese Kurzfassung. Es ist nicht vorstellbar, dass Sieferle mit seinen Prognosen falsch liegt.

    Erst gestern am 17.3. hat die Kanzlerin ihre Auffassungen bei einer Pressekonferenz mit Trump bekräftigt; man müsse gewissermaßen einer globalen Hilfsverpflichtung nachgehen; ihre Migrationspolitik sei ein Gebot der Menschlichkeit. Neu dürfte hierbei gewesen sein, dass sie dies in einer offensichtlich unterkühlten Atmosphäre äußerte und nicht wie gewöhnlich – eine Raute formend – von vielen gleichgesinnten Politikern und Journalisten umgeben war wie die sprichwörtliche Bienenkönigin von ihren Arbeiterinnen.

    Im Grunde zeichnen sich zwei Haltungen ab: Die Position der Kanzlerin folgt dem bisherigen Gießkannen-Prinzip, ist tatsächlich universal und lässt klar definierte finanzielle Überlegungen in der Schwebe. Der Sozialstaat bläht sich dabei wie ein Luftballon kurz vorm Platzen auf und der Nationalstaat wäre endgültig Vergangenheit. Es ergäbe sich eine Politik des „globalen Kümmerns“ und eine gesellschaftliche Atmosphäre der „globalen Bekümmerung“ in Anbetracht des Leids auf der Welt mit dem permanenten Bedürfnis, jedem auf der Erde von Deutschland aus eine hilfreiche Hand zu reichen.

    Die andere Position betont aus prinzipiellen Gründen mehr die Eigenverantwortung sowie die daraus sich ableitende Bereitschaft, die Dinge möglichst selbst zu richten. Es ist schwierig, unpopulär, aber übrigens die eigentliche Intention des berühmten Appells von Kant aus dem Jahr 1784. Das gilt für alle Gesellschaften. Vor kurzem hat der ehemalige Botschafter Dr. Guido Herz, der auch in Afrika tätig war, in der JF dargelegt, dass seiner Meinung nach die bisherigen Formen der Entwicklungshilfe und die hohen ausgezahlten Summen praktisch nutzlos seien, da nur korrupte Eliten profitiert hätten und keine effizienten Verwaltungen entstanden seien. Wer das gesamte Interview liest, wird feststellen, dass Dr. Herz eine Hilfe zur Selbsthilfe favorisiert, die deshalb funktionieren könnte, weil die Entwicklungsländer aus einer eher passiven Empfängerhaltung herausgeführt werden müssten, da ein Druck zur Veränderung nicht bestehe. Die Folgen im Sinne Sieferles sind bekannt.

    Rohmer
    18. März 2017 16:17

    Besten Dank an Herrn Wiesberg für diesen kundigen Überblick. 

    Prof. Sieferle war in der Tat ein intellektueller Gigant, dessen Werk wie ein unbemerkter (oder ignorierter) Monolith in der von "kleinen Pinschern" (Ludwig Erhardt) bevölkerten Denklandschaft der BRD steht. 

    Ich bin selbst durch den aktuellen Kaplaken-Band erst auf Sieferle aufmerksam geworden und habe diesen dann verschlungen. Man merkt dabei recht zügig, was für ein Format der Mann hatte. Die "Kälte des Blicks" (Gehlen) ist hier so dermaßen eisig, die Schlüsse so durchdringend und ohne Duckmäuserigkeit, daber aber immer klar und sachlich. Ein Stil, den man kaum antrifft und der deswegen doppelt hart ins Ziel trifft. 

    Die Lektüre ist zutiefst deprimierend, aber es gibt eben kaum Anlass zur Heiterkeit und Tatsachen verschweigen/umdeuten/schönreden tun andere. Wer Substanz will, liest Sieferle.

    silberzunge
    18. März 2017 20:56

    Ich war, als ich davon in der letzten Tumult-Ausgabe gelesen habe, schockiert und gleichzeitig irritiert. Leute wie Sieferle sind unverzichtbar. Jammerschade, dass er den Kampf nicht weiter aufgenommen hat.

    Der Gehenkte
    18. März 2017 23:50

    Nicht zu vergessen sein 1984er Werk „Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Industrie und Romantik bis zur Gegenwart“, das nicht nur durch eminente Gelehrtheit glänzt, sondern Sieferle auch als Dialektiker ausweist.

    Darin beschreibt er in Wellen das Ringen um Affirmation und Negation der Technik und des technischen Fortschritts, von der Aufklärung über die spontanen Maschinenstürmereien, den Marxismus hin zur konservativen Technikkritik und dem Heimatschutz bis zur Öko-Bewegung, den Grünen und dem Posthistoire.

    Stets ringen Naturverherrlichung mit Nützlichkeitserwägungen und Zugriffslegitimationen in dialektischen Negationen der Negationen. Naturverehrung und Naturrettung setzt immer schon die Trennung von der Natur voraus – es ist also der bereits von der Natur entfremdete Mensch, der überhaupt nur für sie eintreten kann.

    So auch der Konservative. Einem Fortschrittsparadigma folgt eine Konservierungsparadigma dem wiederum …

    Maiordomus
    19. März 2017 08:00

    Diese Analysen sind, einschliesslich der Kommentare, langfristig. Demgegenüber sind zum Beispiel die Wahlen in Holland nicht überzubewerten, wiewohl sie klar aufzeigen, dass eine Trendwende an der Urne in nächster Zeit unwahrscheinlich sein wird. Insofern bedarf es, im Gegensatz zu Sieferle, der Resignationsresistenz. Gerade auch die permanente und erfolgreiche Hetze gegen Trump, auf den im Einzelnen nicht zu setzen ist, wirkt in Europa systemstabilisierend.

    Georg Mogel
    19. März 2017 20:05

    Ein Volk, das in kaum einer Generation die militärischen Niederlagen von 1918 und 1945 überstand, das mit einer andauernden, teuflischen germanophoben Propaganda leben muß, das es trotzallem schaffte, sich physisch wieder aus dem unermeßlichen Schutt und den Trümmern eines Krieges gegen die halbe Welt herauszuarbeiten, obgleich es wesentliche Teile seines Humankapitals in diesem neuen Dreißigjährigen Krieg verloren hatte, ein solches, in der Weltgeschichte einmaliges Volk, hat nicht das Recht, sich jetzt in einem alles verschlingenden Defätismus verkommen zu lassen ! Diese Deutschen haben einen weltgeschichtlichen Auftrag, dem sie nicht auf derart triviale Weise entkommen.

    Jürg_Jenatsch
    20. März 2017 10:33

    ich finde es schade, daß ich erst nach seinem Tod von diesen luziden Denker erfahren habe. Allerdings sollte es unter Selbstdenkern eine Binse sein, daß ein einzelner Sozialstaat unter der Last weltweiter Ansprüche notwendigerweise in die Knie gehen muß. Daran sieht man, daß die angeblichen Hüter dieses Sozialstaates, in Wahrheit seine offensichtlichen und wahnhaften Zerstörer sind. Wenn immer aber ein System zerbricht, werden Opfer zu beklagen sein. Man kann sich ausmalen, was im Augenblick des Zusammenbruches geschehen wird. Ich möchte nur kurz auf 3 Entwicklungsstränge hinweisen. Der bisherige aber nicht nachhaltige Erfolgsweg der Deutschen Wirtschaft mittels hypertrophen Exportorientierung die Wirtschaft anzuregen, gerät unter Beschuß und wird auf Dauer nicht durchzuhalten sein. Zum Zweiten werden in Kürze die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter hineinwachsen. Damit brechen die bisherigen Stützen der deutschen Wirtschaft weg und dieser Personenkreis wird vom Leistungsträger zum Leistungsempfänger. Darüber hinaus schwindet die Anzahl der autochthonen Berufsanfänger und die Anzahl fremdvölkischer Leistungsempfänger wächst ebenso. Allein aus simplen ökonomischen Gründen ist eine Aufrechterhaltung des bisherigen Sozialsystems auf Dauer nicht möglich.

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