Der Historikerstreit

Der sogenannte Historikerstreit, der in der Endphase der »alten« Bundesrepublik zwischen 1986 und 1988 ausgetragen wurde, war die wichtigste geschichtspolitische Kontroverse in Deutschland nach 1945. Die wichtigste deshalb, weil sie sich sehr bald, von strittigen Einzelthesen ausgehend, zu einem ganz grundsätzlichen Kampf um die Deutungshoheit über die gesamte jüngere deutsche Geschichte entwickelte, einer Deutungshoheit über die deutsche Vergangenheit, die unauflöslich mit Fragen der Deutungshoheit über die Gegenwart verknüpft war und damit zugleich mit Weichenstellungen bezüglich der politisch-gesellschaftlichen Gestaltung der Zukunft Deutschlands. Es ging also beim Historikerstreit, in dem sich fast alle äußerten, die in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung und der politischen Publizistik Rang und Namen hatten, keineswegs nur oder an erster Stelle um Wahrheitsfragen im engeren Sinn, sondern vor allem um Durchsetzungsversuche bestimmter Geschichtsbilder im Hinblick auf politisch-ideologische Gegenwartsinteressen, also genau um jene instrumentelle Nutzung der Historie, die im Wort »Geschichtspolitik« anklingt. Da der Streit mittlerweile fast dreißig Jahre zurückliegt und vor der epochalen Zäsur von 1989 spielte, mag er jüngeren Menschen wie ein Ereignis aus grauer Vorzeit anmuten. Und doch gilt er noch immer als das große Paradigma zur Veranschaulichung, warum und wie spezifische geschichtspolitische Positionen in Deutschland durchgesetzt und andere abgedrängt und tabuisiert werden.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Der soge­nann­te His­to­ri­ker­streit, der in der End­pha­se der »alten« Bun­des­re­pu­blik zwi­schen 1986 und 1988 aus­ge­tra­gen wur­de, war die wich­tigs­te geschichts­po­li­ti­sche Kon­tro­ver­se in Deutsch­land nach 1945. Die wich­tigs­te des­halb, weil sie sich sehr bald, von strit­ti­gen Ein­zel­the­sen aus­ge­hend, zu einem ganz grund­sätz­li­chen Kampf um die Deu­tungs­ho­heit über die gesam­te jün­ge­re deut­sche Geschich­te ent­wi­ckel­te, einer Deu­tungs­ho­heit über die deut­sche Ver­gan­gen­heit, die unauf­lös­lich mit Fra­gen der Deu­tungs­ho­heit über die Gegen­wart ver­knüpft war und damit zugleich mit Wei­chen­stel­lun­gen bezüg­lich der poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Gestal­tung der Zukunft Deutsch­lands. Es ging also beim His­to­ri­ker­streit, in dem sich fast alle äußer­ten, die in der deut­schen Zeit­ge­schichts­schrei­bung und der poli­ti­schen Publi­zis­tik Rang und Namen hat­ten, kei­nes­wegs nur oder an ers­ter Stel­le um Wahr­heits­fra­gen im enge­ren Sinn, son­dern vor allem um Durch­set­zungs­ver­su­che bestimm­ter Geschichts­bil­der im Hin­blick auf poli­tisch-ideo­lo­gi­sche Gegen­warts­in­ter­es­sen, also genau um jene instru­men­tel­le Nut­zung der His­to­rie, die im Wort »Geschichts­po­li­tik« anklingt. Da der Streit mitt­ler­wei­le fast drei­ßig Jah­re zurück­liegt und vor der epo­cha­len Zäsur von 1989 spiel­te, mag er jün­ge­ren Men­schen wie ein Ereig­nis aus grau­er Vor­zeit anmu­ten. Und doch gilt er noch immer als das gro­ße Para­dig­ma zur Ver­an­schau­li­chung, war­um und wie spe­zi­fi­sche geschichts­po­li­ti­sche Posi­tio­nen in Deutsch­land durch­ge­setzt und ande­re abge­drängt und tabui­siert werden.

Vor­der­grün­dig ging es um bestimm­te Sach­the­men, The­sen, die man nur auf der Basis wis­sen­schaft­li­chen Wis­sens ver­nünf­tig dis­ku­tie­ren kann – Stich­wor­te wie »Ver­gleich­bar­keit«, »kau­sa­ler Nexus« und auch »Sin­gu­la­ri­tät« mögen Hin­wei­se für die­se Ebe­ne sein. Frei­lich ist die ana­ly­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se an die mit die­sen Stich­wor­ten ange­zeig­ten Sach­the­men nicht ablös­bar von Grund­hal­tun­gen zur deut­schen Geschich­te, wie der Abwehr oder Annah­me des Eige­nen. Es war die­se Hin­ter­grund­di­men­si­on, die im Ver­lauf des Strei­tes immer wich­ti­ger wur­de, das Auf­ein­an­der­pral­len ganz kon­trä­rer Grund­hal­tun­gen, das für die Schär­fe die­ses Strei­tes ursäch­lich wur­de. Denn der dama­li­ge Sieg der lin­ken Grund­hal­tung war für die Befes­ti­gung der hege­mo­nia­len Stel­lung einer bestimm­ten »volks­päd­ago­gi­schen« Groß­erzäh­lung von zen­tra­ler Bedeu­tung. Sie ent­zieht sich weit­ge­hend ratio­na­len Befra­gun­gen und hat merk­wür­dig unbe­rührt von allen gesell­schaft­li­chen Wand­lun­gen in den letz­ten drei­ßig Jah­ren über­lebt und sich von Genera­ti­on zu Genera­ti­on im Zusam­men­wir­ken von Schu­le, Poli­tik, Mas­sen­me­di­en und Tei­len der Wis­sen­schaft erneu­ert. Was fast nie hin­rei­chend reflek­tiert wird, ist, daß der His­to­ri­ker­streit ja kei­nes­wegs im abge­schot­te­ten Sys­tem der Wis­sen­schaft statt­fand, son­dern eben im sys­tem­über­grei­fen­den Zusam­men­spiel zwi­schen Mas­sen­me­di­en, Poli­tik und Wissenschaft.

In die­sem Zusam­men­spiel wer­den näm­lich ganz ande­re Macht­me­cha­nis­men wirk­sam als im selbst­ge­nüg­sa­men Raum der Wis­sen­schaft. Ihre inter­ge­nera­tio­nel­le Tra­die­rung voll­zieht sich wesent­lich über die ritua­li­sier­te Repe­ti­ti­on eini­ger Schlüs­sel­my­tho­lo­ge­me, die, da ihrer­seits mit bestimm­ten Sprach­for­meln fest ver­knüpft, eher einem Glau­bens­be­kennt­nis als ratio­nal dis­ku­ta­blen Sprech­hand­lun­gen ähneln. Sie bil­den ein Syn­drom von Sinn­pfei­lern für eine in diver­sen Vari­an­ten zir­ku­lie­ren­de Groß­erzäh­lung mit unüber­hör­bar sakra­li­sie­ren­den Unter­tö­nen. Ihr ers­ter Teil han­delt von deut­scher Hybris und Schuld; von ver­häng­nis­vol­len Son­der­we­gen »der« Deut­schen, die in den Ers­ten Welt­krieg mün­de­ten und im Natio­nal­so­zia­lis­mus, dem Zwei­ten Welt­krieg und schließ­lich in »Ausch­witz« kata­stro­phal kul­mi­nier­ten. Ihr zwei­ter Teil spricht die gerech­ten Stra­fen an, zu denen auch Bom­ben­krieg, Ver­trei­bun­gen und Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen gehö­ren, die bedin­gungs­lo­se Kapi­tu­la­ti­on, die eigent­lich als »Befrei­ung« zu wer­ten sei, die Gebiets­ab­tren­nun­gen im Osten, die Tei­lung des Lan­des und sein Sou­ve­rä­ni­täts­ver­lust, wäh­rend ihr drit­ter Teil die »Bewäl­ti­gung« der Ver­gan­gen­heit durch die Nach­ge­bo­re­nen ver­kün­det, die »Leh­ren«, die sie uns auf­nö­tigt. Dazu gehört an ers­ter Stel­le das aus der »Schuld« fol­gen­de Bekennt­nis zu einem unauf­hör­li­chen Bemü­hen um mora­li­sche Bes­se­rung; ein Bemü­hen, das in der Gegen­warts­va­ri­an­te die­ser Erzäh­lung die Abschaf­fung der Natio­nal­staa­ten in einem von »Brüs­sel« und dem Euro »fried­lich« geein­ten »Euro­pa« und die Selbst­ab­schaf­fung als Volk durch Mas­sen­ein­wan­de­rung Kul­tur­frem­der als alter­na­tiv­lo­se poli­ti­sche Hand­lungs­kon­se­quen­zen einschließt.

Kern die­ser geschichts­po­li­ti­schen Groß­erzäh­lung ist offen­sicht­lich der Schuld­be­griff, ein Begriff, der den Sphä­ren des Rechts, der Moral und der Reli­gi­on ent­stammt, aber zur Deu­tung poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Pro­zes­se nur höchst begrenzt taug­lich ist. Er taucht in unter­schied­li­chen For­men auf, die aber typi­scher­wei­se eines ver­bin­det: eine kol­lek­ti­vis­ti­sche Zuschrei­bung. So zielt die Behaup­tung von der Allein­schuld Deutsch­lands am Ers­ten und natür­lich voll­kom­men frag­los am Zwei­ten Welt­krieg ja nicht nur auf deut­sche Regie­run­gen, son­dern dar­über hin­aus auf eine nicht näher bestimm­te Kol­lek­tiv­ein­heit (»Deutsch­land«), ent­hält also eine kol­lek­ti­vis­ti­sche Kom­po­nen­te, die dann in Reden vom »Täter­volk«, die der lin­ke Jar­gon unse­rer Zeit eigent­lich »ras­sis­tisch« nen­nen müß­te, eine nicht mehr wei­ter­zu­trei­ben­de Stei­ge­rung erfährt. Auch der Schuld­be­griff selbst wird in die­ser Erzäh­lung mit­tels des Schlüs­sel­wor­tes von der Sin­gu­la­ri­tät, das gemein­hin voll­kom­men uner­klärt bleibt, in eine nicht mehr über­biet­ba­re Extrem­form gestei­gert. »Sin­gu­la­ri­tät« kann – in Bezug auf geschicht­li­che Ereig­nis­se – einer­seits etwas höchst Bana­les mei­nen, kann aber auch als Chif­fre für ein aller Ver­gleich­bar­keit Ent­ho­be­nes, die Mög­lich­kei­ten unse­res Intel­lekts schlecht­hin Über­stei­gen­des benutzt wer­den, und genau in die­sem Sinn wird der Holo­caust auch von man­chen jüdi­schen Den­kern gedacht, die ihn in sakra­li­sie­ren­de Kon­zep­tio­nen ein­bin­den und als fun­da­men­ta­len Angriff auf Got­tes »erwähl­tes« Volk deu­ten, als ein aller ratio­na­len Begreif­bar­keit voll­kom­men ent­zo­ge­nes abso­lut Böses.

Der Sin­gu­la­ri­täts­to­pos – beson­ders in solch sakra­li­sie­ren­den Ein­klei­dun­gen – erklärt also Täter und Opfer zu ganz beson­de­ren Tätern und Opfern. Dadurch wer­den Deva­lu­ie­run­gen ande­rer Opfer­grup­pen ermög­licht und Ver­wand­lun­gen des Opfer­be­griffs in Bezug auf die pri­vi­le­gier­te Opfer­grup­pe in einen viel­fäl­tig nutz­ba­ren ehr­furcht­erre­gen­den Ehren­ti­tel, der bei den Nach­kom­men der Über­le­ben­den das merk­wür­di­ge Phä­no­men eines »Opfer­stol­zes« ermög­lich­te, eine Hal­tung, die unter den Über­le­ben­den selbst lan­ge und in der Früh­zeit Isra­els weit­ge­hend unbe­kannt, ja sogar ver­pönt war. Hin­ge­gen wer­den wegen der Ein­zig­ar­tig­keit der Schuld ihrer Vor­fah­ren den Nach­kom­men des soge­nann­ten Täter­volks ganz beson­de­re Süh­neleis­tun­gen auf­ge­bür­det, unter denen die Ver­pflich­tung zur frag­lo­sen Pfle­ge eines gesin­nungs­ethisch radi­ka­li­sier­ten poli­ti­schen Moral­uni­ver­sa­li­mus her­aus­ragt, den Arnold Geh­len »Huma­ni­ta­ris­mus« genannt hat. Her­vor­ge­gan­gen aus der Nega­tiv­fi­xie­rung auf die eige­ne Nati­on und ihre Geschich­te, äußert sich der Huma­ni­ta­ris­mus in sei­nen poli­ti­schen Idea­len in einer aggres­si­ven Hin­wen­dung zu einem grenz­über­win­den­den Irgend­wie des All­ge­mein­mensch­li­chen, einem heh­ren Gut­men­schen­tum, das psy­cho­lo­gisch den Frei­kauf aus der belas­ten­den Abstam­mung vom »Täter­volk« ermög­licht und letzt­lich auf staat­lich-kul­tu­rel­le Selbst­auf­ga­be hin­aus­läuft. Der Huma­ni­ta­ris­mus schließt Maxi­men zur Geschichts­re­zep­ti­on ein, die den Nach­kom­men sen­ti­men­ta­li­sche Iden­ti­fi­ka­tio­nen mit den Opfer­grup­pen des »Täter­vol­kes« – an ers­ter Stel­le der im nach­hin­ein pri­vi­le­gier­ten – nahe­le­gen. Dar­aus resul­tiert dann die Kul­ti­vie­rung eines selek­ti­ven Betrof­fen­heits­jar­gons ein­schließ­lich rou­ti­niert ritua­li­sier­ter öffent­li­cher Kund­ga­ben soge­nann­ter Scham, deren Kehr­sei­te die Gleich­gül­tig­keit für die Opfer des eige­nen Vol­kes und des­sen Kon­se­quenz eine ver­dorr­te rea­lis­ti­sche his­to­ri­sche Phan­ta­sie ist, näm­lich die Unfä­hig­keit sich vor­zu­stel­len, wie sehr man unter den Extrem­be­din­gun­gen der Dik­ta­tur und des Krie­ges selbst gefähr­det gewe­sen wäre, gefähr­det, zum Täter zu werden.

Soweit in größt­mög­li­cher Kür­ze die zen­tra­len Bau­stei­ne eines Nar­ra­tivs, das sich in den Ritua­len einer soge­nann­ten Erin­ne­rungs­kul­tur bestän­dig erneu­ert und das soge­nann­te kol­lek­ti­ve Gedächt­nis der Deut­schen seit Jahr­zehn­ten prägt. Wir müs­sen uns aber die fes­te Ver­an­ke­rung von Schlüs­sel­my­tho­lo­ge­men die­ses Nar­ra­tivs in den Köp­fen der Mehr­heit der Gesin­nungs­wäch­ter über die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung, ihre hege­mo­nia­le Stel­lung im dama­li­gen »Zeit­geist«, als eine der zen­tra­len Hin­ter­grund­be­din­gun­gen des »His­to­ri­ker­streits« den­ken, ohne die er nicht denk­bar gewe­sen wäre. Er ent­fal­te­te sich näm­lich dadurch, daß bedeu­ten­de His­to­ri­ker (nament­lich Ernst Nol­te, Andre­as Hill­gru­ber und Micha­el Stür­mer) vor dem Forum einer grö­ße­ren Öffent­lich­keit, in den Mas­sen­me­di­en, Posi­tio­nen vor­tru­gen, die mit grund­le­gen­den Prä­mis­sen und Wer­tun­gen die­ser Erzäh­lung nicht ver­ein­bar waren. Stür­mer etwa warn­te in einem Vor­trag vor der Gefahr einer »kol­lek­ti­ven Schuld­be­ses­sen­heit« der Deut­schen, die eine fata­le »Geschichts­lo­sig­keit« bewirkt habe. In einem Land ohne Erin­ne­rung aber »sei alles mög­lich«, und dann kam der viel­deu­ti­ge Satz, »daß im geschichts­lo­sen Land die Zukunft gewinnt, wer die Erin­ne­rung füllt, die Begrif­fe prägt und die Ver­gan­gen­heit deu­tet«. Die­ser – wie eine Streit­an­sa­ge klin­gen­de – Satz ist ein Schlüs­sel­satz für ein Ver­ständ­nis des Cha­rak­ters des dann wenig spä­ter los­bre­chen­den His­to­ri­ker­streits, der ja kei­nes­wegs als eine selbst­ge­nüg­sam-wis­sen­schaft­li­che Kon­tro­ver­se miß­ver­stan­den wer­den darf. Hier ging es nicht – wie idea­li­ter im wis­sen­schaft­li­chen Dis­put – um ein kon­trol­lier­tes Wech­sel­spiel sich anein­an­der mes­sen­der und gegen­sei­tig kor­ri­gie­ren­der Argu­men­te auf der Basis von Ach­tung für den jeweils ande­ren, son­dern hier ent­brann­te, wie mitt­ler­wei­le von nie­man­dem bestrit­ten wird, ein Intel­lek­tu­el­len­kampf um die Deu­tungs­he­ge­mo­nie in Deutsch­land, um poli­tisch-kul­tu­rel­le Macht, und zwar der hef­tigs­te, den es in der vier­zig­jäh­ri­gen Geschich­te der »alten Bun­des­re­pu­blik« gege­ben hat; eine Aus­ein­an­der­set­zung um jene Sicht­wei­sen und Kate­go­rien, die mit der For­mung des Bil­des von der deut­schen Ver­gan­gen­heit zugleich die Grund­ein­stel­lun­gen gegen­über der Gegen­warts­wirk­lich­keit weit­ge­hend fest­le­gen: poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen im enge­ren Sinn, Hal­tun­gen zur eige­nen Nati­on, aber bei­spiels­wei­se auch, weit grund­sätz­li­cher, die Prä­fe­ren­zen für bestimm­te Men­schen­bil­der, die ihrer­seits eng mit Bil­dungs­ideen und ästhe­ti­schen Ori­en­tie­run­gen zusam­men­hän­gen, kurz: alles das, was das Wort »Geschichts­po­li­tik« einschließt.

Die über­schie­ßen­de Bös­ar­tig­keit, die den His­to­ri­ker­streit zeit­wei­se aus­zeich­ne­te, hat vie­le Ursa­chen, aber man soll­te doch eine an ers­ter Stel­le nen­nen: daß hier auch um alles das gekämpft wur­de, was Men­schen hei­lig und teu­er ist, um den Stoff, aus dem sie ihr Selbst­ide­al und die Prä­mis­sen für ihr »Ver­hält­nis zur Welt« for­men, um ihre Grund­wer­te. Des­we­gen ist auch die For­mu­lie­rung vom »Kampf um die Deu­tungs­he­ge­mo­nie« miß­ver­ständ­lich, denn die eine der Par­tei­en besaß bereits die Hege­mo­nie, und ihre aggres­si­ve Ver­tei­di­gung dien­te dem Zweck, zu ver­hin­dern, daß sich in fest eta­blier­te Deu­tungs­po­si­tio­nen ers­te Ris­se hin­ein­fra­ßen. Es muß hier noch ein­mal unter­stri­chen wer­den, daß die meis­ten Strei­ter von der Rich­tig­keit und Wahr­heit ihrer Wor­te über­zeugt waren, wobei frei­lich erstaunt, wie gering der Kennt­nis­stand eini­ger der ganz Pro­mi­nen­ten – eines Haber­mas bei­spiels­wei­se – über das war, was sie bewer­te­ten: Haber­mas hat sich nicht nur durch Demons­tra­ti­on sei­ner tota­len Unkennt­nis der Geschich­te der Sowjet­uni­on selbst ent­blößt, son­dern auch am Bei­spiel sei­nes argu­men­ta­ti­ven Ver­hal­tens im His­to­ri­ker­streit sein eige­nes Modell ratio­na­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on und herr­schafts­frei­en Dis­kur­ses dis­kre­di­tiert – ein Modell, das auf bom­bas­ti­schem phi­lo­so­phi­schem Fun­da­ment ruht, aber voll­kom­men unpsy­cho­lo­gisch und damit wirk­lich­keits­fremd ist.

Nun müs­sen aller­dings Ana­ly­sen des »His­to­ri­ker­streits« und sei­nes Macht­cha­rak­ters unzu­rei­chend blei­ben, wenn das Medi­um unre­flek­tiert bleibt, in dem er aus­ge­tra­gen wur­de. Schließ­lich han­del­te es sich hier nicht um eine Kon­tro­ver­se unter Anwe­sen­den oder eine Debat­te in Fach­zeit­schrif­ten, son­dern um einen Streit, der vor­nehm­lich in Zei­tun­gen, aber auch im Fern­se­hen – also vor dem Forum einer gro­ßen anony­men Öffent­lich­keit – aus­ge­tra­gen wur­de. Zwar waren das Blät­ter mit einem gewis­sen intel­lek­tu­el­len Niveau, aber auch Zei­tun­gen mit Niveau sind Mas­sen­me­di­en, die ihren »Stoff« – die Wor­te, die sie errei­chen – immer in einer spe­zi­fi­schen Wei­se model­lie­ren, bevor sie ihn dem Publi­kum prä­sen­tie­ren. In die Maschi­ne­rie der Mas­sen­me­di­en ein­ge­speist und von ihren Gesetz­mä­ßig­kei­ten durch­walkt aber muß­ten sich bestimm­te Merk­ma­le, die gewis­ser­ma­ßen zur »Natur« jeder Aus­ein­an­der­set­zung über Grund­wer­te gehö­ren – wie die Kon­struk­ti­on sim­pli­fi­zie­ren­der Alter­na­ti­ven, die Mora­li­sie­rung und Emo­tio­na­li­sie­rung der Argu­men­te, die dem Blick aufs Publi­kum geschul­de­te mani­pu­la­tiv-ver­zer­ren­de Wie­der­ga­be geg­ne­ri­scher Posi­tio­nen und die Ten­denz zur Lager­bil­dung – im »His­to­ri­ker­streit« in extre­mer Wei­se zuspit­zen, und das ver­schaff­te jenen, die – hier­mit inkom­pa­ti­bel – die Gepflo­gen­hei­ten wis­sen­schaft­li­chen Argu­men­tie­rens nicht preis­ge­ben woll­ten oder konn­ten, von vorn­her­ein schlech­te Kar­ten. Jeden­falls sind Beson­der­hei­ten des Macht­cha­rak­ters die­ses Streits auch unmit­tel­bar auf das Medi­um zurück­führ­bar, in dem er statt­fand, und es waren durch die­ses Medi­um geform­te eigen­dy­na­mi­sche Pro­zes­se, die auch den Ein­satz jener Kom­mu­ni­ka­ti­ons­waf­fe for­cier­ten, die für den poli­ti­schen Par­tei­en­kampf genau­so typisch ist wie für das Rin­gen um Deu­tungs­he­ge­mo­nie: der Waf­fe der Skandalisierung.

Skan­da­li­sie­run­gen haben zur Grund­vor­aus­set­zung die Mora­li­sie­rung, sie wer­den nur mög­lich, wo in Kon­tro­ver­sen das sach­li­che Beur­tei­len durch ein durch­gän­gi­ges schril­les Bewer­ten über­la­gert und ver­drängt wird, wo alles – jede Fra­ge und The­se – durch das Ras­ter eines »Gut/Böse«-Codes gesiebt und von­ein­an­der getrennt wird. Die Wer­te, die dem »Gut/Böse«- Sche­ma zugrun­de lie­gen, wer­den dabei sel­ten ins Licht der Reflek­ti­on gezo­gen und fast immer als selbst­evi­dent vor­aus­ge­setzt – bei­spiels­wei­se, daß »Gleich­heit« gut, »Ungleich­heit« aber schlecht sei. Sol­cher­ma­ßen bewer­tet, fal­len von dem kom­pli­zier­tes­ten Sach­ver­halt wie durch einen Zau­ber­schlag alle Scha­len der Kom­ple­xi­tät ab, und er wird dann nicht nur kin­der­leicht ver­stan­den, son­dern genau­so kin­der­leicht hand­hab­bar, denn Mora­li­sie­run­gen prä­sen­tie­ren sich dem Publi­kum als Appel­le, Bewer­tun­gen durch Wie­der­ho­lung zu bekräf­ti­gen. Hin­zu tritt die wirk­sam her­aus­ge­schleu­der­te Empö­rung gegen das neue Deu­tungs­mus­ter und gegen die Per­so­nen, die es ins Spiel gebracht haben, und da die­se mora­lisch Ille­gi­ti­mes geäu­ßert haben, erscheint es nur legi­tim, sie durch den Ent­zug sozia­ler Ach­tung zu stig­ma­ti­sie­ren. Nun sind Skan­da­li­sie­run­gen nur sel­ten sozia­le Ein­ak­ter, son­dern fast immer län­ge­re kon­fron­ta­ti­ve Pro­zes­se. Sie haben Erfolg, wenn im Zuge einer sich über län­ge­re Zeit hin­weg auf­hei­zen­den Emo­tio­na­li­sie­rung, die jede beson­ne­ne Argu­men­ta­ti­on erstickt, der einen Par­tei in der Öffent­lich­keit mehr und mehr die Unter­stüt­zung weg­bricht. Jeden­falls sind Skan­da­li­sie­run­gen immer – egal, wie man sie ansons­ten bewer­tet – macht­vol­le sozia­le Pro­zes­se zur Her­stel­lung von Kon­for­mi­tät. Das demons­trie­ren natür­lich genau­so ein­dring­lich die Wir­kun­gen ihres Erfol­ges. Die gelun­ge­ne Skan­da­li­sie­rung umzäunt ein Gedan­ken­ge­län­de so, daß jeder, der in sei­ne Nähe gerät, zu beson­de­ren Vor­sichts­maß­re­geln gezwun­gen wird. Wer jetzt dar­über spricht, ohne sich zugleich demons­tra­tiv zu distan­zie­ren, ris­kiert sozia­le Äch­tung und mög­li­cher­wei­se sogar Kra­gen und Kopf, also den Beruf und phy­si­sche Ver­let­zun­gen. Oft reicht dann in der Öffent­lich­keit schon das Aus­spre­chen eines Namens aus, um dem Geist dro­hend zu signa­li­sie­ren, was er zu mei­den und was zu den­ken hat: Dann braucht man nur empört »Nol­te!« (oder heu­te: »Sar­ra­zin«) zu rufen, und schon ist die Gren­ze mar­kiert, hin­ter der – wie im archai­schen Tabu – die Gefahr lau­ert. Am tiefs­ten aber geht die Kon­for­mi­täts­wir­kung, wenn bereits das ein­sa­me gedank­li­che Durch­spie­len des inkri­mi­nier­ten Deu­tungs­mus­ters ein ungu­tes Gefühl des schlech­ten Gewis­sens erzeugt. Dann hat sich die Bewer­tung gewis­ser­ma­ßen in der »Über-Ich«-Sphäre abge­la­gert, ist ihr eine Dimen­si­on auto­ri­ta­ti­ver Macht zuge­wach­sen, die die Per­son »ganz von selbst« den­ken läßt, wie sie den­ken soll.

Damit ist die geschichts­po­li­ti­sche Situa­ti­on in der Gegen­wart beschrie­ben. Der huma­ni­ta­ris­ti­sche Moral­uni­ver­sa­lis­mus hat sich im Ver­bund mit sei­nen engs­ten Ver­wand­ten, dem Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und der Nega­tiv­fi­xie­rung auf die eige­ne Nati­on und Geschich­te, kräf­tig erholt und bestimmt seit eini­ger Zeit in glei­cher­ma­ßen aggres­si­ven wie infan­ti­li­sier­ten Ver­sio­nen die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung als eine neue Form poli­ti­scher Kor­rekt­heit. Dabei ist auch zuneh­mend unab­weis­bar gewor­den, daß ein der­ar­ti­ges Ideo­lo­gie­syn­drom kei­nes­wegs nur der Welt­sicht nai­ver »Gut­men­schen« ent­spricht, wie man vor zehn Jah­ren noch anneh­men konn­te, son­dern jetzt läßt sich immer deut­li­cher auch der instru­men­tel­le Nutz­wert einer sol­chen Ideo­lo­gie für die poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Macht­eli­ten erken­nen, die, auf die Uto­pie der einen Welt zie­lend, via Euro­päi­sche Uni­on und Glo­ba­li­sie­rung die Abschaf­fung der Natio­nal­staa­ten und via Mas­sen­ein­wan­de­rung die Auf­lö­sung der euro­päi­schen Völ­ker anstre­ben. Erreich­bar sind die­se Zie­le nur, wenn den Völ­kern die Annah­me ihrer eige­nen geschicht­lich-kul­tu­rel­len Wur­zeln und Bin­dun­gen ver­wehrt und aus­ge­trie­ben wird. Dafür bie­tet sich in Deutsch­land natür­lich am ehes­ten die fort­wäh­ren­de inter­kul­tu­rel­le Tra­die­rung jener Mytho­lo­ge­me an, aus denen sich die Groß­erzäh­lung über »Schuld«, »Stra­fe« und »Bewäl­ti­gung« zusam­men­setzt, die ich anfangs umris­sen habe und ohne die – als Hin­ter­grund – der His­to­ri­ker­streit vor drei­ßig Jah­ren nicht denk­bar gewe­sen wäre. Mit dem Wachs­tum des Gegen­wil­lens gegen Glo­ba­li­sie­rung, Euro­päi­sche Uni­on und Mas­sen­ein­wan­de­rung Kul­tur­frem­der, das wir über­all in Euro­pa beob­ach­ten kön­nen, wächst aber auch das Bedürf­nis nach einer his­to­risch aus­ge­rich­te­ten Ver­ge­wis­se­rung kol­lek­ti­ver Iden­ti­tä­ten und damit nach Geschichts­bil­dern, die mit der skiz­zier­ten geschichts­po­li­ti­schen Hege­mo­ni­al­form unver­ein­bar sind. Im Chor ver­öf­fent­lich­ter Mei­nun­gen ist die­ses geschichts­po­li­ti­sche Bedürf­nis bis­her nur als klei­ne Neben­stim­me zu hören, und es wird alles getan, sie gänz­lich mund­tot zu machen. Da aber auf allen ihren zen­tra­len The­men­fel­dern das Lügen­ge­bäu­de der Poli­ti­schen Kor­rekt­heit zuneh­mend ris­si­ger wird, ist die Hoff­nung kei­nes­wegs unbe­grün­det, daß auch der geschichts­po­li­ti­schen Hege­mo­ni­al­form in Deutsch­land zuneh­mend weni­ger geglaubt wird. Dafür muß man frei­lich kämp­fen, und man muß dar­auf vor­be­rei­tet sein, dabei ähn­li­chen Dif­fa­mie­run­gen aus­ge­setzt zu wer­den, wie sie die Ver­lie­rer­grup­pe im His­to­ri­ker­streit vor drei­ßig Jah­ren erfah­ren mußte.

 Gastbeitrag

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