Sezession
1. Juni 2015

Vergangenheitsbewirtschaftung

Gastbeitrag

In keinem anderen Land werden politische Diskussionen, Entscheidungen, Einstellungen, Begriffe, Tabus und Wünschbarkeiten so sehr von der Geschichte determiniert wie in Deutschland. Die Geschichte bildet eine sakrale, richterliche und sinnstiftende Instanz, die »Lehren« und eine imperative Moral vermittelt. Ihren Ausdruck findet sie in Formulierungen wie »die besondere Verantwortung Deutschlands« oder »gerade wir Deutschen«. Für diese Moral ist kennzeichnend, daß sie legitime eigene Interessen zurückstellt und sogar negiert.

Aktuell läßt sich das an der Diskussion um die Aufnahme illegaler Einwanderer aus der Dritten Welt ablesen. Deren begreiflicher Wunsch, an den materiellen Vorzügen der deutschen Gesellschaft teilzuhaben, wird über das Interesse des Staatsvolks gestellt, von den damit verbundenen Zumutungen verschont zu bleiben. Ein signifikantes Beispiel auf dem Feld der Außenpolitik bot die Auseinandersetzung um eine deutsche Beteiligung am Kosovokrieg 1998/99. Es fand keine Analyse der Ausgangslage, der politischen, historischen, kulturellen, religiösen und demographischen Bedingtheiten statt. Die Kernfrage lautete, zu welchem Handeln der geschichtliche Ort »Auschwitz« die Deutschen verpflichte. Sowohl Befürworter wie Gegner eines militärischen Eingriffs wurden dabei argumentativ fündig. Die Beliebigkeit verwunderte nicht, weil der Zusammenhang zwischen Kosovo und Auschwitz eben nur in der Perspektive einer zwanghaften Geschichtsfixierung existierte.

Sie nimmt – wenigstens im öffentlichen Diskurs – eher zu als ab. Das Dritte Reich scheint manchmal lebendiger und gegenwärtiger zu sein als die Gegenwart selbst. Einige Politiker und Journalisten versuchen sogar, der Strukturkrise der europäischen Gemeinschaftswährung, die durch den griechischen Bankrott akut geworden ist, durch den Hinweis auf das Dritte Reich beizukommen. Deutschland müsse nur seine historische Schuld bei den Griechen begleichen, die, in Zahlen ausgedrückt, genau dem aktuellen Schuldenstand Athens entspricht. Die Geschichte wird als magische Formel benutzt, um politisch zu lösende Gegenwartsprobleme verschwinden zu lassen. Diese Fixierung stellt für das Ausland selber ein Politikum und eine kalkulatorische Größe dar, die es im Bedarfsfall ausnutzt. Selbst diejenigen in Deutschland, die das erpresserische Interaktionsmuster ablehnen, durchschauen es meistens gar nicht und bleiben in seiner Logik gefangen. Was wiederum zeigt, wie fest die Zwangsfixierung in den Tiefenstrukturen des Kollektivbewußtseins verankert ist.

Die »Geschichte« (oder die »Vergangenheit«) ist zum Synonym für die NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust geschrumpft. Was davor liegt, ist auf eine ferne, allenfalls dubiose Vorgeschichte reduziert; die Jahrzehnte danach bilden die Nachgeschichte, die ihre Lehren und Moral aus der Aufarbeitung und Bewältigung des Nationalsozialismus empfängt. So erfolgt die Berufung auf die Geschichte im Zeichen eines radikal geschrumpften Geschichtsbewußtseins. Das Jahrzwölft von 1933 bis 1945 bildet im Kollektivgedächtnis eine Art »schwarzes Loch«, das die restliche Geschichte zum Verschwinden bringt. Die Frage ist nur, ob es sich tatsächlich um das Ergebnis einer natürlichen und folgerichtigen Entwicklung handelt, die in den Ereignissen selbst begründet liegt, oder um das vorläufige Resultat einer abgefeimten Strategie, hinter der neben politischen und ideologischen Absichten auch psychologische und ganz praktische Bedürfnisse stecken.

Das Gedächtnis ist individuell, doch es entsteht im Prozeß der Sozialisation, durch Interaktion und Kommunikation. Das rechtfertigt Begriffe wie das »kollektive Gedächtnis«. Die Basiserzählung vom Dritten Reich und dem Holocaust, die das Kollektiv- oder Gruppengedächtnis der Bundesrepublik beherrscht, findet ihren Gipfelpunkt in der Implementierung von Auschwitz als negativem Gründungsmythos. Zwar nicht offiziell, aber faktisch hat Auschwitz sich als zivilreligiöses Golgatha und Bezugspunkt der politischen Ethik etabliert.

Da die deutsche Geschichte in diesem Konstrukt nur die Vorgeschichte eines Zivilisationsbruchs bildet, bleibt den Deutschen nichts anderes übrig, als sie zu verwerfen, sich von ihr zu befreien und sich zu postnationalen Neuen Menschen zu bilden. Das politisch-juristische Komplementärstück zu solcher Geschichtdidaktik bildet die 2009 im Wunsiedel-Urteil des Bundesverfassungsgerichts aufgestellte Behauptung, das Grundgesetz könne als expliziter Gegenentwurf zum Nationalsozialismus verstanden werden.

Solche Basis- oder »großen« Erzählungen sind Ausdruck symbolischer Ordnungen und berichten von der Herkunft, dem Werdegang und den ideellen Grundlagen des Gemeinwesens. Sie variieren in der Regel das Grundmuster vom Kampf zwischen Gut und Böse, wobei das eigene Kollektiv den positiven Part innehat. So sorgen sie für Orientierung, eröffnen Identifikationsmöglichkeiten und schaffen ein positives Grund- und Gemeinschaftsgefühl. Ihr emotionales Potential, so der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, kann in Krisenzeiten, die überdurchschnittliche Kollektivanstrengung erfordern, mobilisiert werden und handlungsleitend wirken. Zu diesen Erzählungen sind auch die nationalen Mythen und Gründungsmythen zu rechnen, die im 19. Jahrhundert, als die Feudal- sich zu bürgerlichen Nationalstaaten wandelten, verstärkt abgefragt wurden. Zu den notwendigen Elementen gehören sinnliche Erinnerungsfiguren, also Ereignisse, Orte oder Personen, die eine symbolische Bedeutung transportieren. Im Idealfall wird die Transformation der Vergangenheit in eine »fundierende Geschichte« erreicht, in einen Mythos, der eine kollektive Verbindlichkeit für die Zukunft stiftet. »Mythos ist die zu fundierender Geschichte verdichtete Vergangenheit«, schreibt der Ägyptologe Jan Assmann. Da Mythen von aktuellen Bedürfnissen geprägt werden, unterliegen sie ständig neuen Auswahlkriterien, Einsichten, Erzählprozessen und Metamorphosen. Andernfalls erstarren sie zum autoritären Dogma und führen zu Wirklichkeitsverlusten. Deshalb sind Offenheit und Flexibilität gerade bei politischen Mythen wichtig.

Etliche Merkmale treffen auch auf die bundesdeutsche, zivilreligiöse Erzählung zu. Zu den populären Erinnerungsfiguren zählen Anne Frank, das Portal des Lagers Auschwitz, Fotos aus dem Warschauer Getto oder von der Befreiung deutscher KZs. Denkmäler – allen voran das Holocaustmahnmal in Berlin –, in Gehwege eingelassene Stolpersteine mit den Namen deportierter Juden, Gedenktafeln sowie die Benennung von Straßen und Plätzen nach NS-Opfern zielen darauf ab, den öffentlichen in einen Gedenk- oder sogar geheiligten Raum zu verwandeln. Der 27. Januar – der Tag, an dem 1945 Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde –, der 8. Mai als »Tag der Befreiung« und der 1. September sind fixe Termine im Staatskalender und geben Anlaß für Ansprachen, Zeremonien und die wiederholte Ermahnung, wachsam zu sein und »die Geschichte« nicht zu vergessen!

Die Erhebung der NS-Zeit und des Holocausts zur Basiserzählung der Bundesrepublik und ihre Verwandlung in einen Mythos weisen allerdings etliche Eigenheiten und Tücken auf. Die Erzählung blockiert die Empathie für die Vorfahren und die Geschichte des Landes. Besonders destruktiv wirkt sich das selektive Totengedenken aus, das die Opfer des eigenen Kollektivs ausschließt oder als vertretbare Sekundärschäden behandelt. Die desintegrierende Wirkung wird verstärkt durch den impliziten Kollektivschuldgedanken, der, einmal verinnerlicht, zu moralischer und intellektueller Wehrlosigkeit führt. Zudem bietet die Erzählung keinen kreativen Ansporn zum politischen Handeln, sondern erzwingt Konformität durch die Drohung, im Fall der Verweigerung Ächtung und Verwerfung anheimzufallen.

Die Geschichte beginnt, wo das soziale Gedächtnis endet. Die geschichtliche Basiserzählung der Bundesrepublik hingegen bearbeitet und rekonstruiert einen Zeitraum, der teilweise noch persönlich erinnert wird. Die Erinnerungen, die mit Zeitgenossen geteilt, ausgetauscht und unmittelbar an die Nachfahren weitergegeben werden, sind oft ganz andere als diejenigen, die im offiziellen Diskurs hervor- und aufhoben werden. Er überschreibt die authentischen persönlichen Erinnerungen und drängt sie ins Private oder ins Beschweigen ab. Die Enkel- und Urenkelgenerationen werden veranlaßt, ihre Großeltern und Urgroßeltern einer Täter-, wenn nicht Mördergeneration zuzurechnen. Sie sind aufgefordert, sich einerseits als Täterabkömmlinge und Schulderben zu begreifen sowie sich gleichzeitig mit den Opfern ihrer Vorfahren zu identifizieren, weil ihnen das die Chance bietet, der ererbten Schuld zu entkommen. Aus der Als-ob-Erinnerung folgen innere Spannungen und kognitive Dissonanzen bis hin zur Schizophrenie und schließlich dem Verlust des Wirklichkeitsgefühls.

Die Erzählung ist mit der überprüfbaren Fakten- und Aktenlage nicht gänzlich deckungsgleich. Da die bearbeiteten Erinnerungen längst nicht erkaltet sind, ruft die Differenz um so mehr danach, die Auswahlkriterien zu überprüfen und neue Erzählprozesse in Gang zu setzen. Entsprechende Bemühungen ziehen jedoch umgehend Sanktionen nach sich, bis hin zu strafrechtlichen Konsequenzen. Hier zeigt sich, daß die Basiserzählung zumindest teilweise ein machtgeschütztes, der offenen Diskussion entzogenes Dogma ist. Der mit ihm verbundene Bekenntniszwang führt zu geistigen und emotionalen Blockaden bis hin zu psychischen Beschädigungen.

Die Schriftstellerin Iris Hanika hat das in dem 2010 erschienen Roman Das Eigentliche eindrucksvoll – und satirisch überspitzt – beschrieben: Die beiden Protagonisten Graziela und Hans sind tief unglücklich. Ihr Denken und Fühlen wird von einer »konkreten Not« überlagert und zersetzt. Was ihnen im Guten wie im Bösen widerfährt, setzten sie wie unter Zwang mit Auschwitz in Beziehung. In der überfüllten U-Bahn tröstet Hans sich damit, daß die Deportationszüge in die Vernichtungslager noch viel voller waren. Wenn er zu Bett geht, denkt er daran, daß den Häftlingen in Auschwitz nur Pritschen zur Verfügung standen. Graziela fühlt sich schuldig, weil ihr Großvater zwar keiner SS-Einsatzgruppe angehörte, aber als Soldat an der Ostfront gewissermaßen die Voraussetzung für die Judenmassaker geschaffen hatte. Aus Filmen und Büchern wissen sie von der »Überlebensschuld«, welche die befreiten Lagerinsassen gegenüber den Toten empfinden, und sie beziehen sie auf sich selbst. Ihre Schuldgefühle entladen sich in einem »heillosen Haß auf DEUTSCHLAND«.

Auf die Gedanken sind sie natürlich nicht von allein gekommen, sie wurden vorgedacht, verbreitet und indoktriniert. Diese Arbeit wird vom »Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung« geleistet, das in einem 16 Stockwerke hohen und 120 Meter breiten Gebäude »in der Mitte der Hauptstadt des Landes« residiert. Hier schlägt, »und das war eben offiziell, das Herz des Landes«. Der Bau erinnert an Görings Luftfahrtministerium (ab 1990 Sitz der Treuhandanstalt) und das Bundesfinanzministerium, aber auch an die Stasizentrale in der Berliner Normannenstraße und an Orwells Wahrheitsministerium.

Es liegt auf der Hand, daß derart konditionierte Menschen auch politisch unreif sind und sich individuell und kollektiv – als »Tätervolk« – leicht zu Heloten manipulieren lassen: ein Phänomen, das im globalen Maßstab mittlerweile ganz Europa betrifft. Deutschland hat in dieser Hinsicht eine wahrhaft missionarische Wirkung entfaltet. Übrigens: Hans entschließt sich, seine Arbeit im Institut zu kündigen, und Graziela verliebt sich neu. Am Ende fühlen beide sich frei...


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