Wer war Rolf Peter Sieferle?

Seinen letzten Essay veröffentlichte Rolf Peter Sieferle im Winterheft 2015/16 der Tumult, wo er eine der wohl luzidesten Analysen zu dem »ganz Europa destabilisierenden Wahnsinn der Grenzöffnung« vorlegte.

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

Die­se Grenz­öff­nung sei viel­leicht »nur der Vor­bo­te umfas­sen­de­rer Kon­vul­sio­nen«, »in denen alles unter­ge­hen« wer­de, »was uns heu­te selbst­ver­ständ­lich ist«. Drei Tage vor sei­nem Frei­tod in Hei­del­berg im Sep­tem­ber 2016 schick­te er an sei­ne engs­ten Freun­de noch einen Brief, in dem er zu der Schluß­fol­ge­rung kam, daß wir »es zur Zeit offen­bar mit einer geziel­ten Selbst­zer­stö­rung der deut­schen, euro­päi­schen, west­li­chen Kul­tur zu tun« haben.

Danach ver­stumm­te der gebür­ti­ge Stutt­gar­ter für immer, der als Den­ker sui gene­ris zu Leb­zei­ten bei wei­tem nicht die Auf­merk­sam­keit erfuhr, die ihm auf­grund der Bedeu­tung sei­nes Werks eigent­lich hät­te zukom­men müssen.

Sie­fer­le war zunächst lan­ge Zeit in Mann­heim als Pri­vat­do­zent und Pro­fes­sor tätig, ehe er im Jah­re 2000 eine Beru­fung auf den Lehr­stuhl für Wirt­schafts­ge­schich­te in St. Gal­len erhielt. »Vie­le von uns«, so der Nach­ruf sei­ner Wie­ner Fach­kol­le­gin Vere­na Wini­war­ter, trau­er­ten um »einen unbe­stech­li­chen, aber stets wohl­wol­len­den Kri­ti­ker«, aber auch um »einen humor­vol­len, treu­en Freund«, der sich »frem­den Denk­wel­ten« gegen­über »wie kaum ein ande­rer« auf­ge­schlos­sen zeigte.

Es waren wohl die­se Eigen­schaf­ten, die Sie­fer­le zu einem Seis­mo­gra­phen für die Offen­le­gung von »unter­ir­di­schen« Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen prä­de­sti­nier­ten, die ihr beson­de­res Pro­fil durch des­sen Bemü­hen gewan­nen, sei­ne Erkennt­nis­se mit Niklas Luh­manns Sys­tem­theo­rie zu amal­ga­mie­ren. Mora­li­sie­ren­de Ein­las­sun­gen, schon gar poli­tisch kor­rek­ter Natur, fin­den sich in sei­nem Werk des­halb so gut wie nicht.

Von die­sem Ansatz sind auch sei­ne eben pos­tum publi­zier­ten Mis­zel­len geprägt, die im kapla­ken-Band Finis Ger­ma­nia nach­ge­le­sen wer­den kön­nen. Über­dies erschien in der Werk­rei­he von Tumult die letz­te Stu­die Sie­fer­les; sie trägt den Titel Das Migra­ti­ons­pro­blem. Bei­de Publi­ka­tio­nen kön­nen auch als Bele­ge dafür gele­sen wer­den, war­um der Umwelt­his­to­ri­ker, des­sen Arbeits­schwer­punk­te Umwelt­ge­schich­te, Uni­ver­sal­ge­schich­te, Sozi­al- sowie Kul­tur- und Ideen­ge­schich­te der Indus­tria­li­sie­rung umfaß­ten, immer wie­der als »Uni­ver­sal­ge­lehr­ter« bezeich­net wur­de. Die Lek­tü­re sei­ner Tex­te bedeu­tet immer einen Erkennt­nis­fort­schritt – auch wenn die­se Erkennt­nis­se, zumal aus deut­scher Sicht, schmerz­lich sein können.

Das The­ma sei­ner Dok­tor­ar­beit lau­te­te Die Revo­lu­ti­on in der Theo­rie von Karl Marx. Sie­fer­le soll­te sich auch in der Fol­ge immer wie­der mit Marx aus­ein­an­der­set­zen; 2007 leg­te er bei­spiels­wei­se eine Ein­füh­rung in das Den­ken von Karl Marx vor. Der Marx­schen Kri­tik der Poli­ti­schen Öko­no­mie beschei­nig­te Sie­fer­le eine beacht­li­che ana­ly­ti­sche und pro­gnos­ti­sche Kraft; die Gren­zen sei­nes Den­kens wür­den aber in des­sen Pla­nungs­op­ti­mis­mus, in sei­ner öko­no­mi­schen Sim­plif­zie­rung sozia­ler Phä­no­me­ne und nicht zuletzt in der Vor­aus­sa­ge einer herr­schafts­frei­en Gesell­schaft nach dem Zusam­men­bruch des Kapi­ta­lis­mus deutlich.

Der nächs­te bedeu­ten­de Wurf war das 1982 publi­zier­te Buch Der unter­ir­di­sche Wald. Ener­gie­kri­se und indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on. Die­ses Werk kann als Ver­such gedeu­tet wer­den, eine Art Geschich­te der Ener­gie­sys­te­me unter öko­lo­gi­schen Aspek­ten vor­zu­le­gen. Der Über­gang zur Nut­zung fos­si­ler Ener­gie­trä­ger, vor allem der Koh­le, in der Zeit der Indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on stell­te die Wei­chen für die zukünf­ti­ge wirt­schaft­li­che und sozia­le Ent­wick­lung. Wäre der indus­tri­el­le Brenn­stoff­be­darf bis zur Mit­te des 19. Jahr­hun­derts durch Holz gedeckt wor­den, wäre die indus­tri­el­le Ent­wick­lung wohl stark ver­lang­samt wor­den. Die aus dem hohen Tem­po der Indus­tria­li­sie­rung ent­ste­hen­de sozia­le Kri­se wäre dann nicht oder in wesent­lich gemä­ßig­te­rer Form eingetreten.

Die Indus­trie­ge­sell­schaft stand auch im Fokus sei­ner fol­gen­den Arbeit: Bevöl­ke­rungs­wachs­tum und Natur­haus­halt (1990). Er geht hier einer Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Moral­phi­lo­so­phen, Theo­lo­gen und Öko­no­men im 18. und 19. Jahr­hun­dert über Pro­ble­me nach, die die sozia­le Legi­ti­mi­tät der Indus­trie­ge­sell­schaft in der Fol­ge beeinflus­sen soll­ten. Auf­ge­zeigt wird zunächst, wie in der Neu­zeit die Natur mehr und mehr als Regel­sys­tem mit ein­ge­schrie­be­nen Gesetz­mä­ßig­kei­ten ver­stan­den wur­de, in dem Gott letzt­lich nur die Rol­le eines Uhr­ma­chers zukommt, der nicht mehr ein­zu­grei­fen braucht.

Die Denk­fi­gur der Oeco­no­mia natu­rae, das Modell einer har­mo­ni­schen Ord­nung der Natur, ist Aus­druck die­ses Ansat­zes. Wel­che Ord­nungs­struk­tu­ren letzt­lich auch ent­ste­hen, alles bleibt von der all­mäch­ti­gen gött­li­chen Pro­vi­denz abge­si­chert. Auf die bür­ger­li­che Gesell­schaft über­tra­gen, bedeu­tet dies, »daß die Rol­le der staat­li­chen Kon­trol­le und fürst­li­chen Herr­schaft zuguns­ten der Selbst­re­gu­lie­rung her­ab­ge­setzt wer­den kann«. Adam Smit­hs Werk vom Wohl­stand der Natio­nen (1776) liest Sie­fer­le vor die­sem Hin­ter­grund weni­ger als natio­nal­öko­no­mi­sches Lehr­buch, son­dern als phi­lo­so­phi­sches Trak­tat, das die­sem Ansatz Gestalt ver­lie­hen hat.

Im aus­ge­hen­den 18. Jahr­hun­dert gab es nun aller­dings Ent­wick­lun­gen, die erheb­li­che Zwei­fel an der Wohl­ge­ord­net­heit der Natur auf­kom­men ließ. Es waren nicht nur die elen­den Lebens­ver­hält­nis­se der Unter­schich­ten (z.B. in Eng­land), son­dern auch die Befürch­tung, daß der »Wohl­stand der Natio­nen« durch Über­be­völ­ke­rung zunich­te gemacht wer­den könn­te. Die nicht zu über­win­den­den Wider­sprüch­lich­kei­ten im Modell der Oeco­no­miae natu­rae führ­ten nach Sie­fer­le zur Aus­for­mung eines Fort­schritts­pos­tu­lats. Not und Elend wur­den durch die Ver­hei­ßun­gen der Zukunft relativiert.

Der Big bang, den die­ser wis­sen­schaft­li­che Para­dig­men­wech­sel im 19. Jahr­hun­dert aus­ge­löst hat, kann aller­dings nicht über­tün­chen, daß die im 18. Jahr­hun­dert dis­ku­tier­ten Visio­nen von Über­be­völ­ke­rung und end­li­chen natür­li­chen Res­sour­cen kei­nes­wegs ent­kräf­tet sind. Viel­mehr han­delt es sich um Sze­na­ri­en, die heu­te wie­der mit Vehe­menz im Raum stehen.

In sei­nem 1997 publi­zier­ten, ein­mal mehr hoch­kom­ple­xen Werk Rück­blick auf die Natur, das sich als Bei­trag zur Umwelt­ge­schich­te ver­steht, erläu­tert Sie­fer­le unter ande­rem, war­um er den Begriff »Moder­ne« für eine »Fik­ti­on« hält. Modern sei »der jewei­li­ge Sta­tus quo sowie die Über­win­dung die­ses Sta­tus quo zugleich«. Da man aber kein Wis­sen davon besit­zen kön­ne, wohin sich die­ser Pro­zeß bewe­ge, sei »modern« schlecht­hin alles, und das bedeu­te: »nichts«. Die Umwäl­zun­gen der letz­ten zwei­hun­dert Jah­re belegt Sie­fer­le statt­des­sen mit dem Begriff »Trans­for­ma­ti­ons­pha­se«. Ent­spre­chend ist für Sie­fer­le der Pro­zeß der Indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on immer noch voll im Gang – wor­in er sich mit den­je­ni­gen Stim­men trifft, die die gera­de anbre­chen­de Ära der Digi­ta­li­sie­rung als »Vier­te Indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on« dekla­rie­ren.

Die­se Ein­sich­ten lei­ten über zu einem Werk Sie­fer­les, das auch über zwan­zig Jah­re nach sei­nem Erschei­nen durch sei­ne pro­gnos­ti­sche und ana­ly­ti­sche Kraft besticht, näm­lich Epo­chen­wech­sel (1994). Zu Recht hat Karl­heinz Weiß­mann in Band 2 des Staats­po­li­ti­schen Hand­buchs dar­auf hin­ge­wie­sen, daß die­se Arbeit mit Blick auf die Aus­deu­tun­gen und Kon­se­quen­zen der Wen­de von 1989/90 in der Regel nicht genannt wird, obwohl sie zu den »klügs­ten Ana­ly­sen« gehört, die zu Papier gebracht wor­den sind.

Weiß­mann führt die­se Beob­ach­tung auf den Umstand zurück, daß Sie­fer­le hier »unan­ge­neh­me Wahr­hei­ten« anspre­che und sei­ne Prä­fe­renz für den »preu­ßi­schen Sozia­lis­mus« alles ande­re als zeit­geist­kom­pa­ti­bel sei. Ent­spre­chend reser­viert fie­len auch die Rezen­sio­nen aus, die den Autor mög­li­cher­wei­se bewo­gen haben, in der Fol­ge »ver­min­tes Gelän­de« zu mei­den – sieht man ein­mal von sei­nen fünf »bio­gra­phi­schen Skiz­zen« zur Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on ab (1995). Ähn­lich Akzen­tu­ier­tes zur poli­ti­schen Lage­ana­ly­se ist erst wie­der in sei­nen nach­ge­las­se­nen Arbei­ten zu lesen, auf die noch näher ein­zu­ge­hen sein wird.

Es ist vor allem Sie­fer­les ideen­ge­schicht­li­che Abrech­nung mit den selbst­zer­stö­re­ri­schen Kon­se­quen­zen des »huma­ni­tä­ren Uni­ver­sa­lis­mus«, der in der Bun­des­re­pu­blik »zum unbe­frag­ten, selbst­ver­ständ­li­chen Daseins­prin­zip wer­den konn­te«, die Epo­chen­wech­sel als Kar­di­nal­be­griff durch­zieht. Der huma­ni­tä­re Uni­ver­sa­lis­mus ende erst dann, so ana­ly­siert Sie­fer­le, »wenn völ­li­ge Frei­zü­gig­keit, Offen­heit sämt­li­cher Gren­zen und tota­le Mobi­li­tät auf den Welt­ar­beits­märk­ten« bestehe. Es ist im Sin­ne die­ser Logik also nur kon­se­quent, wenn sich die Kanz­le­rin kur­zer­hand vom eth­ni­schen Volks­be­griff ver­ab­schie­de­te, als sie kürz­lich ver­kün­de­te, das Volk sei »jeder, der in die­sem Land lebt«.

Wenn man so will, steht Epo­chen­wech­sel im Span­nungs­feld zwei­er Pole, die der jüdi­schen Mytho­lo­gie ent­lehnt sind, näm­lich Behe­mo­th und Levia­than. »Das nega­ti­ve Extrem der Frei­heit«, so Sie­fer­le, tra­ge »den Namen Behe­mo­th«. Es han­de­le »sich um die kri­mi­nel­le Anar­chie oder den offe­nen Bür­ger­krieg, im äußers­ten Fall um den Kampf aller gegen alle«. Das nega­ti­ve Extrem der Ord­nung hei­ße »Levia­than: Des­po­tie und Tyran­nei bis hin zur tota­len Herr­schaft«. Das Extrem der Frei­heit sei »das blu­ti­ge und grau­sa­me Cha­os«, »das Extrem der Ord­nung die blu­ti­ge und grau­sa­me Unterdrückung«.

»Das domi­nan­te Feld der poli­ti­schen Ideo­lo­gie« sei »so weit in Rich­tung des Behe­mo­th ver­scho­ben wor­den, daß fast durch­weg der Levia­than als der ein­zi­ge Feind des Men­schen­ge­schlechts gilt«. Wenn die­se Ver­schie­bung an ihr Ende gekom­men sei, win­ke jedoch »kein sanf­tes Arka­di­en«, son­dern die »har­te Ord­nung des Behe­mo­th, der Sieg der Stärks­ten, Skru­pel­lo­ses­ten und Durch­set­zungs­fä­higs­ten, die den Schwa­chen nur inso­fern Schutz gewäh­ren, als sie sich in ihren Ein­fluß- und Inter­es­sen­zo­nen befnden«. Die­se Ent­wick­lung käme einem Rück­fall in eine »mul­ti­tri­ba­le Gesell­schaft« gleich.

Die 30 Kurz­schrif­ten Sie­fer­les in dem kapla­ken-Band Finis Ger­ma­nia, die sich in Tei­len wie ein Kom­pi­lat des Epo­chen­wech­sels lesen, umkrei­sen unter ande­rem die The­men »Deut­scher Son­der­weg und Sie­ger­per­spek­ti­ve«, »Die neue Staats­re­li­gi­on«, die Logik des Anti­fa­schis­mus, die im »star­ken Maße Anti­ger­ma­nis­mus« sei, bis hin zum »ewi­gen Nazi« als »prak­ti­scher Nega­ti­on des huma­ni­tä­ren Uni­ver­sa­lis­mus«. Die aus die­sem Uni­ver­sa­lis­mus her­aus­zi­se­lier­te »neue Reli­gi­on der Mensch­heit«, so Sie­fer­le, impli­zie­re die pro­gram­ma­ti­sche For­de­rung nach einer mul­ti­kul­tu­rel­len Gesellschaft.

Deren Geg­ner wür­den durch eine »pro­gram­ma­ti­sche Iden­tif­kat­i­on von Faschismus/Rassismus und Rechts­ra­di­ka­lis­mus« ins Abseits gestellt wer­den. Unter­stri­chen wird die­se Wahr­neh­mung von der zutiefst zivi­li­sa­ti­ons­kri­ti­schen Pro­gno­se Sie­fer­les, daß der Natur­zu­stand am Ende und nicht »am Anfang der bür­ger­li­chen Gesell­schaft« ste­he. Wenn das »Aas des Levia­than« ver­zehrt sei, gin­gen sich »die Wür­mer« in einer in den Tri­ba­lis­mus zurück­ge­fal­le­nen Gesell­schaft »gegen­sei­tig an den Kragen«.

Im Mit­tel­punkt der Stu­die Das Migra­ti­ons­pro­blem ste­hen Ursa­chen und Kon­se­quen­zen der aktu­el­len Völ­ker­wan­de­rung sowie die Unver­ein­bar­keit von Sozi­al­staat und Mas­sen­zu­wan­de­rung, ein The­ma, dem im Epo­chen­wech­sel eben­falls bereits eine expo­nier­te Bedeu­tung zukam. Der unhalt­ba­re Druck, der durch Mas­sen­mi­gra­ti­on auf den deut­schen Sozi­al­staat aus­ge­übt wird, müs­se, da die­ser auf der Natio­nal­öko­no­mie fuße, über kurz oder lang sei­nen Zusam­men­bruch zur Fol­ge haben (Social overstretch).

Unter den drei Alter­na­ti­ven, mit denen auf die Völ­ker­wan­de­rung reagiert wer­den kön­ne (näm­lich tota­le Abschot­tung, selek­ti­ve Zuwan­de­rung und unein­ge­schränk­te Zuwan­de­rung), habe Deutsch­land die letz­te Alter­na­ti­ve gewählt, die Sie­fer­le als »hoch­ris­kan­te, gera­de­zu aben­teu­er­li­che Poli­tik« bewer­tet, »die in die sozia­le Kata­stro­phe füh­ren kann«. Unmiß­ver­ständ­lich ist das Urteil, das Sie­fer­le über die Haupt­ver­ant­wort­li­che für die­se Poli­tik, näm­lich Ange­la Mer­kel, fällt: Sie wer­de als eine der »gro­ßen Kata­stro­phen­ge­stal­ten« in die deut­sche Geschich­te eingehen.

Mit Krieg und Zivi­li­sa­ti­on, des­sen Ver­öf­fent­li­chung gera­de vor­be­rei­tet wird, steht noch ein nach­ge­las­se­nes Opus magnum Sie­fer­les aus, das den Bogen von den tri­ba­len über die Staa­ten­krie­ge bis hin zu den heu­ti­gen »Cyber-Krie­gen« schlägt. Sie­fer­le schrieb in sei­nem Vor­wort, daß er mit die­sem Buch »eine Struk­tur­ge­schich­te des Krie­ges« vor­le­gen wol­le, »in der auch tech­ni­sche und poli­ti­sche Fak­to­ren zur Spra­che« kom­men. Die Durch­drin­gungs­tie­fe, die allen Schrif­ten die­ses außer­ge­wöhn­li­chen Intel­lek­tu­el­len eigen ist, läßt völ­lig neue Ein­sich­ten in das Phä­no­men Krieg erhoffen.

Am 17. Sep­tem­ber 2016 »ver­sank er im Meer, ohne auch nur geahnt zu haben, wie sehr man ihn ver­mis­sen wird«, schreibt Rai­mund Th. Kolb in sei­nem Nach­wort zu Finis Ger­ma­nia. Die schmerz­li­che Lücke, die Rolf Peter Sie­fer­le hin­ter­läßt, wird, die­se Pro­gno­se sei an die­ser Stel­le abge­ge­ben, nicht zu schlie­ßen sein.

(Der vor­lie­gen­de Text ist die gekürz­te Fas­sung des Autoren­por­träts Rolf Peter Sie­fer­les, das in Sezes­si­on 77 / April 2017 erschei­nen wird.)

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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Kommentare (9)

Monika L.

18. März 2017 10:34

Als ich den Text DEUTSCHLAND, SCHLARAFFENLAND in TUMULT zum ersten Mal las, verschlug es mir den Atem. Kurz darauf las ich in Klonovskys acta vom Freitod Rolf Sieferles. Das schien mir folgerichtig. Umso trauriger machte mich diese Tat. Umso widerständiger.

Die letzten Texte Sieferles wirken wie ein Sog, ein gefährlicher Strudel. Man kann ihnen nur entkommen, wenn man tief in sie eintaucht. Sich nach ganz unten ziehen lässt. Um den Sog zu unterschwimmen. Nur dann gibt es eine Rettung.

Nemo Obligatur

18. März 2017 10:49

"Mit Krieg und Zivilisation, dessen Veröffentlichung gerade vorbereitet wird,..."

Das ist eine zwischen den Zeilen eingestreute kleine Sensation...

Vielen Dank für den Artikel, Herr Wiesberg. Ich muss gestehen, dass ich den Namen Sieferle bis vor wenigen Wochen noch nie bewusst wahrgenommen habe. Überaus tragisch, dass er erst nach seinem Freitod, ja vielleicht erst deshalb, stärker wahrgenommen wird. Möge er wenigstens in Frieden ruhen!

Ich habe mir angeregt durch die Sezession seine Studie "Das Migrationsproblem" vorgenommen. Eine vorzügliche Analyse, jedem ans Herz gelegt. Zugegeben, der Kerngedanke ist deutlich älter. Dass offene Grenzen und ein üppig ausgebauter Sozialstaat nicht zusammengehen, hat schon M. Friedman so formuliert. Intuitiv haben es sicher schon Karl der Große und der alte Noah gewusst. Eigentlich unfassbar, dass man eine so einfache und einleuchtende Tatsache einer ganzen Generation von Politschlingeln und deren medialen Büchsenspannern heute erst wieder mühsam beibringen muss!

Sven Jacobsen

18. März 2017 10:57

Vielen Dank für diese Kurzfassung. Es ist nicht vorstellbar, dass Sieferle mit seinen Prognosen falsch liegt.

Erst gestern am 17.3. hat die Kanzlerin ihre Auffassungen bei einer Pressekonferenz mit Trump bekräftigt; man müsse gewissermaßen einer globalen Hilfsverpflichtung nachgehen; ihre Migrationspolitik sei ein Gebot der Menschlichkeit. Neu dürfte hierbei gewesen sein, dass sie dies in einer offensichtlich unterkühlten Atmosphäre äußerte und nicht wie gewöhnlich – eine Raute formend – von vielen gleichgesinnten Politikern und Journalisten umgeben war wie die sprichwörtliche Bienenkönigin von ihren Arbeiterinnen.

Im Grunde zeichnen sich zwei Haltungen ab: Die Position der Kanzlerin folgt dem bisherigen Gießkannen-Prinzip, ist tatsächlich universal und lässt klar definierte finanzielle Überlegungen in der Schwebe. Der Sozialstaat bläht sich dabei wie ein Luftballon kurz vorm Platzen auf und der Nationalstaat wäre endgültig Vergangenheit. Es ergäbe sich eine Politik des „globalen Kümmerns“ und eine gesellschaftliche Atmosphäre der „globalen Bekümmerung“ in Anbetracht des Leids auf der Welt mit dem permanenten Bedürfnis, jedem auf der Erde von Deutschland aus eine hilfreiche Hand zu reichen.

Die andere Position betont aus prinzipiellen Gründen mehr die Eigenverantwortung sowie die daraus sich ableitende Bereitschaft, die Dinge möglichst selbst zu richten. Es ist schwierig, unpopulär, aber übrigens die eigentliche Intention des berühmten Appells von Kant aus dem Jahr 1784. Das gilt für alle Gesellschaften. Vor kurzem hat der ehemalige Botschafter Dr. Guido Herz, der auch in Afrika tätig war, in der JF dargelegt, dass seiner Meinung nach die bisherigen Formen der Entwicklungshilfe und die hohen ausgezahlten Summen praktisch nutzlos seien, da nur korrupte Eliten profitiert hätten und keine effizienten Verwaltungen entstanden seien. Wer das gesamte Interview liest, wird feststellen, dass Dr. Herz eine Hilfe zur Selbsthilfe favorisiert, die deshalb funktionieren könnte, weil die Entwicklungsländer aus einer eher passiven Empfängerhaltung herausgeführt werden müssten, da ein Druck zur Veränderung nicht bestehe. Die Folgen im Sinne Sieferles sind bekannt.

Rohmer

18. März 2017 17:17

Besten Dank an Herrn Wiesberg für diesen kundigen Überblick. 

Prof. Sieferle war in der Tat ein intellektueller Gigant, dessen Werk wie ein unbemerkter (oder ignorierter) Monolith in der von "kleinen Pinschern" (Ludwig Erhardt) bevölkerten Denklandschaft der BRD steht. 

Ich bin selbst durch den aktuellen Kaplaken-Band erst auf Sieferle aufmerksam geworden und habe diesen dann verschlungen. Man merkt dabei recht zügig, was für ein Format der Mann hatte. Die "Kälte des Blicks" (Gehlen) ist hier so dermaßen eisig, die Schlüsse so durchdringend und ohne Duckmäuserigkeit, daber aber immer klar und sachlich. Ein Stil, den man kaum antrifft und der deswegen doppelt hart ins Ziel trifft. 

Die Lektüre ist zutiefst deprimierend, aber es gibt eben kaum Anlass zur Heiterkeit und Tatsachen verschweigen/umdeuten/schönreden tun andere. Wer Substanz will, liest Sieferle.

silberzunge

18. März 2017 21:56

Ich war, als ich davon in der letzten Tumult-Ausgabe gelesen habe, schockiert und gleichzeitig irritiert. Leute wie Sieferle sind unverzichtbar. Jammerschade, dass er den Kampf nicht weiter aufgenommen hat.

Der Gehenkte

19. März 2017 00:50

Nicht zu vergessen sein 1984er Werk „Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Industrie und Romantik bis zur Gegenwart“, das nicht nur durch eminente Gelehrtheit glänzt, sondern Sieferle auch als Dialektiker ausweist.

Darin beschreibt er in Wellen das Ringen um Affirmation und Negation der Technik und des technischen Fortschritts, von der Aufklärung über die spontanen Maschinenstürmereien, den Marxismus hin zur konservativen Technikkritik und dem Heimatschutz bis zur Öko-Bewegung, den Grünen und dem Posthistoire.

Stets ringen Naturverherrlichung mit Nützlichkeitserwägungen und Zugriffslegitimationen in dialektischen Negationen der Negationen. Naturverehrung und Naturrettung setzt immer schon die Trennung von der Natur voraus – es ist also der bereits von der Natur entfremdete Mensch, der überhaupt nur für sie eintreten kann.

So auch der Konservative. Einem Fortschrittsparadigma folgt eine Konservierungsparadigma dem wiederum …

Maiordomus

19. März 2017 09:00

Diese Analysen sind, einschliesslich der Kommentare, langfristig. Demgegenüber sind zum Beispiel die Wahlen in Holland nicht überzubewerten, wiewohl sie klar aufzeigen, dass eine Trendwende an der Urne in nächster Zeit unwahrscheinlich sein wird. Insofern bedarf es, im Gegensatz zu Sieferle, der Resignationsresistenz. Gerade auch die permanente und erfolgreiche Hetze gegen Trump, auf den im Einzelnen nicht zu setzen ist, wirkt in Europa systemstabilisierend.

Georg Mogel

19. März 2017 21:05

Ein Volk, das in kaum einer Generation die militärischen Niederlagen von 1918 und 1945 überstand, das mit einer andauernden, teuflischen germanophoben Propaganda leben muß, das es trotzallem schaffte, sich physisch wieder aus dem unermeßlichen Schutt und den Trümmern eines Krieges gegen die halbe Welt herauszuarbeiten, obgleich es wesentliche Teile seines Humankapitals in diesem neuen Dreißigjährigen Krieg verloren hatte, ein solches, in der Weltgeschichte einmaliges Volk, hat nicht das Recht, sich jetzt in einem alles verschlingenden Defätismus verkommen zu lassen ! Diese Deutschen haben einen weltgeschichtlichen Auftrag, dem sie nicht auf derart triviale Weise entkommen.

Jürg_Jenatsch

20. März 2017 11:33

ich finde es schade, daß ich erst nach seinem Tod von diesen luziden Denker erfahren habe. Allerdings sollte es unter Selbstdenkern eine Binse sein, daß ein einzelner Sozialstaat unter der Last weltweiter Ansprüche notwendigerweise in die Knie gehen muß. Daran sieht man, daß die angeblichen Hüter dieses Sozialstaates, in Wahrheit seine offensichtlichen und wahnhaften Zerstörer sind. Wenn immer aber ein System zerbricht, werden Opfer zu beklagen sein. Man kann sich ausmalen, was im Augenblick des Zusammenbruches geschehen wird. Ich möchte nur kurz auf 3 Entwicklungsstränge hinweisen. Der bisherige aber nicht nachhaltige Erfolgsweg der Deutschen Wirtschaft mittels hypertrophen Exportorientierung die Wirtschaft anzuregen, gerät unter Beschuß und wird auf Dauer nicht durchzuhalten sein. Zum Zweiten werden in Kürze die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter hineinwachsen. Damit brechen die bisherigen Stützen der deutschen Wirtschaft weg und dieser Personenkreis wird vom Leistungsträger zum Leistungsempfänger. Darüber hinaus schwindet die Anzahl der autochthonen Berufsanfänger und die Anzahl fremdvölkischer Leistungsempfänger wächst ebenso. Allein aus simplen ökonomischen Gründen ist eine Aufrechterhaltung des bisherigen Sozialsystems auf Dauer nicht möglich.

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