1. Juni 2015

Napoleons Ende 1815

Gastbeitrag

Der »Flug des Adlers« hat die Zeitgenossen ebenso die Fassung verlieren lassen, wie er begeisterte (viele Franzosen) respektive ergrimmte (die Sieger von 1813/14). Die Rede ist von Napoleons historisch fast einzigartiger Rückkehr an die Macht als zwischen heldisch-übermenschlicher Größe und blankem Wahnsinn stehende und zwischen Glück und Zufall sowie eisernem Willen kaum an Maßstäben wie den »Umständen« oder aber einem »Plan« zu messende Tat. Des vormaligen republikanischen Kaisers und revolutionären Diktators letzte hundert Tage an der Macht bis hin zur die Geschicke des folgenden Jahrhunderts entscheidenden Schlacht bei La Belle Alliance bzw. Waterloo (18. Juni 1815) jähren sich heuer zum zweihundertsten Male, was ein gutes Dutzend Kenner zur Beschreibung in Buchform herausgefordert hat. Aus der Fülle an Neuerscheinungen zum Jubiläum sei hiermit eine Auswahl präsentiert.

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Wer sich tatsächlich nur in Kürze informieren will, hat ein schmales Taschenbuch zur Verfügung (Marian Füssel: Waterloo 1815, C.H. Beck 2015. 127 S., 8.95 €). Das Buch bietet relativ viele Details auf kleinem Raum und einen guten Einblick in das Schlachtgeschehen. Die politischen Hintergründe und Auswirkungen werden im wesentlichen referiert, auch wenn aufgrund der Kürze viele Einzelheiten ausgelassen wurden. Die unsägliche Sozialwissenschaftlersprache tritt an mancher Stelle hervor (»Kommunikationssituation auf dem Schlachtfeld«, »Erinnerungsdiskurs«), und ein begnadeter Stilist ist der Autor nicht, dafür bietet das Buch im letzten Kapitel einen ausführlichen und lesenswerten Überblick über die Erinnerungskultur rund um die Schlacht, den sonst keines der hier besprochenen Bücher vorweisen kann.

Die gesamte Geschichte von der Vertreibung Napoleons aus Paris nach der Niederlage bei Leipzig über die Exilierung nach Elba und die Rückkehr der 100 Tage bis hin zum Endkampf erzählt ein weiteres Buch (Johannes Willms: Waterloo. Napoleons letzte Schlacht, C.H. Beck 2015. 288 S., 21.95 €). Willms arbeitet heraus, warum der an sich überlegene Feldherr Napoleon mit einer kampferprobten Armee gegen unerfahrene, hauptsächlich deutsche Truppen, darunter die nach Meinung bereits zeitgenössischer Experten schlechteste Armee, die Preußen in den Revolutionskriegen aufgeboten hatte (so schlecht ausgerüstet, daß manch ein schlesischer Landwehrmann barfuß bis nach Wallonien laufen mußte), die Entscheidungsschlacht verlor. Das Werk ist meinungsstark, die britische Lichtgestalt Wellington kommt schlecht weg: Eitelkeit und Egoismus des Befehlshabers bis an die Grenze des Verrats am preußischen Bundesgenossen werden dargestellt. Das Buch kann besonders denjenigen empfohlen werden, die über die Schlacht bereits orientiert sind und nun die größeren Zusammenhänge begreifen wollen.

Wer dabei noch weiter gehen will, kann zu einer Gesamtdarstellung der Befreiungskriege und des Wiener Kongresses greifen (Adam Zamoyski: 1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongreß. C.H. Beck 2015, 704 S., 29.95 €). Diese deutsche Übersetzung eines bereits 2007 auf Englisch erschienenen Buches soll offensichtlich an den großen Erfolg von Zamoyskis Buch 1812. Napoleons Feldzug in Rußland anknüpfen. Dem weiten thematischen Horizont geschuldet, erscheint Waterloo im Dickicht aus Diplomatie und Politik fast als Marginalie, aber gerade angesichts vorliegender Detailstudien ist diese Einordnung in einen größeren Rahmen als Kontrast willkommen. Das Buch liest sich flüssig und kommt trotz des im angloamerikanischen Raum üblichen lockeren Tonfalls weitgehend ohne romanartige, (halb)fiktive Dialoge und ähnliches aus. Zamoyski ist zurückhaltend in den Wertungen und argumentiert sorgfältig. Leider finden sich verstreut einige unnötig parteiergreifende Stellungnahmen zugunsten von Napoleons »Werk«, und gegen Ende des Buches läßt er sich zu einigen flachsinnigen Bemerkungen über die angesichts des einmal erreichten Fortschritts »groteske« und »sozial verkrüppelte« Wiener Ordnung hinreißen. Der geduldige Leser sollte sich dadurch nicht von der Lektüre abhalten lassen.

Wiederum viel konzentrierter ist der auf Napoleon gerichtete, seinen Weg verfolgende Blick eines deutschen Emeritus (Volker Hunecke: Napoleons Rückkehr. Die letzten hundert Tage – Elba, Waterloo, St. Helena, Klett-Cotta 2015. 260 S., 21.95 €). Auch dieser Band ist weder übermäßig komplex noch allzu essayistisch-gefällig geschrieben. Trotz unter 230 (großzügig bedruckter) Textseiten wird auch hier ein weiter Rahmen um die Ereignisse gezogen. Im harten Kontrast zur Konkurrenz allerdings haben Huneckes Leser nach der sehr kurzen Schlachtschilderung noch etwa ein Drittel des Buches vor sich. Dem, was sonst wegfällt, wird hier breiter Raum gegeben: dem Staatsstreich gegen den geschlagenen Kaiser-Feldherrn, seiner Exilierung sowie vor allem den innen- und außenpolitischen Folgen seines endgültigen Abtritts von der Weltbühne. Gerade diese letzten Kapitel sind hochinteressant.

Einen besonderen Akzent auf die politischen Rahmenbedingungen von Napoleons Rückkehr auf den Thron legt ein bereits im vergangenen Jahr erschienener Band (Günter Müchler: Napoleons hundert Tage. Eine Geschichte von Versuchung und Verrat, Theiss 2014. 256 S., 24.95 €). Das empfehlenswerte Buch ist in einem schönen Stil geschrieben, fehlerfrei und durchdacht gegliedert. Müchler beschreibt die politischen Entscheidungen und die riesigen Aufgaben, die Napoleon sich zu bewältigen vorgenommen hatte – neben der Wiederaufrichtung seiner Herrschaft mußte er, letztlich nur vom eigenen Nimbus zehrend, in einem im Vergleich zum Frankreich vor 1812 stark veränderten Land den Abwehrkampf gegen ein 800 000-Mann-Heer der Koalition organisieren. Dem Leser wird nahegelegt, dies für ein von vornherein vergebliches Unterfangen zu halten, was der – ohnehin von längst nicht allen Franzosen geteilten – Begeisterung der Anhänger Napoleons Tragik verleiht. Die abschließenden Schlachten im Juni nehmen einen relativ geringen Raum ein, die Politik steht im Vordergrund.

Genau umgekehrt verhält es sich mit einer echten militärhistorischen Arbeit (Hans-Wilhelm Möser: Die Schlacht bei Waterloo/La Belle Alliance am 18. Juni 1815. Ein Ereignis von europäischer Dimension, Helios 2014. 245 S., 28 €). Der Autor, ehemaliger Generalstabsoffizier der Bundeswehr und 20 Jahre lang Fremdenführer auf dem bis heute museal bewahrten Schlachtfeld, ist wie kaum ein zweiter berufen, ein Buch über die Schlacht zu schreiben. Bis ins letzte Detail verfolgt er Bewegungen, Operationen und Strategien der beteiligten Armeen, entwirrt das kaum durchschaubare Knäuel aus Planungen, Risiken und Friktionen innerhalb der Schlachtplanung. Auch dem militärhistorisch wenig vorgebildeten Leser wird deutlich, worin die Herausforderungen damaliger Kriegführung bestanden, und tatsächlich begreiflich, warum Napoleon trotz überlegener Fähigkeiten die Schlacht und damit seinen Thron verlor: ein Aufeinandertreffen von Fehlentscheidungen und einem für den größten Feldherrn seiner Zeit kaum begreiflichen Zögern in entscheidenden Momenten besiegelte das Schicksal der französischen Truppen. Ein Meister der Formulierungskunst ist Möser wahrlich nicht, auch die Buchgestaltung läßt zu wünschen übrig. Wer militärhistorisch interessiert ist, findet hier dennoch eine höchst informative und über Strecken geradezu spannende Gesamtdarstellung der Jahrhundertschlacht.

Abschließend sei noch auf eine thematisch wie qualitativ herausragende Detailstudie hingewiesen, die vor allem, aber nicht nur, für traditionsverbundene Niedersachsen von Interesse ist (Brendan Simms: Der längste Nachmittag. 400 Deutsche, Napoleon und die Entscheidung von Waterloo, C.H. Beck 2014. 191 S., 18.95 €). Der Autor arbeitet heraus, welche schlachtentscheidende Bedeutung die Verteidigung des direkt in der Mitte der Walstatt gelegenen Meierhofes La Haye Sainte hatte. Verteidigt wurde er von »etwa 400 [hannoveranischen] Schützen, die von einer Kombination aus ideologischer Opposition zu Napoleons Tyrannei, dynastischer Loyalität zum König von England, deutschem Patriotismus, Kameradschaft im Regiment, persönlichen Freundschaften und Berufsethos angetrieben wurden«. Mit völlig unzureichenden Mitteln, Wagemut und unter großen Opfern hielten diese Männer, Angehörige des 2. leichten Bataillons der »King’s German Legion«, Tausende von Franzosen in Schach und verhinderten einen Durchbruch in die britisch-deutsche Frontlinie so lange, bis die feindlichen Kräfte ermattet waren. Simms gelingt es, viele dieser Soldaten individuell zu porträtieren, ohne ins Fahrwasser des Kitschs zu geraten. Für seine Studie hat er ausweislich des Literaturverzeichnisses derartige Unmengen an Literatur ausgewertet, daß sie nun auf lange Sicht als Standardwerk der Belle-Alliance-Forschung wird gelten dürfen. So ist dieses letzte Buch eine besondere Empfehlung wert.


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