Vor dem Bücherschrank (VIII): Deutsche Schriftsteller auf dem geschichtspolitischen Schlachtfeld

Rolf Hochhuths Der Stellvertreter – Ein christliches Trauerspiel wurde 1963 von Erwin Piscator uraufgeführt, einem der bedeutendsten Regisseure der Weimarer Zeit, KPD-Mitglied und Freund von Brecht. Damit stand das Stück in der Tradition des linken Theaters der 1920er Jahre. Wegen seines dokumentarischen Charakters und seiner unmittelbaren politischen Intention gehört es zugleich zur Vorgeschichte von 1968. Aber das Aufführungsjahr rückt es auch in direkte Nähe zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965). Während man in aller Welt den Verlauf des Konzils verfolgte – die Abkehr von traditionellen Grundsätzen, die bis 1958, bis zum Tod von Pius XII. gültig waren – stellte Hochhuths Stück einen posthumen Frontalangriff auf diesen Papst und auf die vorkonziliare Kirche dar.

 Gastbeitrag

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Rolf Hoch­huths Der Stell­ver­tre­ter – Ein christ­li­ches Trau­er­spiel wur­de 1963 von Erwin Pis­ca­tor urauf­ge­führt, einem der bedeu­tends­ten Regis­seu­re der Wei­ma­rer Zeit, KPD-Mit­glied und Freund von Brecht. Damit stand das Stück in der Tra­di­ti­on des lin­ken Thea­ters der 1920er Jah­re. Wegen sei­nes doku­men­ta­ri­schen Cha­rak­ters und sei­ner unmit­tel­ba­ren poli­ti­schen Inten­ti­on gehört es zugleich zur Vor­ge­schich­te von 1968. Aber das Auf­füh­rungs­jahr rückt es auch in direk­te Nähe zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil (1962 bis 1965). Wäh­rend man in aller Welt den Ver­lauf des Kon­zils ver­folg­te – die Abkehr von tra­di­tio­nel­len Grund­sät­zen, die bis 1958, bis zum Tod von Pius XII. gül­tig waren – stell­te Hoch­huths Stück einen post­hu­men Fron­tal­an­griff auf die­sen Papst und auf die vor­kon­zi­lia­re Kir­che dar.

Im Stück ver­su­chen der SS-Ober­sturm­füh­rer Kurt Gerstein und der Jesu­it Ric­car­do Fon­ta­na, den Papst dazu zu bewe­gen, öffent­lich gegen die Ver­fol­gung und Ver­nich­tung der Juden zu pro­tes­tie­ren. Wäh­rend der Depor­ta­ti­on der römi­schen Juden fin­den nur weni­ge Asyl in einem Klos­ter. Sei­nem Vater gegen­über bezeich­net Ric­car­do den Papst daher als »Ver­bre­cher«. Der ist aber nur dazu bereit, im Gehei­men zu agie­ren. In der direk­ten Kon­fron­ta­ti­on klagt Ric­car­do, sich einen David­stern anhef­tend, die Untä­tig­keit des Paps­tes an. Ric­car­do ent­schließt sich, nach Ausch­witz zu gehen, um als Mär­ty­rer ein Zei­chen zu set­zen, womit Hoch­huth die Figur in die Nähe von Maxi­mi­li­an Kol­be rückt, dem das Stück gewid­met ist. Kurt Gerstein bemüht sich noch dar­um, den Jesui­ten zu ret­ten, was aber letzt­lich scheitert.

Daß es Hoch­huth um die Dis­kre­di­tie­rung von Pius XII. ging, wird in der Schluß­pas­sa­ge deut­lich. Zunächst wird aus einem Schrei­ben des SS-Offi­ziers und deut­schen Bot­schaf­ters beim Hei­li­gen Stuhl, Ernst von Weiz­sä­cker, Vater Richard von Weiz­sä­ckers, vom 28. Okto­ber 1943 zitiert: Nach der soge­nann­ten Juden­raz­zia hat sich der Papst »zu kei­ner demons­tra­ti­ven Äuße­rung gegen den Abtrans­port der Juden […] hin­rei­ßen las­sen«. Er habe »auch in die­ser heik­len Fra­ge alles getan, um das Ver­hält­nis zu der deut­schen Regie­rung […] nicht zu belas­ten«. Dar­auf folgt eine Stim­me aus dem Off: »So arbei­te­ten die Gas­kam­mern noch ein vol­les Jahr. Erst im Som­mer 1944 erreich­te die soge­nann­te Tages­quo­te der Ermor­dun­gen ihren Höhe­punkt. Am 26. Novem­ber ließ Himm­ler die Kre­ma­to­ri­en spren­gen. Zwei Mona­te spä­ter wur­den die letz­ten Häft­lin­ge in Ausch­witz durch rus­si­sche [sprich sowje­ti­sche] Sol­da­ten befreit.« Laut Büh­nen­an­wei­sung sehen die Zuschau­er »nur das tote Mäd­chen (…) nahe der Rampe.«

Das Schluß­bild soll hän­gen­blei­ben: Doku­ment, Kom­men­tar, totes Mäd­chen. Die Ver­knüp­fung sug­ge­riert Kau­sa­li­tät. Weil Pius XII. nicht pro­tes­tiert hat, konn­te die Ver­nich­tung der Juden unge­hin­dert gestei­gert wer­den. Er hat den Holo­caust durch sein Schwei­gen begünstigt.
Die Wirk­lich­keit ist kom­ple­xer. Nach dem Pro­test der hol­län­di­schen Bischö­fe im Som­mer 1942 wur­den 250 Katho­li­ken jüdi­scher Her­kunft inter­niert, die Hälf­te von ihnen depor­tiert. Auch wenn sich Pius XII. über die Zahl der Opfer täusch­te, nahm er den öffent­li­chen Pro­test als Deba­kel war. Zudem hat­te Ernst von Weiz­sä­cker Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Maglio­ne im Okto­ber 1943 vor einer öffent­li­chen Inter­ven­ti­on des Paps­tes gewarnt, da die fana­ti­schen Kräf­te im Natio­nal­so­zia­lis­mus so nur bestärkt wür­den. Pius XII. hat­te also gute Grün­de anzu­neh­men, daß sein öffent­li­cher Pro­test die Situa­ti­on hät­te eska­lie­ren lassen.

Daher ging er einen ande­ren Weg, der unter ande­rem von Anna Foa und Domi­nik Bur­kard rekon­stru­iert wur­de. Nach der »Juden­raz­zia« vom 16. Okto­ber 1943, bei der die SS in Rom etwa 1300 Juden inhaf­tiert hat­te, sorg­te Pius XII. dafür, daß sich die Juden in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen, in etwa 150 Gebäu­den ver­ste­cken konn­ten. Das alles voll­zog sich im Stil­len. Bis zum Abzug der deut­schen Trup­pen im Juni 1944 konn­ten sich so 4500 Juden ver­ste­cken. Wo Hoch­huth also Kau­sa­li­tät sug­ge­riert – päpst­li­ches Schwei­gen impli­ziert die Fort­set­zung der Tötun­gen – über­sieht er, daß der Papst, sich öffent­lich zurück­hal­tend, die Ret­tung der Juden in Rom betrieb.

Hoch­huth unter­stellt Pius hin­ge­gen ganz ande­re Inter­es­sen. Ric­car­do bezeich­net »Petri Nach­fol­ger als größ­ten Aktio­när der Welt«. Bei sei­nem ers­ten Auf­tritt sieht man den Papst »von bren­nen­der Sor­ge um Unse­re Fabri­ken erfüllt«. In Kriegs­zei­ten bangt er nicht um das Schick­sal der Juden, son­dern um die Betrie­be, an denen der Vati­kan finan­zi­ell betei­ligt ist. Hoch­huths raf­fi­nier­te For­mu­lie­rung spielt auf die berühm­te Enzy­kli­ka Mit bren­nen­der Sor­ge an, 1937 von Pius XI. ver­öf­fent­licht, aber maß­geb­lich von Euge­nio Pacel­li (also Pius XII.) ver­faßt. Bei Hoch­huth gilt Pius’ Sor­ge jedoch nicht den Gefah­ren des Natio­nal­so­zia­lis­mus, son­dern den Wirt­schafts­in­ter­es­sen des Vati­kans. Daß sich Pius XII. schon Jah­re zuvor ein­deu­tig posi­tio­niert hat­te, wird von Hoch­huth nur per­si­fliert. Sonst immer kühl, wird Pius plötz­lich »freund­lich, intim«, wenn die Rede auf Geld kommt. Hoch­huth ist eine schmie­ri­ge Dar­stel­lung gelun­gen, die argu­men­ta­tiv an die DDR-Geschichts­schrei­bung erinnert.

Obwohl kei­ne Insti­tu­ti­on so vie­len Juden das Leben geret­tet hat wie die katho­li­sche Kir­che, obwohl der His­to­ri­ker Tho­mas Bre­chen­ma­cher das Stück als »Geschichts­klit­te­rung« bezeich­net hat, wirkt Hoch­huths Bild von Pius XII. bis heu­te nach. Im kul­tur­ge­schicht­li­chen Kon­text von 1968 trug das Stück zur Dele­gi­ti­mie­rung der kirch­li­chen Auto­ri­tät und ihrer Über­lie­fe­rung bei. Auf dem geschichts­po­li­ti­schen Schlacht­feld hat sich Hoch­huth blen­dend geschla­gen. Er hat tat­säch­lich Geschich­te geschrie­ben, und das ist das wah­re christ­li­che Trauerspiel.

1998 erschien Mar­tin Walsers Roman Ein sprin­gen­der Brun­nen. Der Titel zitiert Nietz­sches Nacht­lied aus dem Zara­thus­tra. »Nacht ist es: nun reden lau­ter alle sprin­gen­den Brun­nen. Und auch / mei­ne See­le ist ein sprin­gen­der Brun­nen.« Die sprin­gen­den Brun­nen reden. Wenn man ihnen lauscht, kann man auch die See­le hören. Der Roman schließt mit dem Satz: »Die Spra­che ist ein sprin­gen­der Brun­nen.« Die Spra­che also, die Lite­ra­tur ist der sprin­gen­de Brun­nen, der Aus­kunft über die See­le gibt.

In die­sem Sinn erzählt Wal­ser von der see­li­schen Ent­wick­lung sei­ner Haupt­fi­gur Johann, in der Wal­ser, die auto­bio­gra­phi­schen Hin­wei­se  sind ein­deu­tig, sei­ne eige­ne Kind­heit und Jugend spie­gelt. Die drei Tei­le des Romans ent­spre­chen drei Sta­tio­nen auf Johanns Lebens­weg, in den Jah­ren 1932 und 1938 und abschlie­ßend vom Herbst 1944 bis Mit­te 1945. Das Gesche­hen wird aus Johanns Per­spek­ti­ve erzählt, ohne daß sei­ne Wahr­neh­mun­gen in ein grö­ße­res Bild ein­ge­fügt oder ein­sor­tiert wür­den. Das ist die poe­ti­sche Stra­te­gie des Romans.

Da ist Was­ser­burg, bevöl­kert von einer Unzahl uri­ger Typen, da ist die Gast­wirt­schaft der Eltern, die Restau­ra­ti­on, man ist knapp bei Kas­se, der Vater läßt Johann kom­pli­zier­te Wör­ter buch­sta­bie­ren, Popo­ca­té­petl, Bha­ga­vad-Gita, regt so die Phan­ta­sie des Fünf­jäh­ri­gen an. Da sind die »Hit­ler­leu­te«, die »Nazi-Sozi«, der Vater nennt Hit­ler eine Kata­stro­phe, die Mut­ter tritt in die Par­tei ein, end­lich hat man wie­der etwas Geld, die Par­tei hält ihre Ver­samm­lun­gen jetzt in der Restau­ra­ti­on ab. Da sind die »Dach­au­er« in ihren merk­wür­di­gen Uni­for­men, der SA-Mann geht nicht mehr in die Kir­che, Johanns Freund Adolf Brug­ger plap­pert die Sät­ze des Vaters nach, eines Par­tei­sol­da­ten, Johann schreibt Gedich­te, weil er sich ver­liebt hat. 1944 erhält Johann sei­nen Stel­lungs­be­fehl, da ist der älte­re Bru­der schon gefal­len. Doch bevor es rich­tig ernst wird, ist der Krieg aus, Johann kann nach Hau­se gehen.

Es ist ein Roman über das Erwach­sen­wer­den und das Fin­den der eige­nen Spra­che, einer authen­ti­schen Spra­che – das letz­te Kapi­tel trägt denn auch die Über­schrift »Pro­sa«. Es geht um die eige­ne Spra­che, die nicht von ande­ren vor­ge­formt wird. Sie wird dann die Pro­sa des frei­en Schriftstellers.

Dar­an ist nichts Welt­be­we­gen­des. Der Dia­lekt, die Bil­der aus der Pro­vinz, das Erwa­chen des Schrift­stel­lers. Aber das Buch fand sofort einen gewich­ti­gen Kri­ti­ker. Im Som­mer 1998 kri­ti­sier­te Mar­cel Reich-Rani­cki im »Lite­ra­ri­schen Quar­tett«, daß Ausch­witz im Buch nicht vor­kom­me. Wie aber ver­trägt sich Ausch­witz mit der Per­spek­ti­ve des fünf­jäh­ri­gen, elf­jäh­ri­gen, 17jährigen Johann? Die Figur soll sich an etwas erin­nern, was außer­halb ihres Gesichts­krei­ses lag. Indem Reich-Rani­cki kom­plett an der ästhe­ti­schen Stra­te­gie des Romans vor­bei­ge­gan­gen ist, wur­de die geschichts­po­li­ti­sche For­de­rung in sei­ner »Lite­ra­tur­kri­tik« um so deut­li­cher erkenn­bar. Dem Autor wird mit­hin abge­for­dert, was und wie er zu schrei­ben hat.

Als Wal­ser im nach­fol­gen­den Okto­ber der Frie­den­preis des Deut­schen Buch­han­dels ver­lie­hen wur­de, begab er sich in sei­ner Rede auf das geschichts­po­li­ti­sche Schlacht­feld. Man wer­fe ihm ein »schwe­res Ver­sa­gen« vor, weil »in des Autors Buch Ausch­witz nicht vor­kom­me«. Hier wer­de die Ästhe­tik dem Zeit­geist unter­ge­ord­net. Von sei­ner eige­nen Situa­ti­on aus­ge­hend, ana­ly­sier­te Wal­ser die in den Medi­en übli­che Ver­ar­bei­tung der deut­schen Geschich­te. Jene Intel­lek­tu­el­len und Publi­zis­ten, die stän­dig im »grau­sa­men Erin­ne­rungs­dienst« arbei­ten, ent­las­te­ten ten­den­zi­ell sich selbst, wäh­rend sie ihre Leser aber per­ma­nent anklag­ten. »[W]enn mir aber jeden Tag in den Medi­en die­se Ver­gan­gen­heit vor­ge­hal­ten wird, mer­ke ich, daß sich in mir etwas gegen die­se Dau­er­prä­sen­ta­ti­on unse­rer Schan­de wehrt. Anstatt dank­bar zu sein für die unauf­hör­li­che Prä­sen­ta­ti­on unse­rer Schan­de, fan­ge ich an weg­zu­schau­en.« Das Motiv die­ser Dau­er­prä­sen­ta­ti­on bestimm­te Wal­ser nicht im »Nicht­ver­ges­sen­dür­fen«, son­dern in der »Instru­men­ta­li­sie­rung unse­rer Schan­de zu gegen­wär­ti­gen Zwe­cken« aus. Doch Ausch­witz eig­ne »sich nicht dafür, Droh­rou­ti­ne zu wer­den, jeder­zeit ein­setz­ba­res Ein­schüch­te­rungs­mit­tel oder Moral­keu­le oder auch nur Pflicht­übung. Was durch Ritua­li­sie­rung zustan­de kommt, ist von der Qua­li­tät des Lip­pen­ge­bets«. So ziel­ten die fol­gen­den Wor­te auf Reich-Rani­cki: »Das möch­te man den Mei­nungs­sol­da­ten ent­ge­gen­hal­ten, wenn sie, mit vor­ge­hal­te­ner Moral­pis­to­le, den Schrift­stel­ler in den Mei­nungs­dienst nöti­gen.« Im Roman Ein sprin­gen­der Brun­nen hat­te Johann, den Zeit­um­stän­den zum Trotz, sei­ne eige­ne Spra­che gefun­den, und nun muß­te sich sein Autor Wal­ser gegen die Vor­ga­ben ton­an­ge­ben­der Instan­zen wehren.

Wäh­rend Walsers Rede ins­ge­samt gro­ße Zustim­mung fand, wur­de sie vom dama­li­gen Vor­sit­zen­den des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land, Ignatz Bubis, scharf kri­ti­siert. Bubis sprach von einer »Schluß­strich­men­ta­li­tät« und »geis­ti­ger Brand­stif­tung«. Die Debat­te mün­de­te schließ­lich in ein per­sön­li­ches, von der FAZ orga­ni­sier­tes Gespräch, in dem Bubis den Vor­wurf der »geis­ti­gen Brand­stif­tung« zurücknahm.

Wal­ser hat sich öffent­lich geschla­gen, weil er den Ver­such, ihm zu dik­tie­ren, was in sei­nen Büchern zu ste­hen habe, als geschichts­po­li­ti­schen Kon­for­mis­mus benann­te und zurück­wies. Zu ler­nen war und bleibt frei­lich die Bereit­schaft, eine ande­re Per­spek­ti­ve, einen ande­ren Blick auszuhalten.

Der jüngst ver­stor­be­ne Gün­ter Grass fühl­te sich wohl auf dem geschichts­po­li­ti­schen Schlacht­feld. Über Jahr­zehn­te galt er als mora­li­sche Instanz, etwa durch sei­ne Kri­tik an Kie­sin­ger, Fil­bin­ger, Strauß oder Kohl. 1990 beharr­te Grass auf der deut­schen Tei­lung, die den Deut­schen von der Geschich­te »auf­er­legt« sei. Wenn es dar­um ging, die Ver­gan­gen­heit, die nicht ver­ge­hen will, zu beschwö­ren, war der Sozi­al­de­mo­krat Grass zur Stelle.

Da mute­te es gera­de­zu gro­tesk an, als Grass 2006 sei­ne Zuge­hö­rig­keit zur Waf­fen-SS ein­ge­stand. Nicht die­se fünf­mo­na­ti­ge Epi­so­de des damals 17jährigen muß­te ihm vor­ge­wor­fen wer­den, son­dern die heuch­le­ri­sche Art, mit der er über Jahr­zehn­te hin­weg ande­re vom hohen Roß her­ab belehrt hat­te, wäh­rend er sei­ne eige­ne Geschich­te in Schwei­gen hüll­te. Es war nur logisch, daß Hen­ryk M. Bro­der Grass dar­auf­hin als »erle­digt« bezeich­ne­te. Die geschichts­po­li­ti­sche Dop­pel­mo­ral lag offen zuta­ge, doch erle­digt war Grass nicht: Bis zuletzt applau­dier­te ihm sein Publi­kum, unge­rührt von jenem zum Him­mel schrei­en­den Widerspruch.

Publi­kum und Feuil­le­ton floch­ten Grass bereits 2002 Krän­ze, weil er sich mit sei­ner Novel­le Im Krebs­gang – ver­meint­lich – dem The­ma der Ver­trei­bung ange­nom­men, das bri­san­te The­ma »ent­ta­bui­siert« hat­te, als hät­te es, neben vie­len ande­ren, die Roma­ne von Arno Sur­min­ski, Hei­mat­mu­se­um von Sieg­fried Lenz oder das Echo­lot von Wal­ter Kem­pow­ski nie gegeben.

Wor­um geht es in dem Text? Nach­dem der in Schwe­rin gebo­re­ne Wil­helm Gust­loff, Lei­ter der NSDAP-Aus­lands­or­ga­ni­sa­ti­on in der Schweiz, im Febru­ar 1936 von dem exi­lier­ten Juden David Frank­fur­ter in Davos erschos­sen wor­den war, bau­te ihn die NS-Pro­pa­gan­da zum »Blut­zeu­gen der Bewe­gung« auf. Das nach ihm benann­te Schiff wur­de im Rah­men der KdF-Urlaubs­fahr­ten ein­ge­setzt. Ab Ende 1940 lag die Gust­loff vor Goten­ha­fen in der Dan­zi­ger Bucht, als »schwim­men­de Kaser­ne«. Nach­dem die Rote Armee die Ost­front durch­bro­chen hat­te, ström­ten zahl­lo­se Flücht­lin­ge in Rich­tung Dan­zig. Auch die Gust­loff soll­te die Flücht­lin­ge eva­ku­ie­ren. Am 30. Janu­ar 1945 lief das Schiff, mit ver­mut­lich über 10 000 Men­schen an Bord, aus und wur­de von einem sowje­ti­schen U‑Boot ver­senkt. Unter den 1252 Über­le­ben­den war auch Tul­la Pokrief­ke, die unter Schock ihrem Sohn Paul das Leben schenk­te. Tul­la floh dann mit ihrem klei­nen Paul wei­ter nach Schwe­rin. Vor dem Mau­er­bau ging ihr Sohn Paul aber nach West-Ber­lin, wo er als Jour­na­list arbei­te­te, hei­ra­te­te und einen Sohn namens Kon­ny bekam.

Die­se Vor­ge­schich­te wird auf das Jahr 1997 bezo­gen. Ein pro­mi­nen­ter Schrift­stel­ler, ein Alter ego von Gün­ter Grass, bedau­ert es auf sei­ne alten Tage, dem The­ma Flucht und Ver­trei­bung kei­ne Auf­merk­sam­keit geschenkt zu haben. Damit habe man nur rechts­ex­tre­me­ne Ver­zer­run­gen ermög­licht. Als er den Jour­na­lis­ten Paul Pokrief­ke, Tul­las Sohn, der ja in der Nacht der Ver­sen­kung der Gust­loff auf die Welt gekom­men ist, ken­nen­lernt, beauf­tragt der »müde­ge­schrie­be­ne« Schrift­stel­ler Pokrief­ke, über den Unter­gang zu schrei­ben. Wäh­rend sei­ner Nach­for­schun­gen stößt Paul dann auf die Inter­net­sei­te blutzeuge.de, in deren Forum der rechts­ex­tre­me »Wil­helm« und ein vor­geb­li­cher Jude namens »David« dis­ku­tie­ren – Wil­helm Gust­loff und David Frank­fur­ter rel­oa­ded. Bei Wil­helm han­delt es sich aber um nie­mand ande­ren als um Pauls eige­nen Sohn Kon­ny. Unter der Mas­ke des vir­tu­el­len Wil­helm ver­ab­re­det er sich mit David in Schwe­rin, wo er ihm den 1950 zer­stör­ten Gedenk­stein Wil­helm Gust­loffs zeigt. David spuckt auf den Stein, wor­auf­hin Wil­helm, also Kon­ny, ihn erschießt und im Jugend­ge­fäng­nis landet.

Die Geschich­te wie­der­holt sich, mit umge­kehr­ten Vor­zei­chen. Kon­ny nimmt Rache für Wil­helm Gust­loff und auch für die Ver­sen­kung der Wil­helm Gust­loff, indem er einen vir­tu­el­len David Frank­fur­ter tötet, der eigent­lich Wolf­gang hieß und mit­nich­ten Jude war. Die­ser aber­wit­zi­ge Rache­akt ist nur erklär­lich, weil Gün­ter Grass und sei­ne Kol­le­gen das The­ma Flucht und Ver­trei­bung zu lan­ge »den Rechts­ge­strick­ten« über­las­sen haben, wahl­wei­se mag man an die Ver­trie­be­nen­ver­bän­de oder Wal­ter Kem­pow­ski den­ken, so daß es zu einem dif­fu­sen Motiv für die Auf­wer­tung des Natio­nal­so­zia­lis­mus wer­den konnte.

»Das nagt an dem Alten. Eigent­lich, sagt er, wäre es Auf­ga­be sei­ner Genera­ti­on gewe­sen, dem Elend der ost­preu­ßi­schen Flücht­lin­ge Aus­druck zu geben: den win­ter­li­chen Trecks gen Wes­ten, dem Tod in Schnee­we­hen, dem Ver­re­cken am Stra­ßen­rand und in Eis­lö­chern, sobald das gefro­re­ne Fri­sche Haff nach Bom­ben­ab­wür­fen und unter der Last der Pfer­de­wa­gen zu bre­chen begann, und trotz­dem von Hei­li­gen­beil aus immer mehr Men­schen aus Furcht vor rus­si­scher Rache über end­lo­se Schnee­flä­chen … Flucht … Der wei­ße Tod … Nie­mals, sagt er, hät­te man über so viel Leid, nur weil die eige­ne Schuld über­mäch­tig und beken­nen­de Reue in all den Jah­ren vor­dring­lich gewe­sen sei, schwei­gen, das gemie­de­ne The­ma den Rechts­ge­strick­ten über­las­sen dür­fen. Die­ses Ver­säum­nis sei bodenlos.«

Ja, es wäre sei­ne Auf­ga­be gewe­sen – aber Grass hat sie nicht wahr­ge­nom­men. Anstatt sich jetzt end­lich dem Schick­sal der Ver­trie­be­nen zuzu­wen­den, ihre ver­zwei­fel­te Geschich­te zu erzäh­len, ver­schwin­det die Tra­gö­die dahin­ter, daß Grass den Unter­gang der Gust­loff nur als Stich­wort für die schie­fe Hand­lung um Kon­ny nutzt. Hel­muth Kie­sel hat fest­ge­stellt, daß Grass dem »tau­send­fa­chen Tod« nicht viel mehr als eine Sei­te gewid­met habe und Grass’ Ein­ge­ständ­nis, dem Erzäh­ler kön­ne es ohne­hin nicht gelin­gen, »das tau­send­ma­li­ge Ster­ben (…) in der eisi­gen See in Wor­te zu fas­sen«, eine künst­le­ri­sche Kapi­tu­la­ti­on darstelle.

In sei­ner »poli­tisch kor­rek­ten Novel­le« (NZZ) geht es Grass nicht um den Wahn­sinn der Ver­trei­bung. Viel­mehr wird Kon­nys absur­de Tat auch noch direkt auf den Ein­fluß der Groß­mutter, die selbst Opfer der Kata­stro­phe war, zurück­ge­führt: Sie habe den Jun­gen »mit Flücht­lings­ge­schich­ten, Greu­el­ge­schich­ten, Ver­ge­wal­ti­gungs­ge­schich­ten vollgepumpt«.

Hät­te Grass also vor­her über die Gust­loff geschrie­ben, dann hät­ten wir heu­te kei­ne Neo­na­zis. Das ist das The­ma der Novel­le – und nicht, wie über­all zu lesen, die Ver­trei­bung der Deut­schen. Grass habe, so noch ein­mal Hel­muth Kie­sel, »am Elend vorbeigeschrieben«.

Hoch­huth, Grass, Wal­ser: Letz­te­rer hat sich einer volks­päd­ago­gi­schen Lite­ra­tur ver­wei­gert. Die Lite­ra­tur darf nicht »gegen­wär­ti­gen Zwe­cken« die­nen, denn dann plap­pert sie, wie der klei­ne Adolf Brug­ger, nur das nach, was ande­re schon vor­her aus­wen­dig gelernt haben.

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