Geschichtspolitik 2015

PDF der Druckfassung aus Sezession 66 / Juni 2015

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Götz Aly und Jür­gen Elsäs­ser sind zwei Publi­zis­ten, die auf den ers­ten Blick nicht viel gemein­sam haben und von der Öffent­lich­keit völ­lig unter­schied­lich wahr­ge­nom­men wer­den. Aly (geb. 1947) hat sich den Jah­ren zwi­schen 1933 und 1945 ver­schrie­ben und ver­öf­fent­licht Bücher, die vor allem einem Ziel die­nen: zu zei­gen, daß der Natio­nal­so­zia­lis­mus kei­ne Ideo­lo­gie gewe­sen ist, son­dern gleich­sam die logi­sche Kon­se­quenz aus den natio­nal­staat­lich empor­ge­züch­te­ten Eigen­schaf­ten der Deut­schen. Er geht dabei noch einen Schritt wei­ter als Gold­ha­gen, wenn er die­se The­se auf jeden Lebens­be­reich aus­walzt. Elsäs­ser (geb. 1957) wid­met sich der Gegen­wart und ver­sucht als Kopf der Zeit­schrift com­pact, die Feind­schaft zwi­schen rechts und links zu über­win­den. Bin­de­glied sei der Antiamerikanismus.

Wäh­rend Aly als geschichts­po­li­ti­scher Auf­klä­rer offe­ne Türen ein­rennt, gilt Elsäs­ser als Dun­kel­mann mit Hang zu Ver­schwö­rungs­theo­rien. Es gibt aber auch eini­ge Gemein­sam­kei­ten. Zum einen haben bei­de eine lin­ke Ver­gan­gen­heit, von der sie sich mehr oder weni­ger distan­ziert haben. Aly hat als Mao­ist im Umfeld der 68er mit­ge­mischt und sich spä­ter durch einen Ver­gleich von 68 mit 33 exkul­piert. Elsäs­ser gilt als Erfin­der der anti­deut­schen Lin­ken und leis­tet durch Beto­nung von Nati­on und Sou­ve­rä­ni­tät täti­ge Abbit­te. Bei­de kämp­fen gegen das Estab­lish­ment: Aly gegen die all­ge­mei­ne Ver­harm­lo­sung und Elsäs­ser gegen die all­ge­mei­ne West­bin­dung. Außer­dem haben bei­de beschlos­sen, den 9. Mai zu einem Fei­er­tag auszurufen.

Bei Aly dürf­te das grund­sätz­lich nie­man­den wun­dern, bemer­kens­wert ist ledig­lich die Wort­wahl, wenn er unter dem Anti­fa­mot­to »Wer nicht fei­ert, hat ver­lo­ren« in der Ber­li­ner Zei­tung fol­gen­des schreibt: »Die Sie­ger und Befrei­er schenk­ten den Euro­pä­ern eine bes­se­re Zukunft – auch den damals noch unein­sich­ti­gen Deut­schen. Deren Nach­fah­ren wis­sen, daß die blu­ti­ge Nie­der­la­ge ihrer Väter, Groß­vä­ter oder Urgroß­vä­ter das größ­te geschicht­li­che Glück ist, das ihnen zuteil­wer­den konn­te.« Ob Glück die rich­ti­ge Kate­go­rie zur Beur­tei­lung his­to­ri­scher Ereig­nis­se ist, hat schon Jacob Burck­hardt bezwei­felt. In jedem Fall stellt Aly sein eige­nes Wohl­erge­hen über das Leid der Vor­fah­ren und die Zer­schla­gung Deutsch­lands – und macht die Gegen­wart zum ein­zi­gen Maß­stab. Dia­bo­lisch wird es, wenn Aly sich eine Woche spä­ter groß­mü­tig mit dem nahe­lie­gen­den Ein­wand einer anony­men Leser­brief­schrei­be­rin aus­ein­an­der­setzt, die auf die Ver­ge­wal­ti­gung ihrer Vor­fah­ren durch die Sowjets hin­weist. Ja, das stim­me, daß Hun­dert­tau­sen­de Frau­en ver­ge­wal­tigt wur­den, aber man dür­fe das nicht auf­rech­nen, weil schließ­lich auch vie­le aus den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern befreit wor­den sei­en und Leid eine indi­vi­du­el­le Kate­go­rie sei: »Hier ver­sa­gen alle Argu­men­te von Ursa­che und Wir­kung.« Aber: »Für die Nach­ge­bo­re­nen gilt das nicht.« Sein Tip an die Schrei­be­rin: »Wie Sie, ver­ehr­te Frau H., schrei­ben, waren damals sämt­li­che Män­ner Ihrer Fami­lie im Krieg. Kön­nen Sie nicht ein­fach sagen: Bei allem Leid mei­ner Fami­lie führ­ten mein Vater und mei­ne Onkel einen ganz und gar unge­rech­ten Krieg, und 70 Jah­re danach will ich all den Fami­li­en in Euro­pa, in den USA und in der Sowjet­uni­on mein Mit­ge­fühl aus­drü­cken, die unter die­sem von Deutsch­land begon­nen Krieg gelit­ten haben.« Sie sol­le zum Mit­fei­ern kommen.

Daß Sta­lin einen gerech­ten Krieg führ­te, ist offen­bar auch Jür­gen Elsäs­sers Mei­nung. Anders ist sei­ne mehr­fach wie­der­hol­te Ein­la­dung an den rus­si­schen Motor­rad­club »Nacht­wöl­fe« nicht zu ver­ste­hen, doch bei sei­ner Fei­er­lich­keit am Haupt­bahn­hof vor­bei­zu­schau­en. Zum Hin­ter­grund: Die »Nacht­wöl­fe« unter­stüt­zen den Kurs Putins und kön­nen sich sei­ner Pro­tek­ti­on erfreu­en. Ihr Plan war, auf dem Weg der sowje­ti­schen Trup­pen nach Ber­lin zu fah­ren, um dort den Sieg über Deutsch­land zu fei­ern – was Elsäs­ser froh­lo­cken läßt: »Krö­nen­der Abschluß soll natür­lich Ber­lin sein, am sym­bol­träch­ti­gen 9. Mai. Um 15 Uhr fin­det eine Kund­ge­bung vor dem Reichs­tag statt, wo für Deutsch­land, Sou­ve­rä­ni­tät und Frie­den demons­triert wird. Wie ich gehört habe, ist von den Ver­an­stal­tern die­ser aus­ge­zeich­ne­ten Sache schon über Mit­tels­män­ner eine Ein­la­dung an die ›Nacht­wöl­fe‹ raus­ge­gan­gen. Die ›Nacht­wöl­fe‹ vor dem Reichs­tag – au weia, das ist für die NATO-Warm­du­scher fast so schlimm wie die Rote Armee! Die Gesich­ter von Mut­ti Mer­kel, Onkel Gauck und Tan­te Stein­mei­er will ich sehen…« Nach­dem es selbst bei sei­ner Anhän­ger­schaft Unver­ständ­nis ob sol­cher unpas­sen­den Alli­an­zen mit Sta­lin­ver­herr­li­chern gab, erklärt Elsäs­ser: »Sol­che ver­gan­gen­heits­zen­trier­ten Debat­ten füh­ren nicht wei­ter! Es geht am 9. Mai 2015 in ers­ter Linie um den 9. Mai 2015, nicht um den 9. Mai 1945!! Das Selbst­ver­ständ­nis der ›Nacht­wöl­fe‹ ist, ganz im Sin­ne von Putin, pro-deutsch! Zele­briert wird der Sieg über Hit­ler, nicht der Sieg über Deutsch­land. Daß sie nach Ber­lin kom­men, heißt in ers­ter Linie: Wir las­sen uns von der NATO nicht stoppen!«

Hier ist bei Elsäs­ser offen­bar der Wunsch Vater des Gedan­kens. Die »Nacht­wöl­fe« wol­len Sta­lins Sieg fei­ern und haben auch nie etwas Gegen­tei­li­ges behaup­tet. Ihr Slo­gan lau­tet: »Für das Vater­land! Für Sta­lin!« und sie füh­ren ent­spre­chen­de Fah­nen mit. Aus rus­si­scher Per­spek­ti­ve ist es gesund, daß Ruß­land sei­ne Ver­gan­gen­heit nicht zu bewäl­ti­gen ver­sucht und Sta­lin wei­ter­hin als gro­ßen Mann betrach­tet. Immer­hin hat er die­sen Krieg gewon­nen. Daß danach halb Euro­pa unter­jocht wur­de, muß Putin nicht stö­ren. Doch es hat schon etwas Patho­lo­gi­sches, wenn jemand wie Elsäs­ser der Mei­nung ist, man kön­ne sich den Respekt der Rus­sen mit solch einer Kol­la­bo­ra­ti­on ver­die­nen. Denn letzt­lich ist es eine Demü­ti­gung, ver­gleich­bar etwa mit der Fahrt eines deut­schen Rocker­clubs ab dem 22. Juni auf den Spu­ren der Wehr­macht bis kurz vor Moskau.

In Elsäs­sers Logik wird aus der Pro­vo­ka­ti­on der »Nacht­wöl­fe« also ein Bünd­nis­an­ge­bot der Rus­sen an die guten Deut­schen, die sich nicht vom Ame­ri­ka­ner haben kau­fen las­sen. Elsäs­ser macht sich dabei die Tat­sa­che zunut­ze, daß Putin vom offi­zi­el­len Deutsch­land wegen der Krim gera­de etwas geschnit­ten wird. Sonst wären die­se Rocker ver­mut­lich sogar im Bun­des­tag emp­fan­gen wor­den. So aber ist er es, der sich die­sen Leu­ten andie­nen kann und oben­drein als muti­ger Quer­den­ker dasteht. Aber auch hier wird über das Leid der Vor­fah­ren und die Zer­schla­gung Deutsch­lands hin­weg­ge­gan­gen. Die Gegen­wart, die Kon­fron­ta­ti­on von NATO und Ruß­land, gilt als ein­zi­ger Maßstab.

Bei­de, Aly und Elsäs­ser, ste­hen sich damit geschichts­po­li­tisch näher, als sie ver­mut­lich ahnen. Sie sind bei­de so etwas wie die unge­zo­ge­nen Kin­der der BRD, die ihre Lek­ti­on zwar gelernt haben, dabei aber gele­gent­lich etwas über die Strän­ge schla­gen. Der eine keilt etwas hef­tig gegen die NATO, der ande­re gegen das eige­ne Volk. Aber bei­de haben ver­stan­den, daß Deutsch­land als his­to­risch wider­legt zu gel­ten hat, und sie tun alles dafür, daß das so bleibt. Die Rede von Glück oder Sou­ve­rä­ni­tät kann nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß bei­des immer nur unter Akzep­tanz und Beto­nung des einen geschichts­po­li­ti­schen Dog­mas erlangt wer­den soll: Gegen die deut­sche Bes­tie war jedes Mit­tel recht.

Geschichts­po­li­tisch stellt die­se Kon­stel­la­ti­on so etwas wie den vor­läu­fi­gen End­punkt der deut­schen Ent­wick­lung dar. Die gro­ße, nega­ti­ve Erzäh­lung ist mitt­ler­wei­le so stark, daß selbst jene, die dage­gen anschrei­ben, nicht in der Lage sind, sie zu hin­ter­ge­hen. Die Ansicht, Deutsch­land sei 1945 befreit wor­den, ist so sehr im deut­schen Den­ken ver­haf­tet, daß jeg­li­ches Abwei­chen davon als denk­un­mög­lich gilt. Wäh­rend unmit­tel­bar nach dem Krieg die Tat­sa­che, daß es sich um eine Nie­der­la­ge und um eine Kata­stro­phe han­del­te, unüber­seh­bar war, wuchs mit zuneh­men­den Abstand und Wohl­stand der Wunsch, zu den Sie­gern der Geschich­te zu gehö­ren. Da man das objek­tiv nicht war, konn­te das nur durch eine Umdeu­tung der Nie­der­la­ge selbst erreicht werden.

Bei­de, Aly und Elsäs­ser, sind durch eine geschichts­po­li­ti­sche Wei­chen­stel­lung geprägt, die sich an der berühm­ten Weiz­sä­cker­re­de vom 8. Mai 1985 fest­ma­chen läßt. Gab es damals noch ver­hal­te­nen Wider­stand gegen die Umdeu­tung der Nie­der­la­ge in eine Befrei­ung, sind in die­ser Fra­ge nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung alle Hem­mun­gen gefal­len. Die Deut­schen dür­fen seit­her sogar an den Sie­ges­fei­er­lich­kei­ten der Alli­ier­ten teil­neh­men. Aller­dings bleibt es dem Belie­ben der Befrei­er anheim­ge­stellt, in wel­cher Rol­le sie die Deut­schen dazu­bit­ten. In die­ser Hin­sicht hat sich geschichts­po­li­tisch nichts geän­dert: Braucht man die Deut­schen, war Hit­ler an allem schuld. Fol­gen die Deut­schen nicht, sind wir doch wie­der alle ver­ant­wort­lich, egal ob befreit oder besiegt. Die deut­sche Innen­an­sicht ist da ein­fa­cher: Uns geht es gut, die Nazi­zeit war schlimm, also wur­den wir befreit. Wie wich­tig die Wei­chen­stel­lung Weiz­sä­ckers als Ver­tre­ter der »Täter« war, zeigt eine Über­schrift anläß­lich sei­nes Todes in der Welt: »Er hat uns befreit«.

Bun­des­prä­si­dent Gauck ist in die­se Fuß­stap­fen getre­ten und hat damit all jene vor den Kopf gesto­ßen, die geglaubt hat­ten, daß jemand, der die Geschichts­po­li­tik der DDR erleb­te, über einen ande­ren Maß­stab ver­fü­ge. Wer, wenn nicht er, müß­te wis­sen, daß die Behaup­tung von der Befrei­ung eine Lüge war, hin­ter der sich Sta­lins bar­ba­ri­scher Erobe­rungs­feld­zug ver­barg. Oder daß es sich beim Natio­nal­so­zia­lis­mus um kei­ne über­ge­schicht­li­che Erschei­nung han­del­te, son­dern um etwas, des­sen extre­me Aus­for­mun­gen in der mensch­li­chen Destruk­ti­vi­tät begrün­det lie­gen. Gauck weiß das in der Tat alles. Er hat in sei­ner Zeit als Hüter der Sta­si­un­ter­la­gen nicht nur ein­mal in die­sem Sin­ne einen Ver­gleich zwi­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus und Kom­mu­nis­mus ange­stellt. Daher schrill­ten auch bei vie­len Lin­ken die Alarm­glo­cken, als Gauck Prä­si­dent wer­den soll­te; sogar von einem anste­hen­den geschichts­po­li­ti­schen Umbruch war damals die Rede. Doch Gauck hat schnell gelernt, wie sei­ne dies­jäh­ri­ge Anspra­che in Dres­den deut­lich macht: »Die meis­ten von uns haben sich auch von jenem Selbst­bild als Opfer ver­ab­schie­det, in dem sich vie­le in der Nach­kriegs­zeit ein­ge­rich­tet hat­ten, als sie das Selbst­mit­leid pfleg­ten und sich gegen das Leid der Opfer von Deut­schen abschot­te­ten. Inzwi­schen wis­sen wir näm­lich: Wer bereit ist, die Fixie­rung auf das eige­ne Schick­sal zu über­win­den, erfährt auch einen Akt der Selbstbefreiung.«

Das ist sie, die geschichts­po­li­ti­sche Klam­mer, in die sich nicht nur Gauck, son­dern auch Aly und Elsäs­ser zwin­gen las­sen. Alle sau­gen ihren Nek­tar aus dem Dog­ma, daß wir 1945 befreit wur­den und nut­zen es für ihr jewei­li­ges poli­ti­sches Ziel. Bei Gauck ist das nicht das Bünd­nis mit Ruß­land oder ein per­sön­li­ches Geschäft, son­dern die Staats­rai­son einer Schuld­na­ti­on, deren Lebens­zweck dar­in besteht, sich für das Leid in der gan­zen Welt ver­ant­wort­lich zu füh­len. Aus die­ser Ein­stel­lung wer­den sei­ne For­de­run­gen ver­steh­bar, mög­lichst vie­le Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men und den Grie­chen Ent­schä­di­gun­gen für den Zwei­ten Welt­krieg zu zah­len. Sein »Auf­trag« an die Deut­schen lau­tet: Wir müs­sen »uns jeder Art von Aus­gren­zung und Gewalt ent­ge­gen­stel­len und jenen, die vor Ver­fol­gung, Ter­ror und Krieg zu uns flüch­ten, eine siche­re Heim­statt bieten«.

Gauck soll­te, im Gegen­satz zu Aly und Elsäs­ser, für die Geschichts­po­li­tik auch ein Erwerbs­zweig ist, kei­ner­lei Grund haben, gegen sei­ne Über­zeu­gung unter die­ses Joch zu krie­chen. Und so muß kon­sta­tiert wer­den: Dies ist mitt­ler­wei­le sei­ne inners­te Über­zeu­gung, und auch durch ihn bil­det sie mitt­ler­wei­le das Zen­trum der deut­schen Iden­ti­tät. Daß er die­sem Zen­trum mit pas­to­ra­len Wor­ten Aus­druck ver­leiht, hat ihm den Ruf eines »Klar­text-Prä­si­den­ten« ein­ge­bracht und die For­de­rung nach einer zwei­ten Amts­zeit laut wer­den lassen.

Wie stark die­ser Sog ist, zeigt nicht zuletzt die Ein­hel­lig­keit, mit der von links nach rechts, von oben nach unten und von Ost nach West inner­halb des geschichts­po­li­ti­schen Rah­mens argu­men­tiert wird. Sogar die Jun­ge Frei­heit läßt durch ihren Chef­re­dak­teur fest­stel­len: »Die Fra­ge der geschichts­po­li­ti­schen Ver­or­tung ist die Vor­aus­set­zung für jeden kon­ser­va­ti­ven, rech­ten Denk­an­satz. Und hier ist der Dreh- und Angel­punkt die Hal­tung zum Drit­ten Reich und sei­nem ver­bre­che­ri­schen Cha­rak­ter.« Vor zwei Jahr­zehn­ten hät­ten das nur ein­ge­fleisch­te NS-Nost­al­gi­ker und Josch­ka Fischer unterschrieben.

Die Einig­keit gewähr­leis­tet auch, daß kein Ver­tre­ter zuge­ben wird, er betrei­be Geschichts­po­li­tik. Denn es gehört zum Selbst­ver­ständ­nis des demo­kra­ti­schen Gemein­we­sens der Bun­des­re­pu­blik, der Wahr­heit ver­pflich­tet zu sein. Im Gegen­satz zu Dik­ta­tu­ren und der dunk­len Ver­gan­gen­heit über­läßt man die Geschich­te der Wis­sen­schaft. Die Poli­tik beschäf­tigt sich mit der Gegen­wart und folgt bei geschicht­li­chen Äuße­run­gen der wis­sen­schaft­lich ermit­tel­ten Wahr­heit. Des­halb wird der Vor­wurf, daß Geschich­te zu poli­ti­schen Zwe­cken miß­braucht wür­de, nur an die­je­ni­gen gerich­tet, die an die­sem Dog­ma immer noch zwei­feln. Das war schon im His­to­ri­ker­streit so und ist heu­te nicht anders, mehr: sogar beson­ders be- liebt, um den Geg­ner öffent­lich zu mar­kie­ren. Wer gegen das demo­kra­ti­sche Wahr­heits­ge­bot ver­stößt, ver­letzt die Spiel­re­geln und muß in Zukunft zuschauen.

Dabei dürf­te klar sein, daß für die Geschichts­wis­sen­schaft ande­re Spiel­re­geln gel­ten als für die Mathe­ma­tik. Denn sie bie­tet sich beson­ders gut als Magd der Poli­tik an. Und natür­lich leis­tet sie die­sen Dienst am bes­ten, wenn die­se Funk­ti­on ver­tuscht wird: Von der »antiideo­lo­gi­schen Wir­kung der Geschich­te« (Tho­mas Nip­per­dey) bleibt nicht viel übrig, wenn sie im Kampf der Ideo­lo­gien zum Ein­satz kommt. Dabei muß mit Geschichts­po­li­tik nicht Fäl­schung oder Mani­pu­la­ti­on gemeint sein, son­dern die Schaf­fung einer Iden­ti­tät, mit­tels derer die Selbst­be­haup­tung des Gemein­we­sens leich­ter fal­len soll. Das ist im Lau­fe der letz­ten zwei­hun­dert Jah­re durch­aus nicht sel­ten der Fall gewe­sen. Begin­nend mit Fich­tes Reden an die deut­sche Nati­on, in denen er expli­zit eine Stär­kung des Natio­nal­ge­fühls durch eine ent­spre­chen­de Geschichts­schrei­bung for­der­te, über den lan­gen Pro­zeß der Reichs­ei­ni­gung, in der die Nati­on gegen die Tra­di­ti­on des Rei­ches sieg­te, bis hin zur Fra­ge, wie man das Bewußt­sein der Schmach von 1918 wach­hal­te: Immer dien­te die Geschichts­po­li­tik einem über­ge­ord­ne­ten Ziel und wur­de nicht auf die Ebe­ne der Ideo­lo­gien herabgezogen.

Dazu ist es jedoch not­wen­dig, in der eige­nen Geschich­te etwas Posi­ti­ves zu sehen. Da die­ser Weg für Deutsch­land der Kap­pung der his­to­ri­schen Wur­zeln gleich­kommt, ist Deutsch­land zum Vor­rei­ter einer Ent­wick­lung gewor­den, die man als geschichts­po­li­ti­sche Abso­lut­set­zung der Gegen­wart bezeich­nen könn­te. Die Geschich­te hat kein Eigen­recht mehr und die Akteu­re der Ver­gan­gen­heit müs­sen sich nicht vor ihren Zeit­ge­nos­sen ver­ant­wor­ten, son­dern vor den Nach­ge­bo­re­nen. Die­se sind gleich­zei­tig so sehr auf ihre geschicht­li­che Schuld fixiert, daß dar­aus ein ewi­ger Teu­fels­kreis resul­tiert, der bereits patho­lo­gisch gewor­den ist. Wer sei­ne Iden­ti­tät aus geschicht­li­cher Schuld ablei­tet, dem »zer­brö­ckelt und ent­ar­tet das Leben« (Nietz­sche) – und die Geschichte.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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