Sezession
1. Februar 2015

Beim Abt oder Heideggers Glaube

Götz Kubitschek

Es ist ein seltsam Ding mit Heideggers »Sein«: Es ist – in seiner ganzen Konzeption – recht nahe am Glauben. Denn man darf, um in diesen Denkweg einzusteigen, ein Grundsätzliches nicht in Frage stellen: daß es ein »Sein« gebe, das hinter jedem »Dasein« ruhe und sich dem willentlichen und analytischen Zugriff des Aufspürens und Hervorzerrens entziehe.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Es äußert sich im Dasein, dieses »Sein«, und jede dieser Äußerungen ist relativ, will heißen: gebunden an Raum und Zeit. Drei große Epochen der Seinsgeschichte unterscheidet Heidegger: zunächst die dem grenzenlosen Chaos abgerungene Geordnetheit der Antike; dann die Kreatürlichkeit, Geschaffenheit durch einen obersten Schöpfer; und zuletzt die Indienstnahme der Welt durch die Willenskraft des Menschen. Hegel hat derlei Entwicklung als eine Idealistische, vom Geist her bestimmte benannt, Marx denselben Vorgang als das materialistische Ergebnis sich ändernder ökonomischer Rahmenbedingungen.

Und Heidegger? Er verwirft jede Entwicklungslogik und vor allem jede Verwechslung einer bestimmten Seinsepoche mit dem »Sein« an sich. Das, was zufällt, ist immer nur ein Ausdruck, keinesfalls das »Sein« selbst. Darf man nach diesem »Sein« suchen? Nein, nicht eigentlich, denn es entzieht sich um so gründlicher, je hartnäckiger man ihm nachstellt. »Offen« soll man, muß man für den Zuspruch des »Seins« sein, dem man mit und wie Heidegger zugeneigt sein möchte. Hält man sich so, «ereignet» sich das «Sein» in Form einer (zufälligen) Gabe aus dem reichen Schatz seines Formenwandels.

Das läßt sich so referieren, so hinschreiben, und zwar auch dann, wenn man an den Zugangsweg Heideggers nicht glaubt, sondern ihn nachzeichnet wie eine Theorie. Man mag begreifen, wie Heidegger denkt und zu denken lehren möchte, aber eines ereignet sich in allem Begreifen nicht: eine echt existentielle Veränderung der Denk-Haltung. Auf nichts anderes aber kam es Heidegger zumal in seinem Spätwerk an. Was unterscheidet nun diese Lehre, die eine Offenbarung des »Seins« in eine Wahrnehmungsbereitschaft jenseits der Ratio hinein beschreibt, von einer Glaubenslehre, die dasselbe unternimmt? Gott. Gott, das Ziel.

Die Ausrichtung auf Gott, die Aufrichtung der »Vertikalen«, ist die Lebensaufgabe der Mönchsgemeinschaft, die im Dreifaltigkeitskloster zu Buchhagen den Traditionskern eines deutschen orthodoxen Christentums bilden. Der Abt des Klosters, Altvater Johannes, hat ihr aus freien Stücken unternommenes und zugleich einer inneren Notwendigkeit folgendes »Ganzopfer« in einer Schrift von großer Dichte beschrieben: Vom Mysterium des Mönchtums (erhältlich unter www.orthodox.de) ist im Verlag des Klosters erschienen – es ist das Werk eines Mystikers, der Beschreibungsversuch lebendiger Gottesschau, über deren Annäherungscharakter sich der Verfasser im Klaren ist.

Vor, in und jenseits aller körperlichen, geistigen und kulturellen Werke geht es um ein »sich selbst vergessen«, im Höchsten dann um das »Entwerden« in Liebe, wo das Geheimnis geschieht. – Darin besteht wohl das Schwierigste und Größte, was dem Menschen auf diesem Wege aufgegeben ist: sich im Vertrauen darzubieten und zu öffnen, sich ganz zu lassen, daß Er, der Ewige und Eine, in mir lebe. – Erkenntnis Gottes ist, jenseits aller Subjekt-Objekt-Beziehung, ein lebendiger Vorgang, so wie Sterben, Zeugung und Geburt.

Derlei Umschreibungen einer persönlichen Erfahrung Gottes stehen in einer Linie mit den Berichten großer Mystiker wie Meister Eckhart, Johannes Tauler, Gottfried Seuse oder Jakob Böhme. Sie sind Teil eines Gewebes, in dem scheinbar weit Entferntes zusammengeknüpft ist: Heideggers »Sein« und der mystisch erfahrene Gott, Heideggers Denk-Haltung hin zum »Sein« und die gläubige Hinneigung eines Betenden. Wie das?

In groben Strichen: Der Häresieverdacht, dem sich Meister Eckhart Zeit seines Lebens ausgesetzt sah, führt ins Zentrum einer kirchenpolitischen Auseinandersetzung, die als eine Scheidelinie zwischen lebendigem und erstarrtem Glauben beschrieben werden kann. Die Scholastik hat es ab dem 11. Jahrhundert unternommen, den Glauben universell zu regeln, in Beweisführungen nachvollziehbar zu machen und dadurch zu rationalisieren.

Diese Unterwerfung des Glaubens unter die berechnende Ratio (die etwas ganz anderes ist als der lebendige Geist) könnte der tiefe Grund für das Schisma zwischen östlicher (mystischer) Orthodoxie und westlichem (rationalem) Katholizismus sein. Was aber geschieht mit dem Glauben, dessen mystische Lebensader durchtrennt wird? In den Worten Heideggers: Ein solcher Glaube wird zu einem bewirtschaftbaren »Bestand«.

Auf dem Berg Athos, der autonomen Mönchsrepublik im Osten Griechenlands, wird viel Heidegger gelesen. Das »Wie« der Seinsannäherung Heideggers ist dem der Gottanähnelung der Orthodoxie verwandt oder gar zum Verwechseln nah: Gott oder das Sein entziehen sich gleichermaßen, wo sie von Nutzen sein sollen, wo sich ein »um zu« zwischen die Wahrnehmungsfähigkeit und die Offenbarung schiebt, ein Wahrnehmungswille gewissermaßen; dann: Gott oder das Sein sind des weiteren nicht faßbar in der Sprache, die in der durchrationalisierten Fassung unserer Epoche zur Verfügung steht: Eher muß über Beides gesungen werden, und von dorther erklärt sich Heideggers eindringliche Beschäftigung mit der Dichtung Friedrich Hölderlins (dessen Sprache er als Wink des Seins begreift); und zuletzt: Gott oder dem Seins eignet je ein Potential der Rettung aus einer Gefahr, in der der Mensch unterzugehen droht: Diese Gefahr ist als Sünde die Geschiedenheit von Gott und als Seinsvergessenheit die Verabsolutierung der totalen Mobilmachung aller Lebensbereiche durch den technischen Zugriff.

Aber natürlich: Das Sein ist nicht Gott. Nach Heidegger ist Gott nur Teil der Seinsgeschichte, und zwar ein überwundener Teil – er ist abgelöst durch den Menschen, der sich selbst ermächtigt hat und alles, was ist, nur noch als Bestand begreift und ausbeutet und aus dieser bloßen Bewegung und diesem hohlen Schwung keinen Ausweg mehr finden kann.

Mein Eindruck: Heidegger hat den lebendigen Gott nie widerlegt und abgestreift, sondern nur den festgerückten, in Beschlag genommenen, in den Einsatz gebrachten Gott, mit dem er sich in der rationalen Schultheologie auseinandersetzen mußte. Heidegger suchte Zeit seines Lebens die ortsgebundene, in Fleisch und Blut übergegangene Frömmigkeit der einfachen Leute auf. Der Volkskatholizismus seiner Heimat kannte noch den Bildstock am Weg als jenen Flurheiligen, vor dessen Kreuz der Gang zu stocken hatte für ein Stoßgebet oder eine wortlose Ehrerbietung. Nur ein Gott kann uns noch retten: Heidegger äußerte diese berühmt gewordene Prognose nicht unbedacht, er überarbeitete das Gespräch mit dem Spiegel, aus dem der Satz stammt, mehr als gründlich. Er müßte im Sinne Heideggers von einer den Gang des Vernutzens hemmenden Kraft sein, eine Gelassenheit spendende, eine ins Vertikale fordernde Kraft, dieser kommende Gott. Abt Johannes von Buchhagen würde sagen: Fort war er nie. Und: Heidegger stand längst am Tor.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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